Zur epistemischen Eigenständigkeit der Psychotherapiewissenschaft
Plädoyer für eine Ethik der reflexiven Erfahrung
DOI:
https://doi.org/10.30820/1664-9583-2026-2-55Schlagworte:
Psychotherapiewissenschaft, Ethik der reflexiven Erfahrung, epistemische Eigenständigkeit, subjektives Erleben, Intersubjektivität, Nicht-Wissen, Ambiguitätstoleranz, Unauflösbarkeit menschlichen Leidens, PsychotherapieAbstract
Die zunehmende Akademisierung der Psychotherapie wirft grundlegende Fragen nach ihrer wissenschaftlichen Verortung und ethischen Fundierung auf. Insbesondere Tendenzen zur Standardisierung, Vereinheitlichung und Psychologisierung drohen jene Dimensionen zu marginalisieren, die für psychotherapeutische Praxis konstitutiv sind: subjektives Erleben, Prozessualität, Ambiguität und das Unauflösbare menschlichen Leidens. Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass Psychotherapie einer eigenständigen epistemischen Logik folgt, die sich nicht in erklärenden oder technizistisch verkürzten Wissenschaftsmodellen aufgehen lässt. Vor diesem Hintergrund entwickelt der Artikel ein Plädoyer für eine Ethik der reflexiven Erfahrung als zentrale Voraussetzung der epistemischen Eigenständigkeit der Psychotherapiewissenschaft. Wissen wird dabei nicht als primäre Instanz verstanden, sondern als abgeleitete Kategorie, die sich erst im Durchgang durch reflexiv erschlossene Erfahrung, Beziehung und Zeit legitimiert. Lehrtherapie und Supervision werden als zentrale Erfahrungsräume ausgewiesen, in denen diese ethische Haltung ausgebildet und gegen epistemische Hybris abgesichert wird. Der Text versteht sich als Beitrag zur psychotherapiewissenschaftlichen Selbstverständigung und als Gegenposition zu vereinheitlichenden Tendenzen im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs.
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