Entmythologisierung des Bösen

Eine kontextuelle Perspektive

Hamid Reza Yousefi

Psychotherapie-Wissenschaft 11 (1) 59–66 2021

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2021-1-59

Zusammenfassung: Der Mensch ist von Natur aus weder gut noch böse. Es sind die Primär- und Sekundärsozialisation, die aus ihm das machen, was sein Gewordensein darstellt. Daher ist die Kategorie des Bösen einer Entmythologisierung zu unterziehen. Konkurrenzdenken ruft Feindbilder auf den Plan. Die Welt wird in Gut und Böse, Freund und Feind unterteilt, die Identität und Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe, Religion oder Ethnie stiftet. Von diesen Gravitationszentren aus wird das Leben zu einem Kampfplatz von Macht und Interessen, die wiederum zwingen, mit Stereotypen wie ‹Gut› und ‹Böse› zu interagieren. Eine gewaltfreie Hermeneutik vermag dazu beizutragen, sich in die Welt des jeweils Anderen hineinzufühlen und Konflikte im Einvernehmen zu lösen.

Schlüsselwörter: Ur-Sehnsucht, Feinbilder, Psychopathie, Willensfreiheit, Böse, Entmythologisierung, Biophilie, Nekrophilie

Vorüberlegungen

Die Frage nach dem Entstehungsgrund des Guten und Bösen im Menschen wird divers und kontrovers diskutiert (Schneider, 2006). Insbesondere biologische (Lorenz, 1998), evolutionsbiologische (Dawkins, 1978) und neurobiologische (Heinemann, 2016) Disziplinen haben sich auf diesem Forschungsfeld neuerdings weitreichende Verdienste erworben. Sie setzen, was das Böse angeht, eine genetische Disposition bzw. angeborene Neigung des Menschen zu Aggressivität und Gewalt voraus. Das Gute wie das Böse sind aber nicht, oder zumindest nicht ausschliesslich biologisch, in der Natur des Menschen determiniert. Einen eindeutigen, genetischen Nachweis, der die Veranlagung zum Guten oder zum Bösen prognostizieren könnte, ist bis heute noch nicht gefunden worden. Der Mensch ist weder eine Katze, die Gut und Böse nicht unterscheiden kann und völlig instinktgesteuert handelt, noch besitzt er einen biologischen Zerstörungsinstinkt. Dies führt zu der Einsicht, dass es neben dem biologischen einen anthropologisch-metaphysischen Grund geben müsse.

Meine Perspektive ist eine kontextuell-psychologische, die zeigt, dass der Mensch stets sicheren Halt im Leben sucht, um sein Selbstsein zu markieren, zu begründen und zu verteidigen. Der Mensch ist Zeit seines Lebens bestrebt, die Welt auf ein handliches Format zu bringen, um sie verstehen zu können. Niklas Luhmann und Hermann Lübbe nennen dies ‹Komplexitätsreduktion›. Ein solches Format liegt im Extremen des Schwarz-Weiss-Denkens. Dies beschert einem Menschen aber nicht nur Identität, sondern macht das Leben oft zum Kampfplatz seiner Interessen (Yousefi, 2018). Meine Überlegungen beginne ich mit der Frage nach dem Entstehungsgrund des Bösen und seiner weitreichenden Auswirkungen für die Begegnungen der Menschen.

Das Böse im Menschen?

Die Beantwortung der Frage nach Gut und Böse hängt eng mit der Bestimmung des Menschen zusammen. Sie verweist zugleich auf seine Freiheit und Ergebnisoffenheit. Bis heute gibt es aufgrund der Diversität des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses keine allgemeinverbindliche Definition dessen, was wir als Gut oder Böse bezeichnen. Eine erste Antwort auf die Dichotomie des Guten und Bösen erhalten wir in der Mythologie, in der das Böse als eine Grundkraft das gesamte Denken und Fühlen sowie Empfinden und Intuieren des Menschen bestimmt. Während das Gute als Inbegriff des Götterhimmels in den Gestalten von Halbgöttern und positiven Geisterwesen manifestiert wird, ist das Böse eine Quelle von Übeln, die in Form negativer Geisterwesen und Ungeheuern ähnliche Erscheinungsformen besitzen. Dem mythologischen Helden treten Monster und Schrecken gegenüber, die überwunden werden müssen, um das Ziel seiner Aufgabe zu erreichen. Gleichsam hängt das Böse eng mit den chthonischen Mächten zusammen.

In allen Kulturen gibt es Personifikationen des Bösen (Yousefi, 2020b), die literarisch, künstlerisch oder in neuerer Zeit filmisch präsentiert werden, so etwa Ahriman in der Lehre des Zarathustra, den Teufel im Christentum, Satan im Islam, oder verschiedene Dämonen im Hinduismus. Diese Kette an Beispielen können wir über die Mythologien der Völker hinaus bis zu den animistischen Weltanschauungen ausdehnen. Dabei wird deutlich, dass allen diesen unterschiedlichen Figurationen des Bösen bestimmte Eigenschaften zugrunde liegen, die narrative, soziale, psychologische, theologische sowie philosophische Charakterisierungen besitzen, die unterschiedliche Ausdeutungen erfahren. Diese Ausdeutungen sind Explikationsversuche eines noch nicht artikulierten Archetypus.

Wenn in fantastischen Erzählungen Heldengestalten eine Rechtfertigung ihrer Taten geben, so wollen sie eine Identifikation für den Leser ermöglichen, ihr moralisches Beispiel verdeutlichen und als besonders erstrebenswert vorgestellt sehen. Begeistert sieht der Leser oder der Zuschauer eines Films darüber hinweg, dass seine Heldenfiguren oft rücksichtslos unmenschliche Dinge vollbringen, die ihm als wünschenswertes Verhalten suggeriert werden. Nur selten kommt es vor, dass eine solche Figur eine nachvollziehbar menschliche Konfrontation mit sich selbst erfährt, die ihr Wesen nachhaltig genug beeinflusst, um sich von diesem Teil ihrer selbst zu distanzieren. Wenn dies erfolgt, so soll hiermit oftmals bloss eine narrative Wendung vollzogen werden, die als wünschenswertes Ereignis die Aufmerksamkeit des Lesers oder Zuschauers aufrechterhält. Es handelt sich um das Phänomen der Extroversion oder Nach-aussen-Projektion.

Was den Menschen bei seiner Bedürfnisbefriedigung unberechenbar werden lässt, sind seine Vorstellungskraft und Fantasiefähigkeit. Diese Kräfte wirken im Menschen aktivierend und lassen ihn in seinem alltäglichen Leben oft über sich hinauswachsen, indem sie seine Kreativität und sein Potenzial anregen, sich zu entfalten. Unberechenbar wirken diese Kräfte, solange der Mensch nicht lernt, sie in Bahnen zu lenken, in denen er sie gemäss seines Moralverständnisses sowie seines ihm eigenen Strebens nach Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zu bündeln vermag. Auf diese Weise sind sie Wegbereiter nahezu aller menschlichen Leistungen, die ohne die Triebfeder der Ur-Sehnsucht, die sich in ihrem tiefen Selbst manifestiert, kaum entstanden wären (Yousefi, 2017). Zugleich sind Vorstellungskraft und Fantasiefähigkeit zwei Alleinstellungsmerkmale im menschlichen Seelenkarussell, die seine Bedürfnisse zum Grenzenlosen verleiten und den Menschen zu abweichendem und gemeingefährlichem Verhalten zu verführen vermögen.

In vielen Bereichen der Sozial- und Geisteswissenschaften wie Religionswissenschaften, Theologie und Soziologie, neben den Literaturwissenschaften, werden das Gute und das Böse als Gegensatzpaar thematisiert (Thome, 1993; Mensching, 1950; Eliade, 1957; Ricœur, 2006). Bereits in Erzählungen des griechischen Dichters Äsop erhalten Tiere gute und böse Charaktere, um das Verhalten des Menschen zu beschreiben und ihm wegen seiner oftmals bösen Taten einen Spiegel vorzuhalten. Auf sie greifen Figurationen von späteren Fabeln, Parabeln und Märchen zurück, in denen unterschiedliche Personen und Tiere wechselseitig mit moralischen wie amoralischen als ‹gut› oder ‹verwerflich› bewerteten Eigenschaften charakterisiert werden. Die Wissenschaft wird dies rekonstruktiv und in Werturteilsbeziehungen gestalten und nicht in konkreten Werturteilen.

Am intensivsten legen uns die Religionen ans Herz, Nächstenliebe zu praktizieren, Gerechtigkeit zu üben und jede Form von Hass und Krieg in gegenseitiger Verantwortung zu unterlassen. Sie fordern dazu auf, ein allgemeinverbindlich auftretendes ‹Gute› zu wollen und gleichsam ein ebenso global gehaltenes ‹Böse› zu vermeiden. Meist ist damit der Heilsweg der jeweiligen Gemeinschaft als universale Lösung intendiert, die den Menschen anleiten möchte, ein ihm würdiges Dasein im Sinne der Religionsgemeinschaft zu führen. Die Religion als solches weiss um die Macht des Bösen, während es eine Grundtendenz der Säkularität ist, diese Eigenmacht zu negieren.

Philosophen wie Plotin (1878/80) und Thomas von Aquin (1990) betrachten das Böse als blossen Mangel an Sein oder wie Aristoteles (2017), Immanuel Kant (1986) und Søren Kierkegaard (1843) als eine eigene Wirklichkeit im Wesen des Menschen. Nach Kant stellt das radikal Böse einen wesentlichen Bestandteil der menschlichen Natur dar, weil der Mensch ein Vernunftwesen ist, das aber seine natürlichen Bedürfnisse befriedigt haben will. Im Widerstreit dieser beiden Extrempositionen liegt auch die naturgemässe Bezähmung der triebhaften Natur des Menschen durch seine Vernunft begründet, die Kant als einen elementaren Aspekt menschlicher Selbstbestimmung betrachtet.

Karl Jaspers (1984) drückt das Gleiche mit anderen Worten aus. Er sagt, dass Wahrheit die Menschheit verbinde, deshalb sollten wir uns gemeinsam auf die Wahrheitssuche machen, um zusammenzuwachsen. Auch hierbei können narzisstische Selbstverliebtheit und egozentrischer Ehrgeiz aus entgleisten Sehnsüchten erwachsen, die entarteten Vorstellungen und als erstrebenswert wahrgenommenen Idealen entwachsen. Auf diese Weise führen sie den Menschen, der sich erniedrigt, seiner selbst ungewiss und von selbstentfremdeten Zwängen geleitet sieht, weit über ein gesundes Mass von Strebsamkeit hinaus. Solcherart fehlgeleitet führen sie ihn in eine Weltwahrnehmung unentwegter Konkurrenz und rücksichtsloser Selbstfokussierung, die ihn gegenüber seinen Mitmenschen sowie allen anderen Mitgeschöpfen verantwortungslos und ignorant macht. Unsere westliche Gesellschaft ist inzwischen überaus individualistisch orientiert. In der Analyse des Kollektivs und des Einzelnen verweist Jaspers (1996) auf die Kehrseite der Individualität, die das Bezogensein der Menschen aufeinander aufhebt. Eine solche Orientierung generiert Selbstverliebtheit und erbitterte Konkurrenz, die bei der Beantwortung der Frage nach Entstehung des Bösen und von Feindbildern vernachlässigt wird.

Wir kennen das Märchen von Rotkäppchen. Besonders intensiv und menschennah sehen wir das Gute im unschuldigen Mädchen, das seine Grossmutter im Wald besuchen möchte und im bösen Wolf, der mit aller Hinterlist seines Instinktes bemüht ist, das Mädchen zu fressen. Doch das Gute siegt am Ende. Rotkäppchen wird gerettet und der Wolf kommt zu Tode. Auf diese Weise führt uns das Märchen in die Welt der menschlichen Psyche ein. Das menschliche Seelenleben.

Die Hexenverbrennungen sind ein Paradebeispiel, mit welchen Konsequenzen Weltbilder und Weltverhältnisse verbunden sein können. Ein Mensch landet auf dem Scheiterhaufen, weil der andere in ihm das gestaltgewordene Böse zu erblicken glaubt. Erich Fromm beschreibt derartige inquisitorische Massnahmen als ‹Nekrophilie› bzw. Psychopathie, die Liebe zur Tötung. Im Gegensatz hierzu spricht er von ‹Biophilie›, der Liebe zum Leben.

Beide Eigenschaften können, jenseits aller Psychopathologien, in der Natur des Menschen entwickelt werden: Liebe zum Töten und Liebe zum Leben. Die Hexenverfolgungen und das leidvolle Märchen von Rotkäppchen, das wir auf vielen Ebenen unseres Lebens in unterschiedlichen Formen feststellen, zeigen, dass die Anatomie der Gut-Böse-Dichotomie eine anthropologische Verankerung kennt. Dabei wird oft ausser Acht gelassen, dass es eine vielgesuchte Trennschärfe zwischen beiden Extremen nur in ebenso extremen Beispielen geben kann, sich ihre Diversität jedoch in einer teils sehr dichten Verbindung zwischen den äusseren Polen dieses Verhältnisses wiederfinden lässt.

Auch im Koran (Sura 4:80), finden wir eine Bestätigung, dass diese Dichotomie im menschlichen Seelenkarussell entwickelt werden kann: «Was Dich Gutes trifft, kommt von Allah und was Dich Schlimmes trifft, kommt von Dir selbst.» Diese Koranstelle zeigt, dass der Mensch über einen Denkapparat verfügt, der ihm nicht nur die Türen zur Hölle, sondern auch die Türen zum Paradies in seinem irdischen Leben öffnen kann. Er verfügt über Willensfreiheit und ist für seine Taten jederzeit und überall verantwortlich. Das Unberechenbare ist, dass der Mensch sich aufgrund dieser Willensfreiheit sowohl das Gute als auch das Böse zunutze machen kann. In diesem Verhalten liegt ein Selbst- und Fremdgefährdungspotenzial, das Menschen letztlich unberechenbar werden lässt. Dieser unendliche, auch irritierende Reichtum an Sein ereignet sich zumeist diesseits der pathologischen Verhaltenszuschreibung.

Auf der Suche nach einem Verantwortlichen für das Böse werden in solchen Fällen allzu oft Umstände genannt, die in frühkindlicher Prägung, missgünstiger Kindheit oder einer gescheiterten Adoleszenz zu finden sind, um den Betroffenen zu entlasten. Doch hinter diesem Prozess stehen oft weitaus einflussreichere Kräfte.

Entmythologisierung des Bösen

Der Übeltäter ist das Unbewusste im Menschen, das ihn steuert. Das Unbewusste ist die Blackbox der individuell unterschiedlichen Biografien. Es saugt Informationen, Erfahrungen und Sinneseindrücke wie ein Schwamm in sich auf und legt diese für immer spürbar, aber oft nicht bewusst greifbar, im menschlichen Wesen ab. Auf diese Weise verschafft sich der Mensch immer wieder eine graduelle Realität, die sich in Neigungen, verletzendem Verhalten oder gar Gewalt und Selbstsucht ausdrückt. Unterschätzen wir die heimliche und unheimliche Macht des Unbewussten nicht! Es ist ein Ort der gespeicherten Leidensgeschichten, Gewaltfantasien, verdrängten Traumata, unerwünschten Triebe, vererbten Verhaltensarten und des Machtmissbrauches, derer sich der Mensch nicht bewusst ist, der jedoch wirkungsmächtigen Einfluss auf ihn ausüben kann.

Die entmythologisierende Betrachtung des Bösen hilft zu begreifen, dass die Kategorie des Bösen in der Wechselwirkung von Grund- und Ursachenverhältnis erklärbar ist. Der Mensch kann das Gute wie das Böse gleichermassen in sich entwickeln, das in unterschiedlichen Formen in Erscheinung tritt. Dissonanzen entstehen, wenn Grund und Ursache miteinander verwechselt werden. Die Ursache dessen, was wir als Böse klassifizieren, lässt sich durch die Folgebeziehung von Ursache und Grund erklären. Wenn der Nachbar Ihren Gruss mehrfach nicht erwidert, liegt die Vermutung nah, er möge Sie nicht und wolle von Ihnen nicht begrüsst werden. Dies erzeugt in Ihnen massives Unbehagen dem Nachbarn gegenüber, sodass Sie ihn aufs Übelste beschimpfen. Der Grund ihrer Reaktion ist das Nicht-Grüssen des Nachbarn und die Ursache seines Verhaltens könnte seine Taubheit sein, von der Sie nichts wussten.

Es ist nicht auszuschliessen, dass insbesondere frühkindliche Negativerfahrungen in eine psychogen-destruktive Entwicklung münden können. Diesen Auftritt bestimmen diejenigen Situationen, in denen sich sein Leben abspielt. Konkurrenzsituationen verändern Menschen zum Guten wie zum Bösen. Die soziokulturellen Hintergründe und die Art der Erziehung nehmen bei diesen Verformungen eine wesentliche Rolle ein, sind jedoch kein verlässlicher Garant für eine gelingende Eingrenzung des Bösen oder ein absoluter Grund für seine spätere Realisierung. Kulturelle Einbettungen beeinflussen auf unterschiedlichem Wege das Denken und Fühlen sowie Empfinden und Intuieren der Individuen, die wiederum unterschiedlich mit diesen Erfahrungen umgehen. Sie werten diese auf vielschichtige Weise aus, was zu differenten Ausprägungen in der einen oder anderen Richtung führen kann.

Aggression etwa ist eine Variante des Bösen und Mildtätigkeit eine Unterart des Guten, die ebenfalls je nach soziokulturellem Hintergrund unterschiedlich zum Tragen kommen. Ein Mensch, der in einem konfliktbeladenen Kulturraum gross geworden ist, denkt oft, Probleme durch Faustrecht und nicht durch den Dialog zu lösen. Eine solche Destruktivität lässt sich aber auch bei Menschen beobachten, die ihre Sozialisation nicht in gewaltgeladenen Kulturräumen geniessen. Dies mag damit zusammenhängen, dass die genannte menschliche Vorstellungskraft und Fantasiefähigkeit von ausserordentlicher Diversität geprägt sind. Hierbei werden ihre aktivierenden Kräfte als Vehikel für hintergründig wirkende Kräfte des Guten oder des Bösen instrumentalisiert, die beiden Polen über die Handlungen des Menschen Ausdruck Realität und Gestalt verleihen können.

Wir können uns immer wieder mit der Frage konfrontieren, warum wir in bestimmten Situationen so reagieren, dass unser Gegenüber Missempfindungen entwickelt, die wiederum dazu beitragen, dass wir verschärft darauf reagieren und das sogenannte Böse in uns stimulieren und heranwachsen lassen. Ein solcher Konflikt fusst nicht selten auf einer konkurrenzbedingten Gegenüberstellung des eigenen Selbst mit dem Anderen, der als Rivale betrachtet wird.

Bei der Selbstthematisierung können wir beobachten, dass unsere Imaginationsfähigkeit negative Erregungen entwickelt, wenn wir uns in einer Konkurrenzsituation befinden oder das Gefühl haben, dass unsere Macht und eigene Interessen in Gefahr geraten könnten. Das ist ein typischer Konkurrenzmoment, in dem wir, um die Konkurrenz auszuschalten, starke Negation und Abneigung in uns entwickeln. So entwickelt sich das Schlechte im Seelenleben, das eine Vorstufe zur Entwicklung des Bösen darstellt.

Das einsame Ich gegen das kollektive Wir

Stellen Sie sich einmal vor, Sie wohnten einsam auf einer paradiesähnlichen Insel, auf der Sie alles vorfinden, was selbst ihre letzten Bedürfnisse zu befriedigen vermag. Es ist durchaus denkbar, dass in einer solchen Situation keine Gedanken entwickelt werden, die man böse nennen könnte, weil wir in keiner Konkurrenzsituation leben würden. Dies dauert an, bis ungebetene Gäste Sie regelrecht heimsuchen und auf der Insel eine ebenfalls dauerhafte Bleibe einrichten möchten.

In diesem Moment unterliegt Ihr Leben massiven Veränderungen, die sie zu verkraften lernen werden. Das einsame Ich des Einzelnen will über das kollektive Wir herrschen. Unwillkürlich entsteht eine Situation der unmittelbaren Konkurrenz mit den neuen Inselbewohnern, in der die Negation verhältnisbestimmend wirkt. Konkurrenz macht sich allmählich unter Ihnen breit. Damit beginnt ein Kampf um die Ressourcen und das Sagen auf der Insel. Diese Spirale setzt sich fort und kann zur Entwicklung böser Gedanken und letztlich physischer Gewalt führen. Konkurrenz steht der Rivalität nahe, die alle Sprachen spricht und alle Rollen spielt.

Dieses Modell hat einen unmittelbaren Realitätsbezug auf allen möglichen Ebenen des zwischenmenschlichen Lebens. Denken Sie an Gewalttaten wie Mord und Totschlag, manipulierte Geschäftsbeziehungen oder politische Sanktionen, die bewusst zur Ruinierung des Gegners führen sollen. Ein möglicher Weg, den Entstehungsgrund des Guten und Bösen zu erörtern, oder genauer gesagt, das Schwarz-Weiss- und Konkurrenzdenken, ist das Eintauchen in die Psychologie des Menschen, in die unergründlichen Tiefen seines Unbewussten.

In der Tiefe der Seele eines jeden Menschen liegt eine Antriebs- und Motivationsquelle bzw. eine elementare Urkraft, aus der alle Leidenschaften und jedes Begehren zu Sinn- und Selbstsuche und zum Weltverstehen hervorgeht. Diese als ‹Ur-Sehnsucht› bezeichnete Urkraft ist eine intrinsische Funktion des Selbst, mit dem auch das Ich zusammenhängt. Während das Selbst naturgegeben aktiv im Inneren und bezogen auf das Sein ist, ist das Ich sozial geprägt, aktiv zwischen den Welten und bezogen auf das Haben. Wird die Kommunikation des Selbst mit dem Ich gestört, so werden die vier Bewusstseinsfunktionen des Denkens, Fühlens, Empfindens und Intuierens verändert (Yousefi, 2020c). Das selbstverliebte und machtsuchende Ich will die Befriedigung der eigenen Sehnsüchte erfahren, ohne zu merken, wie es sich und dem Selbst im Inneren und seinem Verhältnis nach aussen Gefahren aussetzt und letztlich das Böse hervorbringt (Yousefi, 2021).

Wie Feindbilder entstehen

Die Welt des Menschen ist voller Gegensätze und Kontradiktionen. Um die eigene Position zu bestimmen oder zu verstärken, konstruiert er Feindbilder, um das aus seiner Sicht Verwerfliche zu sanktionieren, zur Vernunft zu bringen oder letztlich zu eliminieren. Der Mensch ist der Maskenbildner seines Selbst, der auf seiner Lebensbühne nach Publikum sucht. Diese Haltung sagt aus, dass er zu allem fähig ist, wenn es um die Verteidigung seiner Interessen geht. Er ist bereit, jeden notwendigen Schritt zu gehen, um sein in Gefahr gebrachtes Selbst zu schützen und alle für ihn kalkulierbaren Risiken einzugehen, um jeder Bedrohung dieses übermächtigen Selbst entgegenzutreten.

Der Ausdruck ‹Böse› besitzt im Zusammenhang mit Feindbildern mehrere Dimensionen (Omer et al., 2007): Zum einen hat er eine explizit-offene Verwendung, nach der der Andere unverblümt und ohne Vorbehalt als Fremdgefährdung stigmatisiert und bekämpft wird. Zum anderen hat er eine implizit-verdeckte Verwendung, nach der nicht offen ausgesprochen wird, dass der Andere böse ist, aber als solcher behandelt wird. Beide Spielarten des Bösen beeinflussen die soziale Einstellung. Diese besteht aus Kognition, Emotion und Verhalten. Die Kognition sagt: ‹Du bist gut oder böse.› Das ist die Feststellung. Die Emotion sagt: ‹Du bist anzuerkennen oder abzulehnen.› Das ist das Urteil. Das Verhalten sagt: ‹Du bist zu unterstützen oder zu beseitigen.› Das ist die Forderung: Feststellung, Urteil und Forderung.

Wie wir sehen, verursacht die Bezeichnung des Anderen als böse auf mentaler Ebene eine starke Identifizierung und Unterscheidung. Auf emotionaler Ebene erfolgt eine Ablehnung und schliesslich auf der Ebene des Verhaltens eine Forderung nach Sanktion und/oder Beseitigung. Auf diese Weise funktionieren Feindbilder und werden durch politische und mediale Wiederholungen und Präsentation operationalisiert und in die Gehirne der Adressaten förmlich eingebrannt. Solche Feindbilder in Form einer Gut-Böse-Dichotomie erfüllen mehrere Funktionen:

  1. Gut-Böse-Dichotomien im menschlichen Leben haben eine Identitätsfunktion. Sie bringt zum Ausdruck, selbst gut, stark, gerecht, hilfsbereit und blosses, oft unschuldiges Opfer des Bösen zu sein. Schuld haben hier immer die anderen, die nur provozieren und das Böse unterstützen. Man selbst sieht sich dabei zumeist als unschuldig, bestenfalls als Opfer widriger Umstände an. Diese Feindbild-Ideologie fördert das Ich-Gefühl, das Wir-Gefühl und mobilisiert vor allem das kollektive Bewusstsein gegen das vermeintliche Feindbild. Eine solche Suggestion zwingt die Mitglieder der eigenen Gruppe oder der eigenen Gesellschaft zur Abgrenzung von anderen und legitimiert seine Bekämpfung. Arthur Schopenhauer (1977, S. 236) bringt dieses selbstprofilierende und fremdverachtende Verhalten auf den Punkt: «Alles, was sich dem Streben seines Egoismus entgegenstellt, erregt seinen Unwillen, Zorn, Hass; er wird es als seinen Feind zu vernichten suchen. Er will, wo möglich, alles genießen, alles haben; da aber dies unmöglich ist, wenigstens alles beherrschen.» Viele Gewalttaten hängen mit dieser Vereinfachung zusammen, die Welt in lediglich zwei Seiten einzuteilen. Diese Schwarz-Weiss-Einteilung sollte einer Katharsis unterzogen werden, doch ist es illusionär, dass der Mensch diese Einsicht aus sich heraus gewinnt und dann auch noch beherzigt. Eine mögliche Methode wäre dabei die Selbstthematisierung eigener Denkweisen, Denknutzungen und Denkleistungen.
  2. Gut-Böse-Dichotomien haben eine Orientierungsfunktion. Man weiss schnell, wo man steht und woran man ist. Man braucht nicht Psychologe zu sein, um zu merken, dass Gruppenegoismus den Dialog im Keim erstickt und darüber hinaus selbst Konflikte verursacht. Alles, was im Sinne der eigens konzipierten Dichotomie als ‹gut› betrachtet wird, ist zugleich erstrebens- oder wünschenswert, alles was als ‹böse› gilt, wird vom Kollektiv verachtet, künstlich diskreditiert und versucht, zu vernichten.
  3. Gut-Böse-Dichotomien besitzen schliesslich eine Rechtfertigungsfunktion im menschlichen Leben. Sie ermöglicht den Mitgliedern der eigenen Gruppe, die Schuld an Miseren und Unruhen in Familie, Freundschaft, Nachbarschaft, Gesellschaft und in der Welt überhaupt beim anderen zu suchen, nämlich bei demjenigen, der als Feindbild gilt. Die Idee des sogenannten gerechten Krieges oder des ‹Heiligen Krieges› im Sinne der Vernichtung des Anderen sind die bösen und unberechenbaren Kinder dieses Feindbildes. Solche Feindbilder können oftmals generationenübergreifend, wenn nicht gar als insofern pervertierte Form historischer ‹Tradition› bestehen, die eine lange Vorgeschichte aufweisen. Oft werden derartig erwachsende Zuschreibungen zeitweise als ‹gute Umgangsformen› verstanden, in denen es zur kommunikativen Etikette einer sich selbst profilierenden Elite gehört, derartige Feindbilder zu pflegen.

Verstärker und Beschleuniger der Gut-Böse-Dichotomie sind in allen soziokulturellen Regionen der Völker Macht und Interesse, Expansionspathologie und im weitesten Sinne ein verfestigtes Interesse an der Weltbeherrschung. Diese Mentalität beobachten wir am deutlichsten auf politischer Ebene in diversen hegemonialen Ansprüchen der Welt- und Regionalmächte, die nach allen Regeln der Hinterlistigkeit ihrer Vorstellungskraft und Fantasiefähigkeit bemüht sind, eigene Interessen notfalls mittels Gewalt zu erreichen.

Hier spielen die destruktive Diversität von Vorstellungskraft und Fantasiefähigkeit der Parteien eine eminent wichtige Rolle. Der Zweck heiligt dabei die Mittel. Die allseits bekannte Theorie der strukturellen Gewalt, von der Johan Galtung (1975) jahrzehntelang gesprochen hat, ist ein Mechanismus, der ausschliesslich nach einem Gut-Böse-Dichotomie-Massstab funktioniert. Die strukturelle Gewalt soll den Gegner auf allen Ebenen durch Kontrolle, Beobachtung und Sanktion beherrschbar machen und notfalls durch die Anwendung praktischer Gewalt, also Krieg, eliminieren.

Feindbilder und die Psyche

Die Gut-Böse-Dichotomie ist nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt, mit weitreichenden Konsequenzen verbunden (Pflüger, 1986). Der Ausdruck ‹Achse des Bösen› ist ein solches Feindbild, das nach ähnlichen Mechanismen funktioniert. Es war Winston Churchill, der das Deutschland des Zweiten Weltkrieges und seinen militärischen Verbündeten Japan als ‹Achse des Bösen› titulierte. Ronald Reagan bezeichnete im Anschluss daran die Sowjetunion als ‹Achse des Bösen› und seit George W. Bush werden Länder wie Nordkorea, Simbabwe, Birma, China, Russland und der Iran ebenfalls mit diesem Begriff zusammengefasst. Im Sinn der Verabsolutierungen einer politischen Metaphysik und Gesinnungsethik wird diese Tendenz immer stärker. Sie hängt mit Macht und Interessen zusammen, in der Grund und Ursache bewusst miteinander vertauscht werden und eine willkürliche Nennung des Bösen legitimieren.

Es ist leicht vorstellbar, dass aus der Perspektive dieser sogenannten ‹Schurkenstaaten› auch die USA und unsere gesamte Führungsmacht im Westen eine ‹Achse des Bösen› darstellen, die gewaltsam nach Macht trachtet, Feindbilder konstruiert, diese in eigenen Gesellschaften popularisiert und ihre Interessen durch Sanktionen und notfalls durch Krieg durchsetzen will. Bereits Max Weber hat auf die Verantwortungslosigkeit von Macht und Interessen in der Politik hingewiesen, die, wie ich meine, das Böse und damit Gewalt bevorzugt hervorbringen können.

Wie gestaltet sich nun das Wechselverhältnis zwischen dem Willen zum Bösen und dem wahrhaftigen Dialog? Einen echten und verständigungsorientierten Dialog zwischen Vertretern der Gut-Böse-Dichotomie können wir kaum beobachten. Es sind lediglich Scheindialoge und Formen der Scheintoleranz, die die politische Praxis der Dichotomisten bestimmen. Was faktisch geschieht, ist, dass sie in ihren jeweiligen Medien nicht miteinander, sondern nur übereinander sprechen. Dabei werden wechselseitig despektierliche Schmähungen und Häme ausgetauscht, die oftmals zu noch grösseren Anschuldigungen bis hin zu juristischen Schritten führen, deren Ziel die letztendlich-vollständige Vernichtung der Gegenseite darstellt. Nennen möchte ich einige Diskurse, die aus psychologischer Sicht als selbstdemagogisierende Monologe bezeichnet werden können:

  1. Der Apologie- bzw. Verteidigungsdiskurs verfolgt zielstrebig nur die eigenen Interessen, nimmt dabei in Kauf, das Recht des Anderen aufzuheben und seine Existenz nachhaltig zu gefährden.
  2. Der Kriminalisierungsdiskurs stigmatisiert den Anderen als Inbegriff des Bösen und Unterstützer des Terrorismus, ohne in Erwägung zu ziehen, was eine solche Unterstellung im anderen auslöst. Jede Reaktion der Beschuldigten wird als weitere Indikationen des Bösen oder gar als Schuldgeständnis wahrgenommen.

  3. Der Ausschliesslichkeitsdiskurs verbietet jeden Kontakt mit den vermeintlichen Unterstützern des Bösen und des ausgemachten Terrorismus, um diesen gezielt zu isolieren und aus bestehenden Sozialsystemen auszuschliessen.
  4. Der Mitleids- und Bevormundungsdiskurs betrachtet den Anderen als rückständig und unfähig, ein zivilisiertes Leben führen zu können. Aus diesem Anlass heraus löst er Mitleid aus, das als Zeichen guten Willens eine Hierarchie einführt, in der der vermeintlich Mächtigere als Gönner auftreten und sich profilieren kann.
  5. Der Religionsfanatismusdiskurs führt alles auf eine Religion zurück, die nur Extrempositionen, Gewalt und Unmenschlichkeit kenne. Ihre Welt- und Menschenbilder müssten daher aufs Schärfste bekämpft werden, mitunter gar soweit, die gesamte Glaubensgemeinschaft zu vernichten.
  6. Der Säkularismusdiskurs betrachtet die nichtreligiöse Welt als verkommen und ohne Moral, die ihre Pietätlosigkeit unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit und Gehegefreiheiten versteckt. Die Doppelmoral eines ‹anything goes›-Plakativ wird dabei gekonnt überspielt.

Die Mutter dieser Diskurse ist die schwarze Rhetorik.

Sie kann als Manipulationstechnik, mit der die Wirklichkeit des Anderen beliebig verdreht wird, begriffen werden. Die vermeintlich Guten betrachten sich selbst als das unschuldige Rotkäppchen aus dem eingangs aufgeführten Märchenbeispiel, das immer wieder von bösen Wölfen heimgesucht wird, um ihm alles zu nehmen. Aus dieser Perspektive betrachtet, besteht die Welt nur noch aus unschuldigen Rotkäppchen, die von bösen Wölfen umgeben sind. Solche wechselseitigen Schuldzuweisungen führen jedoch nicht weiter, sondern propagieren ein Menschenbild, das von der gegenseitigen, willentlichen Vernichtung ausgeht, um das eigene Selbst zu erhalten.

Die Transkulturelle Psychologie legt offen, dass jeder den in sich entwickelten ‹bösen Wolf erblicken› sollte. Das dauernde ‹Ich bin das Opfer› ist das Ergebnis der Hinterlistigkeit unserer Vorstellungskraft und Fantasiefähigkeit, auf die ich eingangs hingewiesen habe. Es geht letztlich um Macht und Interesse, die Menschen verändern und unmenschlich werden lassen können. Ihre verblendenden und ebenso versuchenden Einflüsse geben dieser Konstellation letztlich eine wirkungsmächtige Bühne, auf der sie sich dem Menschen als zutiefst wünschenswerte Wege präsentieren, sein eigenes Selbstwertgefühl zu steigern und jeden Widersacher erfolgreich vernichten zu können.

Worauf es bei der kontextuellen Psychologie ankommt, ist die Beachtung der kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontexte, in denen sich der Mensch bewegt. Phänomene des Guten und Bösen auf Kulturen zu reduzieren, ist ein Denkfehler. Alles spielt sich in Kontexten ab, weil sich der Mensch als kontextuelles Wesen in Kontexten bewegt.

Ein Synonym für das Wort ‹Kontext› ist ‹Community›, die eine Gemeinschaft oder Gruppe beschreibt, die gemeinsame Ziele und Interessen nach bestimmten Wertvorstellungen verfolgen. Diese Differenzierung hilft, die gern verwendeten Vorurteile und Stereotype zu vermeiden. Nebenbei bemerkt gibt es keinen ‹Kampf der Kulturen›, sondern nur einen ‹Kampf der Communities› und ihren Interessen, die das Böse im Menschen entwickeln lassen. Dabei sind selbst innerhalb der Communities verschiedene Subgruppierungen enthalten, die oftmals nur partielle Interessen der sie umgebenden Community teilen. Eine Gruppe etwa ist traditionalistisch-konservativ, während eine andere radikal-konservativ auftritt und eine aggressive Missionierung vollzieht, um mit ihrer Meinung Nonkonforme zu überzeugen.

Diese Beispiele veranschaulichen lediglich eine Auswahl von Manifestationen der oft eigens erzeugten Geisteshaltung, die den Menschen dazu anhält, im Sinne einer Weltvereinfachung in Schwarz-Weiss, Gut-Böse, Richtig-Falsch-Relationen zu denken und nach diesen zu handeln. Oft von mühevoller Arbeit gekennzeichnet ist dabei das Anliegen, derartige Strukturen zu verlassen und eine Perspektive einzunehmen, die dialogisch verfährt, statt exklusivistisch ein- oder auszuladen.

Elementarethik als Gegengift

Wie können wir die antidialogische Gut-Böse-Dichotomie in einen echten Dialog überführen und eine wechselseitige Verständigung im Geiste der gewaltfreien Hermeneutik ermöglichen (Yousefi, 2020a)?

Zarathustra vor 3.000 Jahren mit seiner Elementarethik und Immanuel Kant vor 200 Jahren mit seinem kategorischen Imperativ haben eine mögliche Lösung geliefert. Zarathustra, für den die Welt des Menschen von den Polaritäten Gut und Böse, also Ahriman und Ahuramazda geprägt ist, sieht den Sieg des Guten über das Böse durch die wahrhaftige Praxis des guten Denkens, des guten Redens und des guten Handelns.

Kant sucht die Bekämpfung des Bösen durch eine echte Praxis seines Wahlspruches: Handele so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als allgemeine Gesetzgebung gelten könnte. Zarathustra und Kant können uns heute mit ihrer Elementarethik wegweisend sein. Dies setzt den echten Willen voraus, die jeweils eigene Vorstellungskraft und Fantasiefähigkeit zu regulieren, um das Böse nicht entstehen zu lassen.

Wilhelm Busch fasst die besagte kantische Formulierung in seiner humoristisch-künstlerischen Bildsatire Die fromme Helene von 1872 in einer greifbaren Form zusammen: «Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt», worin zugleich vielfach eine Anlehnung an die Mitleidsethik Schopenhauers gesehen wird, die eine Negativdefinition des Bösen mit der Definition des Guten intendiert. So wird, wie bereits aus der kantischen Bekämpfung der rein triebgesteuerten Existenz des Menschen zu sehen ist, eine Tugend abgeleitet, die das Gute als die bewusste Vermeidung von Schlechtem positioniert. Religionen als Hüterinnen der Moral und Mitmenschlichkeit betonen das Gleiche.

Die hier zugrunde gelegte Elementarethik greift über diese teils oberflächlichen Vorstellungen hinaus, um ihren eigentlichen Ansatzpunkt beim Menschen selbst zu suchen. Elementarethik ist eine Ethik, die einen Bestandteil aller Moralvorstellungen der Völker darstellt, auch wenn diese, je nach Kontext und Sozialisation, anders artikuliert wird. Der Mensch besitzt aus sich heraus eine Ethik des gesunden Menschenverstandes.

Elementarethik lässt sich als ein anthropologischer Entwurf betrachten, der darum bemüht ist, bestehende Hierarchieverhältnisse zu hinterfragen. Hiermit können Charakterisierungen wie ‹Achse des Bösen› oder ‹Schurkenstaaten› in ihrem Wesenskern als rein propagandistische Konstrukte enttarnt und ein Abbau von unreflektierten Vorurteilen auf Basis einseitiger Informationen ermöglicht werden. Elementarethik möchte den Menschen dazu motivieren, sich reflexiv mit seinen Erfahrungen auseinanderzusetzen, die eigene Urteilsbildung zunächst zurückzustellen und an ihrer Stelle einen echten, gelingenden Dialog auf Augenhöhe zu suchen.

Grundsätzliche Voraussetzung für ein derartiges Gelingen ist jedoch die bewusste Bereitschaft, in dieser Absicht selbst tätig zu werden, was letztlich in der Verantwortung jedes Einzelnen auf individueller, aber auch auf medialer wie gesellschaftlicher, ja gar kultureller Ebene zu suchen ist. Hierbei müssen Institutionen und Interessengruppen zusammenarbeiten, um in ihrer anleitenden und vorbildhaften Funktion positiven Einfluss auszuüben, ohne dabei gezielte Beeinflussungs- oder Wirtschaftsinteressen in den Mittelpunkt zu rücken. Dies führt zu einem Streit zwischen dem Ich und dem Selbst. Vermag das egoistische Ich sich zurückzunehmen und bescheidener aufzutreten, so können grössere Ziele realisiert werden, von denen womöglich wieder alle unterschiedlich profitieren können.

Fazit

Die Entstehung des Bösen ist nicht bloss auf die individuellen Anlagen des Menschen zurückzuführen. Eine Vielzahl von unterschiedlichen psychosomatischen, empirischen wie reflexiven Einflussfaktoren können für ein verwerfliches Handeln verantwortlich gemacht werden. Möchten wir jedoch das Bewusstsein für unsere Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmtheit in unser geistiges Zentrum rücken, so sind wir verpflichtet, in unserem Denken, Reden und Handeln jene Lücken zu suchen, in denen wir uns, von einem Moment eines Tages zum anderen, bewusst dafür entscheiden, unsere Intentionen zu hinterfragen. Auf diese Weise werden wir unserer Verantwortung für uns selbst und für unsere Welt gewahr und können ein Leben führen, das wir als würdige Menschen mit absichtsvollem Handeln verdienen. Wollen wir unserer ureigenen, zutiefst menschlichen Verantwortung entsprechen, sind wir dazu aufgefordert, dies für unser Denken, Reden und Handeln zu berücksichtigen.

Die Entmythologisierung der Kategorie des Bösen verbunden mit der gewaltfreien Hermeneutik bilden zwei Grundpfeiler der kontextuellen Psychotherapie. Sie helfen, die Facetten der soziokulturellen Hintergründe der Betroffenen sowie latent und explizit wirksames Konkurrenzdenken vielfältig zu ergründen.

Literatur

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Demythologising Evil. A Contextual Perspective

Abstract: Human beings are neither good nor evil by nature. The primary and secondary socialisation transform them into the beings they eventually become. Therefore, the category of evil must be subjected to demythologisation. Competitive thinking creates images of enemies. The world is divided into good and evil, friend and enemy, creating identity and a sense of belonging to a group, religion or ethnicity. From these centres of gravity, life becomes a battleground for power and conflicting interests, which force us into an interaction based on stereotypes such as ‹good› and ‹evil›. By contrast, a nonviolent hermeneutic approach can contribute towards empathising with the world of the Other and resolving conflicts amicably.

Keywords: primal longing, demonisation, psychopathy, free will, evil, demythologisation, biophilia, necrophilia

Demitizzare il male. Una prospettiva contestuale

Riassunto: L’essere umano non è né buono né cattivo per natura. La socializzazione primaria e secondaria lo trasformano in quell’essere che è diventato. Pertanto, la categoria del male deve essere sottoposta a smitizzazione. Il pensiero competitivo crea immagini di nemici. Il mondo è diviso in bene e male, amico e nemico, il che crea identità e senso di appartenenza ad un gruppo, religione o etnia. Da questi centri di gravità, la vita diventa un campo di battaglia di potere e interessi, che ci costringono a interagire con stereotipi come ‹bene› e ‹male›. Un’ermeneutica nonviolenta può contribuire ad entrare in empatia con il mondo dell’Altro e a risolvere amichevolmente i conflitti.

Parole chiave: desiderio primordiale, demonizzazione, psicopatia, libero arbitrio, male, demitizzazione, biofilia, necrofilia

Der Autor

Hamid Reza Yousefi ist Professor für Interkulturelle Philosophie und Dialog der Religionen an der University of Religions and Denominations in Qom und Lehrbeauftragter der Universität Potsdam. Zudem ist er Gründungspräsident des Instituts zur Förderung der Interkulturalität e. V. in Trier. Seine Arbeitsfelder sind Theorien der Toleranz, Ethik, Hermeneutik und Psychologie der Kommunikation. Gegenwärtig habilitiert er sich an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien mit dem Thema «Über die Wiedererweckung der Ur-Sehnsucht. Grundzüge des Avicenna-Modells der Suchttherapie».

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Prof. Dr. Dr. h. c. Hamid Reza Yousefi
Auf Thurnbaum 8
D–54317 Gutweiler
E-Mail:
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