«Die Seele … ist ein weites Land»

Überlegungen zur Sonderstellung der Psychotherapiewissenschaft

Bernd Rieken & Omar Carlo Gioacchino Gelo

Psychotherapiewissenschaftzwischen nomothetischemund idiografischem Wissenschaftsverständnis

Wissenschaft möchte die Welt systematisch und möglichst regelgeleitet erfassen, um sie zu erklären bzw. zu verstehen und auch um sie zu verändern. Dabei geht es einerseits darum, im nomothetischen Sinn aus der Fülle der Erscheinungen grundlegende Gesetzmässigkeiten vornehmlich durch Beobachtungen und Experimente abzuleiten, und andererseits darum, im idiografischen Verständnis spezifische Einzelfälle möglichst umfassend auszuloten – dies indes nicht nur, um bei der Einzigartigkeit des Einzelfalls zu verharren, sondern auch, um sich zu fragen, was daran von allgemeiner Bedeutung sein kann. Das entspricht im Grossen und Ganzen dem Begriff des Symbols im Verständnis Johann Wolfgang von Goethes (1994 [1833], S. 471), den er mit den Worten «im Besonderen das Allgemeine schauen» umschreibt.

Dabei kann man die Aufmerksamkeit auf Details oder auf das Ganze lenken, mit Blick auf die Psyche auf die Symptomatik oder die ganze Persönlichkeit. Jene Betrachtungsweise ist isolierend und eignet sich für die Befassung mit eindeutigen oder vermeintlich eindeutigen Kausalitäten im Sinne abhängiger und unabhängiger Variablen, während diese eher das Gesamthafte ins Auge fasst und mannigfache Zusammenhänge bzw. Interdependenzen innerhalb des Ganzen zu erfassen trachtet.

Beide Zugänge, der nomothetische wie der idiografische im Sinne Windelbands (1904), sind bedeutungsvoll für das Verständnis der menschlichen Psyche und ihrer Probleme. Einerseits gehören wir allzumal zu ein und derselben Spezies und weisen daher Übereinstimmungen mit allen anderen Angehörigen auf, wodurch aufs Allgemeine bzw. auf Gesetzlichkeiten verwiesen wird, andererseits hat jede*r eine eigene Lebensgeschichte, die, wie jedes Ereignis oder jede Ereignisabfolge in der tatsächlichen Geschichte, von höchst individueller Natur ist. Beides spiegelt sich in der wissenschaftlichen Erforschung der Psyche seit ihren professionellen Anfängen wider, das heisst seit etwa 1900 einerseits in der Psychoanalyse und seit etwa 1950 andererseits in der Verhaltenstherapie (vgl. Kriz, 2007, S. 1–8, 104–116).

Über die Verhaltenstherapie heisst es etwa in einem zeitgenössischen Sammelband, dass Therapie-Manuale «zur objektiven und genaueren Erfassung der Ausprägung […] von Symptomen» unbedingt erforderlich seien: «Ziel klassifikatorischer und kategorialer Diagnostik ist es, die Vielfalt der Erscheinungsformen psychischer Auffälligkeiten anhand markanter, wissenschaftlich bestätigter Merkmale zu ordnen und überschaubarer zu machen» (Hautzinger, 2015, S. 9). Daher seien ferner «meist unter ‹Laborbedingungen› entwickelte Standardvorgehensweisen» notwendig (Hoffman, 2015, S. 5), die zwar an die Bedingungen des Einzelfalls anzugleichen seien, aber den Nutzen hätten, Effektivitätsvergleiche herzustellen und «unter bestimmten Bedingungen bewährte Verfahren in ihrer Grundstruktur möglichst exakt und nachvollziehbar zu beschreiben» (ebd.). Dergestalt würden Therapeut*innen lernen Techniken anzuwenden, in denen «sich die Erfahrungen und Forschungsergebnisse anderer Therapeuten in einer übersichtlichen, handhabbaren und erlernbaren Form niederschlagen» (ebd.).

Eine ganz andere Richtung verfolge demgegenüber die Psychoanalyse, so Mario Erdheim. Er illustriert das anschaulich anhand der gegensätzlichen Vorgehensweisen Emil Kraepelins, der die Grundlagen für das gegenwärtige System zur Klassifizierung psychischer Störungen geschaffen hat, und Sigmund Freuds. Als Wissenschaftler gehe es Kraepelin «nicht um den Einzelfall, sondern um die Beobachtungsreihe» (Erdheim, 1984, S. 170); Symptome müssten entindividualisiert werden, um sie mit anderen vergleichen zu können (ebd.). Demgegenüber erzähle Freud bereits in seiner ersten eigenen Falldarstellung, «Frau Emmy v. N., vierzig Jahre, aus Livland» (Freud, 1895d), ausführlich die Lebensgeschichte der Patientin und scheue darüber hinaus nicht davor zurück, «auch von sich selber [zu berichten]; er ist nicht der distanzierte Beobachter des anderen, sondern selber ein Teil des therapeutischen Prozesses» (Erdheim, 1984, S. 173).

Es ist auf der einen Seite heuristisch wertvoll, gewissermassen prototypisch die nomothetische und die idiografische Betrachtungsweise anhand von Kraepelin und Freud darzustellen, doch auf der anderen Seite sollte nicht unterschlagen werden, dass auch Freud in der Tradition der zeitgenössischen nomothetischen Naturwissenschaft steht und darum bemüht ist, von ihr anerkannt zu werden. So zielt etwa die Libido-Theorie auf eindeutige Erkenntnis, und es sind eine Fülle zentraler Begriffe der Psychoanalyse aus der Physik entlehnt, etwa «Projektion», «Übertragung» und «Widerstand» oder auch «psychischer Apparat».

Dennoch ist der höchst individuelle Zugang zu den Problemen der Patient*innen über seine Lebensgeschichte primär Freuds Verdienst, und darin folgen ihm viele Psychotherapeut*innen bis heute, indem sie Fallgeschichten niederschreiben und diese analysieren oder interpretieren. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Gisela Eife plädiert in ihrer Monografie Analytische Individualpsychologie in der therapeutischen Praxis (2016) dafür, nicht vom «Normativen», sondern vom «Einzigartigen» auszugehen:

«Die individualpsychologische Sichtweise soll an Fallvignetten aus der Therapie heraus entfaltet werden. Ausgehend vom Erleben der Patienten/der Patientinnen und der Analytikerin soll gemeinsam erforscht werden, mit welcher individuellen Verarbeitung die Patientinnen versucht haben, die erlebten Mängel oder Traumata zu überwinden» (ebd., S. 11f.).

Fallstudien wie die von Eife sind eine Frucht der alltäglichen Praxis und stehen daher dem therapeutischen Alltag nahe. Deswegen sind sie für die Aus- und Fortbildung sowie für die Identitätsentwicklung der Praktizierenden wertvoll, doch haben sie in der Psychotherapieforschung kaum Bedeutung und stehen in der Hierarchie der Evidenzgrade an unterster Stelle, nämlich auf Level VI (Beutel et al., 2010, S. 46–62, insb. 58; s. Gelo et al., 2019). Demgegenüber weisen Randomisierte Kontrollierte Studien (RCT) den höchsten Evidenzgrad, Level I, auf, da sie ihre Wirkungsnachweise unter idealisierten Laborbedingungen gewinnen, was indes für Praktizierende in der Regel wenig hilfreich ist, weswegen sie von ihnen kaum zur Kenntnis genommen werden (s. APA Presidential Task Force on Evidence-Based Practice, 2006). Daher klafft zwischen Profession und empirischer Wissenschaft in der Psychotherapie – ähnlich wie in der Pädagogik zwischen Lehrenden und Wissenschaftler*innen – ein grosser Spalt (s. Grol & Grimshaw, 2003; für eine Diskussion s. Gelo et al., 2019; Lilienfeld et al., 2013).

Dennoch werden selbst hartgesottene Empiriker*innen nicht umhinkommen einzugestehen, dass Freuds Fallgeschichten eine aussergewöhnliche Resonanz nicht nur unter psychodynamisch orientierten Psychotherapeut*innen und in Intellektuellenkreisen, sondern auch in vielen Wissenschaften allgemein hervorgerufen haben, weswegen der Historiker Ely Zaretsky (2006) das 20. Jahrhundert als «Freuds Jahrhundert» bezeichnet.

Nun sollte man das eine nicht gegen das andere ausspielen, empirische Studien haben genauso ihre Verdienste wie Falldarstellungen. Um letztere jedoch wissenschaftlicher Akzeptanz anzunähern,

  1. sollten sie so ausführlich sein, dass Lesende alternative Schlüsse daraus ziehen können. Anders formuliert: Es sollte deutlich werden, worauf Autor*innen das Augenmerk lenken, was sie vernachlässigen, wo mögliche Inkonsistenzen vorhanden sind etc.;
  2. wäre zu fragen, worin «im Besonderen das Allgemeine» begründet ist, denn Wissenschaft trachtet nach Repräsentativität, die im Sinn der qualitativen Forschung zwar nicht im statistischen Sinne zu verstehen ist, aber «auf die Erkenntnis wesentlicher und typischer Zusammenhänge [abzielt], die sich an einigen wenigen Fällen aufzeigen lassen» (Lamnek, 2005, S. 183; s. Rieken 2017a, S. 239–242).

Diese Aspekte sind zu berücksichtigen, wenn man die Psychotherapie als eigene Wissenschaft konzipieren möchte und nicht als Unterdisziplin der Klinischen Psychologie und Psychiatrie verstanden wissen will. Sie lässt sich auf Naturwissenschaft allein nicht reduzieren. Wichtige Elemente davon sind zwar vorhanden, etwa neurobiologische Grundlagen psychischer Störungen, neuronale Grundlagen des Gedächtnisses, biologische Grundlagen im Bereich der Psychophysiologie. Doch auf der anderen Seite ist sie auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften daheim, denn in einer Therapie werden lebensgeschichtliche Erzählungen thematisiert, das heisst Texte erzeugt, die man interpretieren kann und die in einem bestimmten historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontext stehen. – Das allein spricht bereits für eine gewisse Sonderstellung der Psychotherapiewissenschaft (PTW), denn es sind nur wenige Disziplinen vorhanden, wie etwa die Geografie, die sowohl aus den Natur- als auch aus den Geisteswissenschaften schöpfen.

Eine weitere Sonderstellung ergibt sich daraus, dass die PTW nicht allein durch die Vermittlung von theoretischem Wissen und praktischem Tun – Praktika, Praxis, Supervision – erlernt werden kann. Vielmehr bedarf es auch der Selbsterfahrung in Form einer Lehrtherapie bzw. -analyse, um das Wissen über sich und andere zu vermehren und darüber hinaus emotionale Defizite durch eine positive Beziehung zum Psychotherapeuten bzw. zur Psychotherapeutin zu reduzieren. Das entspricht nebenbei bemerkt einem umfänglichen Begriff von Bildung, der über den «Horizont des wissenschaftlichen Bewusstseins» hinausgeht und «die persongebundene Dimension des Bildungswissens» mit umfasst (Lichtenstein, 1971, S. 936; vgl. Rieken, 2012). Daher ist an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien nicht nur im Bakkalaureats- und Magisterstudium der PTW Selbsterfahrung im Mindestausmass von 200 Stunden gemäss dem österreichischen Psychotherapiegesetz notwendig, sondern auch im Doktoratsstudium (60 Std.) sowie für die Habilitation (80 Std.) vorgesehen. Das ist in der Wissenschaftslandschaft ein einzigartiges Phänomen, macht indes die spezifische Situation der PTW deutlich und zeigt an, dass die nomothetische Dimension der Welt-Erfahrung nicht genügt, um der «Seele», die der Dichter Arthur Schnitzler (1979 [1911], S. 71) als ein «weites Land» bezeichnet, in umfänglicher Weise gerecht zu werden – denn Selbsterfahrung ist natürlich ein höchst subjektiver Prozess, der individuell erlebt und verstanden werden will.

Mechanistisches Wissenschaftsverständnis

Es ist vor allem das Experiment, das eine besondere Stellung in den Erfahrungswissenschaften der Moderne einnimmt, denn es greift gezielt in die Natur ein (die folgenden Ausführungen basieren auf Rieken & Gelo, 2015). Der Mensch entwickelt ein aktives Verhältnis ihr gegenüber und geht davon aus, dass sich hinter der verwirrenden Vielfalt der Naturerscheinungen einfache, ewige Gesetzmässigkeiten verbergen. In der Wirklichkeit sind sie aber nirgendwo in unmittelbarer Form zu beobachten, doch kommen die Planetenbewegungen ihnen recht nahe. An ihnen entwickelte Isaac Newton (1643–1727) in den Philosophiae naturalis principia mathematica (1999 [1687]) seine drei Grundgesetze der Bewegung, das Trägheits-, das Aktions- und das Wechselwirkungsprinzip. Die Bewegungen der Planeten finden zwar unter Bedingungen statt, die den Newton’schen Gesetzen weitestgehend entsprechen, doch sind die Bedingungen auf der Erde komplizierter. Daher müssen im Experiment erst die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden, wobei sämtliche Faktoren im Ablauf eines Ereignisses, die nicht dem postulierten Gesetz entsprechen, zu Störfaktoren erklärt und eliminiert werden, und zwar unabhängig davon, welche Rolle sie in den normalen Prozessen spielen, die nicht unter Experimentalbedingungen stattfinden. Der Erfolg der Naturwissenschaft ist mithin einer radikalen Vereinfachung der natürlichen Gegebenheiten geschuldet. Nur auf dieser Basis ist es möglich, gesicherte und allgemein gültige Erkenntnisse zu erzielen, das heisst, die undurchschaubare Fülle subjektiver Eindrücke durch die Welt einfacher und ewiger Gesetzmässigkeiten zu ersetzen. So aber können die Prozesse, die untersucht werden, auf Gesetze der Bewegung zurückgeführt und streng deterministisch nach dem Kausalprinzip von Ursache und Wirkung erklärt werden, was zu einer Mechanisierung der Natur geführt hat (Dijksterhuis, 2002; Dupuy, 2000; Giedion, 1987).

Die Erfolge der klassischen Physik und insbesondere der Mechanik überzeugten bzw. überzeugen Generationen von Wissenschaftler*innen daher sosehr, dass sie auch zum Vorbild für verschiedene Humanwissenschaften geworden sind, die sich als «empirisch» verstehen, etwa Medizin, Psychologie oder Soziologie. Sofern sie Prozesse, die sie untersuchen, deterministisch nach dem Kausalprinzip von Ursache und Wirkung, von unabhängigen und abhängigen Variablen, erklären, steht ein mechanistisches Weltbild bzw. ein Maschinenmodell des Menschen im Hintergrund, wie es bereits in der europäischen Neuzeit, fussend auf Newtons Principia, entwickelt wurde.

Es ist anzumerken, dass sich der Begriff «empirisch» im Rahmen dieser Konzeption auf Sinneserfahrungen (Erfahrung) bezieht, die im Einklang mit den naturwissenschaftlichen Annahmen stehen, dass die Welt unabhängig von uns existiert (Realismus) und dass unser Wissen davon abhängen sollte, wie wir es sensorisch erfahren können (Objektivismus). Eine andere Annahme, die in der gängigen Wissenschaftskonzeption gemacht wird, ist, dass mechanische Ursachen, die die Welt erklären, in Naturgesetzen (Naturalismus) ausgedrückt werden können, die über Zeit und Raum gültig sind (Universalismus). Daraus folgt, dass Wissenschaftler*innen – zumindest im Idealfall – Experimente durchführen sollten, die durch eine angemessene Kontrolle von Störvariablen zuverlässige Messungen in repräsentativen Stichproben sowie statistische Hypothesenüberprüfung ermöglichen, um einen bestimmten Effekt im Hinblick auf eine bestimmte Ursache zu erklären, wobei diese Erklärung objektiv und verallgemeinerbar ist. In der etablierten (quantitativen) PTW und in Übereinstimmung mit dem evidenzbasierten Ansatz (APA Presidential Task Force on Evidence-Based Practice, 2006) erfolgt dies mithilfe von RCT, die – wie bereits zuvor erwähnt – als Goldstandard für die Erstellung von Evidenz in Bezug auf Behandlungswirksamkeit gelten (Gelo et al., 2019; Rieken & Gelo, 2015).

Erweitertes Wissenschaftsverständnis

Aus dem Blickwinkel der Wissenschaftsgeschichte und -theorie ist das herkömmliche Kausalprinzip indes nur eine Seite der Medaille, denn sie umfasst ausschliesslich die Wirkursache, die die Frage nach dem Woher, dem «anfängliche[n] Anstoß» ins Auge fasst (Aristoteles, 1995a, S. 31, 194b). Nicht berücksichtigt wird dabei jedoch die Zielursache, die Frage nach dem Wozu, dem Zweck, der Intention, dem Sinn, dem «Worum-willen» bzw. dem «Wofür» (Aristoteles, 1995b, S. 37, 415b). Die Begriffe Wirk- und Zielursache gehen auf Aristoteles zurück und gehören bis heute in Philosophie und Wissenschaftstheorie zu den akzeptierten Grundlagen einer nicht-reduktionistischen Theorie der Ursache.

Die Zielursache sollte man deswegen berücksichtigen, weil das menschliche Handeln oftmals erst dann verständlich wird, wenn man um das Ziel weiss, das man anstrebt. Dieser Aspekt spielt in ganz unterschiedlichen Psychotherapieschulen eine bedeutende Rolle, in den verhaltensorientierten Richtungen etwa im Reframing, bei Viktor Frankl im Sinn als zentralem Begriff der Logotherapie und Existenzanalyse und bei Alfred Adler in der unbewussten Intentionalität. Auch die moderne Psychoanalyse konzediert, dass unter anderem in der Traumdeutung «die Vergangenheit des Träumers mit seinen lebensgeschichtlichen Entwicklungshindernissen» zwar wichtig sei, doch spiele sich sein Leben «im Hier und Jetzt ab und ist auf die Zukunft orientiert» (Thomä & Kächele, 2006, S. 180; [Herv. d. A.]), also auf das, was bewusst oder unbewusst als Ziel angestrebt wird.

Eng verbunden mit der Zielursache ist die Ganzheit als Gegengewicht zum analysierenden, zerlegenden Denken. Das machen bereits Begriffe wie Identität, Persönlichkeit, Lebensstil oder Charakter deutlich, die in der Psychotherapie eine wichtige Rolle spielen. Systematisch betrachtet hat Intentionalität im Bereich des Humanen deswegen etwas mit Ganzheit zu tun, weil wir ein Ziel in der Regel als etwas Vollständiges betrachten. Während wir von anorganischer Materie, etwa einem Haufen Steine, die Hälfte entfernen können, ohne dadurch an seiner Substanz etwas zu ändern, ist das zum Beispiel im Falle eines Hauses, das wir in unserer Vorstellung entworfen haben, nicht möglich. Wir können nicht einfach die Hälfte der Zimmer entfernen, ohne seinen Kern zu verändern, wir können es uns nur als etwas Ganzes vorstellen (Wexberg, 1987, S. 12f.).

Eine weitere Form des Denkens ist das Ähnlichkeitsdenken bzw. der analogische Rationalitätstypus (Gloy, 2001, S. 207), der allerdings nicht für alle Richtungen in der PTW von Bedeutung ist, sondern überwiegend in den psychodynamisch orientierten Schulen zum Tragen kommt. Die Frage, was uns «spontan» zu diesem Traum oder jenem Erlebnis einfalle, ruft oftmals ähnliche Kon­stellationen aus der Vergangenheit hervor, wodurch nicht allein neue Erkenntnisse erzeugt, sondern auch emotionale Zugänge und alternative Handlungsoptionen ermöglicht werden, um zum Beispiel nicht immer wieder in die Falle des Wiederholungszwangs zu tappen (Gloy, 2000, 2001, S. 207–276; Hofstadter & Sander, 2014; Rieken, 2017b).

Was wir hier beschreiben, steht im Einklang mit einem geistes- und humanwissenschaftlichen Ansatz. In diesem Zusammenhang bezieht sich «empirisch» zunächst auf gelebte Erfahrung (Erlebnis), die mit der zugrunde liegenden Annahme übereinstimmt, dass die Realität von einem Individuum innerhalb seiner Transaktionen mit der Umwelt (Relativismus, Subjektivismus/Transaktionalismus) psychologisch und sozial konstruiert wird (Konstruktivismus).

Ergänzend sei hinzugefügt, dass eine heuristisch wertvolle Position jenseits von Objektivismus und Subjektivismus der Perspektivismus darstellt (s. Köller, 2004; von Sass, 2019), der zwar im wissenschaftlichen Diskurs nur eine untergeordnete Rolle spielt, aber eine vermittelnde Stellung einnehmen könnte. Das Konzept der perspektivischen Wahrnehmung, nach der zwar nie das Ganze aus der Vielfalt des Wahrgenommenen, aber doch bestimmte Ausschnitte einigermassen realitätsangemessen erkannt bzw. erfasst werden können, ist bereits in der Erkenntnistheorie Immanuel Kants (2005 [1781], S. 25 [B XVI–XVII]) angelegt:

«Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen.»

Die Sinnhaftigkeit des Perspektivismus sei am Beispiel der Kindheitserinnerungen in den psychodynamischen Psychotherapien erläutert: Zwar konstruieren wir die Vergangenheit bis zu einem gewissen Grad, wenn wir sie im Nachhinein betrachten. Denn um sie objektiv zu erkennen, müsste die Quadratur des Kreises ermöglicht werden, indem wir uns einerseits im Modus unmittelbaren Erlebens befänden und andererseits hinreichende Distanz zum Geschehenen entwickelt haben müssten. Jedoch kann man sich fragen, ob man nicht doch bestimmte Bereiche dessen, was gewesen ist, perspektivisch zu erfassen vermag. Das ist zumindest dann berechtigt, wenn man von bestimmten Voraussetzungen ausgeht:

  1. Die Kindheit prägt unser weiteres Dasein hinsichtlich Emotion, Kognition und Verhalten.
  2. Bedrohlich erscheinende Konflikte werden ins Unbewusste verschoben und bleiben dort erhalten.
  3. Das Unbewusste ist dem kognitiven Zugriff nicht komplett entzogen, denn man findet Zugang durch spezifische Techniken, insbesondere durch Übertragungs- und Gegenübertragungsanalyse, Traumdeutung, freie Assoziation und Fehlleistung.

Daraus folgt, dass unter den genannten Voraussetzungen Erlebnisse aus der Kindheit, die im Unbewussten aufbewahrt werden, zumindest teilweise wieder zugänglich gemacht werden können.

Eine weitere Grundannahme ist, dass die menschliche Natur von einer Erlebnisbedeutung (Hermeneutik und Phänomenologie) bestimmt wird, die zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort von Belang ist (Kontextualismus). Daraus folgt, dass Forschende naturalistische Forschungsdesigns implementieren sollten, die es ihnen ermöglichen, durch Daten, die in sprachlicher Form (Polkhingorne, 2005) gesammelt und mittels methodischer Hermeneutik (Rennie, 2012) analysiert werden, mit dem Erleben des Erforschten «in Kontakt zu treten». Der Strom der qualitativen Psychotherapieforschung, der sich in den letzten Jahren entwickelt hat (für eine Übersicht s. Gelo et al., 2019), reflektiert tatsächlich eine solche Konzeption der Wissenschaft, die sich radikal von der dominierenden quantitativen Forschung unterscheidet und die langsam den evidenzbasierten Ansatz in der Psychotherapie zumindest relativiert. Ein Beispiel ist der Ansatz der praxisorientierten Evidenz (Barkham et al., 2010), der «eine Veränderung in der Art und Weise darstellt, wie wir über Evidenz denken, und die Forschung, die über die evidenzbasierten Praxisrichtlinien informiert, ergänzt, anstatt sie zu ersetzen» (Green & Latchford, 2012, S. 87; Übers. d. A.).

Dialogischer Pluralismus

Aus dem Beschriebenen ist ersichtlich, dass das Gebiet der PTW durch zwei radikal unterschiedliche wissenschaftliche Paradigmen gekennzeichnet ist: das Paradigma der Naturwissenschaften (und die damit verbundene quantitative Forschung) und das Paradigma der Humanwissenschaften (und die damit verbundene qualitative Forschung). Die Mainstream-PTW ist durch eine monistische Haltung gekennzeichnet, die die Naturwissenschaft mit dem Fokus auf quantitativer Forschung als den besten Weg der Psychotherapieforschung ansieht, wie der evidenzbasierte Ansatz bezeugt. Infolgedessen hat sich die Debatte zwischen den Paradigmen zu einem Streit darüber entwickelt, wer Recht und wer Unrecht hat (s. Gelo & Pritz, i. D.). In den letzten Jahren wird jedoch eine pluralistische Haltung gefordert, nach der unterschiedliche wissenschaftliche Paradigmen – und die damit verbundenen Forschungsansätze – für die Erforschung der Psychotherapie zumindest potenziell nützlich sein könnten, wobei der praxisorientierte Evidenzansatz einen ersten Schritt in diese Richtung darstellt. Um den Pluralismus in der Psychotherapie zu fördern, schlagen Gelo und andere (Gelo et al., 2019; Gelo & Pritz, i. D.) vor, dass Wissenschaftler*innen, die jeweils eine dieser beiden unterschiedlichen Paradigmen befürworten, sich auf selbstkritische, nicht der Überzeugung des anderen dienende Dialoge einlassen sollten, um den gegenseitigen Austausch und das gegenseitige Verständnis zu erhöhen. In dem Masse, in dem dies erreicht wird, könnte sich die Debatte als Kampf über eine generative Debatte entwickeln, in der die unterschiedlichen Ansichten der Befürworter*innen der gegnerischen Paradigmen genutzt werden, um das Wissen über das eigene und das gegnerische Paradigma zu vertiefen (Gelo et al., 2019; Gelo & Pritz, i. D.).

Abschliessende Bemerkung

Die Berücksichtigung der Zielursache, der Ganzheit und – sofern man auch an unbewussten Prozessen interessiert ist – des analogischen Rationalitätstypus könnte gemeinsam mit der Wirkursache eine umfassendere Sicht auf den Menschen und seine psychischen Probleme ermöglichen, als es das mechanistische Modell allein vermag. Denn jene Aspekte stehen dem Alltag nahe, der selbstverständlich in jeder Psychotherapie eine grosse Rolle spielt. Die Frage nach der Identität – «Wer bin ich?» – hat nämlich engen Bezug zur Intentionalität, zur Ganzheit und zum Ähnlichkeitsdenken. Diese Elemente könnten mit dazu beitragen, dass die Psychotherapie als selbstständige Wissenschaft an Profil gewinnt. Um dies zu erreichen, ist eine pluralistische Haltung erwünscht.

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