Editorial

Psychotherapie-Wissenschaft 16 (2) 2026 5–6

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2026-2-5

Heute dringt die «Künstliche Intelligenz», wie wir erstaunt feststellen müssen, in sämtliche Lebensbereiche ein. Es ist nicht wie damals, im 18. und 19. Jahrhundert, als die Wärmekraftmaschinen erfunden und die Elektrizität entdeckt wurde. Durch die schier ins Unendliche gesteigerte Muskelkraft durch die Maschinen, den Segen der Elektrizität und die elektronische Informationsverarbeitung hat die moderne Technik unsere Kultur bereichert, obwohl sie, wie wir heute wissen, die Umwelt erheblich belastet. Nicht zuletzt ist es auch die geistige Freiheit, die vom Fortschritt profitiert hat. Ganz anders verhält es sich bei der Potenzierung geistiger Fähigkeiten durch die KI, wie das Abrufen von Wissen und Mustererkennung. Durch die Rückkopplung der KI auf unser Geistesleben ist diese Freiheit aber in höchstem Masse gefährdet. Was und wie dabei rückgekoppelt wird, läuft durch die Filter einiger weniger Tech-Giganten, deren Ziele nicht unbedingt die Förderung der geistigen Freiheit, sondern finanzielle und ideologische Macht sind. Unsere Eigenschaft, Dinge zu vermenschlichen, mit deren Hilfe wir auch Beziehung zur Welt herstellen, erweist sich bei der KI als Einfallstor für alle Arten von Einflussnahmen. Die Fähigkeit, menschliches Denken und Fühlen zu imitieren, sperrt dieses Tor noch mehr auf und wird von den KI-Herstellern aktiv verstärkt.

Für uns als Psychotherapeut*innen ist es unabdingbar, dies bewusst zu machen und unser Augenmerk auf die Inhalte und Funktionsweise dieser Rückkopplungen zu richten. Dieses Problem ist erkannt und wird, zumindest im demokratischen Europa, von Regierungen mittels ethischer Kriterien angegangen. Die Psychotherapie ist in der Pflicht, der Seele der Menschen ihren Platz offenzuhalten. Es geht dabei auch um die Entwicklung der in Patient*innen liegenden schöpferischen und individuellen Keime. Genau dazu ist die KI aber weder geschaffen noch imstande. Weil sie eine Maschine ist, die auf statistischer Grundlage beruht, kann sie nur Durchschnitt vermitteln, oder aber neurotische und psychotische Tendenzen durch Bestätigungen noch verstärken. Die KI ist nun mal da und wir werden einen Weg finden, sie vernünftig anzuwenden. Aktive Aufrechterhaltung der Autonomie bei Patient*innen und Therapierenden ist auch nötig, um nicht dem Monster heutiger autokratischer Tendenzen zu verfallen, die selbst in Demokratien um sich greifen.

Mit diesem Themenheft über KI in der Psychotherapie schliessen wir an Heft 1/2025 an, wo es um das intersubjektive Erleben in der Psychotherapie ging. Der entsprechende Artikel befasste sich mit einem Paradigmenwechsel in der Psychotherapieforschung: «High resolution psychotherapy research durch KI-gestützte Prozessanalyse».1 Diesmal geht es um das übergeordnete Thema, die generellen Chancen und Gefahren, welche die KI für die Psychotherapie mit sich bringt.

Paolo Raile eröffnet das Thema mit einem Beitrag, der in die KI und deren Funktionsweisen einführt und deren Möglichkeiten und Grenzen für die Psychotherapie ausleuchtet. Sog. Large Language Models (LLMs) werden zusehend auch in der psychotherapeutischen Versorgung eingesetzt, etwa für Screening, Triage, Psychoedukation, dokumentationsbezogene Assistenz, sowie zur Simulation therapeutischer Interaktionen. Der aktuelle wissenschaftliche Konsens bewertet LLMs daher als potenziell sinnvolle assistive Werkzeuge unter fachlicher Supervision, nicht jedoch als Ersatz für die therapeutische Beziehung oder für komplexe, autonome Behandlung. Regulatorische und berufsethische Leitplanken und ethische Rahmenbedingungen seien für die klinische Sicherheit unabdingbar. Die Rolle der therapeutischen Beziehung seien weiterhin kritisch zu reflektieren und müssen empirisch untersucht werden.

Der Beitrag von Jan M. Schürmann, Jana Sedlakova, Manuel Trachsel gibt einen umfassenden Überblick über die bereits bestehende und sich weiterentwickelnde Verschränkung der KI mit der Psychotherapie. Es ist eine kritische und progressiv-konstruktive Auseinandersetzung, die auf klaren Definitionen des Aufgabenbereichs und den unterschiedlichen Fähigkeiten der KI und der Therapeut*innen beruht. Es geht um die ethische Grundsatzfrage, ob die KI Instrument oder Akteur ist, um die Bedingungen von Vertrauen gegenüber der konversationalen KI, um die Problematik simulierter Empathie und um das Risiko unrealistischer Erwartungen und übermässiger Abhängigkeit. Ergänzend werden aktuelle gesellschaftliche regulatorische Rahmenbedingungen eingeordnet. Chancen und Risiken der KI werden aufgelistet und durch Forschungsergebnisse belegt. Schliesslich erfolgt auch ein Vorschlag zur Konzeptualisierung der konversationalen KI als fiktionale Figur. KI sei, so schreiben die Autor*innen, in der Psychotherapie als ein ergänzendes, klar abgegrenztes Werkzeug zu verstehen, das menschliche Denkprozesse unterstütze, nicht ersetze. Die professionell verantwortete therapeutische Beziehung bleibe die normative Referenz, an der sich der Einsatz technischer Systeme messen lassen müsse. Diese Position werde auch durch internationale Leitlinien gestützt, sei aber weder rechtlich noch in der klinischen Routine hinreichend operationalisiert.

Jean Schulthess Watt untersucht die Nutzung sozialer Medien im Zusammenhang mit der Erforschung und Festigung der Identität. Jugendliche sind oft als Gruppe sehr aktiv in sozialen Medien. Es bestehen Bedenken bzgl. der Auswirkungen KI-basierter Social-Media-Anwendungen auf die Identitätsbildung. Gerade in der Adoleszenz wird das Identitätsgefühl durch Rückmeldungen von Gleichaltrigen stark beeinflusst. Virtuelle «Freundschaften» ersetzen oft reale Peer-Gruppen. Insbesondere die Entwicklung von vermenschlichten einfühlsamen Chatbots könnte zu einer weiteren Entfremdung vom realen Leben führen.

Ein Essay über die KI von Mario Schlegel nimmt auf das Phänomen KI eine tiefenpsychologische Perspektive ein, indem KI aus den Gegebenheiten des menschlichen Daseins abgeleitet wird. Die Gefahren ihrer geistigen Rückwirkungen werden aus psychologischer Sicht betrachtet und mit den real existierenden kommerziellen Interessen ihrer Hersteller in Zusammenhang gebracht. Ob die KI zu einer Utopie oder einer Dystopie führt, hängt davon ab, ob es der Politik gelingt, sie zu regulieren. Der Knackpunkt liegt in der Tatsache, dass sie die Fähigkeit hat, menschliche Kommunikation zu imitieren. Dies verleitet dazu, mit ihr in eine illusionäre Beziehung zu treten, mit allen negativen Folgen für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit (Individuation) und dem Sozialleben.

Nebst den Beiträgen zu Heftthema finden sich auch drei Originalarbeiten im vorliegenden Heft: Frank Schulz-Kindermann liefert mit «Psychotherapie bei fortgeschritten erkrankten Krebspatient:innen» einen praxisnahmen Beitrag in Ergänzung zum Heftthema der Ausgabe 1-2026 (Psychoonkologie). Er stellt das Konzept CALM (Managing Cancer And Living Meaningfully) vor und illustriert es anschaulich anhand eines Fallbeispiels. Marie-Christine Hartlieb vertieft und erweitert mit «Zur Modulation autonomer Regulationsprozesse bei ME/CFS innerhalb der Psychotherapie» bestehende psychotherapeutische Zugänge. Es sei denkbar, dass eine gezielte psychotherapeutische Unterstützung bei der Regulation des autonomen Nervensystems dazu beitragen könnte, die Erholungsprozesse nach Belastung und nach PEM (Fatigue und Post-Exertional Malaise) zu verbessern. Das Therapieziel bei Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom verlagert sich dabei von der Leistungssteigerung zur Verbesserung der parasympathischen Regenerationsfähigkeit. Tamara Trebes führt in «Zur epistemischen Eigenständigkeit der Psychotherapiewissenschaft» die Diskussion weiter, ob Psychotherapie eine Spezialisierung innerhalb der Psychologie oder als eigenständige Wissenschaft zu positionieren sei. Sie plädiert für Letzteres und für eine Ethik der Reflexiven Erfahrung.

Buchbesprechungen und ein Kongresskalender runden das Heft ab.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

Mario Schlegel & Peter Schulthess

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