Christian Fuchs (2019). Die Gestalt des Traumatischen.
Phänomenologisches Handeln bei seelischer Verletzung

Gevelsberg: EHP
ISBN: 978-3-8979-7116-5
272 S., 26,99 EUR, 28,55 CHR

Psychotherapie-Wissenschaft 11 (1) 73–74 2021

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2021-1-73

Der Gestalttherapeut Christian Fuchs legt ein Buch vor, das sich in zwei Teile aufgliedert. Im ersten Teil «Hintergründe» beschreibt er die theoretischen und philosophischen Konzepte, die ihn zu seiner Sicht des Traumatischen brachten. Stark ist seine kritische Auseinandersetzung mit dem neuronalen Menschenbild, das uns seitens der Naturwissenschaften beliebt gemacht wird, das den Menschen als Produkt neuronaler Verknüpfungen sieht und ihm einen freien Willen abspricht. Dieses führt zu einer biologischen Psychotherapie, die als krank taxiert, was ausserhalb der Norm ist und Medikamente einsetzt, um Menschen und deren Verhalten in den Bereich des «Normalen» zurückzuführen. Dieses Menschenbild steht im Widerspruch zu einer Anthropologie, die den Menschen als ganzheitliches Wesen begreift, als Leib-Seele-Geist-Einheit, eingebettet in eine soziale Umgebung und Kultur, die sehr wohl in der Lage ist, einen freien Willen zu bilden und damit auch Verantwortung für das Handeln zu übernehmen, das erlaubt, Sinn zu finden, auch im Traumatischen, psycho-therapie-fähig zu sein und Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Gestützt auf die Erkenntnisse des Neurologen und Psychiaters Kurt Goldstein und die phänomenologische Herangehensweise von Lore Perls, der Mitbegründerin der Gestalttherapie, zeichnet er einen phänomenologisch therapeutischen Zugang zur Arbeit mit Trauma-Betroffenen.

Seine Wissenschaftskritik lässt sich auf einen prägnanten Nenner bringen: Forschungsmethoden, mit denen man tote Materie untersucht, sind nicht geeignet für die Psychotherapieforschung, da es zwischen einem toten Objekt und einem Menschen einen grundsätzlichen Unterschied gibt. Neben der biologischen ist die existenzielle Ebene des Menschen zu beachten, was die Naturwissenschaft aus methodischen Gründen nicht kann, wohl aber die Philosophie. Dies führt schon zu unterschiedlichen Begriffsdefinitionen, wenn man von einem Trauma spricht. Entsprechend unterschiedlich sind die Herangehensweisen.

Der Autor richtet sich nicht grundsätzlich gegen die Forschungstätigkeit der Neurowissenschaften, erwartet aber, dass man deren Ergebnisse in ihren methodischen Einschränkungen bewertet und nicht verabsolutiert. Er verweist auf Thomas Fuchs, der in diesem Zusammenhang von einem «naturalistischen Kurzschluss» spricht.

Ein Trauma ist für Kurt Goldstein ein existenzielles Ereignis, das Menschen in ihrem Sein erschüttert. Mit dem vorherrschenden naturwissenschaftlichen Ursache-Wirkungsparadigma können diese existenziellen Krisen nicht gefasst werden, da sie Sinnfragen nicht berücksichtigen. Der Autor will mit diesem Buch den aktuellen klinisch-pragmatischen Traumadiskurs im gesellschaftlichen Kontext verstehen, ihn kritisch beleuchten und ihn zu einer philosophisch-phänomenologischen Sichtweise ins Verhältnis setzen.

Es finden sich in diesem ersten Teil Überlegungen zu «Gesellschaft und Trauma», zu «Gestalt und Trauma» mit Bezug zu Lore Perls und Paul Goodman, zur «Selbstaktualisierung im Trauma» mit Bezug zu Kurt Goldstein, zu «Trauma und der Mut zum Sein» mit Bezug zum religiösen Existenzialphilosophen Paul Tillich wie auch zu «Trauma und der Raum im Zwischen» mit Bezug zu Martin Buber.

Im zweiten Hauptteil des Buches «Handeln» kann man dem Autor als Therapeut quasi bei der Arbeit über die Schulter schauen. Er beschreibt seine phänomenologische Herangehensweise und seine wertschätzende Beziehungsorientiertheit in therapeutischen Gesprächen. «Traumasymptome lassen sich als Schutz- und Überlebensreaktionen des Organismus auf ein existentiell bedrohliches Ereignis verstehen. Diese Sichtweise gibt den Symptomen einen individuellen Sinn und Betroffene werden sich selbst wieder verständlich» (S. 110).

Fuchs beschreibt verschiedene Dimensionen des Handelns, wie «sich begegnen», «traumasensibel sprechen», «Erleben ermöglichen – Grenzen wahren – Sinn erfahren», «Zusammenhänge herstellen», «Trauma und Kindheit», «Anerkennung», «Gestaltbildung begleiten». Die entsprechenden Ausführungen nehmen Bezug auf Teil eins und sind veranschaulicht durch Fallvignetten, was einen guten Praxisbezug ermöglicht.

Danach beschreibt der Autor verschiedene Ebenen des Traumatischen: «Existenz, Einsamkeit und Verlassenheit», «Hoffnung», «Figur, Grund und Gestalt», «Mut, Freiheit und Angst», «Dialog und Kontakt», «Hier und Jetzt», «Abstrakt und konkret», «Katastrophenreaktionen auffangen».

Mit Bezug zu Maurice Merleau-Ponty und Monika Jäckle schreibt er: «Dimensionen und Ebenen spielen zusammen und ergeben eine traumatische Topografie. Wie auch Landschaften verschieden sind, bekommt jede Topografie durch die Beziehung in der Arbeit am Trauma eine einmalige Gestalt» (S. 109).

Christian Fuchs wollte nicht ein weiteres Gestalttherapiebuch schreiben. Er wollte vor allem die im aktuellen Traumadiskurs erneute Aktualität der Erkenntnisse von Kurt Goldstein einer breiten Leserschaft bekannt machen und mit den Bezügen zu Lore Perls, Paul Tillich, Martin Buber und anderen Referenzpersonen einen phänomenologischen Weg aufzeigen, wie man anders mit Trauma-Betroffenen arbeiten kann, als einfach gewisse Techniken zur Traumabewältigung anzuwenden, die einem rein neurowissenschaftlichem Denken entspringen.

Das ist ihm gut gelungen. Das Buch wird sicher eine Leserschaft unter GestalttherapeutInnen finden, ist aber auch sehr gut geeignet für TraumatherapeutInnen anderer Therapierichtungen, um deren Wissen mit einem humanistischen Ansatz zu erweitern.

Peter Schulthess

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