Norbert Mönter, Andreas Heinz & Michael Utsch (Hrsg.). (2020).
Religionssensible Psychotherapie und Psychiatrie.
Basiswissen und Praxiserfahrungen

Stuttgart: Kohlhammer.
ISBN: 978-3-1703-5625-2
246 S., 35,00 EUR, 51,90 CHF

Psychotherapie-Wissenschaft 11 (1) 69–70 2021

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2021-1-69


«Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?»

Dieser Themenband über die Religionssensibilität in der Psychotherapie und Psychiatrie stellt implizit die Gretchenfrage an die psychotherapeutisch und psychiatrisch Behandelnden. Ein persönliches Bekenntnis zu irgendeiner Religion, entweder dafür oder dagegen, worum es in Faust geht, wäre im Fall einer religionssensiblen Behandlung jedoch kontraproduktiv. Es ist die wertschätzende neutrale Haltung seitens des Therapeuten, die es vermag, die Patienten-Therapeuten-Beziehung im Falle aufkommender religiöser Themen nicht abreissen zu lassen, ja sogar zu festigen und einen konstruktiven Behandlungsweg zu bahnen. Bis heute jedoch sind bei manchen Psychiatern und Psychotherapeuten antireligiöse und spiritualitätskritische Affekte festzustellen, weil sie offenbar eine «grössere Wirklichkeit» als persönliche Kränkung empfinden (vgl. Bonelli, 2018).

Für die WHO (1998) ist dagegen jeder Mensch spirituell. Die Bühne globaler Weltgesundheitspolitik betrat «Spiritualität» 1983 während der 36. Weltgesundheitsversammlung. Hiernach gehört die Dimension der Spiritualität konstitutiv zum Menschsein dazu und verdient Beachtung in Bezug auf einen Begriff von Gesundheit. Spiritualität stellt also einen verlorengegangenen Aspekt eines ganzheitlichen Gesundheitsverständnisses dar, der langsam wiederentdeckt und nutzbar gemacht wird.

Es ist der Verdienst dieses lesenswerten Themenbandes, zu dieser Thematik auf wissenschaftlicher Grundlage den Blick zu schärfen und auch Handlungsoptionen aufzuzeigen. Er stellt einen Beitrag in einem aktuellen und relevanten psychiatrischen und psychotherapeutischen Diskussionsfeld dar und ist ein Plädoyer für einen achtsamen, sensiblen, aber inhaltlich neutralen Umgang mit Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie.

Die vier Abschnitte (I) Religionssensible Psychotherapie im Kontext neuerer Entwicklungen von Psychiatrie und Psychotherapie, (II) Religionssensibilität: auch eine Frage des Wissens, (III) Pathologische Entwicklungen im religiösen Kontext, (IV) Praxis religionssensibler Psychiatrie und Psychotherapie, beleuchten die Thematik vielgestaltig.

Das Buch führt religionswissenschaftliche, theologische, psychiatrische, psychotherapeutische Beiträge wie auch Perspektiven von psychisch Erkrankten und deren Angehörigen zusammen. Allein schon deswegen ist es ein beachtenswerter Beitrag. Es geht um ein Verständnis von Religion und Religiosität mit Blick auf die psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung. Der Band fokussiert auf den Glauben und die Religiosität des Einzelnen, also die Praxis individuell gelebter Religion und vertritt ein interdisziplinäres, trialogisches und polylogisches Anliegen (als interkultureller Austausch), bei dem eine zugleich religions- und konfessionsübergreifende wie wertschätzende Themen- und Problembearbeitung die Basis des Austausches bilden.

Die anthropologischen, kulturgeschichtlichen und psychologischen Dimensionen der Religiosität sowie die Vielfalt von Glaubensüberzeugungen, Religionen und Spiritualität stehen im Fokus des Interesses. Ziel ist es, das Verständnis für religiöse Bezüge bei psychischem Erkranktsein im Interesse einer rational begründeten und wirksamen Therapie zu fördern. Das Positionspapier der DGPPN zu «Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie» (Utsch et al., 2017) gilt vielen Autoren als aktueller Referenztext.

Im Buch geht es aber auch um die ethische, religiöse und kulturelle Vielfalt in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft, die letztlich jedem Psychotherapeuten und Psychiater in Gestalt des einzelnen hilfesuchenden Patienten entgegenkommt. In der Geschichte der Psychotherapie wie auch der Psychiatrie wurden spirituelle und religiöse Aspekte des Menschseins lange vernachlässigt, teilweise sogar abgelehnt. Erst in den letzten Jahren finden diese Themen die angemessene kritische Aufmerksamkeit und der Diskurs um ein grundlegendes religionssensibles Psychotherapieverständnis ist eröffnet. Hierzu leistet das Buch ebenfalls einen wertvollen Beitrag.

Die Annahme, dass unsere postmoderne westliche Gesellschaft eine rationale und unreligiöse sei, wird religionswissenschaftlich vielfältig widerlegt. Der Abbau der einst etablierten christlichen Landeskirchen, der ungebrochene Trend der Entkirchlichung, weisst nicht auf ein Verschwinden, sondern auf eine multilaterale Modifikation des religiösen Lebens hin. Neue Dimensionen des Spirituellen tauchen auf, neue Formen von kirchlichen Gemeinschaften, neue religiöse Richtungen. Es herrscht ein extremer weltanschaulicher Pluralismus.

Auch das Christentum erfährt gegenwärtig Tendenzen einer Südverlagerung, die eher irrational sind und dem aus der westlichen Geschichte erwachsenen Bemühen, Theologie wissenschaftlich zu betreiben, entgegenstehen. Menschen mit einem Migrationshintergrund bringen mehrheitlich ein hohes Mass an Religiosität mit. Schon längst ist der Islam zu einem wichtigen Teil des religiösen Lebens in Westeuropa geworden und das Thema Zuwanderung wird auch die nächsten Dekaden gesellschaftlicher Veränderung prägen. Themen wie das der Radikalisierungsprävention werden an Gewicht zunehmen. Durch die migrationsgeprägte Situation vor allem in West- und Mitteleuropa hat die religiöse Dimension zunehmend eine von vielen unerwartete Aktualität bekommen. Die Publikationsdichte zum Thema Psychiatrie, Religiosität und Spiritualität in den letzten Jahren zeigt die Relevanz dieses Themas.

Als praktischer und beeindruckender Ertrag wird das Berliner PIRA-Projekt beschrieben (Psychiatrie-Informations-Religion-Austausch). Das Buch hat die Ausrichtung auf die psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungs- und Versorgungspraxis. Die Beiträge sollen Informationen bieten und in Problemfelder einführen, mit denen Therapeuten heute zunehmend konfrontiert sind. Voraussetzung ist die Bereitschaft des Therapeuten zur umfassenden Wahrnehmung des einzelnen Patienten unter Einbeziehung seiner religiösen oder weltanschaulichen Bezüge und Einstellungen. Glaube, wie immer er ausgeprägt ist, wo immer er seine Tradition und seinen Ursprung hat, wird gefasst als ein allgemeines menschliches Phänomen. Hierbei wird sich um eine grösstmögliche Weitführung des Begriffs «Glaube» bemüht, bei der es auch noch eine Sprachfähigkeit in Bezug auf die Frage gibt: «Was glaubt man, wenn man nicht glaubt?»

Die umfangreichen Literaturangaben regen den Leser zu einer weiterführenden Beschäftigung mit den Berührungspunkten von Religion, Spiritualität und Psychiatrie, Psychotherapie an.

Philosophische, religionswissenschaftliche, theologische, neurobiologische, soziologische, psychiatrische sowie psychotherapeutische Blickwinkel werden zusammengebracht. Dieses Unterfangen, was die Grenzen der einzelnen Fachdisziplin sprengt, ist angezeigt, durch den im Fokus stehenden psychisch kranken und leidenden Menschen mit seiner komplexen Mehrdimensionalität. Hybris wäre es, würde die Erklärungs- und Deutungshoheit von Entstehung und Verständnis psychischen Leidens sowie das Wissen um Bewältigungsmöglichkeiten oder Auswege exklusiv von Experten nur eines Blickwinkels beansprucht.

Religionen und Spiritualität stellen nicht nur Ressourcen zur Leidensverarbeitung, Schmerzbewältigung und Sinnfindung zur Verfügung, sie sind auch Grundlage vieler Konflikte, Leiden und Störungen. Sie können also Teil des Problems, aber auch Teil der Lösung sein. Neben den Ressourcen der Religiosität dürfen ihre Schattenseiten nicht übersehen werden. Religions- und kultursensible Ärzte und Therapeuten sind gefordert, die vorhandenen religiösen und spirituellen Ressourcen zu erfragen und in der Therapieplanung zu beachten. Hier scheint auch der interprofessionelle Dialog mit Seelsorgenden wichtig und weiterführend.

Die beiden zentralen Komponenten des religionssensiblen Arbeitens sind «Haltung» und «Wissen», der ernsthafte Respekt vor dem Anderen gilt als heutiger Therapiestandard. Das Buch bietet aber ebenso die Perspektive vom Erfahrungswissen Betroffener wie die Sicht von Angehörigen.

Rundum also ein sehr lesenswertes, interessantes, weiterführendes und vielschichtiges Buch, was hilfreich ist für den Kontakt und die Behandlung von Patienten, die religiöse und spirituelle Dimensionen mitbringen. Oder diese gar erst im Verlauf der therapeutischen Behandlung entwickeln. Ein Beitrag zu einer aktuellen wissenschaftlichen Diskussion, der zu interdisziplinärem Dialog herausfordert und den Fokus der angewandten Psychiatrie und Psychotherapie weitet.

Gunnar Herwig Brendler

Literatur

Bonelli, R. (2018). Das psychotherapeutische Unbehagen mit der Religion. In Utsch, M., Bonelli, R. & Pfeifer, S. (Hrsg), Psychotherapie und Spiritualität (S. 51–58). 2 Aufl. Berlin: Springer.

Utsch, M., Anderssen-Reuster, U., Frick, E. et al. (2017). Empfehlungen zum Umgang mit Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie. Positionspapier der DGPPN. Spiritual Care, 6(1), 141–146.

WHO (1998). WHOQOL and Spirituality, Religiousness and Personal Beliefs. Genf: WHO. http://whqlibdoc.who.int/hq/1998/WHO_MSA_MHP_98.2_eng.pdf 01.12.2019).

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