Buchbesprechung

Kristina E. Schellinski (2020). Individuation for Adult Replacement Children. Ways of Coming into Being

Abingdon, Oxon: Routledge. ISBN: 978-1-1388-2488-1. 228 S., 38,99 EUR

Psychotherapie-Wissenschaft 10 (2) 103–104 2020

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2020-2-103

Die Schweizer Jungianerin Kristina Schellinski hat sich eines bislang verborgenen Themas angenommen, dasjenige der Ersatzkinder, und dazu ein Buch auf Englisch veröffentlicht. Mit Ersatzkindern meint die Autorin Kinder, die nach einem Kind, das früh verstarb, oder anderen verstorbenen Verwandten auf die Welt gekommen sind. Es kann dann sein, dass so ein Kind mit Bildern und Projektionen aufwachsen muss, die eigentlich jemand anderem galten. Als Erwachsene leiden solche Ersatzkinder oft an verschiedenen Symptomen wie geringes Selbstwertgefühl, Identitätsfragen, existenzielle Angstzustände, Depressionen, Schuldgefühlen oder Schwierigkeiten in ihrer Beziehung zu sich selbst und zu anderen. Schellinski beschreibt zahlreiche klinische Beispiele, bei denen ein zweites Kind sogar mit dem Namen des ersten genannt wurde und Erwartungen und Rollenvorstellungen ausgesetzt war, die eine stabile Identität erschwerten.

Als ich mit dem Lesen des Buches begann, fielen mir schnell zahlreiche Beispiele in meiner klinischen Praxis, aber auch in meinem Bekanntenkreis ein, von Personen, bei denen ich eine Ersatzkind-Thematik vermute. Schellins­ki hat sich da eines wichtigen, bislang kaum erforschten Themas angenommen, das nicht nur die klinische Praxis betrifft! Akribisch und anhand 20 Jahren wickelt sie diese Thematik auf. So weist sie bei Salvador Dali, bei Camille Claudel, Vincent van Gogh, Elvis Presley, Maria Callas, bei Rainer Maria Rilke und bei vielen anderen Künstler*nnen diese Problematik nach und zeigt sie anhand deren Werken überzeugend auf. Die Identitätsschwäche, als ob man mit einer anderen Person vermischt wäre, zeigt sich etwa gut in Dalis verstörendem, zweigeteilten Bild Macbeth und Rilke, der eine verstorbene Tochter ersetzen musste, trug bis zum Schuleintritt Mädchenkleider und deren Mädchenname Sophie! Selbst er nannte sich so.

Es ist erstaunlich, wie viel Material die Autorin zusammengetragen hat. Neben den Klient*innen und Künstler*innen ortet sie auch unter Psychoanalytiker*innen diese Thematik. Sigmund Freund verlor seinen jüngeren Bruder Julius, was seine Theoriebildung beeinflusste, und Carl Gustav Jung wurde nach zwei totgeborenen Mädchen und einem Jungen geboren, der nur fünf Tage lebte, was ebenfalls Auswirkungen auf seine Theorie gehabt habe, so Schellinski. Auch die Autorin selbst diagnostiziert bei sich die Ersatzkind-Problematik und beschreibt nach jedem Kapitel die verschiedenen Stadien ihrer Individuation, wie sie zu ihrem eigenen Selbst und zu ihrer eigenen Identität vorstossen konnte.

«Individuation für erwachsene Ersatzkinder», so könnte man den englischen Titel übersetzen. Es ist ein Buch, das anhand vieler Beispiele Wege aufzeigt, die eigene Identität und Individuation zu finden, um die einzigartige, unverwechselbare Person zu werden, die wir sind. Mit anderen Therapeutinnen hat die Autorin zudem eine Website gegründet, die für Therapeut*innen wie auch für Betroffene vertiefte Information und Beratung zum Thema Ersatzkind anbietet.1

Es ist nun aber nicht so, fügt sie einschränkend hinzu, dass jedes Kind, das nach dem Tod eines Geschwisters oder eines anderen Familienmitgliedes geboren wurde, ein Ersatzkind wäre. In vielen Situationen wird die Geburt eines Kindes gefeiert und das Kind kann bedingungslos und ohne Projektionen aufwachsen, insbesondere dann, wenn die verstorbene Person betrauert werden konnte. Dem Thema Trauern widmet die Autorin ein eigenes Kapitel, so wichtig ist ihr das Durcharbeiten vor einer neuen Schwangerschaft. Das betreffe, so Schellinski, nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater, Geschwister, Grosseltern und andere Verwandte. Immer wieder zitiert sie in diesem Zusammenhang das amerikanische Autorenpaar Alber C. Cain und Barbara S. Cain, die bereits in den 1960er Jahren ein Standardwerk über dieses Thema schrieben.

Das Ersatzkind ist dann mit einer komplexen Situation konfrontiert, wenn Eltern versuchen, einen Verlust durch eine Geburt zu überwinden oder wenn sie in einem gefrorenen Trauerprozess eingeschlossen bleiben. Das Ersatzkind stellt dann fest, dass es ein konfliktreiches Leben im Schatten eines anderen Menschen führt und aufgrund der auferlegten Bindung an die oder den Verstorbene*n keine eigene Identität herausbilden kann. Ein Ersatzkind fühlt sich im Vergleich zu einem idealisierten toten Geschwister nie «gut genug», es leidet an existenzieller Unsicherheit und Identitätsproblemen, Schuldgefühlen, festsitzendem Kummer und Beziehungsproblemen. Es kann Dinge nicht ansprechen, weil sie in der Familie tabuisiert werden, Gefühle gegenüber verschiedenen Familienmitgliedern und die entsprechende Verbalisierung werden verhindert und verdrängt.

Ein eigenes Kapitel ist der komplexen mehrschichtigen Schuldfrage gewidmet, die Schellinski als etwas Zentrales ansieht, nämlich die Schuld überlebt zu haben (survivors’s guilt). Der verstorbenen Person gegenüber werden ambivalente Gefühle von Liebe und Wut und zugleich Verantwortung empfunden. Sie können erst gelöst werden, wenn symbolisch die Repräsentation des verstorbenen Anderen «getötet» wird, da nur so der darauffolgende Trauerprozess möglich wird. Eindrücklich schildert die Autorin diese Prozesse in mehreren klinischen Fällen.

Es folgen weitere Individuationsschritte und die Suche nach dem eigenen Selbst, die Schellinski wiederum anhand zahlreicher Beispiele, nicht zuletzt an ihrem eigenen, aufzeigt. Der Prozess der Individuation ermöglicht es erwachsenen Ersatzkindern, sich von Projektionen oder unbewussten Identifikationen zu befreien, im Dialog mit Bildern des Unbewussten, in einer sicheren und verständnisvollen Umgebung und in einer Analyse. Akzeptanz, Anerkennung und Bewusstwerdung können erwachsenen Ersatzkindern helfen, sich wieder mit ihrem Selbst und mit dem Anderen zu verbinden.

Schellinski liefert ein wichtiges Buch, das eine Lücke im psychoanalytischen Wissen schliesst. Kritisch könnte man vielleicht den etwas unklaren Aufbau erwähnen, der erst mit der Zeit besser verständlich wird. Auch wird der Ersatzkind-Begriff breit verwendet, eine Klientin hatte das verstorbene Kind der Grossmutter zu ersetzen, eine andere die Mutter. Auch könnte man anfügen, dass sich viele Geister in der Kinderstube tummeln, darauf hat bereits Selma Fraiberg (1980) eindrücklich hingewiesen. Nicht nur Erwachsene projizieren auf Kinder, sondern auch Kinder holen sich Vorbilder und Rollenvorstellungen von Erwachsenen. So «ersetzte» zwar C.G. Jung seine drei verstorbenen Geschwister mit all den möglichen, von Schellinski beschriebenen Implikationen, aber sein verstorbener Grossvater väterlicherseits, der in Basel mit dem gleichen Namen als patriarchale Persönlichkeit, Freidenker und Wissenschaftler lebte, diente ihm meiner Ansicht nach ebenfalls als starke Identifikations- und Projektionsfigur (s. Meier, 2015), der ihm Werte, Ideale und ein Zugehörigkeitsgefühl vermittelte, mehr noch als seine Eltern.

Alles in allem wirft das Buch von Schellinski ein wichtiges Licht auf bisher wenig geklärte Zusammenhänge.

Isabelle Meier

Literatur

Fraiberg, S. (1980). Ghosts in the nursery: a psychoanalytic approach to the problem of impaired infant-mother relationships. In dies., Clinical Studies in Infant Mental Health. The First Year of Life (S. 164–196). London: Tavistock.

Meier, I. (2015). Grosse Eltern – Grosseltern. Archetypische und klinische Perspektiven der Grosseltern-Enkelkind-Beziehung. Frankfurt/M.: Brandes & Apsel.

1 www.replacementchildforum.com

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