Buchbesprechung

Jill Mellick (2018). The Red Book Hours. Discovering C. G. Jung’s Art Mediums and Creative Processes

Zürich: Scheidegger & Spiess.ISBN: 978-3-85881-816-4. 454 S., 97 EUR

Jill Mellicks Buch ist in mancher Hinsicht erstaunlich. Schwer zu glauben, dass diese zierliche Lady die Begeisterung, Ausdauer, Kühnheit, Vernetzungskunst, Feinfühligkeit und Achtung aufzubringen vermochte, um diesen imposanten drei Kilo schweren Fundus hervorzubringen. Es mussten viele Hürden überwunden, Sponsoren überzeugt, hoch spezialisierte Techniker*innen und Forschende gefunden und neue Verfahren ausgedacht werden. Diese verrückte Unternehmung wäre aber zuallererst ohne die wundersame, tatkräftige Unterstützung von Grosskindern von C. G. Jung nicht denkbar gewesen. Man kommt darum unweigerlich auf den Verdacht, dass Jungs Stärken, auf die die Autorin bei ihrer Erforschung des Roten Buches gestossen ist, auch ihr selbst nicht ganz fremd sind.

Am Ursprung dieser Herkulesarbeit stand das Interesse der Autorin, selbst jungsche Analytikerin, Poetin und Malerin, für das Wie in Bezug auf Das Rote Buch. Sie wollte herausfinden, welche Medien, Methoden und Prozesse C. G. Jung für sein aussergewöhnliches Buch gewählt hatte, wo er die Visionen, die er nach dem Bruch mit Freud 1913 gehabt hatte, im Laufe von 16 Jahren in Kalligrafie und gemalten Bildern auf Papier brachte. Das Rote Buch wurde 48 Jahre unter Verschluss gehalten, bis die Familie sich 2009 für die Veröffentlichung entschied. Die Erforschung von Jungs Wahl der Medien, der Techniken und der Arbeitsumgebung müsste zu einem besseren Verständnis seiner Ansätze und seines eigenen kreativen Prozesses führen. Das Rekonstruieren seiner langjährigen Arbeitsweise würde ein wertvolles Licht auf die seelische Entwicklung werfen, die von Jung dabei gefordert wurde. Alles, sowohl der Inhalt seiner Visionen und die gewählte Ausdrucksweise wie auch das Material und die Räumlichkeiten, die er für seine Beschäftigung aussuchte, müsste zum kreativen Prozess beigetragen haben – soweit die Hypothese zu Projektbeginn.

Die Autorin bringt es in der Tat fertig, genau aufzuzeigen, wie Jung seine Arbeit am Roten Buch verrichtete. Zahlreiche Aufnahmen des Materials, der Räume und der Stimmungen am See in Küsnacht und in Bollingen bringen einem die geduldige, lernintensive, schweigsame Arbeitsweise nahe. Zeugnisse von Freunden und Wegbegleiterinnen, Gedichte und Aufnahmen der Skulpturen Jungs an seinem zweiten Wohnort, am Turm in Bollingen, vervollständigen das Bild einer unverdrossenen Suche nach dem seelisch passendsten Ausdrucksmedium für sein Innenleben.

Dank genauer Analysen winziger Reste von Farben, die im Buch gefunden wurden, stellte sich zur allgemeinen Überraschung heraus, dass Jung nicht Tempera gebrauchte, sondern selbst gemischte Wasserfarben und Gouache. The Red Book Hours illustriert akribisch, wie Jung sich für eine langwierige Technik mit Pigmenten in Puder und Gummiarabikum entschied, die ihn immer wieder zur erneuten Betrachtung, Aufarbeitung und Analyse seiner Visionen zwang. Vergrösserungen zeigen Jungs Gebrauch transparenter und deckender Farben bis in die kleinsten Details von Illuminationen. Die Analyse der Wahl und des Gebrauchs der intensiven Pigmente, die Jung eigens bestellte, lässt auf eine leidenschaftliche Liebe für Farben schliessen, nach Mellick «a lifelong love affair». Ebenso erforderte seine Wahl der Kalligrafie und der Illuminationen für seine Texte besonders viel Geschick und Geduld. Was im Spätmittelalter die Aufgabe mehrerer Spezialisten (für jenen Zeitpunkt ist die rein maskuline Bezeichnung wohl zutreffend) – einem Schreiber, einem Rubricator, einem Illustrator und einem Illuminator – gewesen war, verrichtete Jung allein. Jeder Schritt in seiner Arbeit erforderte ein beinahe klösterliches Ritual: Stille, kontemplativen Rückzug, einen sorgfältig eingerichteten, geschützten Raum, die technisch korrekte Anwendung des Materials und dazu einen nährenden Fluss von Gedanken und Emotionen.

Die umfassende Erforschung von Jungs Arbeit am Roten Buch bestätigt die Anfangsvermutung der Autorin. Jene zeigt eindrücklich, dass das Werk nicht möglich gewesen wäre ohne totale Konzentration, bewegliche Genauigkeit, Suche nach Vollkommenheit und unaufhörliches technisches Üben. Ebenso wichtig war das räumliche und zeitliche Zusammenwirken von inneren Zuständen und konkreten Ausdrucksweisen. Aus der ungebrochenen, ritualisierten Beschäftigung mit dem Roten Buch schliesst die Autorin, dass Kunst für Jung eine spirituelle Praxis gewesen war.

Abgesehen von den reichhaltigen Texten, Zeugnissen, Gedichten und Erläuterungen ist The Red Book Hours mit seinen exzellenten Aufnahmen ein wahres Fest für die Augen.

Lucienne Marguerat


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