Buchbesprechung

Gerhard Burda (2019).Pandora und die Metaphysica medialis. Psychotherapie – Wissenschaft – Philosophie

Münster, New York: Waxmann.ISBN: 978-3-8309-9040-1. 187 S., 29,90 EUR

Neben der Publikation wissenschaftlicher Beiträge zur Psychotherapie besteht das Ziel dieser Zeitschrift auch darin, die Psychotherapie als eigenständige Wissenschaft zu etablieren. Diverse Artikel sind dazu bereits erschienen. So auch in der letzten Ausgabe. Einer der Autoren war Gerhard Burda mit seinem Beitrag «Psychotherapie und Wissenschaft: eine Nabelschau?» Zeitgleich mit dem Verfassen seines Beitrags hat er sein Buch über eine Philosophie der Psychotherapiewissenschaft abgeschlossen und veröffentlicht. Mit den Beiträgen des letzten Hefts haben wir ja eine Diskussion zum Thema der Eigenständigkeit lanciert. So ist es nur selbstverständlich, dass wir nun dieses Buch besprechen, um Burdas weitere Gedanken zum Thema zu skizzieren Dabei muss ich als Rezensent offenlegen, dass ich in diese Thematik auch selbst involviert bin, und mein Denken psychotherapeutisch und gleichzeitig naturwissenschaftlich strukturiert ist. Trotzdem nehme ich in Anspruch, nicht einem naturwissenschaftlichen Reduktionismus verfallen zu sein, das heisst den Geist nicht auf physikalische Vorgänge zu reduzieren. Burda ist Philosoph, an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien habilitiert, und verfolgt einen ideengeschichtlichen Ansatz, der an die antike Metaphysik anknüpft. Statt eines konservativ-restaurativen Interesses, versucht er, auf progressive Weise alte Sinnzusammenhänge auf eine kritische neue Art und Weise zu entwickeln. Damit eröffnet er eine neue, radikal skeptische Perspektive. Die vorliegende Rezension ist somit nicht nur eine Beschreibung des Inhaltes von Burdas Philosophie der Psychotherapiewissenschaft, sondern auch der Versuch einer Auseinandersetzung mit ihr.

Burda geht von zwei unterschiedlichen Zugängen zum therapeutischen Prozess aus. Der eine, der traditionelle, setze Wirklichkeit voraus. Hier gehe es um Substanzen, Identitäten, Subjekte und Objekte, konkrete Phänomene, Symptome, die entdeckt, hermeneutisch erschlossen oder auch konstruiert werden können, kurz: um «reale» Dinge. Diese bezeichnet er als «Mediate». Der traditionellen Sicht der Dinge, die per se als eher statisch bezeichnet werden kann, setzt er eine dynamische entgegen; der Substanz den Prozess, der Identität die Selbst-Differenz, dem Subjekt-Objekt-Verhältnis die Inter-Referenz und dem Realen das Phantasmatische. Diese Gegenübersetzungen bezeichnet er als «Medien», weil sie mehr prozesshaft, sich als im Übergang befindlich aufgefasst werden. So bestünden Subjekt und Objekt zum Beispiel nicht von sich aus, sondern bilden sich erst in diesem Prozess als Inter-Referenzen. Auch der Prozess selbst bestehe nicht einfach, sondern er ergebe sich im Milieu vielfältiger Wandlungen erst durch diese Übergänge. Dieser Ansatz entspreche einem sich dauernd ereignenden Seinsprozess. Das ist eine ganz andere Grundannahme als die traditionelle einer fix bestehenden Wirklichkeit, selbst wenn sie konstruktivistisch aufgefasst wird.

Die dynamische Sicht zeigt, dass die Konstrukte sich in einem ständigen Wandlungsprozess befinden. In diesem Sinn eignet sie sich für eine psychotherapeutische Erkenntnistheorie. Dies ist nicht nur logisch, sondern auch intuitiv verstehbar, wenn man an die eigene, individuell erlebte Unsicherheit beim Erarbeiten von neuem Wissen denkt, oder an die Verteidigung gegen neues Wissen, das immer auch eine bedrohliche Komponente hat, indem es die Gewissheiten bedroht, in denen man sich eingerichtet hat.

Das neue Denkwerkzeug der Auffassung von allem Seienden als Medium, das auch als Selbst-Differenz oder als Verbindungs-Trennungs-Verbindungsverhältnis (VTV) bezeichnet werden kann, ermöglicht ein neues Verständnis des Denkens und des Generierens von Wissen. Denken und wissenschaftliche Konzepte lassen sich als Ausdruck von Verbindungen und Trennungen verstehen, denn der Mensch sei in allen seinen Bestrebungen vor allem eines: «[E]in Wesen, das sich selbst und andere in unterschiedlichsten Verbindungs- und Trennungsverhältnissen zu erfassen sucht» (S. 12). Dadurch ist ein basaler, unser Erkenntnisstreben prägender Dualismus gegeben. Dabei seien nicht zwei Arten von Sphären gemeint, sondern dass sich unsere Erkenntnisbemühungen zwischen zwei phantasmatischen Polen ereignen, die in uns selbst als Subjekt und Objekt erscheinen, wobei wir uns meist auf den Pol des Subjekts projizieren. Wir können unsere Erkenntnisbemühungen aber auch auf den Pol des Objekts projizieren, das heisst unser eigenes Denken objektivieren. Denken über das eigene Denken führt auch wieder zu Phantasmen. Darum betont Burda die Selbst-Differenz beider Pole, sie bilden nicht starre Identitäten. Mit dieser Erkenntnis kann man sich nicht auf eine präreflexive Identität beziehen, und diese als Fundament des Wissens ausgeben. Wissen benötigt immer einen zweiten Pol, um sich über sich selbst aufklären zu können. Das heisst, wir befinden uns in einer ständigen dualistischen Bewegung zwischen den beiden phantasmatischen Polen. In der Wissenschaft geht es «immer um beides zugleich, nämlich um das Bewusstsein um Verbindung UND Trennung, und damit um etwas, was nicht fundamentalistisch ins eine oder andere aufzulösen ist» (S. 13). Dies ist besonders für die Psychotherapiewissenschaft von fundamentaler Bedeutung. Und eigentlich gilt dies für jedwede Wissenschaft, nur – eine Philosophie der Psychotherapiewissenschaft kann sich nicht hinter einem präreflexiven Bezug zu einem äusseren Gegenstand verstecken, weil ihr Gegenstand die sich selbst reflektierende Psyche selbst ist. C. G. Jung hat sich in seinem Aufsatz «Analytische Psychologie und Weltanschauung» mit diesem Problem auseinandergesetzt. Anders als Burda hat er zur Beschreibung nicht ein logisches philosophisches System geschaffen, sondern ein Bild dazu verwendet:

«Wir haben Weltanschauung nicht für die Welt, sondern für uns. Wenn wir nämlich kein Bild von der Welt als Ganzem erschaffen, so sehen wir auch uns nicht, die wir doch getreue Abbilder eben dieser Welt sind. Und nur im Spiegel unseres Weltbildes können wir uns völlig sehen. Nur in dem Bilde, das wir erschaffen, erscheinen wir. Nur in unserer schöpferischen Tat treten wir völlig ins Licht und werden uns selber als Ganzes erkennbar. Nie setzen wir der Welt ein anderes Gesicht auf als unser eigenes, und eben darum müssen wir es auch tun, um uns selbst zu finden» (Jung, 1931, §737).

Die Tatsache, dass Wissen einen zweiten Pol braucht und dass beide Pole phantasmatisch sind, hält den Erkenntnisprozess in einer ewigen Pendelbewegung aufrecht. Oder im jungschen Bild ausgedrückt: Um die eigene Psyche zu erforschen, müssen wir der Welt laufend eigene Gesichter aufsetzten, um uns in diesem Spiegel als Ganzes zu erkennen. Das heisst, der subjektive Faktor gerät in den Vordergrund und entpuppt sich dabei für das Individuum als objektiv, weil das eigene Erleben das Einzige ist, was wir direkt wahrnehmen können. Das direkte Erleben in der Erstpersonperspektive ist nicht phantasmatisch, nur seine Deutung ist es, weil diese ein Konstrukt darstellt.

Nach Burda sei an philosophischen Grundentwürfen jener Punkt am interessantesten, an dem Inkonsistenzen auftreten. Für diesen Leitgedanken hat er die Wortschöpfung «Selbst-Differenz» geschaffen, die sich wie ein roter Faden durch die Arbeit zieht und nicht nur in einem theoretischen, sondern auch methodischen Sinn Verwendung findet. Der Ausdruck «Medium» verwendet er als vollkommen neutrale Bezeichnung für alle Arten von Seiendem, der nicht in einem physikalischen, sondern in einem ontologischen Sinn aufzufassen sei. Jedwedes Medium sei phantasmatisch (d. h. als Konstrukt) und als selbst-different zu verstehen, wenn es zur Generierung von Wissen dienen soll.

Das «Phantasma», das neben Selbst-Differenz und Medium als dritter Begriff in dieser Denkfolie dazukommt, habe insofern eine erkenntnistheoretische Schlüsselfunktion, als es bestimme, wie wir uns den Gegenständen des Wissens annähern, das heisse, mit welcher Grunderwartung das Kästchen der Pandora geöffnet werde. Als Illustration dieses Gedankens kann die Gentechnik herangezogen werden; die Grunderwartung beim Verändern der Gensequenzen von Lebewesen ist heute Gegenstand moralischer und ethischer Diskurse, die nicht nur in der Wissenschaft, sondern gesamtgesellschaftlich stattfinden. In diesem Sinne nimmt das Kästchen der Pandora im Erkenntnisvorgang dieselbe symbolische Bedeutung ein wie die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Bei beiden Bildern geht es um das Erwachen des menschlichen Bewusstseins. Dadurch sind wir verantwortlich für die Folgen der Veränderung der Gensequenzen.

Burda begründet auch ausführlich die Historizität der dynamischen Sicht, indem er sie ideengeschichtlich mit philosophischen Strömungen von der antiken Metaphysik bis zu den Richtungen der Gegenwart in Beziehung und Differenz setzt. Damit erfüllt sie ein wichtiges wissenschaftliches Kriterium, um als Philosophie der Psychotherapiewissenschaft in Frage zu kommen. Für philosophisch versierte ist dies ein anderer spannender Teil des Buches.

Im letzten Viertel der Publikation arbeitet Burda die wissenschaftstheoretische Relevanz alternativer Theorien der Wirklichkeit für die Psychotherapiewissenschaft heraus. Er zeigt, dass wissenschaftliche Theorien auf impliziten, einander wiedersprechenden Auffassungen der Wirklichkeit beruhen und ungenügend reflektiert würden. Mit ihrer apriorischen Voraussetzung beanspruchten sie, das wissenschaftliche Feld zu normieren.

Ihr Scheitern im Hinblick auf die Psychotherapie untersucht Burda im letzten Kapitel aus dem Blickwinkel einer radikal skeptizistischen Ontologie. Damit stellt er eine wissenschaftstheoretische und wissenschaftsphilosophische Alternative vor, sowohl zum Begründungsversuch des Konstruktiven Realismus (der im letzten Heft dieser Zeitschrift vorgestellt wurde) als auch zum Hegelianismus von Gottfried Fischer (der in dieser Zeitschrift auch schon zur Sprache gekommen ist). Gemäss Burda

«muss es also darum gehen, einen eigenen psychotherapiewissenschaftlichen Zugang zur Psyche zu entwickeln, der seinem Namen gerecht wird und nicht einfach dem Diktat der Naturwissenschaften untersteht. Das heißt, wenn wir von der Psyche sprechen, so sollten wir den Mut haben, ein eigenes Feld zu beanspruchen, das sich von demjenigen der Naturwissenschaften – aber eben auch von Spielarten der Geisteswissenschaften – unterscheiden lässt. Dieses Feld ließe sich so charakterisieren, dass darin allen Phänomenen ein phantasmatischer Status zugesprochen wird. Unser Feld ist phantasmatisch strukturiert. Und eben nicht elektromagnetisch, feinstofflich oder quantenphysikalisch. Diese Qualität kommt besonders auch dann zur Geltung, wenn der Mensch sich selbst begrifflich bezeichnet» (S. 88).

Als Naturwissenschaftler kann ich dieser Grundlegung zustimmen, da sie nicht den Weg versperrt, naturwissenschaftlich begründete Tatsachen in das phantasmatische System einzuführen. Im Gegenteil, sie unterliegen dann der Dynamik des kritischen Verbindungs-Trennungs-Verbindungs-Diskurses.

Jedenfalls ist der dynamische Ansatz nicht nur für eine neue Philosophie der Psychotherapiewissenschaft produktiv, er beeinflusst auch den therapeutischen Prozess. Die Therapierenden werden sich der Wandelbarkeit der Konzepte bewusster, was sich auch auf ihre Haltung und Zielsetzung gegenüber der Therapie auswirken kann. Bei Jung zeigt sich dies in der Aussage:

«Die Wirkung, auf die ich hinziele, ist die Hervorbringung eines seelischen Zustandes, in welchem mein Patient anfängt, mit seinem Wesen zu experimentieren, wo nichts mehr für immer gegeben und hoffnungslos versteinert ist, ein Zustand der Flüssigkeit, der Veränderung und des Werdens» (Jung, 1929, §99).

Burdas Buch ist vielschichtiger und reichhaltiger, als hier gezeigt werden kann. Wenigstens die grundlegenden Denkfolien konnten kurz beschrieben werden. Es lohnt sich, das Buch zu lesen, auch wenn es sehr anspruchsvoll ist. Ein geistiges Abenteuer mit Erkenntnisgewinn ist garantiert. Jedenfalls wird in das Projekt der eigenständigen Wissenschaftlichkeit der Psychotherapie diese neue Perspektive miteinfliessen.

Mario Schlegel

Literatur

Jung, C. G. (1929). Ziele der Psychotherapie. GW 16, 48–63.

Jung, C. G. (1931). Analytische Psychologie und Weltanschauung. GW 8, 393–418.

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