Kongressbericht

Society for Psychotherapy Research, 50st Annual International Meeting, Buenos Aires, 3.–6. Juli 2019

Peter Schulthess

Die Society for Psychotherapy Research (SPR) feierte dieses Jahr ihren 50. Geburtstag in Buenos Aires anlässlich ihrer Jahrestagung vom 3. bis zum 6. Juli 2019. Kongressthema war «The Future of Psychotherapy Research: Building on our 50 Year Legacy».

Der Kongress war trotz des Jubiläums nicht so gut besucht wie jener vor einem Jahr in Amsterdam. Südamerika scheint für viele EuropäerInnen eben doch etwas weit weg zu sein. Dafür traf man viele südamerikanische Teilnehmende und konnte Einblick nehmen in das Forschen hierzulande.

Louis Gastongay (Pennsylvania) gab aus Anlass des Jubiläums einen historischen Rückblick über Personen und Themen, die die SPR in dieser Zeit geprägt hatten. Als relativer Newcomer in der SPR war es für mich sehr informativ, zu hören, welche herausragenden Forscher-Persönlichkeiten mit welchen inhaltlichen Interessen die Psychotherapieforschung prägten. Es gelang ihm, von jeder dieser Persönlichkeit ein Bild zu zeichnen und ihr wissenschaftliches Wirken zu würdigen.

Spannend war auch, den Gründungsanlass der SPR zu erfahren: Die American Psychological Association (APA) veranstaltete vor 52 Jahren einen Kongress an der Universität von Chicago über Psychotherapie, wo David Orlinski als junger Forscher tätig war. Er wollte aus Interesse teilnehmen, doch wurde ihm damals die Teilnahme versagt, da er noch zu jung sei und zu wenige Publikationen vorzuweisen hätte. Die APA gebärdete sich damals als exklusiver Club arrivierter Forschender. So lancierte Orlinski die Idee, eine neue Gesellschaft für Psychotherapieforschung zu gründen, die inklusiv statt exklusiv sein wollte und insbesondere junge Forschende und gar Studierende willkommen heisst.

Seit 50 Jahren hat dies nun Bestand und die SPR kann geltend machen, dass sie die innovativste internationale Psychotherapievereinigung weltweit ist. Es gelang ihr wirklich, Forschende aus allen Kontinenten zusammenzubringen, junge Forschende und Studierende, die gerade an ihrer Dissertation arbeiten, zu fördern und mit den sogenannten Koryphäen der Forschung in Kontakt zu bringen. Es herrscht ein wissenschaftlicher Diskurs auch über unterschiedliche Forschungsdesigns hinaus, über deren Vorteile und deren Nachteile, und wie die Psychotherapieforschung der Zukunft sich zu entwickeln hätte, um mehr praxisrelevante Fragen zu beantworten und jene Fragen zu beforschen, die bisher vermieden wurden (oft aus methodischen Gründen).

Die Atmosphäre der SPR-Kongresse ist sehr kollegial. Es ist wohl die einzige Fachvereinigung, in der ein Neumitglied gleich mit allen in einer kollegialen Form und mit dem Vornamen verkehren kann. Man hilft sich gegenseitig. Das durfte ich als Vorsitzender der Wissenschaftskommission der EAP erfahren, als ein spanischer Kollege vor einem Jahr alarmiert nach Forschungsnachweisen für die Wirksamkeit der Psychotherapie nachfragte. Eine politische Kommission in Spanien (wo gerade ein Psychotherapiegesetz erlassen werden soll) würde behaupten, Psychotherapie sei Scharlatanerie und hätte keinerlei Wirksamkeitsforschung zu bieten. Innert weniger Tage hatten wir von allen renommierten Forschenden so viele Unterlagen und Literaturhinweise erhalten, dass es ein Leichtes war, die Behauptung dieser Kommission zu widerlegen. Das zeigt, wie wichtig es ist, über solche Kontakte aus Kongressen zu verfügen.

Das Präsidium der SPR wechselt jährlich. Zu den Pflichten des Incoming President gehört jeweils die Organisation des Kongresses. Bruce Wampold, der dieses Jahr zum Präsidenten gewählt wurde, machte das zusammen mit den lokalen argentinischen OrganisatorInnen sehr gut. Lag das Präsidium letztes Jahr in den Händen von Mariane Krause (Chile), so wird Bruce den Stab in einem Jahr an den Schweizer Martin Grosse Holtforth weitergeben. Er wird nun den nächsten Kongress vom 17. bis zum 20. Juni 2020 in Amherst (Massachusetts) organisieren.

Etwa 500 Präsentationen fanden inklusiv der Pre-Congress Workshops in diesen drei Tagen statt. Beeindruckend waren Qualität und Niveau der Beiträge. Da die meisten Präsentationen in Parallelveranstaltungen stattfanden, war man natürlich gezwungen, eigene Prioritäten zu setzen. Ich folgte einerseits den Präsentationen der SchweizerInnen, um zu sehen, woran man an unseren Universitäten forscht, und andererseits den Themen der Allianzforschung und dem Stellenwert der qualitativen gegenüber der quantitativen Forschung.

Quantitative und qualitative Forschungen müssen kombiniert werden, wenn man den Veränderungs-Mechanismen auf die Spur kommen will, und dies ist ein Hauptfokus der Psychotherapieforschung der Zukunft. Sinnvolle Interpretationen von Zahlenwerten, die durch quantitative Methoden generiert werden, können nur in Verbindung mit ergänzender qualitativer Forschung vorgenommen werden. Umgekehrt können qualitative Fallstudien nicht ohne Zahlen auskommen, wenn sie in Metaanalysen berücksichtigt werden wollen. Bei Fallstudien wird zwischen klinischen und Forschungs-Fallstudien unterschieden. Sie unterscheiden sich in der Art der Dokumentation und der verwendeten Untersuchungsinstrumente. Als Konsequenz des Umstandes, dass nach 50 Jahren mit tausenden RCTs und Metanalysen, über die zwar viel Wissen über die allgemeine Wirksamkeit der Psychotherapie generiert wurde und Vergleiche von Verfahren angestellt wurden, aber noch immer wenig bekannt ist, was es denn ausmacht, ob eine Veränderung im Sinne eines Therapieerfolges geschieht oder nicht, war man sich in Panels oft einig, dass die qualitative Forschung stärker gewichtet werden müsse. Damit das aber möglich ist, müsste sie sich so entwickeln, dass eine strukturierte Dokumentierung von Einzelfallstudien Vergleiche mit anderen ermöglicht, sodass auch über den Einzelfall hinaus generalisierende Aussagen zum Veränderungsprozess gemacht werden können. Die in diesem Heft vorgestellte Methode der Single Case Experimental Designs stellt eine innovative Verbindung von qualitativer mit quantitativer Forschung (ursprünglich in der Bildungs- und Sozialforschung entwickelt) für klinische Studien dar, die in der Hierarchie der Evidence based Medicine einen vergleichbaren Stellenwert zu RCTs, aber eine höhere externe Validität erreicht.

Um hier am Puls zu bleiben, habe ich mich einer Fachgruppe angeschlossen (in der auch Ueli Kramer von der Universität Lausanne sitzt), die Kriterien für qualitative Forschungsdesigns entwickelt, sodass diese besser in relevanten Journals publiziert werden und in Metaanalysen einfliessen können.

Christoph Flückiger (Universität Zürich) berichtete über eine Metanalyse zur Allianzforschung (Project Alliance Metanalysis 2020), aus der erste Werte zu berichten sind: Die therapeutische Allianz ist, unabhängig von Störungsbildern, der wichtigste und ein robuster Prediktor für eine erfolgreiche Therapie.

Ich nahm die Gelegenheit auch war, einen Beitrag aus der PAP-S zu präsentieren: Therapien, in denen es den TherapeutInnen im Verlaufe der Therapie gelang, die Beurteilung der Allianz so zu verändern, dass die Beurteilung aus Sicht der PatientInnen und deren TherapeutInnen sich angleicht, verlaufen deutlich erfolgreicher als solche, in denen eine Differenz in der Beurteilung aus der jeweiligen Sicht verbleibt. Das stellt natürlich Fragen, beispielsweise wie die therapeutischen Skills in der Weiterbildung zu trainieren sind, sodass TherapeutInnen in die Lage versetzt werden, sich in diesem Sinne zu PatientInnen einzutunen.

Die bisherige Psychotherapieforschung hat viel auf PatientInnen, Störungsbilder und Verfahren mit ihren Interventionen fokussiert und dabei vernachlässigt, auch die Person der TherapeutInnen zu beachten (aus methodischen Gründen: In der aus der Pharmazie stammenden RCT-Forschungslogik und der frühen verhaltenstherapeutischen Logik wurde die Person der TherapeutInnen lediglich als Störvariable begriffen, wichtig waren Diagnose und Interventionen, die unabhängig der Person der TherapeutInnen gleich wirken sollten.) Das wird in der Forschung der Zukunft verändert werden müssen. Es geht darum, Beziehungsprozesse zwischen Menschen als gelingende oder nicht gelingende Interaktions- und Kommunikationsprozesse zu beforschen, und das bedingt auch den Einbezug der Person der TherapeutInnen mit ihrer jeweils eigenen Persönlichkeitsdynamik und Sozialkompetenz.

Wenig Beachtung wurde bisher auch den nonverbalen Aspekten in der therapeutischen Begegnung geschenkt. Spannend waren da etwa die Präsentation von Wolfgang Tschacher (Universität Bern) über Synchronisierungsprozesse während der Therapiesituation (Mimik, Stimme, Sitzhaltung, Bewegungen) oder eine Studie von Clara Hill zu Schweigen als Intervention. Man war sich einig, dass diese Aspekte nicht länger vernachlässigt werden dürfen, wenn die Psychotherapieforschung von morgen Antworten darauf finden will, warum Therapie manchmal gut gelingt, manchmal nicht und manchmal gar schadet.

Von einem Panel zum Thema Forschung zur Psychotherapieintegration am Schluss des Kongresses möchte ich gern einige kurze Statements wiedergeben.

  • James Boswell, Albany (USA): Forschung sollte mehr prozess-orientiert sein, weniger outcome-orientiert.
  • Franz Caspar, Bern: Man soll sich nicht auf RCTs versteifen. Das Forschungsproblem dort sei, dass die APA eine Manualisierung der Therapie vorschreibe, was er als Misskonzeption erachte. Eine heuristische Analyse des therapeutischen Handelns sei wichtiger als von Beginn weg zu manualisieren. Der Prozess der Therapieintegration sei noch wenig untersucht.
  • Louis Castongay, Pennsylvania (USA): «Stop reading RCTs!», kündigt ein Buch an, in dem ExpertInnen verschiedener Richtungen mit Befunden aus der Veränderungs-Forschung konfrontiert und befragt wurden, wie sie diese in ihren Therapieansatz integrieren würden.
  • Shigeru Iwakabe, Japan: Die Rolle der Emotion in der Psychotherapie sei wichtig. Bei Therapieintegration sei nicht spannend, wie Methoden integriert werden könnten, sondern was und wie TherapeutInnen integrieren.
  • Tenor aus dem Publikum: Dass RCTs der Königsweg für Forschung seien, sei eine imperialistische Attitüde. Die These, dass Kausalität nur durch RCTs gezeigt werden könne, sei schlicht nicht war.
  • Caspar und Castongay: Keine Methode solle ausgegrenzt werden, vielmehr seien verschiedene Forschungsansätze zu integrieren statt gegeneinander auszuspielen.

Ich empfehle allen Praktizierenden die Teilnahme an solchen Konferenzen zur professionellen Weiterbildung. Seitens der ASP hat mich unsere Präsidentin Gabriela Rüttimann begleitet. Es wäre zu wünschen, wir wären noch mehr Leute aus unseren Kreisen, so könnten wir auch gemeinsam verarbeiten und diskutieren, was wir an neuen Einsichten mit nach Hause nehmen.

Und bei aller Wissenschaftlichkeit: Es ist unglaublich und freudig zu sehen, welchen Stellenwert das Tanzen am Schluss des Kongresses nach dem Galadinner hatte. Das ging ja ab mit diesen Forschenden bis in die frühen Morgenstunden, von jung bis alt.

Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks


Copyright (c) 2019 Peter Schulthess

Lizenz-URL: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/