Eckhard Frick, Isgard Ohls, Gabriele Stotz-Ingenlath und Michael Utsch (Hrsg.). (2018). Fallbuch Spiritualität in Psychotherapie und Psychiatrie

Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN: 978-3-5254-0296-2. 162 Seiten, 20,00 EUR; e-pub: 15,99 EUR, 23,90 CHF

Psychotherapie-Wissenschaft 9 (1) 83–85 2019

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https://doi.org/10.30820/1664-9583-2019-1-83

Religiöse und spirituelle Themen sind in der wissenschaftlich fundierten Psychotherapie viele Jahrzehnte übergangen worden. Das Fallbuch Spiritualität betritt fachliches Neuland und ist das erste seiner Art im deutschsprachigen Raum. Während die Psychoanalyse die Macht der Sexualität ans Licht gebracht sowie salon- und sprachfähig gemacht habe, hinke jetzt die Psychotherapie in den deutschsprachigen Ländern den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. Glaube, Religion und Spiritualität seien nämlich Themen, die gerade in einem säkularen Zeitalter an Bedeutung gewonnen hätten, ist die Feststellung der Herausgeber*innen des Buches. Konzipiert ist es als Praxisbuch zum Positionspapier «Empfehlungen zum Umgang mit Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie», das von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) publiziert wurde, zum Teil von denselben Autor*Innen (Utsch et. al., 2017). Das Positionspapier wurde auf dem Hintergrund von Kontroversen geschrieben, die das Österreichische Bundesgesundheitsministerium (2014) mit seiner Richtlinie ausgelöst hat, die spirituelle Rituale und religiöse Methoden in der Psychotherapie verbietet. Sie hat sich auf die EAP ausgeweitet, wo sie noch nicht abgeschlossen ist, und wurde auch in den Zeitschriften der ASP, im à jour! (vgl. Schulthess, 2015) und in dieser Zeitschrift (vgl. Schlegel, 2017) geführt. In diesem Zusammenhang ist das Fallbuch eine konstruktive, «amtlich abgesegnete» Unterstützung der Position, wie sie auch von der Schweizer Charta für Psychotherapie in der ASP vertreten wird, nämlich dass das rigide Übergehen der Ressource «Religion und Spiritualität» der aktuellen Forschungslage nicht entspricht. Wie diese Ressource miteinbezogen und genutzt werden kann, wird durch die berufsethischen Grundsätze bestimmt.

Das Buch enthält 20 Fallgeschichten, in denen die religiöse oder spirituelle Orientierung der Patient*innen eine zentrale Rolle spielte. Präsentiert werden sie durch Mitglieder des Referats «Religiosität und Spiritualität» der DGPPN. Die Fälle werden zudem von Fachkolleg*innen kommentiert, wobei die Kommentare teilweise durch die berichtenden Therapeut*innen erwidert werden. Diese ungewöhnliche Anordnung zieht einen als Leser*in gleichsam in einen Supervisionsprozess hinein, eine Erfahrung die auch emotional berührt, weil es nicht nur um die Anwendung einer Theorie auf eine Fallvignette geht, sondern den Leser qua Gegenübertragung auch zum Supervisor macht und dadurch den Therapieprozess mehr miterleben lässt. Natürlich handelt es sich bei den Fallgeschichten nicht um alltägliche psychische Probleme, sie haben existenzielle menschliche Dimensionen, die einen an die eigenen Grenzen erinnern. Zwar werden die geschilderten Probleme in diagnostische Kategorien eingereiht und entsprechend behandelt, wodurch die Patient*innen Linderung erfahren. Die darüber hinausgehende existenzielle Hilfe erfolgt durch Offenhaltung eines über das eigene Ich hinausgehenden geistigen Bereiches.

Dies ist zum Beispiel durch den Fall «Ätherische Auflösung» dargestellt, wo es sich beim Patienten aus klinischer Perspektive um «Agoraphobie» handelte, die mit leitliniengerechtem Expositionstraining und Medikation behandelt wurde und dadurch zu einer gewissen Beruhigung führte. Am meisten weitergebracht hätten ihn, berichtete der Patient, aber Gespräche mit einer Psychiaterin, die seine Symptomatik auf ihren spirituellen Gehalt hin untersuchte. Er schilderte ihr quasimystische Erfahrungen und sein entsetztes Staunen über die dabei erlebte Unbegrenztheit, die ihn gleichzeitig ängstigte und faszinierte. Er berichtete ihr aber auch von seinen Problemen in der Kindheit und dem damaligen Wunsch Pfarrer zu werden. Wegen sexueller Kontakte in der Adoleszenz und den damit verbundenen Schuldgefühlen geriet er in Konflikte, weil er glaubte, seiner Berufung nicht nachkommen zu können. Die Psychiaterin empfahl ihm ein Gespräch mit einem Pfarrer. In diesem fühlte er sich bestätigt, sich für einen weltlichen und gegen einen geistlichen Weg entschieden zu haben. Selbstverständlich liess sich die Symptomatik auch psychoanalytisch interpretieren und sogar philosophisch verstehen. Mit seiner «Apeirophobie», dem «Verlorenheitsgefühl im All» sei dieser Patient ein «Philosoph wider Willen», leitet der kommentierende Kollege seine Sicht auf den Fall ein, und kommt neben psychoanalytischen Interpretationen zur Kierkegaard’schen Synthese und der «Sehnsucht nach dem Unendlichen», die bestehen bleibe und weder durch medikamentöse noch verhaltenstherapeutische Symptomkontrolle zum Schweigen gebracht werden könne. Noch durch psychoanalytische Einsicht, möchte ich hinzufügen.

Was kann man aus solchen Fallberichten lernen? Darum frägt sich im Rahmen des vorliegenden Themenheftes: Was ist hier der springende Punkt, worum geht es bei der Spiritualität in der Psychotherapie, und wie lassen sich die beiden Dimensionen aus wissenschaftlicher Sicht vereinbaren? Die Reichweite der Psychotherapie wurde im vorliegenden Fall ausgeschöpft. Die Therapeutin war aber offen für existenzielle philosophische Fragen, in diesem Fall für das Verlorenheitsgefühl, das letztlich alle selbstreflexiven Menschen betrifft. Hier sitzen wir mit den Patienten im selben Boot, er berührt uns und kann dies auch wahrnehmen. Das ist der therapeutische Wirkfaktor. Die Therapeutin erkannte seine spirituelle Not, und er fühlte sich verstanden und nicht allein gelassen. So konnte sie ihn zu einem «Spiritual» einem Pfarrer, schicken, der mehr als nur eine beratende Funktion wahrnehmen kann, da er als Geweihter sogar Absolution erteilen könnte. Nur eine mit dieser Macht ausgestattete Manapersönlichkeit konnte den Patienten in seinem Glaubenskontext von seiner Last befreien. Die Therapeutin konnte die spirituelle Not ihres Patienten erkennen und annehmen, und verfügte auch über das Wissen, wie ihm innerhalb seines Glaubenssystems geholfen werden konnte. Es geht nicht um Anwendung von Spiritualität und Religion, sondern um eine geschulte und sensible Wahrnehmung der spirituellen Bedürfnisse und kognitiven kritischen Möglichkeiten der Patienten sowie um Kenntnisse von Glaubenssystemen und Weltkonstrukten.

Das zweite Fallbeispiel kontrastiert in jeder Beziehung stark zum obigen. Hier handelt es sich nicht um einen fast kindlich anmutenden Patienten, sondern um einen Psychoanalytiker, der von einem schweren Schicksalsschlag getroffen wurde. Auch wird der Fall in Form eines analytischen Gesprächs dargestellt, was mehr Nähe erzeugt. Schmerzlich unter die Haut geht dieser Fall aber vor allem, weil es sich um einen Vater handelt, dessen Sohn sich aus Liebeskummer unter den Zug gelegt hat. Die Vorstellung, wie er sich unter den Zug legte, erinnerte ihn daran, dass er ihn als Kind schlug, bis er am Boden lag oder sich verzweifelt auf das Bett warf. Er kam sich vor, wie wenn er der Zug gewesen sei, der seinen Sohn überrollt hat. Extreme Schuldgefühle quälten ihn und er haderte als gläubiger Katholik mit Gott, dass dieser nicht ihn getötet habe, anstatt seinen unschuldigen Sohn. Der Therapeut war nicht nur Analytiker, sondern auch katholischer Theologe, eine wichtige Passung, denn besonders schmerzlich war für den Patienten auch die Gefahr des Glaubensverlustes. Im analytischen Gespräch ging es nicht um spirituelle Inhalte, sondern um eine ganz nüchterne Klärung seiner Schuld im Verhältnis zu Gott, nicht auf theologischer, sondern persönlicher Ebene. Ein Gespräch, wie es jeder Analytiker geführt haben könnte. Die reiche Kultur des Christentums um Schuld und Vergebung bildete den gemeinsamen Hintergrund, aus dem der geschulte Theologe eine einzige, vorsichtige, nondirektive spirituelle Intervention extrahierte, nämlich, ob nicht auch der Patient Gott vergeben könnte? Diese radikale Umdrehung der Perspektive ermöglichte es dem traumatisierten Vater, erstmal anders über sein Verhältnis zu Gott nachzudenken, ein Schritt, der sich auch auf emotionaler Ebene auswirken wird.

Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied im Verhalten des Therapeuten zum obigen Fall. Offenheit für die spirituellen Bedürfnisse, Erkennen des spirituellen Problems und eine Intervention, die dem Glaubenssystem des Patienten entspricht. Der Patient hat einen Therapeuten ausgesucht, der analytische und spirituelle Kompetenzen hat. Die essenzielle Frage hätte auch ein reiner Analytiker stellen können, was aber nicht dieselbe Wirkung gehabt hätte, weil ihm die nötige Kompetenz dazu gefehlt hätte. Beide Kompetenzen in einer Person war das, was der Patient gesucht hat und ihm der Therapeut folglich auch schuldig war. Eindrücklich ist, mit welcher «homeopathischen» Dosis er Linderung verschaffen konnte.

Die beiden Bespiele müssen an dieser Stelle leider genügen, um die Lust zu wecken, das Buch zu lesen. Es zeigt, wie im therapeutischen Kontext Spiritualität als befreiende Quelle der Kraft erlebt werden kann.

In den weiteren beschriebenen Fällen geht es um eine reiche Palette unterschiedlicher Problemstellungen, die nachfolgend zumindest knapp umrissen oder in Stichworten Erwähnung finden sollen:

  • Umgang mit Schuld und Schuldgefühl, Vergebung und Verzeihung
  • Glaubenskrisen und -zweifel
  • Die Frage nach dem einheitlichen Ich-Bewusstsein in psychotischem oder Depersonalisationserleben
  • In der traditionell abendländischen Kultur ungewohnte Auffassungen, wie der Glaube an Dschinnen
  • Rituelle Reinigungen
  • Magische Praktiken
  • Missbrauch von Religion, Befreiung aus Sekten
  • Spirituelle Interventionen, auf die vorsichtig und nondirektiv hingewiesen wird und die therapeutisch hilfreich sein können
  • Unerfüllte spirituelle Sehnsüchte bei Patient*innen, die ohne religiöse Erziehung aufgewachsen sind, wie etwa in der damaligen DDR

Weitere Fälle behandeln die Probleme hochreligiöser Patient*innen, die medizinische Krankheitskonzepte und eine leitliniengerechte Behandlung nicht annehmen können oder verweigern oder die sich in einem rein säkularen Medizinbetrieb nicht aufgehoben, nicht verstanden fühlen und dadurch – gerade auch am Ende ihres Lebens – spirituell vernachlässigt sind; oder Religiöse Rituale, die im heutigen Medizinbetrieb befremdlich wirken und denen oft nicht adäquat begegnet wird, weil die interkulturelle Sensibilität fehlt. So können Ängste vor Leid, Leiden und Tod in einer zur Herkunftskultur verschiedenen kulturellen Umgebung oft nicht ausgedrückt und nicht nachvollzogen werden.

Auch die Begegnung der Behandelnden mit dem «Numinosen» bei psychisch Erkrankten, die ein «Symbolon anthropou», ein Symbol des Menschseins überhaupt, darstellen (Scharfetter, 1987) oder der Rückgriff auf die spirituelle Dimension an den Grenzen der Medizin, der tragen und Schutz bei körperlich invasiven Methoden bieten kann – denn gerade am Ende des Lebens ist «spiritual care» besonders wichtig – werden in Fallgeschichten behandelt.

Mario Schlegel

Literatur

Scharfetter, C. (1987). Definition, Abgrenzung, Geschichte. In K.P. Kisker, H. Lauter, J.-E. Meyer, C. Müller, E. Strömgren (Hrsg.), Schizophrenien (S. 1–38). Berlin, Heidelberg: Springer.

Schlegel, M. (2017). Kriterien wissenschaftlich begründeter Psychotherapie und Aspekte ihrer emanzipierenden säkularen Spiritualität. Psychotherapie-Wissenschaft, 7(1), 45–56.

Schulthess, P. (2015). Psychotherapie gehört abgegrenzt von der Transpersonalen Psychologie und Esoterik. à jour! Psychotherapie-Berufsentwicklung, 1, 23–26.

Utsch, M., Anderssen-Reuster, U., Frick, E., Gross, W., Murken, S., Schouler-Ocak, M., Stotz-Ingenlath, G. (2017). Empfehlungen zum Umgang mit Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie. Spiritual Care, 6(1), 141–146.

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