Kongressbericht

Society for Psychotherapy Research (SPR), 49th Annual International Meeting, 27.–30. Juni 2018, Amsterdam

Psychotherapie-Wissenschaft 8 (2) 87–88 2018

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/8243.17

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Jährlich führt die SPR internationale Tagungen durch. Der Ort wechselt zwischen den Kontinenten. Der diesjährige fand in Amsterdam statt – wie der IFP Kongress. Kongressort war die Freie Universität Amsterdam.

850 Teilnehmende aus allen Kontinenten trafen sich zu diesem Anlass, was die grösste Teilnehmerzahl in der Geschichte der SPR bedeutete. 240 Veranstaltungen mit insgesamt wohl etwa 500 Präsentationen wurden innerhalb von vier Tagen angeboten. Das zeigt, dass das Interesse an Psychotherapieforschung auch bei Praktizierenden zugenommen hat und wie gross das Bedürfnis ist, das was geforscht wurde, auch präsentieren zu dürfen. Die SPR ist eine Gesellschaft zur Psychotherapieforschung, die die Brücke zwischen Forschenden und Praktizierenden gewährleisten will. Sie ist weltweit die wichtigste Psychotherapie-Forschungs-Gesellschaft und bietet mit diesen Jahreskongressen eine einmalige Plattform zum wissenschaftlichen Austausch und zum persönlichen Kennenlernen. Ihre PräsidentInnen sind jeweils nur ein Jahr im Amt und können nur einmal im Leben das Präsidium wahrnehmen. Das gewährleistet Abwechslung und Vielfalt und verhindert strukturelle Machtkumulationen.

Der Berichterstatter ist einerseits Mitglied in der SPR, anderseits verbindet er als «Chair of the Science and Research Committee» der EAP diesen Dachverband von Praktizierenden, von nationalen und europäischen Fachverbänden und Ausbildungsinstituten (und die ASP) mit der SPR, um Synergien und mögliche Kooperationen in internationalen Forschungsprojekten zu finden. Auch mit Schweizer Forschenden unserer Universitäten konnten Kontakte geknüpft oder aufgefrischt werden. Der Kongress bot auch Gelegenheit, Einblick in Forschungsprojekte an unseren Universitäten zu nehmen.

Die SPR gibt auch eine renommierte Fachzeitschrift heraus, in der auch einige der PAP-S-Publikationen erscheinen konnten: Psychotherapy Research.

Die SPR gliedert sich in verschiedene Interest Groups, die an den Tagungen ihre thematischen Veranstaltungen durchführen und mit denen man über das Jahr hinweg via Internet mittels Mailing-Listen in Verbindung bleiben kann.

Der erste Tag war den zehn halbtätigen Pre-Confer­ence-Workshops gewidmet. Zwei davon seien hier herausgegriffen:

«Deliberate Practice (Reflektierte Praxis) for Psycho­therapy Relational Skills». In diesem Workshop wurde in Form von zwei Vorträgen und einer Demonstration von Tony Rousmaniere, Seattle, und Bruce Wampold, Wisconsin, forschungsbasiert erläutert, wie Weiterbildung, Theorie, Supervision und auch längere Berufserfahrung eben nicht reichen würden, bessere PsychotherapeutInnen zu werden, sondern dazu brauche es ein spezielles Skills-Training. Das sei auch in anderen Berufen so. Es brauche so was wie einen Personal Coach, der anhand videogestütztem Self-monitoring einen ermuntert, zu kreativen anderen Interventionen zu gelangen, statt in der Methoden-Adhärenz gefangen zu bleiben. Das kann im Rollenspiel geübt werden. Wichtig sei die Erhöhung der Selbstwahrnehmung für eigene körperliche Reaktionen, um sich Gegenübertragungsphänomenen bewusst zu werden. (Kommentar: Interessant, wie VT-trainierte Forscher die Psychodynamik und das Relationale entdecken …) Bruce Wampold entwickelte eine Liste von Facilitative Interpersonal Skills (FIS): Flüssiger verbaler Ausdruck; Interpersonale Wahrnehmung; Affektmodulation und Ausdrucksfähigkeit; Wärme und Akzeptanz; Fokus auf das Gegenüber; Akzeptierende Erklärungen und Überzeugungsfähigkeit; Vorausschauende Planung; Herausforderungen stellen; Empathie.

Im zweiten besuchten Workshop, moderiert von David Orlinsky, Chicago, wurde die SPRISTAD vorgestellt: «International Study of Psychotherapy Trainee Development: Procedures for Collaboration, Data Collection and Data Analysis». Das Projekt entstand in einer der Interest-Groups, wo man sich fragte, ob unsere Weiterbildungsmodelle zu PsychotherapeutInnen wirklich das erreichten, was sie sollten. Dazu gibt es einen Mangel an Forschung. In mehrjähriger Vorbereitung entstand schliesslich dieses Projekt (gestartet 2012), in dem Forschende aus verschiedenen Universitäten mitwirken und das von David Orlinsky geleitet und von Ulrike Willutzki technisch an der Universität Witten-Herdecke in Deutschland abgewickelt wird. Derzeit läuft die Phase der Datensammlung möglichst vieler teilnehmender AusbildungskandidatInnen von möglichst vielen Weiterbildungsinstitutionen. Geld steht nur wenig zur Verfügung, die SPR hat das Projekt bisher gesponsert. Die Mitarbeitenden machen das aus Forschungsinteresse im Rahmen ihrer Anstellungen. So können die Kosten tief gehalten werden. Am Rande des Kongresses konnte die Verbindung zu dieser Forschergruppe so geknüpft werden, dass die von der EAP und der ASP anerkannten Weiterbildungsinstitute sich ohne grossen Aufwand und ohne finanzielle Beteiligung an diesem weltweit einmaligen Projekt beteiligen können. (Natürlich auch alle übrigen Weiterbildungsinstitute aus allen Ländern dieser Welt.) Je mehr Daten gesammelt werden können, umso bessere und repräsentativere Resultate können erwartet werden.

Den Auftakt zur Tagung bildete der Eröffnungsvortrag des SPR-Präsidenten, Paulo Machado, Portugal. Er stellte eine Studie zu Essstörungen dar, in der er interessante Zusammenhänge zwischen Diagnose, Symptomen und Ressourcen bezüglich Therapieverlauf und -outcome fand. Anschliessend wurden Awards für die besten eingereichten Arbeiten von Nachwuchs-Forschenden verliehen.

Der zweite Kongresstag startete mit zwei Semi­pan­els zu «Kultur und Psychotherapie» und «Kinder-, Ado­les­zenten- und Familientherapieforschung». Das Kultur-Panel wurde von Shigeru Iwakabe, Japan, moderiert. Aus Australien berichtete Robert Schweitzer über ein Pro­jekt, worin geflüchtete Frauen in Australien Zuflucht fanden. Er kritisierte, dass die Flüchtlingsforschung in der Regel genderneutral erfolge. Hier wurden spezifisch Frauen, die als gefährdete Frauen ein Visum erhielten, mittels Interviews befragt. Das Projekt konnte wichtige Hinweise zur Verbesserung von Integrationsprogrammen geben, damit Beziehungsbedürfnisse von Frauen besser beachtet werden können.

Eine zweite Präsentation einer Gruppe mit einer Forscherin aus Addis Abeba (Dawit Wondimagegn) und zwei aus Toronto (Claire Pain und Paula Rivitz) widmete sich der Frage «How do we see culture». Ihre Studie zwischen Kanada und Äthiopien zeigte, dass es einen erheblichen kulturellen Unterschied gibt, was man als «krank» und was man als normal bezeichnet. Die Frage, wie universell internationale Klassifikationscodes sein könnten, wurde aufgeworfen und der universelle Anspruch relativiert. Als ob es universelle psychische Störungsbilder gäbe, die nicht von der Kultur beeinflusst würden! Sowohl DSM-5 als auch ICD-10 seien sehr auf eine westliche «evidence based medicine» gestützt (und auf die Interessen der westlichen Pharma-Industrien) und seien schlecht in armen Ländern mit deutlich unterschiedlicher Kultur und mit anderen gesellschaftlichen Selbstregulationstraditionen applizierbar.

In einer dritten Präsentation sprachen mit Poornima Bhola und Ananya Sinha zwei Inderinnen aus Bangalore zum Thema «Cultural Ethics in the Therapy Room: Looking from the Inside». Sie zeigten auf, in welchem ethischen Spannungsfeld indische Psychotherapeutinnen arbeiten. Es gibt einerseits die kulturell konstruierte indische Ethik und anderseits internationale ethische Standards der Psychotherapie als fachliche Normen und ausserdem Gesetze, die die Behandlungsfreiheit einschränken. Dieses Spannungsfeld wird etwa bei innerfamiliärer Vergewaltigung (erlaubt in Indien) oder Homosexualität (verboten in Indien) und der beruflichen ethischen Schweigepflicht bedeutsam. TherapeutInnen sind anzeigepflichtig, wenn sie Homosexuelle behandeln und einziges Behandlungsziel darf die Konversionstherapie sein, ein ethisches No-Go aus fachlicher Sicht. Ihre Erhebungen hätten ergeben, wie wichtig es sei, kulturbezogene professionelle ethics-codes und entsprechende ethics-training models zu entwickeln.

Im Unterschied zu den meisten anderen Kongressen kam der SPR-Kongress mit nur gerade zwei Plenarveranstaltungen aus: Dem Eröffnungsreferat des Präsidenten und einer Plenumsdiskussion zum Thema «A corrective exploration of therapists training: Recognizing diversity, from a content and process perspective». Die angebotenen Veranstaltungsformen waren: Semi-Plenary; Structured Discussion; Brief Paper Session; Panel und auch Postersessions.

Das zeigt etwas über die Kultur in der SPR: Austausch ist wichtiger als Monologisieren vor grossem Publikum. Es ist eine Kultur der flachen Hierarchien, die bewusst gepflegt wird, von der Struktur der Gesellschaft bis hin zur Gestaltung eines Kongresses.

Es ist an dieser Stelle unmöglich, über alle besuchten Veranstaltungen inhaltliche Beschreibungen zu geben. Angegeben werden können im Folgenden jedoch die Themengruppen, zu denen es viele Veranstaltungen gab: Culture, Age group diversity; Psychotherapy Integration; Methods; LGBT; Therapists training and development; Attachment & development; Evidence-based Psychotherapies; Translational Research; Change Process; Personality; Child & Family; Alliance & interpersonal process; Depression; Anxiety; Treatment outcome; Culture & Identity; Internet based Psychotherapy; Severe mental Illness; Practice-training-research networks; Client effects; Eating disorders; substance abuse; Therapist effects; Assessment; Integrative psychotherapy; Medical disorders; Treatment outcome; Systemic interventions; Mentalization; Qualitative; Mindfulness; quantitative and qualitative method; process and outcome; Systemic Case Studies; Publishing; Adolescents.

Es war ein so breites und spannendes Angebot, dass man bereute, manche Veranstaltung nicht besuchen zu können, weil sie zeitlich mit einer anderen in Konflikt stand.

Was mich besonders freute: Bisher glänzten GestalttherapeutInnen an den SPR-Kongressen in der Regel durch Abwesenheit. Anders diesmal: Das Research-Committee der EAGT mobilisierte und motivierte. Es gab eine Gruppe von etwa 30 GestalttherapeutInnen, die zum Teil auch selbst ihre Forschungsarbeiten und -projekte präsentierten.

Wenn die Diversität der Psychotherapieansätze erhalten bleiben soll, die Vielfalt, die von der Charta stets als besonderer Wert einer guten Psychotherapieversorgung herausgestrichen wurde, so ist das Mitwirken an schulenübergreifenden internationalen wissenschaftlichen Kongressen ein Muss, will man nicht vergessen werden oder als überholt gelten.

 

Peter Schulthess

 

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