Editorial

Psychotherapie kann immer auch als angewandte Ethnologie betrachtet werden. Der/die Andere ist immer fremd und anders, will verstanden werden in seiner/ihrer eigenen individuellen Kultur. Wie zeigt sich dieser Mensch? Welche Lebensthemen beschäftigen ihn? Wie ist er sozial, kulturell, familiär, beruflich, ökonomisch, religiös eingebettet? Was für eine Geschichte hat dieser Mensch, individuell, als Teil seiner Familiengeschichte oder Kulturgeschichte? Welchen damit verbundenen Normen und Werten ist er verpflichtet?

In meinem Unterricht für angehende PsychotherapeutInnen verwende ich gerne die «ethnologische Neugierde» als Metapher für die Haltung, mit der PsychotherapeutInnen ihren PatientInnen begegnen können. Phänomenologisch beobachtend und wohlwollend neugierig interessiert. Wie zeigt sich dieser Mensch im Kontakt mit mir, wie kommt es, dass er sich so verhält, wie er es tut, welchen Sinn gibt es ihm?

Aufgrund der erhöhten Migration gibt es kaum mehr PsychotherapeutInnen, die in ihrer psychotherapeutischen Praxis nicht auch mit Menschen aus ganz anderen Ländern, Volksgruppen und Kulturen arbeiten als ihrem/ihrer eigenen. Umso wichtiger ist es, individuelles Verhalten, auch wenn es in der Form sogenannter «psychischer Störungen» daherkommt, situativ und mit Bezug zum kulturellen Kontext und dem Fremdsein in unserer Kultur zu betrachten. Verhalten, das uns ungewöhnlich vorkommt, kann im kulturellen Kontext gewöhnlich sein und wird nicht als «gestört» betrachtet. Psychotherapie wird besonders dort zur Herausforderung, wo man miteinander in einer Fremdsprache reden muss oder gar eine Übersetzung durch eine dritte Person notwendig ist.

Bereiten unsere Weiterbildungsgänge die Studierenden genügend auf die Besonderheiten kulturübergreifenden Arbeitens vor? Die EAP hat berufliche Kompetenzen für PsychotherapeutInnen beschreiben, die auch Kompetenzen im Umgang mit Angehörigen anderer Kulturen umfassen. Sie sind in die Weiterbildungsgänge einzubeziehen.

Diagnostische Manuale stützen sich in der Regel auf westliche Forschung und Normen. Viele im Westen entwickelte psychotherapeutische Verfahren werden weltweit auch in anderen Kulturräumen gelehrt und dort besteht auch ein begieriges Interesse am Wissen aus dem Westen, so zum Beispiel in China, aber auch in anderen asiatischen Ländern oder in Afrika, Südamerika, Osteuropa. Eine neue Form des Imperialismus? Die Globalisierung der Psychotherapie?

Können die hier entwickelten Verfahren, erarbeitet, um Menschen aus dem eigenen Kulturraum mit hier entstanden Leidenszuständen zu behandeln, ohne Weiteres in andere Länder exportiert und auf andere Kulturen übertragen werden? Wie werden sie gegebenenfalls angepasst werden müssen? Fragen über Fragen.

Als einem, der selbst in seiner Kindheit mehrere prägende Jahre in Indien aufgewachsen ist und später im Laufe seines beruflichen Wirkens in etwa einem Dutzend anderer Länder Gestalttherapie gelehrt hat (so etwa in Süd- und Osteuropa, Russland, China, Bolivien) und weiterhin lehrt, in internationalen Verbänden wirkt und regelmässig an internationalen Kongressen teilnimmt, liegt mir das Thema dieses Heftes besonders am Herzen. Wie sollte dieses Thema bloss benannt werden? «Transkulturelle Psychotherapie»? «Interkulturelle Psychotherapie»? «Multikulturelle Psychotherapie»? «Crosscultural Psychotherapy»? «Kultursensitive Psychotherapie»? «Kulturübergreifende Psychotherapie»? Alle diese Begriffe werden in der Fachwelt verwendet. Ich entschied mich für den letzteren, weil er den im englischen Sprachraum üblichen Begriff der «Transcultural Psychotherapy» am besten auf Deutsch wiedergibt. («Crosscultural» hätte mir besser gefallen, doch lässt sich das schwer auf Deutsch übersetzen.)

Sie finden in diesem Heft einige Beiträge, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln behandeln und in verschiedenen Aspekten beleuchten. Natürlich gäbe es noch sehr viel mehr Aspekte, die aufgenommen werden könnten, so etwa die Dynamik einer Paarbeziehung, deren Partner aus unterschiedlichen Kulturen stammen, Mischehen und -familien, freiwillige oder erzwungene Migration usw. Wer sich durch dieses Heft animiert fühlt, auch einen Beitrag zu verfassen, sei eingeladen, der Redaktion ein Manuskript einzusenden. Wir denken daran, ein weiteres Heft zu diesem Thema zusammenzustellen, und werden ohnehin in jedem Heft auch weiterhin Platz für die Publikation freier Beiträge freihalten.

Zwei der Beiträge des vorliegenden Heftes betreffen die Psychotherapie in der Volksrepublik China.

Annette Hillers-Chen lebt als Deutsche, verheiratet mit einem Chinesen, seit mehreren Jahren in China. Sie forscht an der Universität Nanjing, führt dort neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit auch Therapien und Beratungen durch und arbeitet ausserdem in einem Ausbildungs-Kooperationsprojekt der Universität Nanjing mit dem IGW (Institut für Integrative Gestalttherapie Würzburg). Über ihre langjährige Tätigkeit an dieser Universität hat sie einen grossen Einblick, wie westliche Therapieverfahren in China adaptiert werden. Sie schreibt zum Thema «Auf der Suche nach den chinesischen Charakteristika – Westliche Therapieansätze in der Volksrepublik China».

Der zweite Beitrag zu China stammt von Ulrich Sollmann. Er ist Körperpsychotherapeut, besucht China seit einigen Jahren regelmässig und bietet dort Workshops in Kooperation mit chinesischen Partnern an. Sein Beitrag «Entwicklung und Bedeutung einer transkulturellen Grundhaltung als (Körper-)Psychotherapeut am Beispiel China – Ein ethnoanalytischer Essay» ist in einem narrativen Stil gehalten und zeigt auf, wie er sich mit einer phänomenologisch-ethnologischen Haltung und mit professionellem Auge in der ihm fremden Kultur bewegt und sich mit ihr vertraut macht und wie er diesen Prozess persönlich erlebt.

Andreas Weichselbraun ergründet in seinem Beitrag «Das globale Dorf – Eine Chimäre. Transkulturelle Betrachtungen eines Gastarbeiters im psychiatrisch-psychotherapeutischen Feld» anhand seiner eigenen Erlebnisse die Herausforderungen des kultur- und sprachübergreifenden Arbeitens im psychiatrisch-psychotherapeutischen Feld in Europa (er arbeitet als Österreicher in England) und stellt einen Bezug zu den spezifischen Kompetenzen von GestalttherapeutInnen her, wie sie von der European Association for Gestalt Therapy (EAGT) als Modellansatz erarbeitet wurden.

Woulter Gompert hielt am IFP-Kongress in Amsterdam einen eindrücklichen Vortrag zur in Amsterdam alltäglich gewordenen ethnokulturellen Vielfalt, mit der man es auch in der psychotherapeutischen Praxis zu tun hat. Er hat seine Präsentation für diese Zeitschrift zu einem Artikel unter dem Titel «Ethnokulturelle Übertragung und Gegenübertragung in psychodynamischer Psychotherapie in den Niederlanden» ausgearbeitet. Der Beitrag erscheint auf Englisch und Deutsch, wir verzichten dafür auf eine längere französische Zusammenfassung.

Auch der Beitrag von Enver Cesko erscheint unter dem Titel «Transkulturelle Psychotherapie – Neue Perspektiven in der klinischen Anwendung» in den genannten zwei Sprachen. Der kosovarische Autor beschreibt einen psychodynamischen, humanistischen und integrativen Zugang zu Situationen, in denen transkulturelle Fragen eine Rolle spielen. Er zeigt, wie die Positive Psychologie, ein in der ottomanischen Kultur des Orients verankerter psychotherapeutischer Ansatz, mit westlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen erfolgreich verbunden werden kann.

Auch zu diesem Themenheft hat Paolo Migone Literaturhinweise aus der Zeitschrift Psycoterapia e Scienze Umane zusammengestellt.

Den Beiträgen zum Themenheft folgen zwei freie Beiträge. Paolo Raile schreibt zu «Donald Duck und Viktor Frankl – Eine Existenzanalyse der berühmtesten Ente der Welt». Er bezieht sich auf die Grundkonzepte von Frankls Logotherapie und Existenzanalyse und wendet diese auf die Comic-Ente Donald Duck an.

Zum Abschluss der Artikel findet sich ein Forschungsbeitrag von Aureliano Crameri und KollegInnen zur PAP-S-Studie «Integratives Vorgehen bei den Therapieschulen der Schweizer Charta für Psychotherapie». Die Forschungsergebnisse unterstützen die These, dass die Mehrheit der TherapeutInnen eine methodenintegrative Praxis ausüben.

Beide Beiträge könnten auch unter das Thema der «Kulturübergreifenden Psychotherapie» passen, überschreitet doch Railes Beitrag die Kulturgrenze der trockenen Wissenschaft zur Welt der Comics und Crameris Beitrag zeigt, wie PsychotherapeutInnen in ihrer Praxis die Kulturgrenzen ihrer angestammten Schule überschreiten und zu einer integrativen Kultur umwandeln.

Es folgen Berichte von zwei Kongressen mit TeilnehmerInnen aus aller Welt und mit weiteren Aspekten zur Transkulturellen Psychotherapie und zur Psychotherapieforschung.

Drei Buchbesprechungen schliessen dieses Heft ab, zwei davon handeln von China.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

 

Peter Schulthess

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