Sylvia Zwettler-Otte (2019): Unbehagen in psychoanalytischen Institutionen. Konflikte, Krisen und Entwicklungspotenziale in Ausbildung und Berufsbildung. Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN: 978-3-8379-2744-3, 182 Seiten, 32.90 CHF, 22.90 EUR

https://doi.org/10.30820/2504-5119-2020-2-33

Der Ausgangspunkt von Sylvia Zwettler-Ottes Buch ist Sigmund Freuds Unbehagen in der Kultur, dessen Lektüre die Autorin zu ihrem eigenen Buch angeregt hat. Entsprechend gestaltet sich dessen Gesamtaufbau. Zwettler-Otte geht von Freud und anderen psychoanalytischen Autor*innen aus und zieht dann ihre eigenen Schlüsse in Bezug auf psychoanalytische In­stitutionen. Dabei beschäftigt sie sich nicht nur mit psychoanalytischen Weiterbildungsinstituten, sondern auch mit Vereinigungen wie zum Beispiel Verbänden, aber auch Fachkongressen oder Institutionen, in denen psychoanalytisch gearbeitet wird. Die verschiedenen Orte des psychoanalytischen Wirkens dienen ihr als Folie, auf der sie verschiedene Phänomene untersucht, die ihr typisch psychoanalytisch erscheinen. Sie beginnt mit der historischen Entstehung dieser verschiedenen Wirkungsorte, Untersucht im Anschluss das Unbehagen als Arbeitsinstrument der Psychoanalyse und beleuchtet dann in neun weiteren Kapiteln verschiedene typisch psychoanalytische Phänomene, wo dieses Unbehagen auftaucht, wie zum Beispiel in der Interaktion von Individuum und Institution oder im Rahmen einer Psychoanalyse. Dabei geht sie von der klassischen Psychoanalyse aus.

Zwettler-Otte liefert einen sehr spannenden kritischen Einblick in das psychoanalytische Arbeiten mit dem Fokus auf der Interaktion der Psychoanalytiker*innen innerhalb von Institutionen, nicht den gewohnteren Blickwinkel auf das psychoanalytische Zweiersetting von Analytiker*in und Analysand*in, das häufig wie ein Kammerspiel wirkt.

Im 1. Kapitel geht sie nach einer Auseinandersetzung mit Freuds Unbehagen in der Kultur auf das Phänomen der Fehlleistung ein, das sie ebenfalls von Freud herleitet. Sie entwickelt einen eigenen Begriff der «Fehl-Leistung», den sie bewusst anders schreibt. Dabei geht es ihr um schleichende Prozesse, die zu solchen «Fehl-Leistungen» führen, wie zum Beispiel, dass das Individuum seine unbewusste Abhängigkeit von der Institution unterschätzt und deshalb Bedürfnisse, die es in Bezug auf sie hat, unreflektiert ausagiert.

Den Begriff der «Fehl-Leistung» zieht sie weiter ins 2. Kapitel über das «Unbehagen als ‹Arbeitsaffekt›». Darin zeigt sie, dass das eigene Unbehagen Bestandteil des psychoanalytischen Arbeitens ist, zum Beispiel bei der Übertragung von Analysand*in auf den/die Psychoanalytiker*in im psychoanalytischen Prozess.

Im 3. Kapitel beschäftigt sie sich mit der psychoanalytischen Ausbildung, beleuchtet dabei die eigene Analyse, die Ausbildungsgruppe sowie die Beziehung zur eigenen psychoanalytischen Weiterbildungsinstitution. Daraus nimmt sie wiederum einzelne psychoanalytische Phänomene, die sie noch näher beleuchtet, wie zum Beispiel, welche Rolle die Vorstellung eines zeitlosen Unbewussten oder die Überalterung der Lehrpersonen in den Institutionen spielt, oder wie aufgrund des aktuellen Diskurses über Geschlechteridentitäten sich das sexuelle Verständnis der Psychoanalytiker*innen verändert oder eben nicht verändern sollte.

Im 4. Kapitel setzt sie sich mit psychoanalytischen Autoritäten auseinander und dem Umgang mit ihnen. Sie geht von der besonderen Ausbildungssituation aus, die durch die lange intensive Selbstanalyse entsteht, und erörtert das Thema Abhängigkeit, das auf verschiedenen Ebenen entstehen kann, und wie damit umgegangen wird. Am Schluss bringt sie noch verschiedene Zitate von psychoanalytischen Autoritäten als Beispiel für ihre vorangegangenen Überlegungen und Beobachtungen.

Im 5. Kapitel befasst sie sich mit ethischen Aspekten und legt dabei den Fokus auf die psychoanalytische Fehlerkultur im Spannungsfeld zwischen ungehemmten Assoziationen, die ungefiltert weitergegeben werden sollten, und der Frage, wie richtig und falsch bewertet werden kann und was eine gelungene Psychoanalyse sein könnte. Ein sicher für alle Psychoanalytiker*innen schwieriges Thema.

Eine spannende Perspektive entwickelt sie im 6. Kapitel, in dem sie auf der Grundlage eines Kriminalromans die Perspektive dreier Generationen innerhalb einer psychoanalytischen Institution entwickelt. Sie geht dabei von den Protagonisten des Romans aus, der im psychoanalytischen Umfeld spielt. Die jüngste Generation bildet der Analysand, die mittlere Generation die Analytikerin, die ermordet wird, und die dritte Generation ist ein älterer Psychoanalytiker-Kollege der Analytikerin. Der Kommissar hat die Aussenseiterposition. Sie will mit diesem Beispiel die konflikthafte Arbeit der Psychoanalyse im Umgang mit Unbehagen zeigen.

Im 7. Kapitel setzt sie sich in einem Exkurs zu Wilfred Bion mit psychoanalytischer Gruppenarbeit auseinander. Auch die Gruppenarbeit wird gemäss Zwettler-Otte von Unsicherheiten bei der Auseinandersetzung mit dem Unbehagen bestimmt.

Das Phänomen des psychoanalytischen Gefühls, nirgendwo dazuzugehören, sondern einsam in seinem Wirken zu sein, beleuchtet sie in ihrem 8. Kapitel über psychoanalytische Kongresse. In diesem Zusammenhang geht es ausserdem um die psychoanalytische Diskussionsbereitschaft und darum, welche Rolle der Narzissmus dabei spielt.

Im 9. Kapitel befasst sich die Autorin mit dem Ende der Lehranalyse. Dabei betrachtet sie beide Seiten, die des/r Psychoanalytiker*in und diejenige der Analysandin bzw. des Analysanden, und stellt Hilfsangebote für den Ablöseprozess vor mit hilfreichen recht konkreten Überlegungen für die Praxis.

Im 10. Kapitel geht Zwetter-Otte von dem freudschen Begriff des Doppelindividuums aus, den dieser allerdings selbst wieder verworfen hatte. Gemeint ist damit ein Mensch, der sowohl seinen individuellen Bedürfnissen folgen als auch Erfüllung in der Gemeinschaft finden kann. Dies wäre eine mögliche Lösung für einen konstruktiven Umgang der Psychoanalytikerin bzw. des Psychoanalytikers mit Institutionen oder anderen psychoanalytischen Gruppen. Dazu bräuchte es gemäss der Autorin eine sogenannte «Divalenz» (statt Ambivalenz), die es den Individuen möglich macht, sowohl die Differenzen als auch das Verbindende mit seinem analytischen Umfeld zuzulassen.

Von dem Begriff der Doppelindividuen leitet sie im 11. Kapitel die Vision von «Doppelinstituten» ab, der sie Bions Gruppenerfahrungen zugrunde legt. Von seinen Beobachtungen ausgehend entwickelt sie, wie ein gesunder Umgang von In­stituten mit ihren Mitgliedern aussehen könnte, um das Unbehagen konstruktiv zu nutzen.

Im Gegensatz zu den sehr komplexen vorangegangenen Kapiteln ist die Schlussfolgerung des Buches sehr kurz und prägnant: Das Unbehagen, das bei Psychoanalytiker*innen im Umgang mit psychoanalytischen Gemeinschaften jedweder Art entsteht, kann Hilfsmittel, aber auch Hindernis sein. Damit es zum Hilfsmittel wird, braucht es die Liebe als Grundlage von Verständnis.

Das Buch ist sehr gut und für die komplexen Inhalte verständlich geschrieben. Es ist eine sehr selbstkritische Auseinandersetzung mit dem psychoanalytischen Wirken. Zwettler-Otte zitiert viele psychoanalytische Autoritäten, mit deren Theorien sie sich kritisch auseinandersetzt und daraus Eigenes entwickelt. Als Psychoanalytikerin finde ich es ein sehr wichtiges Buch für unsere Therapierichtung, um unsere eigene Arbeit zu reflektieren. Nicht-Psychoanalytiker*innen müssen sich wohl teilweise etwas «durchbeissen», wenn sie mit psychoanalytischen Begriffen nicht so vertraut sind, aber es lohnt sich, auch um ein umfassenderes und adäquateres Bild von einem Berufsstand zu erhalten, der seit vielen Jahren immer wieder so scharf kritisiert wird.

Veronica Defièbre

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