Neuigkeiten aus der Romandie

Sandra Feroleto

https://doi.org/10.30820/2504-5119-2020-1-8

Die Westschweiz bleibt natürlich nicht von der allgemeinen Angst vor der raschen wie schleichenden Ausbreitung eines Virus verschont, das weder neu noch mächtiger als viele andere ist, dessen Ansteckungs- und Letalitätsgrad aber die Schwächsten in Gefahr bringt.

In diesem Zusammenhang haben nicht alle Gesundheitsbehörden in der Westschweiz klare Empfehlungen oder Richtlinien für die Aufrechterhaltung der psychotherapeutischen Behandlungen herausgegeben, und jede Behörde musste heikle Entscheidungen treffen sowie gesundheitliche Interessen und psychologische Risiken abwägen, während sie im Hintergrund ihre eigene unabhängige, wirtschaftliche Situation zu berücksichtigen hat. Ein ethisches wie menschliches Dilemma, das nicht leicht zu lösen ist!

Das derzeitige psychosoziale Risiko ist brandgefährlich. Kinder müssen in Vollzeit zu Hause bei ihren Familien bleiben, die es nicht gewohnt sind, sich in diesem Umfang um sie zu kümmern: Sie brauchen Freunde, haben einen Mangel an schulischen Herausforderungen oder Spielen … und doch hatten Familien sicher noch nie so viel Zeit wie jetzt. Lehrer*innen müssen sich neu organisieren, um Fernarbeit zu leisten, und üben manchmal noch mehr Druck auf arme Familien aus. Wenn die Bildungsbehörde alles tut, um den Eltern Gerechtigkeit und Unterstützung zu garantieren, steht die Isolation noch immer vor ihrer Tür, mit einer sich anbahnenden – wenn auch noch nicht vollständigen – Enge.

Diese Enge bringt im Gegenzug eine Welle der Solidarität und Anerkennung des Anderen mit sich, die offensichtlich sehr wertvoll und interessant für die Gesellschaft sind. Wird es auch nach der Krise noch passieren, dass Menschen diese Botschaft verbreiten und um 21 Uhr auf den Balkon kommen, um dem Strassenpersonal zu applaudieren, das unsere Strassen zu einem täglichen Terrain für angenehme Spaziergänge macht?

Dieser Virus greift die Lunge an, verursacht bei einigen Menschen ein Erstickungsgefühl und hat es geschafft, die Produktion endgültig zu verlangsamen, Maschinen zu stoppen und Menschen zu töten. Ist die Bevölkerung bereit für ihr intimes Zusammenkommen? Bereit, dem zuzuhören, was tief im Inneren vorgeht, die Begegnung von Auge zu Auge mit sich selbst und dem Anderen zu wagen?

Es ist auf jeden Fall eine ganz besondere Zeit, in der es einem kleinen Virus allein gelingt, das zu tun, was alle politischen Entscheidungsträger*innen gemeinsam nicht geschafft haben, nämlich unseren Planeten zu reinigen und dafür zu sorgen, dass er weiterhin als Zufluchtsort, als Wahrzeichen, als nährende Mutter dient.

Ein kleiner Virus zeigt uns, dass wir gemeinsam in der Lage sind, die grössten Brände zu löschen. Der kleine Kolibri, den einige Leute vielleicht kennen, setzt sich mutig Tropfen für Tropfen dafür ein, «seinen Teil» zur Überwindung einer Naturkatastrophe beizutragen … Sind wir die kleinen Kolibris der Gesellschaft, die Tag für Tag helfen könnten, Solidarität, Verständnis, ein Gefühl der Andersartigkeit und des Respekts zu vermitteln und nach und nach die Zutaten für eine neue, humanisierende Gesellschaft zusammenzubringen?

Dies ist auf jeden Fall mein Wunsch für unseren Verband, und dass Psychotherapeut*in nach COVID-19 ein noch bekannterer Beruf mit wahrgenommenen Handlungen ist, der seine Wirkung nicht individuell, sondern kollektiv entfalten kann.

In der Zwischenzeit habe ich um 9 Uhr eine telefonische Sprechstunde, um 10 Uhr eine Videokonferenz, um 11 Uhr eine Telefonkonferenz und um 12 Uhr esse ich – und warte darauf, dass mich die gute Nachricht erreicht, dass das kleine Virus allmählich aus der Schweiz verschwindet … um endlich das Vergnügen zu haben, meine Patient*innen wieder in meiner Praxis empfangen zu können.

Sandra Feroleto ist Vorstandsmitglied der ASP und Delegierte für die Romandie.

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