Editorial

Psychotherapie-Wissenschaft 11 (1) 5–6 2021

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2021-1-5

Am Tag an dem dieses Editorial geschrieben wird, ist es exakt ein Jahr her, seit der erste Patient in der Schweiz die Diagnose Covid-19 erhielt. In Lugano. Damals wütete die Krankheit in Norditalien schon sehr stark. Die Bilder aus Bergamo zu jener Zeit lassen sich nicht mehr vergessen. Verstrichen ist seither ein langes Jahr mit ansteigenden Fallzahlen, Restriktionen, Einschränkung des Lebensraums und der Bewegungsfreiheit, mit Verboten sich zu treffen. Unzählige Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Planungssicherheit gibt es in vielen Bereichen nicht mehr. Nach den Lockerungen der Einschränkungen im Sommer aufgrund sinkender Fälle stieg die Zahl der Infizierten im November erneut an, und zwar derart, wie wir es in der ersten Welle nicht erlebt hatten. Entsprechend wurden wieder starke Restriktionen angeordnet. Nach rückläufigen Fallzahlen im Januar und anfangs Februar wurde der Ruf laut, die Lebenseinschränkungen seien aufzuheben. Doch steigen die Zahlen bereits wieder leicht. Kommt die dritte Welle? Wie ist sie zu kontrollieren bzw. einzudämmen? Lässt sich die schnelle Verbreitung der Krankheit aufgrund der Virusmutationen verhindern? Helfen die zunehmenden Impfungen? Die verlängerten Restriktionen? Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Hefts werden wir mehr wissen.

Klar ist: Die Grundfesten unseres Vertrauens in die Kontinuität unseres gewohnten Lebens sind erschüttert. Nie hat eine Pandemie grössere Auswirkungen gehabt als diese. Eine der grössten Wirtschaftskrisen aller Zeiten ist entstanden. Menschen leben in Isolation und verkümmern in ihren sozialen Fähigkeiten mangels direkter Kontakte. Kinder erleben Entwicklungsbehinderungen, im Kleinkind- wie im Schulalter. Die Behörden haben abzuwägen zwischen Maßnahmen, die die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle abschwächen sollen, und Folgeschäden für die soziale und psychische Gesundheit sowie wirtschaftlichen Schäden. Verschiedene Studien werden derzeit publiziert, die das Ansteigen psychischer Erkrankungen belegen (vor allem Depressionen und Suizide, aber auch Angststörungen), aber auch die Zunahme von häuslicher Gewalt und von Radikalisierungen, die Zunahme des Glaubens an Verschwörungstheorien, des Antisemitismus (Schließler et al., 2020). Wirtschaftliche Existenzen wurden und werden zerstört, trotz finanzieller Entschädigungen durch Bund und Kantone. Behördenmitglieder erhalten Gewalt- bis hin zu Morddrohungen. Das sind Prozesse, die man auch aus anderen Pandemien kennt und die typisch sind für solche Krisenzeiten, in denen das Grundvertrauen derart erschüttert ist (Taylor, 2020; Schulthess, 2020). Unsere Gesellschaft wird Jahre brauchen, um die Folgen zu bewältigen.

In diesem zeitgeschichtlichen Umfeld wollten wir ein Heft zusammenstellen, das die Thematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Rosmarie Barwinski und Oliver Christen beschreiben in ihrem Beitrag die psychischen Auswirkungen der Pandemie, belegt durch internationale Studien. Sie ziehen das Verlaufsmodell der psychischen Verarbeitung traumatischer Erfahrungen heran und wenden es auf die für viele traumatische Erfahrung der Pandemie an. Erwerbslosigkeit sehen sie als kumulative Traumatisierung und bieten ein dialektisches Konzept zur Überwindung der Polarisierung zwischen Verleugnung und Panik bzw. dem Kollektiven und dem Individuellen an.

Clelia Di Serio blickt aus mathematischer Perspektive auf die Verunsicherung durch die Pandemie und die Zahlen, die die Wissenschaft kreiert und die von den Medien weiterverbreitet werden. Sie ist Statistikerin und Epidemiologin an der Università della Svizzera Italiana und an der Università San Raffaele in Mailand. Sie nimmt historische Pandemien zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zur aktuellen Pandemie und beschreibt das Spezielle an Covid-19 als ein Thema voller Widersprüche. Auch Wissenschaftler*innen und Statistiker*innen stehen in diesen Widersprüchen und erkennen, dass ihre Voraussagemodelle nicht mehr passen. Das Problem sei tatsächlich nicht nur ein Problem von Global Health, sondern von Global Life, in das der Mensch zu 100 % involviert ist. Körper, Geist und Verstand sind in einem unauflösbaren politischen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Geflecht verwoben. Sie erläutert Begriffe wie «Positivitätsrate», «Mortalitätsrate», «Letalitätsrate», «Übersterblichkeit», «Herdenimmunität», also Begriffe, die wir stets in den Medien sehen, ohne dass verstanden wurde, was sie – und die Zahlen dazu – wirklich meinen. Epidemiologische Massnahmen sind in einer Pandemie sehr schwierig, da sie entschieden von der «Qualität der Daten» abhängen. Zu fragen ist, ob Big Data gleichgesetzt werden kann mit Big Information. Dieser Beitrag von Di Serio erscheint auf Deutsch und auf Italienisch.

Paolo Raile, Anna Maria Diem, Patrizia Duda, Maria Gren und Elisabeth Riegler bieten uns eine weitere bzw. gleich mehrere Perspektiven zum Thema. Studierende der Psychotherapiewissenschaft an der SFU Wien reflektierten in Selbsterfahrungsberichten aus der Perspektive ihrer jeweiligen Psychotherapierichtung ihre eigenen Erfahrungen während der Pandemie, des Lockdowns und des Social Distancings. Soziale Isolierung ist eine der Folgen davon. Diese Selbsterfahrungsberichte wurden in anonymisierter Form Fachpersonen der jeweiligen Therapierichtung zur Analyse vorgelegt, was zu spannenden Ergebnissen führte. So sind in diesem Beitrag Perspektiven der Psychoanalyse, Zeitpsychologie, Individualtherapie und systemischen Familientherapie zu finden. Die Studie ist ein schönes Beispiel für schulenübergreifende Forschung mit einem qualitativen Design.

Marie-Christine Hartlieb nimmt sich eines besonderen Krankheitsbilds an, dem Chronic Fatigue Syndrome. Dieses «Erschöpfungssyndrom» wird aktuell im Zusammenhang mit Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung diskutiert. Die Autorin beschreibt seine Diagnostik, veranschaulicht das Syndrom an einem Fallbericht und zeigt Möglichkeiten der Therapie auf. Bei Kindern und Jugendlichen mit diesem Krankheitsbild ist das ganze Familiensystem enorm betroffen. Sie bespricht die Rolle des Kindes als Symptomträger, den Umgang mit der Schule und zeigt auch hier Behandlungsmöglichkeiten auf.

Anschliessend an die Beiträge zum Heftthema finden Sie eine Originalarbeit von Hamid Resa Yousefi mit dem Titel «Entmythologisierung des Bösen». Er geht davon aus, dass Menschen von Natur aus weder gut noch böse sind. Es sind die Primär- und Sekundärsozialisationsprozesse, die dazu beitragen, manche Menschen als gut und andere als böse zu anzusehen. Solche Polarisierungen sind gesellschaftlich problematisch und führen zu einem Konkurrenzdenken, das Feindbilder auf den Plan ruft. Eine gewaltfreie Hermeneutik vermag dazu beizutragen, sich in die Welt des jeweils Anderen hineinzufühlen und Konflikte im Einvernehmen zu lösen, statt sie in Projektionen auf Andersgläubige oder Andersartige mit Kampf auszuagieren.

Den Abschluss des Heftes bilden sieben Buchbesprechungen.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

Peter Schulthess

Literatur

Schließler, C., Hellweg, N. & Decker, O. (2020). Aberglaube, Esoterik und Verschwörungsmentalität in Zeiten der Pandemie. In O. Decker & E. Brähler (Hrsg.), Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studien 2020 (S. 283–308). Gießen: Psychosozial-Verlag.

Schulthess, P. (2020). Buchbesprechung von Steven Taylor (2020): Die Pandemie als psychologische Herausforderung. Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement. à jour! Psychotherapie Berufsentwicklung 5(2), 35–36.

Taylor, S. (2020). Die Pandemie als psychologische Herausforderung. Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement. Gießen: Psychosozial-Verlag.