Buchbesprechung

Kurt Greiner (2020). Experimentelle Psychotherapiewissenschaft. Das Methodenprogramm der Wiener Therapieschulenforschung

Berlin: Parados. ISBN: 978-3-9682-4000-8. 176 S., 22,00 EUR, 32,90 CHF

Psychotherapie-Wissenschaft 10 (2) 105 2020

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2020-2-105

Kurt Greiner leitet gemeinsam mit Martin Jandl das In­stitut für Hermeneutische Therapieschulenforschung & Therapieschulendialog an der Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) in Wien. Er begründete die Experimental- und Imaginativ-hermeneutische Psychotherapiewissenschaft. Unter dem Titel Experimentelle Psychotherapiewissenschaft stellt er das entsprechende Methodenprogramm an der SFU in Form eines Lehrbuches dar, wie es sich seit 2008 entwickelt hat.

«Gegenstand dieses psychotherapiewissenschaftlichen Programmes sind die spezifischen Funktionsweisen des psychotherapeutischen Denkens und Praxishandelns, deren implizite konzeptuelle Grundlagen, d.h. deren nicht zur Sprache gebrachte Voraussetzungen und ungesehene Bedingungen es in der Experimentellen Psychotherapiewissenschaft mithilfe von speziell entwickelten Reflexionsverfahren und Analysetechniken explizit zu machen bzw. ans Licht zu heben sowie kritisch zu untersuchen gilt. Bei den theorieanalytischen Werkzeugen handelt es sich um neuartige, aussergewöhnliche, teilweise sogar radikal-kreative Instrumentarien des Sinnverstehens (Hermeneutik), die allesamt auf der Idee der ‹Verfremdung› im ‹Konstruktiven Realismus› (CR) basieren und dem Erkenntnisprinzip des Sinnverstehens durch Sinnverstören folgen» (S. 8).

«Nur durch systematische Veränderung des Gesichtspunktes, also durch Perspektivenverschiebung, kann man es schaffen, die üblichen Vorgehensweisen tatsächlich zum Gegenstand der Betrachtung zu machen. […] Bei der konstruktiv-realistischen Verfremdung handelt es sich also um den systematischen Versuch, Abstand und Distanz zu den üblichen Denk- und Praxisvollzügen zum eigenen Aktivitätsfeld zu gewinnen» (S. 14).

In vier Abschnitten werden diese Forschungstechniken beschrieben: Standardisierte Therapieschulendialog (TSD) via Experimenteller Trans-Kontextualisation (ExTK); Text-Puzzle-Verfahren (P-T-P, ITTP); Psycho-Bild-Methoden (PBP, ITBP, PBS/k, PBS/g); Medien-Spiel-Techniken (PMS, ITMS). Diese vier Techniken werden strukturiert dargestellt und mit Beispielen von Forschungsarbeiten erläutert. So werden im Kapitel «Therapieschulendialog» die anthropologischen Grundlagen der Transpersonalen Psychotherapie mit jenen der Psychoanalytischen Selbstpsychologie nach Heinz Kohut verglichen oder eine transkontextuelle Konfrontation der Daseinsanalyse (Ludwig Binswanger) mit der Individualpsychologie (Alfred Adler) beschrieben. Im Kapitel «Text-Puzzle-Verfahren» wird das Instanzen- und Trieb-Modell von Sigmund Freud einem Textausschnitt von Carl Rogers gegenübergestellt. Im Kapitel «Psycho-Bild-Methoden» wird eine Prüfung des transaktionsanalytischen Modells nach Eric Berne dargestellt. Eine weitere bildnerisch verfremdete Prüfung des Instanzenmodells Freuds findet sich im selben Kapitel. Im Kapitel «Medien-Spiel-Techniken» finden sich zwei Pilotprojekte zur Untersuchung der Individualtherapie (Alfred Adler) mithilfe der «Psycho-Musik-Analyse», sowie zum Ich-Du-Kontaktbegriff in der Gestalttherapie mit der «Psychotanzanalyse». Im fünften Abschnitt des Buches werden dann Arbeiten zur Experimentellen Psychotherapiewissenschaftspraxis an der SFU mit Stand Februar 2020 aufgelistet.

Das Buch vermittelt einen Eindruck dieser neu geschaffenen Forschungstradition an der SFU und bildet das Spektrum bisheriger Forschungstätigkeiten in diesem speziellen Forschungsfeld ab. Es ist für Aussenstehende etwas schwer zu lesen, weil der Inhalt sehr kompakt dargestellt ist und LeserInnen mit einer Vielzahl neuer und erst einmal fremder Begriffe konfrontiert werden. Dennoch vermag es einen Eindruck zu geben, was hier mit welchen innovativen und erfrischend spielerischen Methoden geforscht wird.

Ich empfehle es allen, die an hermeneutischer Forschung in der Psychotherapiewissenschaft interessiert sind.

Peter Schulthess