Originalarbeit

Kurt Greiner

Wenn der Penis auf dem Kopf sitzt: psychoanalytische Symboldeutung und logopoietische Hermeneutik

Zusammenfassung: Mit der Erfindung seiner Interpretationsdisziplin Psychoanalyse ist Sigmund Freud gewiss ein genialer Wurf gelungen. Radikale Psychoanalyse-Skeptiker scheinen diese Gewissheit allerdings in Frage zu stellen, indem sie psychoanalytische Symboldeutungen als grobe Verirrung oder gar als Unsinn bezeichnen. Die Behauptung, bei diesem speziellen Interpretationswissen handle es sich um hermeneutisch gewonnene Erkenntnisse kausalanalytischer Art, dient vielen Psychoanalyse-Apologeten daraufhin zur Verteidigung des wissenschaftlichen Werts psychoanalytischer Auslegungen. Obschon der wissenschaftstheoretische Beobachter von heute keinerlei Veranlassung sieht, die Grandiosität der Freud’schen Leistung zu bezweifeln, warnt er vor dem problematischen Bild einer hermeneutischen Ursachenforschung, weil diese Begriffskombination eine „contradictio in adiecto“ darstellt. Da Hermeneutik und Kausalanalyse per definitionem nicht zusammenpassen, lautet der hier zur Diskussion gestellte Alternativvorschlag: Über psychoanalytische Deutungsarbeit, die eine logopoietische Praxis des heilungsfördernden Textverwebens repräsentiert, wird ein versteh- und damit handhabbares Sinnprodukt geschaffen, welches für die weitere therapeutische Verwertung zur Verfügung steht.

Schlüsselwörter: psychoanalytische Symboldeutung, sinngenerierende Textwissenschaft, logopoietische Hermeneutik, psychonarrative Netze, Sinnofferten.

When the penis sits on the head: psychoanalytical symbol interpretation and logo-poetical hermeneutics

Summary: Sigmund Freud with the invention of his Psychoanalysis interpretation discipline has certainly achieved an ingenious success. Radical sceptics of psychoanalysis appear to question this certainty, in that they describe psychoanalytical symbol interpretation as a crass aberration or even as outright nonsense.

The claim that this special interpretative knowledge deals with hermeneutically gained knowledge of a causal nature, serves as a defence for many psychoanalysis apologists of the scientific value of psychoanalytic interpretations.

Although the modern scientific theory-based observer sees no reason to challenge the grandiosity of the Freudian achievement, he warns about the problematic image of hermeneutic causal research because this represents a conceptual combination of a “contradictio in adiecto”.

Hermeneutic and causal analyses by definition do not fit together. Here an alternative suggestion is put forward for discussion: through psychoanalytical interpretation which represents a healing logo-poetical practice of working with interweaving texts, so creating an understandable and meaningful product which is available for the continuing therapeutic application.

Keywords: Psychoanalytic symbol interpretation, the science of meaning generating texts, logo-poetic hermeneutics, psycho-narrative nets, offers of meaning

Quando il pene si trova sulla testa: interpretazione psicoanalitica dei simboli ed ermeneutica logopoietica

Riassunto: Con l'invenzione della sua disciplina interpretativa, la psicoanalisi, Sigmund Freud ha sicuramente fatto centro. Gli scettici più radicali della psicoanalisi sembrano tuttavia mettere in dubbio questa certezza definendo l'interpretazione psicoanalitica dei simboli un mero traviamento o addirittura un'assurdità. L'affermazione, secondo la quale questo particolare sapere interpretativo rappresenterebbe delle cognizioni ermeneutiche di tipo analitico-causale, viene utilizzata da molti apologeti della psicoanalisi per difendere il valore scientifico delle esposizioni psicoanalitiche. Nonostante l'osservatore contemporaneo della teoria scientifica non abbia alcun motivo per dubitare della grandiosità dell'opera freudiana, egli mette in guardia dall'immagine problematica di una ricerca ermeneutica delle cause, perché la combinazione di questi concetti rappresenta una “contradictio in adiecto”. Poiché ermeneutica e analisi della causalità non sono coniugabili per definizione, la proposta alternativa qui discussa è la seguente: attraverso il lavoro di interpretazione psicoanalitico, che rappresenta una pratica logopoietica di tessitura del testo volta a favorire la guarigione, viene creato un prodotto sensato comprensibile e a disposizione di ulteriori utilizzazioni terapeutiche.

Parole chiave: Interpretazione psicoanalitica dei simboli, scienza testuale generante un senso, ermeneutica logopoietica, reti psiconarrative, offerte di senso.

Sigmund Freud psychoanalysiert einen Traum

In seinem epochemachenden Werk „Die Traumdeutung“ (Erstveröffentlichung 1900), dem Klassiker der psychoanalytischen Literatur schlechthin, präsentiert Sigmund Freud u. a. auch mehrere Interpretationen, anhand derer er illustriert, wie die Verwendung von Symbolen in Träumen funktioniert. In der Analyse, die mit „Der Hut als Symbol des Mannes“ betitelt ist und hier vorgestellt werden soll, setzt sich Freud (1942, S. 364 f.) auf psychoanalytische Weise mit der folgenden Sequenz „aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst agoraphobischen Frau“ auseinander.

„‚Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung hier stockend), und zwar so, dass der eine tiefer steht als der andere. Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir alle nichts anhaben.‘

Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seitenteilen. Dass der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber man sagt ja auch: ‚Unter die Haube kommen!‘ Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen der beiden Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer Determinierung der Deutung den Weg weisen müssen. Ich setze fort: Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen zu wünschen; da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese letztere Aufklärung ihrer Angst hatte ich ihr schon zu wiederholten Malen, auf anderes Material gestützt, geben können.

Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Huts zurück und will nicht gesagt haben, dass die beiden Seitenteile nach abwärts hingen. Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, und beharre dabei. Sie schweigt eine Weile und findet dann den Mut, zu fragen, was es bedeute, dass bei ihrem Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere, und ob es bei allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und die ganze Deutung von ihr akzeptiert.

Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen Fällen glaubte ich zu entnehmen, dass der Hut auch für ein weibliches Genitale stehen kann (…).“

Pseudowissenschaftliche Verirrung oder hermeneutische Ursachenforschung?

Kopfschüttelnd verurteilen radikale Psychoanalyse-Skeptiker derartige Symboldeutungen in Bausch und Bogen. Ihrer Ansicht nach hätte das nichts mit seriösen Interpretationsbemühungen zu tun, sondern ausschließlich mit fehlgeleiteten Fantasien und mit pseudowissenschaftlichen Verirrungen. Psychoanalyse-Apologeten versuchen daraufhin, den wissenschaftlichen Wert von psychoanalytischen Symboldeutungen zu verteidigen. Zu Rechtfertigungszwecken bringen sie dabei nicht selten jenes Argument ins Spiel, wonach es sich bei psychoanalytischen Interpretationsleistungen um hermeneutisch gewonnenes Wissen kausalanalytischer Art handle, d. h. um ein Wissen, das zwar mithilfe hermeneutischer Bemühungen erzielbar sei, gleichzeitig aber im Dienste der Suche nach der Ursache seelischen Leidens stünde.

Damit sind zwei antagonistische Standpunkte artikuliert, die sich beide auf die Qualität von psychoanalytischer Deutungspraxis beziehen. Sieht die eine Position hier nichts als pseudowissenschaftlichen Unsinn am Werk, so widerspiegelt sich darin für das andere Lager eine Wissenschaftsform, die sich als hermeneutische Ursachenforschung bezeichnen ließe. Welche der beiden Seiten wohl recht hat?

Für den wissenschaftstheoretischen Beobachter von heute steht zunächst einmal außer Zweifel, dass Sigmund Freud mit der Erfindung seiner Interpretationsdisziplin Psychoanalyse eine geniale Höchstleistung vollbracht hat. Psychoanalytische Verfahrensweisen repräsentieren garantiert keine Verirrungen oder Unsinnigkeiten, sondern sind nützliche psychotherapeutisch-wissenschaftliche Instrumentarien. Allerdings ist bei wissenschaftskulturellen Zuordnungs- und Bestimmungsversuchen, die sich auf den psychoanalytischen Ansatz richten, höchste Vorsicht geboten. Gerade im Zuge einer Defensivargumentation gilt es, ganz besonders achtsam vorzugehen, um sich nicht in einen methodisch-terminologischen Widerspruch zu manövrieren. Genau das passiert aber, wenn man in psychoanalytischen Auslegungsresultaten hermeneutisch gewonnenes Wissen kausalanalytischer Art zu erkennen meint. Die Lesart von Psychoanalyse als hermeneutischer Ursachenforschung ist mit Sicherheit eine verhängnisvolle. Mit dieser Strategie steuert man nämlich unweigerlich auf eine argumentative Sackgasse zu, weil dabei ausgeblendet wird, dass sich über hermeneutische Erkundungen per definitionem keine Wahrheit im naturwissenschaftlichen Sinne ausfindig machen lässt (Dilthey, 1970; Heidegger, 1993; Gadamer, 1960; Habermas, 1968).

Eine basale wissenschaftskulturelle Differenz sollte niemals aus dem Blick geraten: Ursachenfindung ist das zentrale Motiv naturwissenschaftlicher Investigationen; hermeneutischen Bemühungen geht es jedoch um Konstruktion, Rekonstruktion, Dekonstruktion, Transformation etc. von Sinngehalten. Das heißt, in der Hermeneutik geht es letztlich immer um Sinnverstehen und nicht um Entdeckung und Freilegung von speziellen Ursachen, die bestimmten Wirkungen (Ereignissen, Phänomenen) naturgesetzbedingt zugrunde liegen mögen. Hier sind zwei gänzlich verschiedene und insofern auch unvereinbare Ambitionen des Forschens am Werk.

Naturwissenschaftliche Forschungsziele versus geisteswissenschaftliche Erkenntnisinteressen

Seit jeher wird naturwissenschaftliches Denken und Forschen vom „methodischen Postulat“ des „Kausalprinzips“ geleitet, demzufolge es „jederzeit nach Ursachen bzw. Gesetzen (in verschärfter Fassung: jederzeit nach determinierenden Ursachen bzw. deterministischen Gesetzen) zu suchen“ (Krüger & Rheinwald, 1980, S. 327) gilt. So gesehen kann das Paradigma des kausalanalytischen Erklärens von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, welches übrigens den methodologischen Rahmen für die konkrete Schaffung nomothetischen Wissens in sämtlichen empirisch-quantitativen Forschungsdisziplinen (Medizin, Sozialwissenschaften) aufspannt, als das charakteristischste Merkmal der modernen Naturwissenschaften begriffen werden (Holzkamp, 1995; Jandl, 2010).

Von der naturwissenschaftlichen Strategie des „kausalanalytischen Erklärens“ unterscheidet sich bekanntlich die geisteswissenschaftliche Taktik des „hermeneutischen Verstehens“, welches sich auf die „Erfassung sinnvoller menschlicher Lebensäußerungen“ richtet und „primär bezogen (ist) auf Ausdruck (auf Zeichen, Sprache, Symbol, Handlung) und auf seine Bedeutung“ (List, 1980, S. 673). Wissenschaftsgeschichtlich betrachtet lassen sich die „verstehenden Geisteswissenschaften“ den „erklärenden Naturwissenschaften“ insofern gegenüberstellen, als „sich die Geisteswissenschaften auf einzelne Ereignisse und Handlungen von Menschen in Gegenwart und Vergangenheit beziehen, die sie zunächst zu beschreiben und deren Sinn sie sodann zu verstehen versuchen, während die Naturwissenschaften Ereignisse der objektiven Welt in allgemeine, ‚Gesetze‘ genannte Zusammenhänge einzuordnen und so kausal zu erklären unternehmen“ (Zimmerli, 1992, S. 89f.).

Um eine Spur noch deutlicher wird die Kluft zwischen naturwissenschaftlichen Untersuchungsambitionen und geisteswissenschaftlichen Erkenntnisinteressen durch jene objektzentrierte Überlegung, wonach in hermeneutischen Forschungsterrains der „Analysegegenstand der in einem sozialen Kontext lebende und handelnde Mensch ist, das soziale Individuum, dessen Handeln mit Sinn, mit Bezug auf andere versehen ist; dieses Handeln muss verstanden werden. Somit bedarf auch seine wissenschaftliche Analyse einer anderen Methode. (Die naturwissenschaftlichen und zum Gegenstand der Analyse gemachten Phänomene müssen eben erklärt werden; verstehen – im Sinne einer Erfassung ihrer ‚Motivation‘ – ist nicht möglich.) Nicht die generelle, hinter dem Handeln vermutete Gesetzmäßigkeit – die es so nicht gibt –, sondern die für das Verstehen notwendigen Motive sind entscheidend“ (Lamnek, 1995, S. 14).

Selbstverständlich haben jene Kriterien, welche in den Naturwissenschaften zur Beurteilung der Angemessenheit, der Korrektheit, d. h. der „Wahrheit“ von erzielten Aussagen über den Forschungsgegenstand herangezogen werden (z. B. Korrespondenztheorie der Wahrheit), für die Bewertung der Richtigkeit von hermeneutisch-sinnverstehenden Erkenntnissen keinerlei Funktion. Worin unterscheidet sich dann aber eine richtige von einer falschen Interpretation? Aus wissenschaftstheoretischer Sicht gilt diejenige Deutung als angemessen, „die alles vorhandene einschlägige Wissen über das zu interpretierende Dokument in einen kohärenten – logisch und inhaltlich stimmigen – Zusammenhang bringt und so seinen Sinn konstruiert. Ein Korrespondenz- (oder Adäquatheits-) Kriterium der Wahrheit ist hier untauglich, weil es keinen Sinn ‚an sich‘ des Dokumentes neben und außerhalb des durch die Interpretation konstruierten Sinnes gibt, so dass zwei Sinne zu unterscheiden, zu vergleichen oder gar zu verschmelzen wären“ (Geldsetzer, 1992, S. 136).

Hiermit wird offensichtlich, dass die Idee von der einen und einzig wahren Interpretation, Deutung oder Auslegung in hermeneutischen Forschungskontexten prinzipiell unangebracht ist. Die ambitionierte Suche nach der korrekten Einsicht in die naturgesetzlich bedingte Wahrheit, die vergleichsweise in naturwissenschaftlichen Untersuchungszusammenhängen eine Rolle spielen mag, ist im wissenschaftskulturellen Rahmen des Hermeneutischen, des sinnschaffenden und sinnverstehenden Analysierens und Erkundens von vorneherein fehl am Platz.

Hermeneutisches Unternehmen mit naturalistischem Identitätsproblem

Vor dem Hintergrund der bisher geführten Diskussion über die methodologischen Grundunterschiede zweier Wissenschaftskulturen konstatiert der wissenschaftstheoretische Beobachter: Psychoanalytische Symboldeutung ist alles andere als pseudowissenschaftliche Verrücktheit oder Schwachsinn. Aufgrund ihres hermeneutischen Erkenntnisinteresses hat sie aber auch nichts mit Ursachenforschung in naturwissenschaftlicher Manier zu tun, der es um die Aufdeckung der Wahrheit geht. Vielmehr bewegt sich psychoanalytische Symboldeutung jenseits von Wahrheit und Nonsens.

Tatsächlich muss sich die Psychoanalyse, sofern sie sich selbst als genuin hermeneutisch verfahrende Forschungs- und Praxisform definieren möchte, endlich von ihrer hartnäckigen Fixierung auf das kausalanalytische Forschungsselbstbild befreien, das seinerseits auf einem hochproblematischen naturalistischen Wissenschaftsselbstverständnis basiert. Methodisch-systematisches Sinnschaffen und Sinnverstehen (Hermeneutik) ist vermutlich das wertvollste Erkenntnisinstrumentarium im therapeutischen Kontext, es erwirkt aber mitnichten die Entschlüsselung der Ursache für seelisches Leid. Darüber hinaus darf man nicht vergessen: Eine Psychoanalyse im Geiste des Naturalismus bleibt – ungeachtet der hier verhandelten Thematik, dass Kausalanalyse und Hermeneutik nicht zusammenpassen – auch weiterhin der wohlbekannten und vernichtenden wissenschaftsphilosophischen Kritik des 20. Jahrhunderts gnadenlos ausgeliefert. Positivistisch-empiristische sowie kritisch-rationalistische Denker und Gelehrte führten im vorigen Jahrhundert die Abgrenzungskriterien der Verifikation und der Falsifikation ein, um wissenschaftliche von unwissenschaftlichen oder kognitiv sinnlosen Aussagen unterscheiden zu können. Die „Unwissenschaftlichkeit der Psychoanalyse“ zeigte sich schließlich im Umstand, dass psychoanalytische Sätze weder auf verifizierende noch auf falsifizierende Weise überprüfbar sind (Ellenberger, 1985; Popper, 1963; Grünbaum, 1988).

Die naturalistische Identität, die der Psychoanalyse im vorigen Jahrhundert zum philosophischen Verhängnis wurde und an der insbesondere in neuropsychoanalytischen Kreisen (Kaplan-Solms & Solms, 2005; Kandel, 2006) nach wie vor eisern festgehalten wird, hat nicht zuletzt mit der naturwissenschaftlichen Sozialisation des Mediziners Sigmund Freud zu tun. An dieser Stelle setzt auch jene wohlbekannte Kritik (nach J. Habermas) an, wonach „Freuds wissenschaftstheoretisches Selbstverständnis auf einem szientistischen Missverständnis der Eigenart der Psychoanalyse“ basiere. Bei der psychoanalytischen Herangehensweise handle es sich gerade nicht um eine naturwissenschaftliche, sondern vielmehr um „eine ‚tiefenhermeneutische‘ Disziplin, die versuche, in entstellten ‚Texten‘ (neurotischen Symptomen), Träumen usw. einen Sinn zu finden.“ So gesehen hätte „Freud eine spezielle entmystifizierende ‚Tiefenhermeneutik‘ oder Interpretationstechnik entwickelt, um eine systematisch verzerrte Kommunikation zu verstehen und aufzuheben“ (Skirbekk & Gilje, 1993, S. 758 f.).

Seitdem die Diskussion über die epistemologische Selbstverkennung der Psychoanalyse in Schwung gekommen ist, warnen Philosophen und Wissenschaftstheoretiker immer wieder aufs Neue vor dem fatalen Irrglauben, man könne mit psychoanalytischen Mitteln die Natur der Psyche erforschen, um endlich deren wahre Struktur zu verstehen. „Zweifellos hat Freud sich in jüngeren Jahren naturwissenschaftlich so verstanden, dass er eine Art Seelenmechanismus darstellt, dass er eine Art Seelenmechanismus gefunden hat. Dass er gefunden hat, wie die Seele, was immer das auch ist, die Seele einschließlich des Unbewussten, funktioniert.“ Das aber sei ein grober Fehler. Begreift sich nämlich „die Psychoanalyse (…) als Wissenschaft in diesem Sinn (…), als Wissenschaft, die einen Seelenmechanismus darstellt, so versteht sie sich falsch“, eben weil sie „nicht das Seelenleben oder die Ursache für ein bestimmtes Verhalten (beschreibt)“ (Wallner, 1996, S. 350 f. und 356).

De facto seien psychoanalytische Aktivitäten in der Art einer hermeneutisch-zirkulären Wissenschaft strukturiert. Im Unterschied aber zum klassischen Zirkelprozess des historischen Fragens und Forschens käme beim psychoanalytisch-hermeneutischen Zirkel „die Unterbrechung durch praktische Aktivitäten und Einflüsse zustande“, was zum Beispiel dann der Fall wäre, wenn sich der Klient „als geheilt betrachtet oder Aktivitäten setzt, die diese zirkuläre Bewegung des Psychotherapeuten als unnötig erscheinen lassen. Die Unterbrechung der zirkulären Aktivität ist durch die Praxis gegeben, anders als beim hermeneutischen Zirkel, der eine endlose Annäherung an eine Form von Einsicht oder Wahrheit ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Psychotherapie das Ziel verfolgt, das Leben des Klienten zu verbessern, was dazu führt, dass der hermeneutische Zirkel unterbrochen wird, sobald dieses Ziel erreicht ist“ (Wallner, 2002, S. 252).

Erst im Lichte dieser vorgeordneten therapeutisch-pragmatischen Zielorientierung zeigt sich der legitime Erkenntnisanspruch der Psychoanalyse. Die zentrale Aufgabe der psychoanalytisch-therapeutischen Unternehmung bestehe nämlich darin, „eine Vielzahl von menschlichen Aktivitäten – und im weitesten Sinn auch seelischen Aktivitäten – überblickbar zu machen. Die Psychoanalyse beschreibt nicht, wie das Seelenleben wirklich ist, sondern sie macht seelische Vorgänge überblickbarer, als sie in ihrer lebensweltlichen Deutung sind. Natürlich haben wir die seelischen Vorgänge lebensweltlich immer schon gedeutet, aber diese Deutung bereitet für einige Menschen Schwierigkeiten. Manche bekommen durch die lebensweltliche Deutung ihres Seelenlebens seelische Krankheiten. Phobien, Zwänge oder andere seelische Krankheiten entstehen durch missglückte lebensweltliche Deutungen von seelischen Vorgängen. Soweit wir gesund sind, haben wir unsere seelischen Vorgänge lebensweltlich im Griff“ (Wallner, 2002, S. 253 f.).

Psychoanalytische Interpretation abseits der geisteswissenschaftlichen Tradition

Obwohl es heute in der Psychoanalyse einerseits immer noch naturalistische Hardliner gibt, die keinesfalls nur dem neuropsychoanalytischen Lager entstammen, hat sich andererseits seit längerem schon die Einsicht durchgesetzt, dass es im psychotherapeutischen Tun doch wesentlich „um das hermeneutische Erfassen der Individualität des Seelischen“ geht und „das subjektive Erleben des Patienten (…) zentraler Gegenstand“ (Wagner, 1996, S. 244) therapeutischen Erkundens ist. Die „geisteswissenschaftliche Dimension der Psychotherapie“ müsse dabei insofern noch deutlicher ins Zentrum des therapeutischen Methodenbewusstseins rücken, als sich diese spezielle Form der Heilbehandlung doch „mit Texten (befasst), das heißt mit Lebensgeschichten bzw. Ausschnitten daraus – und Texte bedürfen der Interpretation“ (Rieken, 2015, S. 153). Gerade diese Forderung nach einer grundlegenden Besinnung auf die geisteswissenschaftliche Verankerung der Psychotherapie scheint jedoch mit einer enormen wissenschaftskulturellen Hürde verknüpft zu sein, die am psychoanalytischen Symbolbegriff besonders deutlich in Erscheinung tritt. Die Problematik, die hierbei sichtbar wird, hänge „mit dem janusköpfigen Antlitz der Psychoanalyse zusammen, nämlich einerseits verstehend-hermeneutisch mit Patienten umzugehen, gleichzeitig aber ihre Aussagen in ein enges Interpretationskorsett zu zwängen, wie es für die Geisteswissenschaften mit ihrem multiperspektivischen Verstehens-Horizont vollkommen untypisch wäre (…)“ (Rieken, 2012, S. 101).

Dieses Statement trifft voll ins Schwarze. Es stimmt, dass die Symboldeutungspraxis der Psychoanalyse nicht in Einklang zu bringen ist mit dem konventionellen Verständnis von geisteswissenschaftlicher Hermeneutik. Das Spezifikum des psychoanalytischen Interpretationsprogramms, das es vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus zu kritisieren gilt, lässt sich allerdings auch unter einem positiven Vorzeichen betrachten. Von einem instrumentalistisch gewendeten Gesichtspunkt aus beurteilt wird z. B. der technisch-funktionale Wert eines „engen Interpretationskorsetts“ für die hermeneutische Produktion von Sinn erkennbar. In dieser Perspektive zeigt sich nämlich, „wie die theoretischen Konzepte der einzelnen Schulen die Wahrnehmungsperspektive festlegen und das Beobachtbare selektiv eingrenzen: In Korrespondenz mit den theoretischen Inhalten wird das Beobachtete akzentuiert und strukturiert. Genau das stellt die Leistung dieser theoretischen Modelle dar: Sie strukturieren die Wahrnehmung des Therapeuten und ermöglichen ihm so ein konsistentes Handeln, sie stellen die Matrix zur Verfügung, mit der die Individualität, das subjektive Erleben des Patienten angemessen erfasst werden kann und gewährleisten die Kommunizierbarkeit, Nachvollziehbarkeit und Kritisierbarkeit therapeutischer Modelle“ (Wagner, 1996, S. 244 f.).

In dieser Argumentation artikuliert sich eine postmoderne Geisteshaltung, die „vom Wahrheits- und Objektivierungsparadigma“ definitiv Abschied genommen hat und sich stattdessen für „Konstruktion und Dekonstruktion unterschiedlicher Wirklichkeitssichten“ interessiert. Die vielen verschiedenen Modelle, Konzepte und Theorien der psychoanalytischen Ansätze, die von einem dementsprechenden Blickwinkel aus dann nur mehr unter dem pragmatischen Aspekt ihrer psychotherapeutischen Nützlichkeit zu bewerten sind, „können als Narrative verstanden werden, die dabei helfen, die Eindrücke aus der therapeutischen Situation zu ordnen und so dem Therapeuten ein rationales und konsistentes Handeln ermöglichen. Sie erheben eo ipso keinen letztgültigen Erkenntnisanspruch, sondern stellen (Handlungs-)Anweisungen dar, die therapeutischen Phänomene auf eine je spezifische Weise zu strukturieren“ (Wagner, 1996, S. 243).

Die Diskussion zusammenfassend soll nun festgehalten werden, dass die Psychoanalyse weder als eine wissenschaftliche Verirrung noch als eine kausalanalytische Wissenschaft, sondern als eine hermeneutisch operierende Forschungs- und Praxisrichtung zu begreifen ist (Wallner, 1996, 2002), der es um das subjektive Erleben des Patienten und damit um die Erkundung der Individualität des Seelischen (Wagner, 1996) geht. Gleichzeitig aber widersprechen die hermeneutischen Prinzipien des Psychoanalysierens der traditionellen Auffassung von geisteswissenschaftlicher Hermeneutik (Rieken, 2012), weshalb psychoanalytisches Forschen auch nicht mit dem klassischen Hermeneutik-Begriff verstanden werden kann. Der Frage, wie sich denn nun die psychoanalytischen Praxen des Interpretierens und Sinndeutens wissenschaftstheoretisch schlüssig konzeptualisieren lassen, soll mit einem Vorschlag begegnet werden, den es im Folgenden sukzessive zu entfalten gilt.

Von den Sinn-rekonstruierenden Geisteswissenschaften zur Sinn-generierenden Textwissenschaft

Den Ausgangspunkt für einen Bestimmungsversuch von psychoanalytischer oder psychodynamischer und tiefenpsychologischer Hermeneutik bildet dabei jenes zentrale Argument, das bereits ins Feld geführt wurde und an dieser Stelle deshalb wiederholt werden soll, weil es sowohl das objekt- als auch das methodenspezifisch Grundlegendste auf den Punkt bringt: Jede Form von Psychotherapie befasst sich „mit Texten, das heißt mit Lebensgeschichten bzw. Ausschnitten daraus – und Texte bedürfen der Interpretation“ (Rieken, 2015, S. 153). Damit ist aber auch schon zweierlei klar gesagt – nämlich erstens, dass das psychoanalytische Forschungsobjekt stets Text ist, und zweitens, dass die psychoanalytische Forschungsmethode insofern gar keine andere sein kann als eine interpretatorische, auslegende, ausdeutende, d. h. genuin hermeneutische. Daran besteht also keinerlei Zweifel. Die Frage ist jetzt vielmehr, was für eine besondere Art von Hermeneutik die Psychoanalyse repräsentiert, da sie sich ja der konventionellen Lesart von geisteswissenschaftlicher Hermeneutik zu widersetzen scheint.

Tatsächlich wäre es aus wissenschaftstheoretischer Sicht zunächst einmal ratsam, bei der Betrachtung der Funktionsweisen sämtlicher psychodynamischer und tiefenpsychologischer Wissenschaftskulturen (Psychoanalyse, Freud; Individualpsychologie, Adler; analytische Psychologie, Jung etc.) Abstand vom klassischen Begriffsverständnis der Hermeneutik zu nehmen, das auf den Aspekt der Sinn-Rekonstruktion rekurriert, und stattdessen den Aspekt des Sinn-Generierens in den Vordergrund zu heben. Wem es gelingt, sich von der Auffassung zu distanzieren, im Hermeneutischen ginge es ausschließlich um das Auffinden und Entdecken, das Aufzeigen und Sichtbarmachen, das Nachzeichnen und Erfassen, das Entschlüsseln und Enthüllen eines zwar verborgenen, aber potenziell vorhandenen Sinns, der gewinnt eine erweiterte Perspektive auf Hermeneutik. Geht es doch im Hermeneutischen sehr wohl auch um das Erschaffen und Erfinden, das Herstellen und Produzieren, das Kreieren und Konstruieren eines noch nicht vorgefertigten Sinns, eines gänzlich neuen Sinns also, den es im Zuge schöpferischer Ausdeutungsprozesse überhaupt erst zu bilden und zu gestalten gilt. Jene Praxisform von Hermeneutik, in der systematisch neue Sinngehalte ins Leben gerufen werden (Logo-Poiesis), soll logopoietische Hermeneutik heißen.

Da er nicht schlüssig gelingen kann, sollte der wissenschaftstheoretische Versuch, psychodynamische und tiefenpsychologische Forschungsansätze methodologisch-strukturell den hermeneutisch-sinnrekonstruierenden Geisteswissenschaften zuzuordnen, besser unterlassen werden. Mehr Aussicht auf Erfolg scheint die Alternative zu bieten, Forschungsansätze der psychodynamischen und tiefenpsychologischen Art als verschiedenartige Formen einer hermeneutisch-sinngenerierenden oder logopoietischen Textwissenschaft zu bezeichnen. Was genau damit gewonnen ist, die differenten Praxen der Psychoanalyse mit der neo-terminologischen Etikette einer logopoietischen Textwissenschaft zu versehen, das wird der nächstfolgende Schritt dieses Bestimmungsversuchs zeigen, in dem es das Basisschema der logopoietischen Operationsmodi zu untersuchen gilt. Dabei ist zu klären, wie die innerhalb der einzelnen psychodynamischen und tiefenpsychologischen Programme je konkret funktionierenden Prozesse des schöpferischen Ausdeutens, in deren Verlauf gänzlich neue Sinngehalte gebildet und gestaltet werden, wissenschaftstheoretisch-konzeptuell zu fassen sind.

Logopoietische Hermeneutik als Praxis des heilungsfördernden Textverwebens

Um die besondere hermeneutische Struktur definitorisch auf den Nenner zu bringen, welche den diversen psychoanalytischen Praxisformen des methodisch-systematischen Sinn-Generierens, d. h. des logopoietischen Textwissenschaffens, zugrunde liegt und diese gleichsam charakterisiert, soll – die bisherigen theoretischen Erörterungen mit einbeziehend – an vorgängige Versuche angeknüpft werden, psychoanalytische oder psychodynamische und tiefenpsychologische Forschung auf einer kulturkonstruktivistischen Basis wissenschaftstheoretisch zu fundieren (Greiner, 2007, 2012). Bloß setzt im Unterschied zu diesen bereits existierenden Verortungsversuchen der nun folgende Vorschlag mithilfe der Spinnen-Metapher (Netz, verweben) an und definiert psychodynamische und tiefenpsychologische Hermeneutik als polykonzeptuelle Praxis des heilungsfördernden Textverwebens. In dieser speziellen textwissenschaftlichen Perspektive werden psychodynamische und tiefenpsychologische Aktivitäten mithin lesbar als vielgestaltige Interpretationspraxen, die sich darum bemühen, problematische Kliententexte in psychonarrative Netze logopoietisch hinein zu verweben: Leidvolle Erfahrungsmomente der Fragwürdigkeit, Schwerverständlichkeit oder Unverständlichkeit im persönlichen Erlebenszusammenhang (problematische Kliententexte) können verstehbar und damit handhabbar gemacht werden über deren logopoietische Einbindung (Textverweben) in je schulenspezifische Erzählmodi (psychonarrative Netze) innerhalb des interaktiven Beziehungsrahmens zwischen Klient(in) und Therapeut(in), was von heilungsfördernden Effekten begleitet wird.

Die in dieser Konzeptualisierung entwickelten Begriffsfiguren lassen sich wie folgt näher bestimmen:

Polykonzeptuelle Praxis des logopoietischen Hineinverwebens. Die methodendefinierende Begriffsfigur der polykonzeptuellen Praxis des logopoietischen Hineinverwebens ersetzt die konventionellen interpretatorischen Ambitionen des Aufdeckens konfliktverursachender Konstellationen, des Entschlüsselns verborgener Sinngehalte, des Enthüllens verdeckter Bedeutungskomplexe etc. und verweist auf jenen schöpferischen Aspekt von hermeneutischer Aktivität, bei dem es um Erfindung, Generierung und Produktion von Sinn- und Bedeutungszusammenhängen geht.

Problematische Kliententexte. Die objektdefinierende Begriffsfigur der problematischen Kliententexte, die den hochkomplexen Gegenstandsbereich psychodynamischen und tiefenpsychologischen Erkundens benennt, bezieht sich auf sämtliche Äußerungsformen, Ausdrucksgestalten und Mitteilungsfiguren vonseiten der hilfe- oder unterstützungssuchenden Person im therapeutischen Kontext, denen der Aspekt des Unklaren, des Irritierenden oder des Konfusen anhaftet.

Psychonarrative Netze. Die theoriendefinierende Begriffsfigur der psychonarrativen Netze nimmt Bezug auf die speziellen Lehren, Konzepte und Modelle vom Psychischen, wie z. B. die Psychoanalyse (Freud), die Individualpsychologie (Adler), die analytische Psychologie (Jung) etc.

Über den Weg einer Begriffspräzisierung gilt es jetzt, den spezifischen Gebrauchszusammenhang der Termini technisch im Rahmen dieser Definition Schritt für Schritt abzustecken.

Unter dem theoriendefinierenden Terminus der psychonarrativen Netze sind die mannigfach existierenden differenzierten Weisen des Sprechens über das Psychische, d. h. die vielfältigen professionellen Erzählungen über das menschliche Seelenleben, zu verstehen. Mit und in diesen spezifischen Fachsprachen oder Sprachspielen (nach L. Wittgenstein), die als mehr oder weniger komplex konzipierte Erzählgewebe vorliegen, werden Psyche, Psychisches, Seelenleben, Psychodynamik etc. überhaupt erst als textwissenschaftlich relevante Entitäten generiert, konstruiert und strukturiert. Zu den bekanntesten psychonarrativen Netzen zählen die psychodynamischen/tiefenpsychologischen Theorien und Lehren von Sigmund Freud (Psychoanalyse), Alfred Adler (Individualpsychologie) und Carl Gustav Jung (analytische Psychologie). Neben diesen prominenten Beispielen gibt es heute freilich eine Vielzahl von weiteren mehr oder weniger elaborierten psychonarrativen Netzen. Aus wissenschaftstheoretischen Gründen ist es im Zusammenhang mit psychonarrativen Netzen dabei völlig uninteressant, ob eine empirisch-systematische Überprüfung ihrer Inhalte funktioniert, d. h., ob eine wissenschaftliche Verifikation oder Falsifikation von aufgestellten Behauptungen und Satzzusammenhängen gelingt. Für die logopoietische Hermeneutik reicht es vollkommen, wenn psychonarrative Netze als kohärente und konsistente Fachsprachen entwickelt sind und damit als Matrizen für sinnschaffendes Textverweben im therapeutischen Kontext zur Verfügung stehen. In logopoietischer Perspektive mutieren Freud, Adler, Jung sowie alle weiteren Gründer(innen) psychodynamischer und tiefenpsychologischer Schulen freilich zu psychowissenschaftlichen Poeten in dem Sinne, als sie Urheber seelensprachlicher Großtexte repräsentieren, deren geniale Schöpfungen die textwissenschaftlichen Grundlagen (psychonarrative Netze) für die heilungsfördernden Vernetzungspraxen bilden. (Übrigens ist die logopoietische Schlussfolgerung, in S. Freud, A. Adler und C. G. Jung Dichter zu sehen, kompatibel mit der Sichtweise des jungianischen Analytikers James Hillman [1986], der vor einem ganz anderen Hintergrund auch zu dieser Auffassung gelangt.)

Der objektdefinierende Terminus der problematischen Kliententexte richtet sich nun auf den hochkomplexen Gegenstandsbereich psychodynamischen und tiefenpsychologischen Forschens. Darunter fällt praktisch alles, was von der hilfe- oder unterstützungssuchenden Person (Klient[in], Patient[in]) im psychotherapeutischen Kontext geäußert wird. Sämtliche Mitteilungsformen und Ausdrucksgestalten, in denen sich insbesondere leidvolle Erfahrungsmomente der Fragwürdigkeit, Schwerverständlichkeit oder Unverständlichkeit artikulieren, die dem persönlichen Erlebenszusammenhang des oder der Therapiesuchenden entstammen, stellen die textbasierten Objektivationen dar, die im Rahmen dieser Definition als problematische Kliententexte bezeichnet werden. Mit problematischen Kliententexten (Untersuchungsobjekt) gilt es in weiterer Folge psychodynamisch und tiefenpsychologisch (Untersuchungsverfahren) adäquat umzugehen.

Das, was psychodynamische und tiefenpsychologische Hermeneutik verfahrensstrukturell charakterisiert, wird mit dem methodendefinierenden Terminus der polykonzeptuellen Praxis des logopoietischen Hineinverwebens begrifflich zu fassen versucht. Diese Begriffsverkettung benennt zunächst ganz allgemein die interpretatorische Kunst des Einbindens und Einfügens, des Eingliederns und Einordnens, des In-Zusammenhang-Bringens von problematischen Kliententexten. Rein prozessual betrachtet handelt es sich dabei um genau jenes Praxisgeschehen, welches im konventionellen Psychoanalyse-Selbstverständnis als das Aufdecken konfliktverursachender Konstellationen, das Entschlüsseln verborgener Sinngehalte, das Enthüllen verdeckter Bedeutungskomplexe bezeichnet wird. Weil jedoch die überlieferte Auffassung in epistemologischer Hinsicht hochproblematisch ist, offeriert dieser Bestimmungsvorschlag einen alternativen Blick auf die psychodynamische und tiefenpsychologische Interpretationspraxis, indem er jenen schöpferischen Aspekt von hermeneutischer Aktivität ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, in dem es um Erfindung, Generierung und Produktion von Sinn- und Bedeutungszusammenhängen geht.

Wiederum aus wissenschaftstheoretischen Gründen interessiert man sich im Rahmen einer so verstandenen ausdeutenden Praxis des sinnschaffenden Textverwebens (logopoietischen Hermeneutik) allerdings nicht dafür, ob das systematische Einbinden und Einordnen von problematischen Kliententexten auch mit einer außerhalb dieser logopoietischen Unternehmung liegenden objektiven Wirklichkeit psychischer Sachverhalte faktisch korrespondiert. Streng methodisch gesehen ist dabei nur entscheidend, ob überhaupt und in welcher Weise die komplexen Prozesse des sprachlichen Verflechtens und Verknotens (polykonzeptuelle Praxis des logopoietischen Hineinverwebens) von leidvollen Erfahrungsmomenten der Fragwürdigkeit, Schwerverständlichkeit oder Unverständlichkeit, die dem persönlichen Erlebenszusammenhang des oder der Therapiesuchenden entstammen (problematische Kliententexte), in die differenzierten Weisen des Sprechens über das Psychische, in die Sinngewebe der professionellen Erzählungen über das menschliche Seelenleben, in die spezifischen Begriffsgeflechte der psychodynamischen und tiefenpsychologischen Fachsprachen nach Freud, Adler, Jung etc. (psychonarrative Netze) schlüssig und stimmig gelingen.

Man könnte auch sagen, dass sich psychodynamische und tiefenpsychologische Therapeut(inn)en im Prozess des logopoietischen Hineinverwebens darum bemühen, die Texte zweier Autor(inn)en – sämtliche textbasierte Objektivationen des oder der Therapiesuchenden und die seelensprachlichen Großtexte der psychowissenschaftlichen Poet(inn)en – auf methodisch-kreative Weisen zu verknüpfen, um dadurch hilfreiche Sinngestaltungsangebote oder Sinnofferten zu gewinnen. Sobald sich irritierende Konfusionstexte über ingeniöses Hineinverweben in psychonarrative Netze in nachvollziehbare, d. h. versteh- und damit handhabbare, Sinntexte transformieren, die als Sinnofferten für die weitere psychotherapeutische Verwertung zur Verfügung stehen, funktioniert logopoietische Hermeneutik in einem heilungsfördernden Sinne.

Im Zuge des hier durchgeführten und zur Diskussion gestellten Versuchs, psychodynamische und tiefenpsychologische Hermeneutik wissenschaftstheoretisch alternativ zu verorten, hat sich deutlich herauskristallisiert, dass weder die textwissensschaffenden Verfahrensweisen (verstanden als Praxen des logopoietischen Hineinverwebens) noch die diesen zugrunde liegenden Theorien, Konzepte und Modelle der verschiedenartigen Schulen des Psychoanalysierens (verstanden als psychonarrative Netze) einer naturwissenschaftlichen Begründung oder Rechtfertigung bedürfen. Die Praxen des logopoietischen Hineinverwebens in psychonarrative Netze benötigen schlicht und einfach keine bio- oder neurowissenschaftliche Fundierung. Die Adäquatheit der Erkenntnisse und Einsichten, die im Kontext des bedeutungsgenerierenden Textverwebens erzielt werden können, lässt sich insofern nicht via empirische Überprüfungen bemessen, eben weil es sich hierbei um genuin hermeneutische Prozesse des Sinnproduzierens handelt, d. h. um textwissenschaftliche Leistungen, die allein auf interpretationslogische Kohärenz und Konsistenz hin zu befragen sind.

Heilungsfördernde Sinnofferten im sexualbegrifflich strukturierten Erzählnetz

Psychodynamische und tiefenpsychologische Forschungskulturen sind gewiss nicht pseudo- oder unwissenschaftlich; sie sind auch gewiss nicht naturwissenschaftlich. Genauso gewiss ist, dass sie ebenso wenig geisteswissenschaftlich im klassischen Sinne sind. Zwar operieren psychodynamische und tiefenpsychologische Analytiker(innen) hermeneutisch-sinnverstehend, verfolgen dabei jedoch keine konventionelle Sinn-Rekonstruktion, sondern sind bemüht, auf interpretatorische Weisen neue Sinngehalte zu generieren (Sinnofferten), die für psychotherapeutische Zwecke verwertbar sein müssen. Diese Alternativbestimmung von psychodynamischer und tiefenpsychologischer Hermeneutik bildet schließlich jenen Hintergrund, vor dem der wissenschaftstheoretische Beobachter von heute das Postulat deduziert, dass sich psychoanalytische Symboldeutung jenseits von Wahrheit, Nonsens und Sinn-Rekonstruktion bewegt.

Wenn der Penis auf dem Kopf sitzt, dann handelt es sich um einen Gedankenfaden, der ins psychonarrative Netz von Sigmund Freud eingesponnen zu sein scheint. Freud (1942, S. 364 f.) selbst formuliert es zumindest im Titel seiner Fallgeschichte noch etwas vorsichtiger, wenn er vom „Hut als Symbol des Mannes“ spricht. Wie wir in dieser Analyse gesehen haben, stiftet der Traum einer seelisch leidenden Frau nicht zuletzt deswegen Irritation, weil in ihm ein auffallend seltsamer Hut auftaucht, mit dem die Therapiesuchende assoziativ nichts anzufangen weiß. Diese offensichtlich unverständliche Mitteilung (problematischer Kliententext) interpretiert Sigmund Freud zu psychotherapeutischen Zwecken im Lichte seiner psychoanalytischen Lehre (psychonarratives Netz) und deutet dabei den bizarren Hut theorienlogisch konsequent als Symbol für das männliche Geschlechtsorgan (logopoietisches Hineinverweben).

Liest man diese exemplarische Traumanalyse nun unter dem Aspekt, dass dabei die Texte zweier Autor(inn)en auf methodisch-kreative Art verknüpft werden, dann stellt sich der erste Text, in dem eine Patientin Freuds den lebensweltlich nicht weiter kontextualisierbaren Inhalt eines irritierenden Traumes schildert (problematischer Kliententext), folgendermaßen dar (Text von Autorin 1): „‚Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (…), und zwar so, dass der eine tiefer steht als der andere. Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir alle nichts anhaben‘“ (Freud, 1942, S. 364 f.).

Der zweite Text, mit dem es den ersten methodisch-kreativ zu verknüpfen gilt, umfasst den seelensprachlichen Großtext der Psychoanalyse des psychowissenschaftlichen Poeten Sigmund Freud (psychonarratives Netz), dessen Struktur bekanntlich sexualbegrifflich determiniert ist (Text von Autor 2). Der Vollständigkeit halber muss dabei erwähnt werden, „dass Freud den Begriff Sexualität nicht in dem engen Sinn rein genitalen Vollzugs versteht, sondern alles einbezieht, was mit sinnlich-körperlicher Wollust und dranghafter Begierde, mit ‚Lust und Liebe‘ geschieht. Sexuell in diesem Sinn ist für Freud z. B. das Lutschen des Kindes, die Lust an den Ausscheidungsvorgängen, die drängende Zärtlichkeit eines fünfjährigen Mädchens usw.“ (Elhardt, 1990, S. 26).

Als Psychotherapeut bemüht sich Sigmund Freud nun um die methodisch-kreative Verknüpfung (logopoietisches Hineinverweben) dieser beiden Texte, um dadurch ein therapeutisch verwertbares Sinngestaltungsangebot (Sinnofferte) zu gewinnen. Schlaglichtartig soll die zentrale Sinnofferte aus der Symboldeutung herausgehoben werden (Text von Autorin 1 plus Text von Autor 2): „Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seitenteilen. (…) Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen zu wünschen (…)“ (Freud, 1942, S. 364 f.).

In diesem Traumdeutungsbeispiel zeigt sich deutlich die strukturelle Besonderheit des psychonarrativen Netzes der Freud’schen Psychoanalyse, welche freilich die qualitative Form der zu generierenden Sinngebilde prägt. Werden fragwürdige, irritierende Textfiguren in das psychonarrative Netz nach Sigmund Freud, in dem die Sexualbegrifflichkeit dominiert, logopoietisch hineinverwoben, dann entstehen dabei nachvollziehbare Textprodukte (Sinngestaltungsangebote), die insofern gänzlich neu sind, als sich fehlender Sinn symbolinterpretatorisch in sexuellen Sinn transformiert. Unverständliches wird anhand der spezifischen Operationen des terminologisch hochentwickelten Sprachspiels der Psychoanalyse versteh- und handhabbar und steht sodann als heilungsfördernde Sinnofferte für die weiteren psychotherapeutischen Interventionen zur Verfügung.

Versteht sich die Psychoanalyse in diesem Sinne als logopoietische Textwissenschaft, so gewinnt sie in zweifacher Hinsicht. Sie schärft damit nämlich nicht nur die Konturen ihres speziellen hermeneutischen Profils, sondern emanzipiert sich gleichzeitig vom problematischen Selbstbild einer hermeneutischen Ursachenforschung.

Danksagung

Für inspirierende Diskussionen gilt mein Dank meinem Freund Martin Jandl.

Autor

Kurt Greiner, Univ.-Doz. DDr., lehrt an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und forscht im dortigen Fachbereich Philosophie der Psychotherapiewissenschaft mit dem Schwerpunkt Hermeneutische Therapieschulenforschung.

Korrespondenz

Kurt Greiner

Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien

Campus Prater

Freudplatz 1

A-1020 Wien

Österreich

E-Mail: kurt.greiner@sfu.ac.at

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