Achim Votsmeier-Rühr & Rosemarie Wulf (2017): Gestalttherapie

München: Reinhardt Verlag. 238 Seiten. 24,90

Psychotherapie-Wissenschaft 7 (2) 90–91 2017

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Mein erster Gedanke, als ich die Buchausschreibung sah, war: ein weiteres Buch mit dem Titel «Gestalttherapie»? Doch ich wurde neugierig auf das, was die beiden bekannten AutorInnen darstellen und anreichern würden. Die Lektüre lohnt sich. Es wird bei Weitem nicht einfach das wiedergegeben, was auch schon andernorts geschrieben steht.

Das Buch erschien in der Reihe «Wege der Psychotherapie» im Ernst Reinhardt Verlag. Da hat die Gestalttherapie neben den anderen beschriebenen Verfahren natürlich einen gebührenden Platz verdient.

Den AutorInnen ist es gelungen in gut verständlicher und kompakter Form, die Essentials der Gestalttherapie herauszuarbeiten und darzustellen. Zu den gängigen Konzepten ergänzen sie eigene Akzentuierungen, habe es doch seit der Konzipierung der Gestalttherapie in den 50 Jahren des letzten Jahrhunderts doch auf einigen Gebieten einen Erkenntniszuwachs gegeben. So beschreiben sie die erkenntnistheoretischen Grundannahmen der Gestalttherapie differenziert, stellen einen Anschluss der Feldorientierung im Gestalt-Ansatz zur Schematherapie her und gehen ausführlich auf den Ansatz einer dialogischen Gestalttherapie ein.

Das Buch beginnt mit einem geschichtlichen Abriss des zeit- und ideengeschichtlichen Kontextes der Entstehung der Gestalttherapie. In diesem Kapitel werden die Quellen beschrieben, die die Gestalttherapie massgeblich beeinflusst haben. Erläutert wird auch der lebensgeschichtliche Hintergrund der Gründerpersönlichkeiten. Hier zeigt sich, dass auch in der Darstellung des Therapieansatzes eine Feld- und Kontextorientierung umgesetzt wird.

Der Hauptteil des Buches ist der Theorie und der wissenschaftlichen Fundierung dieser Theorie gewidmet. Hier werden die erkenntnistheoretischen Grundannahmen (Phänomenologie, Kritischer Realismus, Konstruktivismus und Feldtheorie), die Feldorientierung (alles ist verbunden und in Wechselwirkung), die existenziell-phänomenologische Orientierung (subjektives Erleben im Fokus) wie auch die dialogische Orientierung (Heilung aus der Begegnung) ausgeführt.

Im Verständnis, dass die Person in einem ständigen Prozess der kreativen Anpassung mit ihrer Umwelt steht, wird gezeigt, wie sich die Person in interpersonellen Beziehungen entfaltet. Das bekannte Konzept des zyklischen Kontaktprozesses wird um die interpersonelle Dimension ergänzt wiedergegeben.

Von gelungenen Prozessen kreativer Anpassungen werden dysfunktionale Anpassungen abgegrenzt. Diese münden in eine in anderen Publikationen zur Gestalttherapie kaum zu findende Darstellung einer allgemeinen Störungslehre, möglicher Störungen im Kontaktzyklus wie auch einer speziellen Störungslehre. Da finden sich mit Bezug zum ICD-10 detaillierte Ausführungen zu einem gestalttherapeutischen Verständnis solcher Störungsbilder und Leitlinien zur Behandlung.

Ein weiteres Kapitel ist dem therapeutischen Prozess gewidmet. Es werden die Leitideen gestalttherapeutischen Handelns aufgezeigt sowie Behandlungsansätze für Störungen im Vorkontakt, Vollkontakt und Nachkontakt.

Ein letztes Kapitel beschreibt die vorliegende Wirksamkeitsforschung und belegt empirisch die Wirksamkeit der Gestalttherapie über ein breites Spektrum von Störungsbildern.

Eine Zusammenfassung der wesentlichen Aspekte der Gestalttherapie in Theorie und Praxis rundet das Buch ab. Das Sachregister erleichtert das Nachschlagen zu bestimmten Begriffen im Buch.

Wer eine zeitgemässe Darstellung der Gestalttherapie sucht, sei es als aktualisierte Auffrischung für GestalttherapeutInnen, sei es zur Einführung in den Gestalt-Ansatz für Personen von ausserhalb der Gestalttherapie, ist gut bedient mit diesem systematisch gut aufgebauten und klar gegliederten Buch.

Peter Schulthess