Hell, D. (2026). Fragile Psyche. Von Umbrüchen und Aufbrüchen.
Psychosozial-Verlag, 202 S., 35.90 CHF, 27.94 EUR, ISBN: 978-3-8379-3386-4
Psychotherapie-Wissenschaft 16 (2) 2026 65
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https://doi.org/10.30820/1664-9583-2026-2-65
Daniel Hell ist als Zürcher Psychiater und Psychotherapeut vielen ein Begriff. In seinem neuesten Buch fokussiert er auf die Fragilität des Menschen. Er führt aus, dass Fragilität eine Lebenskonstante von uns Menschen ist, von Geburt bis Tod. Umbrüche gehören zu jedem Leben. Fragil und verletzlich zu sein, ist nicht eine Krankheit, sondern etwas ganz Normales. In systematischer Weise geht er der Bedeutung und Wertschätzung von Fragilität seit dem Altertum in Philosophie, Gesellschaft und Psychotherapie nach. Beeindruckend ist die Wissensbreite und Belesenheit des Autors, die in diesem Buch zum Ausdruck kommt. Der Autor formuliert folgende Kernthesen:
Fragilität ist ein inhärenter Teil des Menschseins. Sie ist kein «Betriebsunfall» oder ein Zeichen von Labilität, sondern eine grundlegende Eigenschaft der menschlichen Psyche. Der Mensch ist insbesondere deshalb fragil, weil er die Fähigkeit zur Selbstreflexion hat. Diese ermöglicht ihm, sich selbst infrage zu stellen und zu bewerten, was zwar Freiheit schafft, aber auch eine permanente Angriffsquelle ist für Selbstzweifel, Scham und Leiden.
Das Leben verläuft nicht linear, sondern ist von Brüchen, Krisen und Umbrüchen durchzogen. Diese beinhalten einerseits ein Risiko für psychische Bruchereignisse, Fragmentierungen oder Erkrankungen (wie etwa Depressionen), bieten aber andererseits auch eine Chance für Wachstum, Lernerfahrungen und schöpferische Tätigkeit. Mit der Annahme der eigenen Zerbrechlichkeit können Krisen ins Leben integriert werden.
Kritik am Optimierungswahn und Pathologisierung: Hell warnt davor, Gefühle wie Scham oder Traurigkeit vorschnell als krankhaft abzutun und durch ständige Selbstoptimierung zu verdrängen. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit voller gesellschaftlicher Veränderungen und wegen des Leistungsdrucks, immer mehr zu erreichen, kann eine Kluft zwischen Selbstbild und Realität entstehen. Scham ist ein guter Indikator für das Erkennen einer solchen Kluft. Traurigkeit hingegen kann ein Resilienzfaktor sein, um Verluste, Enttäuschungen und Krisen zu verarbeiten.
Der Autor beleuchtet zudem die Rolle der Fragilität in verschiedenen Lebensphasen, von den ersten Bindungserfahrungen nach der Geburt über die Adoleszenz bis hin zum Alter.
Hell plädiert für die Annahme der eigenen Endlichkeit und Fragilität und für einen konstruktiven Umgang damit. «Risse im Selbstbild» seien nicht zu leugnen, sondern als notwendige Bedingung für Wachstum zu akzeptieren. Dem Autor gelingt es, in flüssiger Sprache wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse mit seiner klinischen Erfahrung zu verbinden, die er mit Fallbeispielen illustriert. Das Buch ist geprägt von Daniel Hells eigener Menschlichkeit und seinem humanistischen Menschenbild. Ich empfehle es gern zur Lektüre.
Peter Schulthess