Buchbesprechung

Stöckli, P. (2026). Autismus, Trauma und Bindung. Neue Wege zu Regulation und Verbindung.
Kohlhammer, 269 S., 55.90 CHF/46.80 CHF, 39.– EUR, ISBN: 978-3-17-046437-7

Psychotherapie-Wissenschaft 16 (2) 2026 64–65

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2026-2-64

Philippe Stöckli legt ein Buch vor, das die Therapie von Menschen im Autismus-Spektrum verändern und befruchten wird. Er reflektiert die wechselseitigen Wirkungen von Autismus, Trauma und Bindung. Das Buch hat einen gut strukturierten Aufbau. Der Autor zeigt zu Beginn auf, dass es bisher kein klares Autismus-Konzept gibt, und fordert ein solches ein. Dieses Buch soll einen Beitrag dazu leisten. So referiert er das bisherige Autismus-Verständnis und die vorliegenden Theorien. Autismus wurde als unveränderliche genetische Disposition verstanden und die Therapie zielte auf Akzeptanz dieses unabänderlichen Andersseins und auf Training von sozialen Kompetenzen oder Energiemanagement. Dann erläutert der Autor den Zusammenhang von Autismus und Trauma, Trauma und Stress sowie Autismus und frühkindliche Bindungsentwicklung, worauf er ein Vier-Komponenten-Modell entwickelt, das die Basis für ein integratives Behandlungsmodell liefert. Der Einbezug von Behandlungsansätzen aus der Traumatherapie bietet neue Entwicklungschancen auch für Autismus-PatientInnen.

Stöckli integriert Erkenntnisse aus der Psychotraumatologie, der Bindungstheorie, der Stressforschung und der Neurobiologie. Die Fülle rezipierter Literatur aus all diesen Gebieten ist beeindruckend. Auf diese Weise ersetzt er die bisherigen Symptomkategorien durch eine funktionale Kategorisierung, die auf vier zugrundeliegenden Pathomechanismen beruht. Der therapeutische Ansatz berücksichtigt Aspekte wie Informationsintegration, Regulation, Stress und Trauma, Bindung und Körper (Verbindung nach innen und aussen) sowie Kompensations- und Kontrollstrategien.

Die genetische Komponente kann mit Psychotherapie nicht therapiert werden, sie gilt es anzunehmen. Im Bereich der Stress- und Trauma-, der Bindungs- und der Kompensationskomponente eröffnen sich jedoch viele Möglichkeiten, psychotherapeutisch Veränderungen und Wachstum zu fördern. Viele Menschen im ASS-Spektrum haben Traumatisierungen erlebt. Diese gilt es zu behandeln. So berücksichtigt Stöcklis Behandlungsmodell die Herstellung von Sicherheit und Ernst-genommen-Sein als Voraussetzung einer Therapie sowie eine Förderung der Innenorientierung durch Achtsamkeit auf eigene Körperwahrnehmungen. Dann gilt es, eine sichere Bindung zu fördern. Akzeptanzorientierte Elemente wollen mit einer therapeutischen Haltung, wie sie den humanistischen Therapieformen eigen ist (bedingungslose Wertschätzung, Authentizität, Empathie), die Scham des Andersseins reduzieren. Aus traumaorientierten Verfahren ist bekannt, dass mit einer Verbesserung der Körperwahrnehmung auch die Wahrnehmung von Emotionen gefördert wird. Das gilt es auch bei ASS-PatientInnen zu fördern. So können Gefühle besser wahrgenommen und identifiziert werden. Ziel einer Traumatherapie ist eine Integration von überwältigenden Inhalten. Durch Lösung von Energieblockaden kann eine Person aus der Erstarrung «erwachen». Dabei gilt es, eine Haltung des respektvollen Grenzenwahrens und Explorierens einzunehmen. Beim körperorientierten Arbeiten empfiehlt der Autor Somatic Experiencing.

Abschliessend fasst Stöckli die zentralen Thesen des Buchs zusammen. Ein Grossteil der Autismus-Symptome würden direkte oder indirekte Reaktionen aus Überforderungssituationen darstellen: «Durch kleinschrittige Wiederherstellung einer gesunden Widerstandskraft, Abgrenzung, Filterung der Einflüsse und Energiemanagement können sich die inneren Bedingungen so verändern, dass Integration und Regulation wieder möglich sind und ein Gleichgewicht hergestellt wird» (S. 244). Wohltuend und in wissenschaftlichen Publikationen selten anzutreffen sind auch seine kurzen Ausführungen zu seinem persönlichen Hintergrund und seiner Motivation zu diesem Buch. Ganz im Sinne Paul Goodmans.

Gern empfehle ich dieses reichhaltige Buch zur Lektüre. Es richtet sich nicht nur an ein Fachpublikum, sondern etwa auch an Eltern, die besser verstehen wollen, wie Störungen im Autismus-Spektrum sich erklären und behandeln lassen.

Peter Schulthess