Plädoyer für eine Ethik der reflexiven Erfahrung
Tamara M. Trebes
Psychotherapie-Wissenschaft 16 (2) 2026 55–61
www.psychotherapie-wissenschaft.info
https://doi.org/10.30820/1664-9583-2026-2-55
Zusammenfassung: Die zunehmende Akademisierung der Psychotherapie wirft grundlegende Fragen nach ihrer wissenschaftlichen Verortung und ethischen Fundierung auf. Insbesondere Tendenzen zur Standardisierung, Vereinheitlichung und Psychologisierung drohen jene Dimensionen zu marginalisieren, die für psychotherapeutische Praxis konstitutiv sind: subjektives Erleben, Prozessualität, Ambiguität und das Unauflösbare menschlichen Leidens. Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass Psychotherapie einer eigenständigen epistemischen Logik folgt, die sich nicht in erklärenden oder technizistisch verkürzten Wissenschaftsmodellen aufgehen lässt. Vor diesem Hintergrund entwickelt der Artikel ein Plädoyer für eine Ethik der reflexiven Erfahrung als zentrale Voraussetzung der epistemischen Eigenständigkeit der Psychotherapiewissenschaft. Wissen wird dabei nicht als primäre Instanz verstanden, sondern als abgeleitete Kategorie, die sich erst im Durchgang durch reflexiv erschlossene Erfahrung, Beziehung und Zeit legitimiert. Lehrtherapie und Supervision werden als zentrale Erfahrungsräume ausgewiesen, in denen diese ethische Haltung ausgebildet und gegen epistemische Hybris abgesichert wird. Der Text versteht sich als Beitrag zur psychotherapiewissenschaftlichen Selbstverständigung und als Gegenposition zu vereinheitlichenden Tendenzen im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs.
Schlüsselwörter: Psychotherapiewissenschaft, Ethik der reflexiven Erfahrung, epistemische Eigenständigkeit, subjektives Erleben, Intersubjektivität, Nicht-Wissen, Ambiguitätstoleranz, Unauflösbarkeit menschlichen Leidens, Psychotherapie
Psychotherapie befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Mit der zunehmenden Akademisierung ihrer Ausbildung rücken Fragen der Standardisierung, der Kompetenzorientierung und der Integration therapeutischer Verfahren verstärkt in den Vordergrund. Dabei bleibt häufig unhinterfragt, welches Verständnis von Kompetenz diesen Entwicklungen zugrunde liegt und welche Formen therapeutischen Könnens dadurch sichtbar – oder unsichtbar – werden. Was als Fortschritt erscheint – mehr Wissenschaftlichkeit, Vergleichbarkeit und Struktur –, geht mit einer Verschiebung einher, die selten explizit reflektiert wird: der stillen Veränderung dessen, was als legitim, wirksam und anschlussfähig gilt. Psychotherapie läuft Gefahr, zunehmend an Wissenschaftslogiken angepasst zu werden, die ihrem Gegenstand nur teilweise gerecht werden. Besonders deutlich zeigt sich diese Spannung dort, wo Integration nicht mehr als offene Suchbewegung verstanden wird, sondern als Annäherung an ein vereinheitlichendes Modell. Was ursprünglich die Exploration unterschiedlicher Menschenbilder, Methoden und Beziehungskonzepte ermöglichte, verwandelt sich zunehmend in den Anspruch auf Kohärenz, Effizienz und Manualisierbarkeit. Damit gerät jedoch genau das unter Druck, was Psychotherapie im Kern ausmacht: die Anerkennung subjektiver Wirklichkeit, die Offenheit für Ambivalenz und die Bereitschaft, dem Unauflösbaren Raum zu geben.
Psychotherapeutische Praxis und ihre wissenschaftliche Reflexion unterscheiden sich in ihrem Erkenntnisinteresse grundlegend von angrenzenden Disziplinen wie der Psychologie oder der Medizin. Während Psychotherapie auf Beziehung, Verstehen und Begleitung im therapeutischen Prozess zielt, richtet sich Psychotherapiewissenschaft auf die reflexive Untersuchung dieser Praxis und ihrer erkenntnistheoretischen Voraussetzungen. Ihr Gegenstand ist nicht das isolierte Verhalten oder die messbare Variable, sondern der Mensch in seiner biografischen, affektiven und intersubjektiven Verfasstheit. Diese Komplexität lässt sich nicht verlustfrei standardisieren, ohne das Subjektive zu verfehlen, das Psychotherapie überhaupt erst notwendig macht. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der ethischen Grundlage psychotherapeutischer Praxis neu. Der vorliegende Beitrag schlägt den Begriff einer Ethik der reflexiven Erfahrung vor, um jene Haltung zu beschreiben, die nicht aus normativen Vorgaben oder technischem Wissen erwächst, sondern aus dem gelebten Durchgang durch eigene psychische Prozesse. Lehrtherapie und Supervision erscheinen in diesem Verständnis nicht als ergänzende Ausbildungselemente, sondern als zentrale Träger einer epistemischen Ethik, die Demut, Beziehungsoffenheit und die Achtung vor dem Unauflösbaren schützt. In einer Zeit zunehmender Vereinheitlichung versteht sich dieser Ansatz als Plädoyer für eine Psychotherapiewissenschaft, die Vielfalt nicht als Mangel, sondern als Konsequenz menschlicher Komplexität begreift.
Die Frage nach der wissenschaftlichen Verortung der Psychotherapie ist keine bloss institutionelle oder universitätspolitische, sondern eine erkenntnistheoretische. Mit der zunehmenden Einbettung psychotherapeutischer Ausbildung in universitäre Strukturen wird häufig implizit vorausgesetzt, dass Psychotherapie innerhalb psychologischer oder medizinischer Wissenschaftslogiken angemessen aufgehoben sei. Diese Annahme verkennt jedoch, dass Psychotherapie einem eigenständigen Erkenntnisinteresse folgt und einen anderen Gegenstandsbereich adressiert (Greiner, 2015, 2025).
Bereits Gerhard Benetka weist darauf hin, dass die moderne Psychologie historisch in einem Kontext entstand, in dem subjektive und sinnbezogene Dimensionen menschlichen Erlebens zunehmend aus dem wissenschaftlichen Denken ausgeschlossen wurden (Slunecko & Benetka, 2023, S. 10). Daraus ergibt sich die erkenntnistheoretische Frage, inwiefern psychotherapeutisches Verstehen – das sich zentral auf subjektives Erleben, Sinnzusammenhänge und relationale Erfahrung bezieht – bruchlos innerhalb psychologischer Erkenntnislogiken verortet werden kann, ohne dabei wesentliche Aspekte seines Gegenstands zu verlieren. Die Anerkennung epistemischer Differenzen bedeutet dabei nicht die Ablehnung interdisziplinärer Zusammenarbeit, sondern die Notwendigkeit, unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisinteressen reflexiv auseinanderzuhalten. In jüngeren systematischen Arbeiten zur Psychotherapiewissenschaft wird diese Differenz ausdrücklich hervorgehoben. So beschreibt Paolo Raile (2023) Psychotherapiewissenschaft als eigenständige Disziplin, deren Erkenntnisinteresse nicht in Erklärung oder Prognose aufgeht, sondern auf das verstehende Arbeiten mit subjektivem Erleben, Beziehung und Prozessualität gerichtet ist.
Während Psychologie primär auf Erklärung, Klassifikation und Generalisierung zielt, richtet sich Psychotherapie auf subjektives Erleben in seiner biografischen, affektiven und relationalen Verfasstheit. Ihr Gegenstand ist nicht das isolierbare Merkmal oder das beobachtbare Verhalten, sondern der im therapeutischen Prozess hergestellte sinnhaft strukturierte Zusammenhang von Erleben, Ausdruck und Beziehung. Psychotherapeutisches Verstehen vollzieht sich damit nicht im Modus objektivierender Analyse, sondern als dialogischer, zeitlich entfalteter Prozess, der wesentlich an Sprache, Symbolisierung und Resonanz gebunden ist. In diesem Sinn wird psychotherapeutische Praxis in der Psychotherapiewissenschaft als eine Form des verstehenden Umgangs mit verbalen und nonverbalen Artikulationen subjektiven Erlebens gefasst (Greiner, 2024a, S. 9f.).
In mehreren Arbeiten hat Kurt Greiner (2015; Jandl & Greiner, 2023) darauf hingewiesen, dass Psychotherapie nicht als Unterform psychologischer Erkenntnis missverstanden werden darf, sondern einer eigenen wissenschaftlichen Logik folgt, die hermeneutisch fundiert und auf Sinnbildung ausgerichtet ist. In der psychotherapeutischen Praxis konkretisiert sich diese Sinnbildung im relationalen Vollzug, d. h. im intersubjektiven Geschehen zwischen Therapeut*in und Patient*in. Psychotherapie erscheint in dieser Perspektive nicht als Anwendung vorgefertigter Theorien oder Techniken, sondern als eigenständige, schulenübergreifende Praxis, die den therapeutischen Prozess als offen und nicht vollständig vorhersagbar begreift.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass eine Psychologisierung der Psychotherapie nicht nur eine institutionelle Verschiebung darstellt, sondern mit einer inhaltlichen Reduktion einhergeht. Wird psychotherapeutisches Handeln primär über Wirksamkeitsnachweise, manualisierte Interventionen oder standardisierte Kompetenzmodelle definiert, geraten zentrale Dimensionen des therapeutischen Geschehens aus dem Blick. Greiner (2022) hat in diesem Zusammenhang kritisch herausgearbeitet, dass Wirksamkeitsstudien für sich genommen nichts über den Wissenschaftlichkeitsstatus psychotherapeutischer Modalitäten aussagen können, da sie zentrale erkenntnistheoretische Voraussetzungen psychotherapeutischer Praxis verfehlen. Die Forderung nach einer eigenständigen Psychotherapiewissenschaft ist daher nicht als blosse Abgrenzungsgeste zu verstehen, sondern als Versuch, unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisinteressen differenziert zu reflektieren. Sie trägt dem Umstand Rechnung, dass menschliches Leiden nicht vollständig erklärbar, auflösbar oder normierbar ist, sondern einer Praxis bedarf, die Beziehung, Zeit und Ungewissheit ernst nimmt. In dieser Differenz zwischen Erklären und Verstehen liegt eine zentrale Voraussetzung dafür, Psychotherapie als eigenständige wissenschaftliche und zugleich ethisch verantwortliche Praxis zu begreifen.
Die Vielfalt psychotherapeutischer Schulen und Methoden wird im wissenschaftlichen Diskurs häufig als Problem markiert: als Zeichen mangelnder Reife, unzureichender Konsolidierung oder fehlender Integration. Implizit steht dahinter die aus wissenschaftstheoretischen Paradigmenmodellen bekannte Annahme, dass wissenschaftlicher Fortschritt langfristig auf Vereinheitlichung hinauslaufe (vgl. Kuhn, 1976) – eine Vorstellung, die sich sowohl in integrativen und schulenübergreifenden Psychotherapiemodellen (vgl. Grawe et al., 1994; Fiedler, 2012) als auch in aktuellen Bestrebungen nach einer «unifying, science-based view of psychotherapy» (Smith, 2025) wiederfindet. Die Frage nach einer eigenständigen Psychotherapiewissenschaft ist innerhalb des deutschsprachigen Diskurses dabei keineswegs neu. Bereits frühere Beiträge verwiesen auf die Gefahr einer Reduktion psychotherapeutischer Praxis auf psychologische oder rein naturwissenschaftliche Modelle und betonten die Notwendigkeit einer eigenständigen epistemischen Verortung (vgl. Pritz & Teufelhart, 1996; Fischer et al., 2009). Vor dem Hintergrund aktueller Akademisierungsprozesse und der zunehmenden institutionellen Anbindung psychotherapeutischer Ausbildung an psychologische Fakultäten gewinnt diese Diskussion jedoch erneut an Aktualität.
Nicht nur für die Psychotherapie greift dieses Fortschrittsverständnis jedoch zu kurz. Ihre Pluralität ist kein vorläufiger Zustand, sondern eine Konsequenz ihres Gegenstands. Psychotherapie arbeitet mit Menschen in ihrer je spezifischen Lebensgeschichte, Körperlichkeit, Affektivität und Beziehungserfahrung. Diese Dimensionen sind weder vollständig erfassbar noch widerspruchsfrei integrierbar. Unterschiedliche psychotherapeutische Schulen repräsentieren daher weniger konkurrierende Erklärungsmodelle als vielmehr unterschiedliche epistemische Zugänge zu menschlicher Erfahrung. Ihre Koexistenz verweist auf die Unabschliessbarkeit des Psychischen selbst. Versuche, psychotherapeutische Vielfalt im Sinne theoretischer oder methodischer Vereinheitlichung aufzulösen, laufen Gefahr, mit Reduktionen komplexer subjektiver Erfahrungsdimensionen einherzugehen. Integration wird dabei nicht als dialogische Suchbewegung verstanden, sondern als Angleichung an ein dominantes Paradigma, das festlegt, welche Formen des Verstehens, Behandelns und Wirkens als legitim gelten. Dort, wo Integration primär über Standardisierung und Vereinheitlichung organisiert wird, gerät psychotherapeutische Praxis zunehmend in Gefahr, primär über Techniken, Manuale und standardisierte Interventionen definiert, während subjektive, situative und relationale Dimensionen an den Rand gedrängt werden.
Diese Tendenz zur Vereinheitlichung lässt sich jedoch nicht nur innerhalb psychotherapeutischer Diskurse beobachten, sondern steht in einem weiteren kulturtheoretischen Zusammenhang. In seinem Essay Die Vereindeutigung der Welt beschreibt Thomas Bauer (2018) einen umfassenden Verlust an Ambiguitätstoleranz, der moderne Gesellschaften dazu verleitet, Mehrdeutigkeit zugunsten von Eindeutigkeit, Kontrolle und funktionaler Klarheit zurückzudrängen. Was nicht eindeutig, messbar oder widerspruchsfrei ist, gerät unter Rechtfertigungsdruck oder wird als defizitär markiert. Vor diesem Hintergrund erscheint der Wunsch nach einer Einheitspsychotherapie, wie er etwa im Kontext integrativer Modelle formuliert wurde (vgl. Grawe et al.), nicht nur als fachinterne Vereinfachung, sondern als Ausdruck einer breiteren kulturellen Bewegung, die Ambivalenz schwer erträgt. Psychotherapie widersetzt sich dieser Bewegung dort, wo sie Mehrdeutigkeit nicht als Mangel, sondern als konstitutives Merkmal menschlicher Erfahrung begreift. Ihre Pluralität wird damit zu einer Form epistemischer und ethischer Gegenwehr gegen die Vereindeutigung (vgl. Bauer, 2018) des Psychischen.
Eine solche Vereinheitlichung verkennt, dass psychotherapeutische Arbeit gerade dort ansetzt, wo Eindeutigkeit nicht herstellbar ist. Leiden folgt selten klaren Kausalitäten, Veränderung verläuft nicht linear, und Verstehen ist kein einmaliger Akt, sondern ein zeitlich offener, relationaler Prozess. Die Stärke psychotherapeutischer Praxis liegt nicht in der Reduktion dieser Komplexität, sondern in der Fähigkeit, sie auszuhalten und fruchtbar zu machen. Aus psychotherapiewissenschaftlicher Perspektive ist Diversität daher nicht als mangelnde Systematik zu bewerten, sondern als epistemische Notwendigkeit. In der psychotherapiewissenschaftlichen Arbeit von Greiner lässt sich diese Vieldeutigkeit nicht als Defizit, sondern als Qualitätsmerkmal verstehen. Greiner (2017) zeigt, dass jene Eigenschaften, die aus naturwissenschaftlicher Perspektive als methodische Schwächen gelten – Kontextsensibilität, interpretative Offenheit und die Abwesenheit eindeutiger Zuordnungen –, im hermeneutisch-textwissenschaftlichen Verständnis gerade die Voraussetzung wissenschaftlicher Angemessenheit bilden. Unterschiedliche Schulen halten unterschiedliche Aspekte menschlicher Erfahrung im Blick, entwickeln unterschiedliche Sprachen für das Nicht-Sagbare und unterschiedliche Formen therapeutischer Beziehung. Diese Vielfalt wirkt als Schutz vor der Verabsolutierung einzelner Menschenbilder und vor dem Anspruch, zu wissen, was für einen Menschen richtig ist.
Integration bedeutet in diesem Sinn nicht Vereinheitlichung, sondern Dialogfähigkeit. Sie setzt die Bereitschaft voraus, Differenz auszuhalten – zwischen Theorien, Schulen und Praxen ebenso wie im intersubjektiven Raum der Therapie selbst. Eine Psychotherapie, die ihre Vielfalt zugunsten standardisierter Lösungen aufgibt, verliert nicht nur an theoretischer Tiefe, sondern an ethischer Sensibilität. Denn dort, wo das Subjektive dem Machbaren geopfert wird, beginnt die Gefahr des Übergriffs. In diesem Sinne lässt sich psychotherapiewissenschaftliche Reflexion als strukturell verwandt mit psychotherapeutischer Praxis verstehen. So wie Psychotherapie darauf zielt, implizite, unbewusste oder vorreflexive Anteile des Erlebens zugänglich und reflektierbar zu machen, richtet sich Psychotherapiewissenschaft darauf, die impliziten Voraussetzungen, Vorannahmen und Menschenbilder psychotherapeutischer Theorien sichtbar zu machen. Greiners (2015, 2024a) experimentell-psychotherapiewissenschaftlicher Zugang versteht Theorien nicht als abgeschlossene Systeme, sondern als historisch, kulturell und erkenntnistheoretisch situierte Konstruktionen, deren Wissenschaftlichkeit sich nicht allein an ihrer Funktionalität, sondern wesentlich an ihrer kritischen Reflexionsfähigkeit bemisst.
Psychotherapiewissenschaft wiederholt damit auf einer anderen Ebene das, was psychotherapeutische Arbeit selbst auszeichnet: Sie macht Implizites explizit, hält Spannungen aus und widersetzt sich der Vereindeutigung komplexer Prozesse. Wissenschaftlichkeit zeigt sich hier nicht in der Reduktion von Mehrdeutigkeit, sondern in der Fähigkeit, diese reflexiv zu bearbeiten. Diversität erscheint damit nicht als methodisches Defizit, sondern als notwendige Folge eines Erkenntnisinteresses, das dem Psychischen in seiner Prozessualität und Unabschliessbarkeit gerecht werden will. Diese strukturelle Nähe von Praxis und Wissenschaft verweist darauf, dass psychotherapiewissenschaftliche Reflexion eine ethische Haltung voraussetzt, die auf Verstehen zielt, dabei jedoch die Begrenztheit und Vorläufigkeit dieses Verstehens mitreflektiert, anstatt sie zu verleugnen. Diese Haltung stellt keine Relativierung von Erkenntnis dar, sondern bildet die Bedingung verantwortlichen psychotherapeutischen Handelns, indem sie Verstehen an Beziehung, Kontext und Prozess bindet.
Die bisherigen Überlegungen führen an einen Punkt, an dem die ethische Dimension psychotherapeutischer Praxis nicht länger über Normen, Richtlinien oder professionelle Selbstbeschreibungen bestimmt werden kann. Stattdessen rückt eine andere Dimension in den Vordergrund: die reflexive Erfahrung. Der hier vorgeschlagene Begriff einer Ethik der reflexiven Erfahrung bezeichnet jene Haltung, die nicht aus theoretischem Vorwissen oder methodischer Souveränität hervorgeht, sondern aus dem gelebten Durchgang durch eigene psychische Prozesse in ihrer existenziellen Bedeutung. Erfahrung ist hier also nicht im Sinne empirischer Datenerhebung verstanden, sondern als reflexiv erschlossene Erfahrung des eigenen psychischen Geschehens im therapeutischen Vollzug. Eine solche Ethik zeigt sich u. a. in der Fähigkeit, Ambivalenz auszuhalten, affektiv präsent zu bleiben und auch unter Bedingungen von Unsicherheit relationale Urteilskraft zu bewahren. Psychotherapeutisches Wissen entsteht nicht ausserhalb des therapeutischen Geschehens, sondern im Prozess der therapeutischen Begegnung. Es ist gebunden an Zeit, Beziehung und Affekt sowie an die Bereitschaft, sich von dem berühren zu lassen, was sich im therapeutischen Raum zeigt. In diesem Sinn ist Wissen in der Psychotherapie keine primäre, sondern eine abgeleitete Kategorie. Es erhält seine Bedeutung erst dort, wo es sich im Kontakt mit subjektiver Erfahrung bewährt, korrigieren lässt oder an seine Grenzen stösst.
Diese Perspektive findet Anschluss an psychoanalytische Positionen, die das Aushalten von Nicht-Wissen als zentrale professionelle Fähigkeit begreifen. Wilfred Bion (1992) betont mit seinem Konzept der negative capability, dass vorschnelles Verstehen häufig weniger Ausdruck von Erkenntnis als von Abwehr ist. Verstehen erscheint hier nicht als Aneignung, sondern als Prozess, der Zeit benötigt und Unsicherheit einschliesst. Auch Donald Winnicott (2020) hebt hervor, dass therapeutische Wirksamkeit nicht aus Technik erwächst, sondern aus der Fähigkeit, einen haltenden Raum bereitzustellen, in dem Unreifes, Widersprüchliches und noch Nicht-Formuliertes existieren darf. Einen frühen psychoanalytischen Impuls in diese Richtung formulierte bereits Sándor Ferenczi (1932), der auf die Wirksamkeit nicht reflektierter Anteile aufseiten der Therapeut*innen hingewiesen hat. Seine Kritik an der Illusion analytischer Neutralität macht deutlich, dass Wissen dort problematisch wird, wo es zur Abwehr affektiver Involviertheit eingesetzt wird. Erfahrung fungiert hier nicht als Ergänzung zum Wissen, sondern als dessen notwendige Korrektur. Aktuelle relationale und intersubjektive Ansätze führen diese Perspektive fort, indem sie psychotherapeutisches Verstehen zunehmend als reflexiven und wechselseitig involvierten Prozess begreifen (vgl. Orange, 2011).
Aus psychotherapiewissenschaftlicher Perspektive wird diese Spannung zwischen Wissen und Nicht-Wissen auch von Hans-Joachim Hannich (2023, S. 62ff.) explizit thematisiert. Er beschreibt psychotherapeutisches Verstehen als ein Spannungsfeld, das per se konflikthaft ist und dessen grundlegende Widersprüche nicht auflösbar sind. Die damit verbundene Unsicherheit und Ungewissheit müssen toleriert werden, ebenso die Affekte, die aus dieser Widersprüchlichkeit hervorgehen. Erkenntnis setzt hier nicht Auflösung voraus, sondern die Fähigkeit, das Spannungsfeld von Wissen und Nicht-Wissen auszuhalten. Gerard Burda (2025) radikalisiert diese erkenntnistheoretische Problematik, indem er sowohl realistische als auch konstruktivistische Positionen als Ausdruck zugrunde liegender, nicht weiter begründbarer Grundannahmen beschreibt und daraus eine prinzipielle Begrenztheit wissenschaftlicher Erkenntnis ableitet. Sein Konzept des unverfügbaren Subjekts verweist auf eine Dimension, die sich weder vollständig in bestehende Ordnungssysteme integrieren noch aus ihnen ausschliessen lässt. Der hier vertretene Ansatz teilt diese erkenntniskritische Einsicht, gelangt jedoch zu einer anderen Schlussfolgerung hinsichtlich ihrer wissenschaftspraktischen Konsequenzen. Die Begrenztheit epistemischer Zugriffe führt nicht zur Infragestellung psychotherapiewissenschaftlicher Erkenntnis, sondern bestimmt deren spezifische Form. Psychotherapiewissenschaft operiert nicht im Modus endgültiger Objektivierung, sondern im Modus reflexiven Verstehens.
In diesem Zusammenhang erscheint die von Greiner (2024b, S. 33) entwickelte zweite Funktionsebene psychotherapiewissenschaftlicher Reflexion (FE2) als entscheidender methodischer Schritt. Sie bezeichnet jene Ebene, auf der psychotherapiewissenschaftliche Erkenntnis nicht nur ihren Gegenstand untersucht, sondern ihre eigenen begrifflichen Voraussetzungen, impliziten Vorannahmen und erkenntnistheoretischen Bedingungen selbst zum Gegenstand der Reflexion macht. In einem weiteren Sinne lässt sich diese reflexive Bewegung auch mit Romanyshyn (2021, S. 222) in Verbindung bringen, der wissenschaftliches Verstehen als einen Prozess beschreibt, in dem die oft unbewussten Dynamiken des eigenen wissenschaftlichen Arbeitens zunehmend bewusst werden. Erkenntnis entsteht in dieser Perspektive nicht ausserhalb, sondern innerhalb eines reflexiven Erkenntnisprozesses. Psychotherapiewissenschaft erscheint damit nicht trotz, sondern aufgrund der Unabschliessbarkeit ihres Gegenstands als eigenständige wissenschaftliche Praxis.
Wenn die Ethik der reflexiven Erfahrung nicht als abstraktes Prinzip missverstanden werden soll, sondern als gelebte Haltung psychotherapeutischer Praxis, kommt Lehrtherapie und Supervision eine zentrale Bedeutung zu. Sie sind nicht bloss Ausbildungsbestandteile oder Instrumente der Qualitätssicherung, sondern relationale Erfahrungsräume, in denen sich jene epistemische Ethik ausbildet, die psychotherapeutisches Handeln vor Reduktion, Vereindeutigung und Machtmissbrauch schützt. In ihnen wird nicht primär vermittelt, was zu tun ist, sondern erfahrbar, wie Wissen, Beziehung und Begrenztheit ineinandergreifen.
Lehrtherapie konfrontiert angehende Psychotherapeut*innen mit der eigenen Subjektivität, mit Abhängigkeit, Ungeduld und der Erfahrung, nicht vollständig souverän zu sein. Dadurch unterläuft sie die Vorstellung, psychotherapeutische Kompetenz könne primär aus Wissen und Technik abgeleitet werden. Verstehen erweist sich hier nicht als verfügbarer Besitz, sondern als prozesshaftes Geschehen, das sich erst im Durchgang durch Beziehung ausbildet. Supervision erweitert diesen Erfahrungsraum um eine kontinuierliche reflexive Dimension. Sie macht das eigene therapeutische Handeln selbst zum Gegenstand der Beziehung und exponiert blinde Flecken, implizite Annahmen und affektive Verstrickungen. Auch hier geht es nicht um die Herstellung richtiger Lösungen, sondern um die Fähigkeit, das eigene Tun im Spannungsfeld von Verantwortung, Unsicherheit und Beziehung zu reflektieren. Supervision wirkt damit als dauerhaftes Korrektiv gegen epistemische Hybris und gegen die Versuchung, Wissen zur Absicherung von Macht zu verwenden. Beide Formate verankern psychotherapeutisches Wissen im Erleben. Sie machen erfahrbar, dass professionelle Haltung nicht aus Überlegenheit entsteht, sondern aus der Bereitschaft, sich korrigieren, irritieren und begrenzen zu lassen. Lehrtherapie und Supervision sind damit keine nachträglichen Ergänzungen eines ansonsten vollständigen Kompetenzmodells, sondern dessen Voraussetzung.
Problematisch werden sie dort, wo sie im Zuge zunehmender Akademisierung marginalisiert, verkürzt oder funktionalisiert werden. Sobald Lehrtherapie und Supervision auf überprüfbare Lernziele, standardisierte Abläufe oder formale Nachweise reduziert werden, verlieren sie ihre ethische Wirksamkeit. Die Ethik der reflexiven Erfahrung widersetzt sich dieser Instrumentalisierung, indem sie anerkennt, dass zentrale Dimensionen professioneller Kompetenz – wie Ambiguitätstoleranz, affektive Präsenz und relationale Urteilskraft – sich einer vollständigen Operationalisierung entziehen. Lehrtherapie und Supervision halten damit jene Spannung aufrecht, die für psychotherapeutische Praxis konstitutiv ist: zwischen Wissen und Erfahrung, Nähe und Distanz, Verantwortung und Begrenztheit. Wo diese Spannung nicht mehr ausgehalten wird, verliert Psychotherapie ihren ethischen Boden. In diesem Sinn sind Lehrtherapie und Supervision nicht nur Ausbildungsformate, sondern Schutzräume des Psychotherapeutischen selbst.
Psychotherapeutische Praxis bewegt sich im Spannungsfeld zwischen dem, was verstanden, gelindert oder verändert werden kann, und dem, was sich einer solchen Bearbeitung entzieht. Leiden ist dabei nicht in jedem Fall Ausdruck von Pathologie, sondern häufig Teil menschlicher Existenz – verwoben mit Endlichkeit, Verlust, Ambivalenz und Beziehung. Diese Grundannahme hat nicht nur praktische, sondern auch erkenntnistheoretische Konsequenzen. In manchen Situationen lässt sich Leiden einordnen oder transformieren. In anderen bleibt es als Erfahrung bestehen, die sich nicht auflösen lässt, sondern nur im Vollzug von Beziehung tragbar wird. Psychotherapie operiert damit nicht ausschliesslich im Modus gezielter Veränderung, sondern ebenso in einem Modus des Begleitens, in dem Verstehen nicht als Auflösung, sondern als Annäherung verstanden wird. Erkenntnis vollzieht sich hier prozessual, situativ und relational – und entzieht sich damit einer vollständigen Fixierung.
Ein epistemisches Risiko entsteht dort, wo dieses Spannungsfeld zugunsten von Eindeutigkeit und Lösbarkeit verkürzt wird. Wird Leiden primär als Defizit konzeptualisiert, das erkannt und behoben werden muss, verschiebt sich der Fokus vom verstehenden Umgang mit subjektiver Erfahrung hin zu ihrer diagnostischen Erfassbarkeit und funktionalen Bearbeitbarkeit. Psychotherapie gerät dann in Gefahr, ihre eigene erkenntnistheoretische Voraussetzung zu verfehlen, indem sie Komplexität reduziert, wo Offenheit erforderlich wäre. In dieser Perspektive wird deutlich, dass epistemische Macht nicht erst dort wirksam wird, wo explizit normiert oder kontrolliert wird, sondern bereits dort, wo festgelegt wird, was als relevantes Erleben, angemessene Entwicklung oder gültige Bedeutung gilt. Der Anspruch, das Erleben des Anderen eindeutig erfassen zu können, unterläuft die Anerkennung seiner Subjektivität als eigenständige Erkenntnisquelle. Psychotherapeutisches Wissen verliert an diesem Punkt seine dialogische Struktur.
Die Ethik der reflexiven Erfahrung markiert hier zugleich eine epistemische Grenze. Sie verweist auf Dimensionen menschlichen Erlebens, die sich einer vollständigen begrifflichen Erfassung entziehen und nur im zeitlichen Vollzug von Beziehung zugänglich werden. Leiden, Ambivalenz und biografische Brüchigkeit erscheinen nicht als Defizite des Wissens, sondern als Hinweise auf dessen Begrenztheit. Erkenntnis zeigt sich hier nicht im Besitz von Wahrheit, sondern im Aushalten von Unabschliessbarkeit. Psychotherapeutisches Handeln bedeutet aus dieser Sicht, einen Erkenntnisraum zu eröffnen, in dem Widerspruch, Mehrdeutigkeit und Vorläufigkeit bestehen dürfen. Verstehen wird nicht als abschliessendes Deuten verstanden, sondern als gemeinsamer Prozess, der offen bleibt für Revision, Irritation und Veränderung. Das Unauflösbare ist dabei kein Scheitern von Erkenntnis, sondern ihr konstitutiver Horizont. Aus dieser Haltung ergibt sich die epistemische Bedeutung von Pluralität. Wo menschliches Leiden nicht vollständig erklärbar oder in einer einzigen Perspektive erschöpfend verstehbar ist, kann es keine singuläre, abschliessende Form des Verstehens geben. Pluralität erscheint daher nicht als Mangel an Systematik, sondern als Ausdruck epistemischer Bescheidenheit und wissenschaftlicher Reife. In diesem Sinn lässt sich mit Safranski (2009, S. 78) sagen, dass die Einheit der Vernunft nicht in Vereinheitlichung besteht, sondern in der Vielfalt ihrer Stimmen. Für die Psychotherapiewissenschaft bedeutet dies, Differenz nicht aufzulösen, sondern als Bedingung von Erkenntnis reflexiv auszuhalten.
Diese Überlegungen machen deutlich, dass die ethische Dimension psychotherapeutischer Praxis untrennbar mit ihrer wissenschaftlichen Verortung verbunden ist. Wird Psychotherapie als Praxis des Begleitens, Verstehens und Aushaltens des Unauflösbaren ernst genommen, kann sie nicht in Wissenschaftslogiken aufgehen, die primär auf Erklärung, Standardisierung und Kontrolle ausgerichtet sind. Die hier entwickelte Ethik der reflexiven Erfahrung verweist vielmehr auf die Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Rahmens, der ihrer erkenntnistheoretischen Eigenart entspricht. In diesem Sinn ist die Forderung nach einer eigenständigen Psychotherapiewissenschaft keine disziplinpolitische Abgrenzung, sondern eine Konsequenz aus dem Gegenstand der Psychotherapie selbst. In der Tradition Greiners lässt sich Psychotherapie als eigenständige Wissenschaft begreifen, die sich hermeneutisch, relational und modalitätenübergreifend konstituiert und deren Erkenntnisinteresse auf den verstehenden Umgang mit Sinn- und Bedeutungszusammenhängen gerichtet ist. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, Modelle benachbarter Disziplinen zu übernehmen, sondern eine eigene epistemische Logik zu entwickeln, die subjektivem Erleben, Prozessualität und Intersubjektivität gerecht wird.
Diese Ethik kann in diesem Zusammenhang als ethische Zuspitzung psychotherapiewissenschaftlichen Denkens verstanden werden. Sie begreift Psychotherapie nicht als Technik der Lösung, sondern als relationale und verantwortliche Praxis und markiert jene Grenze, an der Wissen seine souveräne Position verliert und sich als abhängig von Erfahrung, Beziehung und Zeit erweist. Psychotherapiewissenschaft übernimmt damit nicht nur eine erkenntnistheoretische, sondern auch eine ethische Verantwortung: das Subjektive vor Reduktion zu schützen und Psychotherapie nicht zur Praxis der Vereindeutigung werden zu lassen. Gerade im Kontext zunehmender Akademisierung wird deutlich, dass Psychotherapie nicht bruchlos in bestehende Wissenschaftslogiken integriert werden kann, ohne ihre eigenen Voraussetzungen zu verfehlen. Eine eigenständige Psychotherapiewissenschaft wirkt dieser Gefahr entgegen, indem sie Pluralität, Ambiguität und das Unauflösbare nicht als Defizite, sondern als konstitutive Dimensionen menschlicher Erfahrung anerkennt und bewahrt.
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On the epistemic autonomy of the science of psychotherapy
A plea for an ethics of reflexive experience
Abstract: The increasing academization of psychotherapy raises fundamental questions about its scientific positioning and ethical foundations. In particular, trends toward standardization, homogenization, and psychologization threaten to marginalize those dimensions that are constitutive of psychotherapeutic practice: subjective experience, processuality, ambiguity, and the irreducible nature of human suffering. his article argues that psychotherapy follows its own epistemic logic, one that cannot be subsumed under explanatory or technicist models of science. Against this backdrop, the article makes a case for an ethics of reflexive experience as a central prerequisite for the epistemic autonomy of the science of psychotherapy. Knowledge is not understood here as a primary entity, but rather as a derived category that is legitimized only through its engagement with reflexively explored experience, relationships, and time. Training therapy and supervision are identified as central spaces of experience in which this ethical stance is developed and safeguarded against epistemic hubris. This text is intended as a contribution to the self-understanding of the science of psychotherapy and as a counterpoint to standardizing tendencies in current scientific discourse.
Keywords: psychotherapy science, ethics of reflexive experience, epistemic autonomy, subjective experience, intersubjectivity, not-knowing, tolerance of ambiguity, the irreducibility of human suffering, psychotherapy
Biografische Notiz
Tamara M. Trebes ist Psychoanalytikerin und Psychotherapiewissenschaftlerin in Wien. Sie arbeitet in freier Praxis, ist Dissertantin an der Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) und lehrt sowohl an der SFU als auch an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK).
Kontakt
E-Mail: Tamara.Trebes@web.de