Buchbesprechung

Burda, Gerhard (2025). Das unverfügbare Subjekt. Ein Psychotherapiewissenschaftsphilisophisches Manifest für das, was weder ein- noch ausgeschlossen werden kann.
Waxmann, 116 S., 35.90 CHF, 29.90 EUR, ISBN: 978-3-8188-0026-0

Psychotherapie-Wissenschaft 16 (1) 2026 75

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2026-1-75

Dieses Manifest ist für wissenschaftstheoretisch interessierte Psychotherapeuten und Psychotherapieforscher ein Leckerbissen. Mit scharfem analytischem Intellekt arbeitet Gerhard Burda das Zusammenspiel von Philosophie, Psychotherapie und Wissenschaftstheorie heraus und liefert einen wesentlichen Beitrag zur Begründung einer wissenschaftlichen Metatheorie für eine Psychotherapiewissenschaft (PTW) sui generis.

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile. Erst widmet sich der Autor dem Thema der Subjektivierungen, um abschliessend Grundzüge einer PTW-Philosophie zu formulieren. Er benutzt hierzu den Radikalen Skeptizismus als Referenzrahmen. Er kritisiert den Realismus wie auch den konstruktiven Realismus (Konstruktivismus) als ungeeignete Referenztheorien für die Begründung einer PTW sui generis. Der Radikale Skeptizismus geht davon aus, dass man nie sicher sein kann, was man weiss, da es auch anders sein kann. Wissenschaft hat sich stets selbst zu hinterfragen, ob das, was als wahr gefunden wurde, auch wirklich als wahr gelten kann. Dazu braucht es eine Selbst-Differenz. Er führt den Begriff des «Apojektes» ein, welches das «unverfügbare Subjekt» meint, das in keinem Ordnungsrahmen eingeschlossen oder ausgeschlossen werden kann, also weder Subjekt ist noch Objekt, sondern eben nicht verfügbar (griech. Apo = weg … von; lat. iacere = werfen). Das gilt für die psychotherapeutische Praxis, die Konzepte der Therapieschulen wie auch die wissenschaftliche Beforschung der Psychotherapie und die Etablierung einer eigenständigen PTW-Philosophie.

Psychotherapie wurde von Alfred Pritz, dem Gründer der SFU, schon in den 1990ern als «Wissenschaft vom Subjektiven» bezeichnet. Burda geht den Begriffen Subjekt, Subjektiv, intersubjektiv, Selbst, Bewusstsein, Person, Individuum nach und zeigt, dass diese oft unklar verwendet werden und unterschiedliche Bedeutungen haben können, je nachdem welchem Ordnungssystem sie entlehnt wurden. Er zeigt, dass es unterschiedliche Ordnungssysteme gibt, die unterschiedliche Auffassungen vom Subjekt aufzeigen, und bezeichnet diese als externe oder auch interne Selbst-Differenz. Dem Radikalen Skeptizismus folgend zeigt er, dass alle Ordnungssysteme kulturell, historisch und politisch-gesellschaftliche beeinflusst sind und das «ultimative, alles umfassende Begründungsprinzip dem Wissen nicht zugänglich ist». Absolute Aussagen seien damit unmöglich, jedes Ordnungssystem sei nur relativ und könne entsprechend hinterfragt werden.

Der zweite Teil trägt den Titel «Wissenschaftliche Subjektivitäten». Hier setzt sich der Autor damit auseinander, ob sich PTW als Dachtheorie aus den verschiedenen Theorien der Psychotherapieschulen heraus entwickeln kann. Er bezeichnet dies als «Nabelschau», da sich die entsprechenden Theorien von innen teils axiomatisch selbst beschreiben und begründen und nicht von einer externen kritischen Position aus. Er diskutiert und kritisiert den Ansatz von Markus Erismann wie auch von Gottfried Fischer wie auch der Charta für Psychotherapie, als man hier aus der Not eine Tugend machen würde und die Vielfalt der Therapieschulen zum Paradigma der PTW erheben würde.1

Es folgt eine Kritik des Kritischen Realismus, auf den sich Kurt Greiner zur Begründung einer PTW sui generis bezieht.2 Danach stellt Burda wissenschaftsethische Überlegungen zum Verhältnis von Psychotherapie, Psychologie und PTW an. Zu Recht kritisiert er die Anlehnung der Psychologie an ein naturwissenschaftliches Paradigma, ohne deren erkenntnistheoretischen bzw. wissenschaftstheoretischen Grundlagen zu reflektieren. (Eine philosophische Psychologie wird heute kaum mehr gelehrt.)

In einem weiteren Kapitel stellt er mit Bezug auf Thomas Stephenson ein Beispiel für Paradigmenkonstellationen in der PTW vor. Stephensons Paradigma wird als Brückenelement zwischen den vier Kernparadigmen der Psychotherapie (Tiefenparadigma – psychodynamisch; Reiz- Reaktions-Konditionierungsparadigma – VT; System-Umwelt-Koppelungsparadigma – systemisch; Mit-Menschlichkeitsparadigma – humanistisch-existenziell) in Bezug auf Borderline, Zwang und Phobie dargestellt. In einem weiteren Abschnitt beleuchtet er die Begriffe Komplex, Psyche, Archetyp und Selbst aus der Analytischen Psychologie als Beispiel für Verbindungs-und Trennungs-Verhältnisse im Lichte seines Ansatzes einer PTW-Philosophie.

Ganz im Sinne eines Manifests endet das Buch mit einer Liste der Vorzüge einer PTW-Philosophie. – Ein spannendes Buch, das einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung einer Metatheorie 2. Ordnung und damit zur Positionierung der PTW als Wissenschaft sui generis liefert.

Peter Schulthess

Anmerkungen

1 Dieser Beitrag wurde bereits in PTW 2019-2 publiziert.

2 Dieses Kapitel wurde als Artikel in PTW 2025-1 publiziert.