11. Forschungstagung INFAP3, 24.08.2025 am IAAP-Kongress, Zürich
Psychotherapie-Wissenschaft 16 (1) 2026 73–74
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https://doi.org/10.30820/1664-9583-2026-1-73
Die 11. INFAP3-Forschungstagung «Was ist denn in dich gefahren? Komplextheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendungen», die für viele Teilnehmenden den Auftakt zum Internationalen Kongress in Zürich bildete, war der Komplextheorie, deren Geschichte sowie dem aktuellen Stand der Forschung und der weiteren Entwicklung gewidmet. Die Tagung knüpfte an die Forschungstagung 2018 zur Komplexpsychologie im klinischen Kontext an. In erwartungsvoller Vorfreude versammelten sich Forschende und an Forschung interessierte zum Vor-Kongress im Kongresszentrum Zürich. Nach Begrüssung und einleitenden Worten durch die Co-Präsidentin Elisabeth Schörry-Volk wurde das vielseitige Programm vorgestellt.
Das Tagungsprogramm würdigte verschiedene Perspektiven und reichte vom Kraftfeld der Grundbedürfnisse (Isabelle Meier) über die Komplexepisoden als Brennpunkte therapeutischer Arbeit (Verena Kast) zu Komplexarbeit in der Kurzzeittherapie (Juliane Kärcher & Ralf T. Vogel) und wurde ergänzt um die Vorstellung empirischer Ergebnisse der Strukturalen Traumanalyse (Christian Roesler) und um ein Werkstattgespräch mit Neuigkeiten zum Assoziationsexperiment (Christa Futscher & Mario Schlegel). Den Abschluss bildete eine angeregte Podiumsdiskussion aller Referierenden im sog. fishbowl-Format: Zwei Stühle blieben für Personen aus dem Publikum frei, die wechselweise besetzt werden konnten, was rege genutzt wurde.
INFAP3-Co-Präsidentin Isabelle Meier kündigte an, dass eine Forschungsgruppe zum Thema Komplexe geplant sei. Sie griff in ihrer Präsentation über das Kraftfeld der Grundbedürfnisse das motivationale Geschehen im Komplex auf, von Jung bekanntermassen im finalen Aspekt ausgedrückt. Sie stellte neben der jungianischen Perspektive andere Ansätze zu den Grundbedürfnissen (u. a. die von Grawe, Bowlby, Panksepp) vor und verband sie mit den OPD-3-Bedürfniskategorien. Zudem zeigte sie die Ähnlichkeiten zwischen dem Konstrukt des Komplexes und den insbesondere im OPD-3 gebräuchlichen Konflikten auf. Die Zusammenhänge wurden in ihrem durch nicht erfüllte Bedürfnisse erweiterten Modell der Komplexlandschaft eindrücklich dargestellt und anhand von Praxisbeispielen veranschaulicht.
Ebenso benannte Isabelle Meier Unterschiede: Würden bspw. die Konflikte im OPD-3 detaillierter und damit auch in Form eines Fragebogens erfassbar aufgegriffen, berücksichtigten die Jungianer, dass die Komplexe jedes Menschen einzigartig seien und teilweise mehrere nicht erfüllte Grundbedürfnisse tangierten. In der Praxis zeige sich in der Konstellierung des Komplexes auch die Aktivierung der Symbolbildung. Hier sei im Sinne des archetypischen Drangs des Grundbedürfnisses gleichzeitig das beinhaltet, was der Mensch eigentlich brauche, um nachzureifen.
Nach der Kaffeepause, die zur Begrüssung von Kollegen und Freunden und für lebhaften Austausch genutzt wurde, stimmte Verena Kast die Anwesenden auf das Forschungsthema ein. Sie beschrieb am Beispiel Jean-Paul Sartres anhand seiner tatsächlich erlebten und vorgestellten kritischen Betrachtung eine verinnerlichte Komplexepisode. Sartres berühmter Ausspruch «Die Hölle, das sind die anderen» könnte dabei als Ausdruck des Komplexverhaltens betrachtet werden. Von dieser Darstellung ausgehend stellte Kast das Komplexgeschehen in Zusammenhang mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaft. Denn um emotional betonte, konflikthafte Beziehungserfahrungen im Bereich zentraler Bedürfnisse, die mehr oder weniger verdrängt wurden, zu aktivieren, nutzen wir unser Episodengedächtnis. Damit verlängern wir unsere Erinnerungen in die Zukunft. Dies ist natürlich von entscheidendem Vorteil, um durch Rekombination zukünftige Szenarien zu konstruieren, Zeitreisen in die Zukunft zu unternehmen, Pläne zu schmieden und Entscheidungen zu treffen. Ebenso gilt dies als Voraussetzung für Kreativität.
Wie bekannt ist, dominieren im Gedächtnis Emotionen und Bilder. Verena Kast erklärte, wenn negative Emotionen angereichert oder übergeneralisiert und ruminiert würde, bestehe die Möglichkeit, im Komplexgeschehen stecken zu bleiben. Für die Behandlung wesentlich sei, Episoden zu betonen, Komplexnarrative so detailliert wie möglich erzählen zu lassen und sowohl den Kind- als auch den Erwachsenenpol zu betrachten. Darin sei hin- und herzuwechseln und herauszufinden, was es als Kind gebraucht hätte. Anhand von Beispielen ihrer reichhaltigen Praxis gab Verena Kast einen Einblick in ihr Vorgehen. Sie betonte die Hinwendung zur Arbeit mit den Emotionen, auch indem die Projektionen offengelegt werden. So veranschaulichte sie ihr therapeutisches Sich-zur-Verfügung-Stellen.
Ralf T. Vogel und Juliane Kärcher entwickelten mit der komplexfokussierten Kurzzeittherapie (KZT) ein Verfahren, das sich tief in der jungianischen Tradition verankert. Der Komplex – bei Jung verstanden als ein affektiv aufgeladener psychischer Inhalt, der sich dem Ich entzieht – wird hier nicht als pathologisches Hindernis, sondern als energetischer Kern betrachtet, der Entwicklungspotenzial birgt. Ralf T. Vogel betonte, dass existenzielle Themen wie Tod, Einsamkeit, Freiheit und Sinn nicht nur Symptome begleiten, sondern archetypische Tiefen berühren. Die KZT nutzt diese Themen als Zugang zur inneren Mythologie des Patienten. In wenigen Sitzungen kann durch die gezielte Aktivierung eines zentralen Komplexes eine psychodynamische Bewegung angestossen werden, die nicht oberflächlich bleibt, sondern die Finalität des Symptoms – seine sinnstiftende Funktion – therapeutisch nutzt.
Die KZT ist keine verkürzte Langzeittherapie, sondern eine eigenständige Methode, die sich durch Verdichtung, Fokussierung und archetypische Resonanz auszeichnet. Juliane Kärcher erweiterte die Komplexarbeit um die Dimension der Symbolisierung. In ihrer Methode der Symbolarbeit wird das Symbol nicht nur gedeutet, sondern aktiv gestaltet – etwa durch Imagination, bildnerisches Arbeiten oder szenisches Spiel. Dabei wird das Symbol zum Mittler zwischen dem Ich und dem Selbst, zum Ausdruck archetypischer Inhalte und zum Träger transzendenter Bedeutung. Juliane Kärcher versteht die Symbolisierung als psychische Leistung, die Affekte in «Form» bringt und damit zur Integration beiträgt. Besonders in verdichteten therapeutischen Settings – etwa in Kriseninterventionen oder Kurzzeitformaten – kann die Arbeit mit inneren Bildern eine tiefgreifende Wandlung ermöglichen. «Die Symbolisierung verwandelt Affekt in eine Form – sie ist der Weg zur Individuation», so Juliane Kärcher. Die Symbolarbeit ist damit nicht nur ein methodisches Werkzeug, sondern ein Weg zur Selbstwerdung im Sinne der jungianischen Psychologie.
Christian Roesler präsentierte empirische Ergebnisse zur Strukturalen Traumanalyse und zur Entwicklung der Ich-Komplex-Beziehung im Verlauf von Traumserien. In über 80 dokumentierten Traumverläufen zeigte sich, dass das Traum-Ich – als Repräsentant des bewussten Ichs im Traum – sich im Therapieverlauf verändert: von Bedrohung und Fragmentierung hin zu Autonomie und Integration. Christian Roesler betonte, dass die Symbolisierung abgespaltener Persönlichkeitsanteile – etwa durch Tiermotive oder Kind-Archetypen – eine zentrale Rolle im therapeutischen Prozess spielt. Die Wandlung dieser Motive im Traumverlauf spiegelt die psychische Entwicklung und die zunehmende Ich-Stärke wider.
Mario Schlegel und Christa Futscher stellten moderne Anwendungen des klassischen Wort-Assoziationsexperiments (AE) nach Jung vor. Es wurde im Lauf der Zeit weiterentwickelt, wodurch es dem heutigen Methodenverständnis entspricht: Zuerst werden spontane Assoziationen zu standardisierten Reizwörtern erhoben, um sie in einem zweiten Durchgang zu erinnern. In einem dritten Durchgang wird der dazu passende Kontext erhoben, um biografische, relationale und übertragungsdynamische Bezüge systematisch einzubeziehen. Methodentheoretisch lässt sich das AE damit parallel zu Mixed-Methods-Verfahren einordnen: Formale Parameter wie Reaktionszeiten und Fehler erlauben eine quantitative Beschreibung, während die Kontextanalyse der Assoziationen eindeutig im qualitativen, hermeneutischen Paradigma verankert bleibt und die Fallrekonstruktion ins Zentrum stellt. Die traditionelle händische Auswertung mit Stoppuhr, Zettel und Bleistift ist dabei in der praktischen Anwendung umständlich und fehleranfällig, weshalb eine digitale Umsetzung in Form einer APP entwickelt wird, die Stimuluspräsentation, Zeitmessung und Datendokumentation übernimmt. In der Diskussion wurde betont, dass in der APP bewusst keine Funktionen eingeführt wurde, die den zwischenmenschlichen Kontakt beeinträchtigen könnten – insbesondere keine KI-gestützten Interpretationshilfen –, sodass die Deutung weiterhin im dialogischen, beziehungsgetragenen Prozess zwischen Untersuchenden und Patientin/Proband verankert bleibt.
Am Ende der kurzweiligen Forschungstagung kreiste die Diskussion zuerst um den Einsatz von KI, angeregt durch die Vorstellung der neuen App zum AE. Christa Futscher betonte, bei der App komme keine KI zum Einsatz, sondern es solle v. a. die Dokumentation erleichtert werden. Diskutiert wurde die Möglichkeit der Verwendung in der Forschung, bspw. als Hilfsmittel zur Auswertung von Trauminterpretationen oder um die anspruchsvolle Kontextanalyse des Assoziationsexperimentes zu vereinfachen. Das Publikum berichtete von verschiedenen Erfahrungen, zu unterscheiden seien die jeweilig andersartigen Settings von Forschung, Ausbildung und Therapie.
Zum Thema KZT gab es ebenfalls zahlreiche Stimmen, etwa zum Aspekt der Krisenintervention, wobei laut Juliane Kärcher zu Beginn der Therapie das Komplexthema zu vertiefen sei. Eine Art Anleitung sei bereits angedacht. Auch die Begrifflichkeiten «Therapiebooster» oder «Therapie on demand» wurden besprochen und mit der therapeutischen Identität in Zusammenhang gebracht. KZT sei kein Ersatz für eine längere Therapie, es sei etwas anderes und man müsse sich überlegen, für welche Patienten diese Form geeignet sei und wie das Erlernen dieser neuen Therapieform gestaltet werden könne. Verena Kast wies darauf hin, dass schliesslich auch Jung in den 1920ern eine Art der Intervalltherapie angeboten habe. Damit schloss der lebhafte Austausch, der in den nächsten Tagen bestimmt noch seine Fortsetzung fand.
Die Beiträge der Referierenden zeigen, dass die jungianische Psychologie nicht nur tiefenwirksam, sondern auch anschlussfähig ist – an moderne Formate, digitale Verfahren und differenzierte Indikationsmodelle. Komplexe, Symbole und Assoziationen sind keine Relikte, sondern lebendige Werkzeuge, die in Kurzzeitformaten ebenso wirksam sein können wie in Langzeitprozessen. Die Zukunft liegt nicht in der Verkürzung, sondern in der Verdichtung – und in der Fähigkeit, Tiefe auch in begrenzter Zeit erfahrbar zu machen. Die jungianische Haltung bleibt dabei zentral: Beziehung, Resonanz, Symbolisierung und Achtung vor dem autonomen Prozess der Seele.
Cornelia Stegmann & Susanne Schneider