Wem nützt Psychotherapiewissenschaft?

Über Akademisierungspolitik, Einheitspsychotherapie und die Bedeutung eines jungen Wissenschaftsfachs für die akademische Zukunft der schulenbasierten Psychotherapie

Kurt Greiner

Psychotherapie-Wissenschaft 16 (1) 2026 63–72

www.psychotherapie-wissenschaft.info

CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2026-1-63

Zusammenfassung: Das neue österreichische Psychotherapiegesetz (2024) verlangt die akademisch-wissenschaftliche Fundierung der Psychotherapie über die institutionelle Anbindung an Universitäten. Psychotherapie kann in unterschiedlichen Universitätsfächern akademische Verankerung finden, wie z. B. in den etablierten Fachgebieten Psychologie, Medizin, Bildungswissenschaft etc. oder eben im jungen Fach Psychotherapiewissenschaft (PTW). Der Artikel beleuchtet einerseits schlaglichtartig die akademisierungspolitischen Strategien und Tendenzen im deutschsprachigen Mitteleuropa (DACH) und spannt damit einen Diskussionsrahmen auf, im Zuge dessen immer deutlicher ein dominanter Trend heraussticht, den man betiteln könnte «Von der schulenbasierten Psychotherapie zur Einheits-Psychotherapie». Andererseits wird eine alternative Akademisierungsdynamik vorgestellt, die in die entgegengesetzte Richtung wirkt und sich um die wissenschaftliche Sicherstellung der Therapieschulenvielfalt bemüht. Psychotherapie muss sich entscheiden, ob sie sich mittelfristig in eine vereinheitlichte Disziplin transformieren oder sich weiterhin als eine polymorphe Wissens- und Praxiskultur selbstverstehen möchte. Im zweiten Fall wird Psychotherapie grosse Unterstützung in der PTW finden.

Schlüsselwörter: Akademisierung, akademische Psychotherapie, schulenbasierte Psychotherapie, Einheits-Psychotherapie, Psychologie, Psychotherapiewissenschaft (PTW), Therapieschulen, Standardisierter Therapieschulendialog (TSD), Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU).

Wir befinden uns im Jahre 2026 nach Christus. Die ganze Psychotherapie wird von der Psychologie bestimmt. Die ganze Psychotherapie? Nein! Eine von unbeugsamen Psychotherapiewissenschaftler*innen bevölkerte Privatuniversität hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

(frei nach Asterix)

Vor gut 20 Jahren kam in Österreich der Prozess der Akademisierung der Psychotherapie ins Rollen und er befindet sich zurzeit im Endspurt. Ab dem Wintersemester 2026/27 werden nicht mehr nur private, sondern erstmals auch staatliche Universitäten akademische Masterstudiengänge in Psychotherapie anbieten. Das neue Psychotherapiegesetz, das 2024 beschlossen wurde und mit 01.01.2025 in Kraft getreten ist, verlangt die akademisch-wissenschaftliche Fundierung über die institutionelle Anbindung an Universitäten, wobei die speziellen Akademisierungsregelungen erst mit 01.10.2026 in Kraft treten werden.1 Den Psychotherapieberuf, der lange Zeit ausschliesslich vereinsspezifisch geregelt war, kann man in Österreich hinkünftig nur mehr im Rahmen von universitären Ausbildungsprogrammen erlernen, in denen mit psychotherapeutischen Fachgesellschaften kooperiert wird.

Von woher möchte Psychotherapie akademisch geprägt werden? Psychologie vs. Psychotherapiewissenschaft

Wo aber wird Psychotherapie an den öffentlichen Universitäten Österreichs akademischen Boden gewinnen? Psychotherapie kann an unterschiedlichen psychotherapieaffinen Fakultäten akademische Anbindung finden. Je nachdem, wo sie sich verankert, ergibt sich eine andere Psychotherapie. Verankert sich Psychotherapie akademisch bspw. in der Psychologie, ergibt sich daraus eine Psychotherapie unter dem Vorzeichen der Psychologie. Bindet sie sich akademisch etwa an die Medizin, ergibt sich daraus eine Psychotherapie unter dem Vorzeichen der Medizin, wohingegen sich eine Psychotherapie unter dem Vorzeichen der Bildungswissenschaft ergibt, falls sie sich in der Bildungswissenschaft akademisch verankert. Findet Psychotherapie ihren akademischen Ort indes in der Psychotherapiewissenschaft (PTW), ergibt sich daraus eine Psychotherapie unter dem Vorzeichen der PTW. Es macht einen gewaltigen Unterschied, von wo her Psychotherapie akademisch geprägt wird. Werfen wir nun einen raschen Blick auf die diesbezügliche Differenz zwischen psychologisch geprägter und PTW geprägter Psychotherapie. Bekanntlich stellen die beiden Fachgebiete Psychologie und PTW – jedes für sich und anhand unterschiedlicher Argumentationsstrategien – am lautesten den Exklusivanspruch, für die wissenschaftliche Fundierung der Psychotherapie zuständig zu sein.

Wie eine von der Psychologie her geprägte Psychotherapie aussehen wird, das ist nicht schwer zu erraten. Paradigmatisch kann hier der Heidelberger Psychologe Peter Fiedler (2012) genannt werden, der im Untertitel seines Buchs Die Zukunft der Psychotherapie sogleich zur Sache kommt, indem er dort die Frage aufwirft: Wann ist endlich Schluss mit der Konkurrenz? Mit seiner Propaganda für eine «Einheits-Psychotherapie» jenseits des Schulen-Pluralismus steht Fiedler jedenfalls fest in der psychologischen Mainstreamtradition, als deren prominentester Vertreter der Berner Psychologe Klaus Grawe gilt. In ihrer Studie Psychotherapie im Wandel insistieren Grawe et al. (2001) auf einer rigoros wissenschaftsorientierten Selbstverständniskorrektur der Psychotherapie, weil in den traditionellen Psychotherapie-Modalitäten vielmehr fragwürdige Praxen religionsartiger Glaubensgemeinschaften («Konfession») am Werk seien, die es dringend zu überwinden gelte. Psychotherapie müsse sich von den «menschenbilddurchseuchten Entwürfen ihrer Frühzeit» schleunigst befreien und endlich zu einer ernsthaften, auf der modernen Psychologie fussenden einheitlichen Wissenschaft («Profession») avancieren. Dass dazu einzig und allein die auf dem Boden der empirisch-positivistischen Psychologie gewachsene Schule der Verhaltenstherapie in der Lage sei, die man bloss begrifflich zur «Allgemeinen Psychotherapie» hochstilisieren müsse, das ist die psycho-logische Konsequenz in Grawes Ansatz.

Dass eine von der PTW her geprägte Psychotherapie vergleichsweise gänzlich anders aussieht, hängt mit dem diametralen PTW-spezifischen Erkenntnisinteresse zusammen, das auf die wissenschaftliche Rechtfertigung der gewachsenen, schulenbasierten Psychotherapie zielt. In diesem Sinne ist das Streben der PTW auf die Beantwortung der Frage gerichtet, wie sich eine «Wissenschaftsdisziplin Psychotherapie» bzw. eine «akademische Psychotherapie» unter Berücksichtigung ihres geschichtlich herausgebildeten Paradigmenpluralismus (Schulen- bzw. Modalitätenvielfalt) eigenständig und autonom bestimmen und akademisch konzeptualisieren lässt und zwar jenseits der Definitionsgewalt dominanter Führungsdisziplinen wie Psychologie und Medizin. Ein für die PTW günstiges wissenschaftskulturelles Milieu hat sich vor 20 Jahren an der Wiener Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) herausgebildet, an der hochmotivierte Wissenschaftler*innen und engagierte Forscher*innen verschiedenster Fachprovenienz anheuerten und die einmalige Chance ergriffen, das damals blutjunge Studien- und Wissenschaftsfach PTW inhaltlich mitaufzubauen und mitzugestalten, es theoretisch zu spezifizieren, methodologisch zu präzisieren und praxeologisch zu konkretisieren.2

Quintessenz 1: Die institutionelle Anbindung an Universitätsfakultäten wird die österreichische Psychotherapie auf unterschiedliche Weise akademisch prägen. Eine von der Psychologie her geprägte Psychotherapie wird sich sukzessive tendenziell in Richtung «Einheits-Psychotherapie» bewegen, wohingegen eine von der PTW her geprägte Psychotherapie phänotypisch auch weiterhin vom Schulen-Pluralismus charakterisiert sein wird.

Akademisierungspolitik der Therapieschulen-Ausdünnung in Deutschland, Teil I: Historische Dimension

Im Mittelpunkt einer von der PTW her geprägten Psychotherapie, so wie sie für die SFU charakteristisch ist, steht also die Berücksichtigung der historisch gewachsenen Schulen- bzw. Modalitätenvielfalt des psychotherapeutischen Denkens, Handelns und Wirkens. Diese wissenschaftskulturelle Grundausrichtung setzt logischerweise voraus, dass Therapieschulen im Plural auch weiterhin existieren (dürfen). Gerade das aber ist heute mehr und mehr infrage gestellt und nicht erst seit gestern. Bis in die 1990er Jahre zurück reicht ein im Zuge der Akademisierungsbestrebungen sukzessive dominant gewordener Entwicklungstrend im deutschsprachigen Raum, den man betiteln könnte «Von der schulenbasierten Psychotherapie zur Einheits-Psychotherapie». De facto gibt es in Deutschland diesbezüglich eine längere Problemgeschichte. So schreibt bereits der deutsche Psychotherapieforscher Jürgen Kriz (2009a, 3), der bekannt ist für seine rigorose Forderung nach einer «Vielfalt in der Psychotherapie»:

«Ist doch zehn Jahre nach dem Psychotherapeutengesetz die vorübergehende Reduktion auf zwei bis drei Richtlinienverfahren keineswegs überwunden, sondern droht gar zum Dauerzustand zu werden. Mit dem – im Einzelnen durchaus angemessenen, insgesamt aber völlig vermessenen – Argument, vor ‹Wildwucherungen› schützen zu wollen, wurde jedenfalls ein beispielloser Kahlschlag in der ambulanten Psychotherapie betrieben und die blühende Kulturlandschaft ‹Psychotherapie› so umgepflügt, dass eine geistige Steppe mit zwei (offiziellen) Monokulturen übrig blieb.»

Zu den offiziell anerkannten «Richtlinienverfahren» zählten bereits damals bloss einige psychodynamische bzw. tiefenpsychologisch fundierte Therapierichtungen sowie die Verhaltenstherapie, während alle anderen Therapieformen «in die Illegalität abgedrängt wurden» (Kriz 2006, 26). Im Zuge seiner Kritik am Langzeitzustand der deutschen Psychotherapie erwähnt Kriz (2010, 136) die sog. «Bonner Erklärung», die 2006 im Rahmen eines Psychotherapiesymposiums in Bonn formuliert wurde. In dieser Deklaration

«wurde die Sorge vieler darüber zum Ausdruck gebracht, dass eine zunehmende ‹Verengung des Denkens› stattfindet. ‹Sinnverstehende, einem humanistischen Menschenbild verpflichtete psychotherapeutische Traditionen haben in dieser Konzeption keinen Platz: Sie sollen inhaltlich, politisch und ökonomisch verdrängt und ausgegrenzt werden›, hieß es darin. Innerhalb weniger Tage unterzeichneten über 2.500 Therapeuten und Professoren, was belegt, wie stark die Befürchtungen in der Profession hinsichtlich einer schädlichen und einseitigen Entwicklung sind. Doch seit 2006 hat sich erkennbar nichts geändert – es scheint eher so, dass die Einseitigkeit noch zugenommen hat».

Diese Zunahme an Einseitigkeit, die Kriz hier anspricht, manifestiere sich nicht zuletzt im Umstand, dass «vermehrt dicke Lehrbücher auf den deutschen Markt kommen, in denen als ‹die› Psychotherapie einzig das behaviorale Paradigma dargestellt wird», was zwar «für eine Indoktrination von Studenten nützlich sein» mag, aber «mit einer seriösen, wissenschaftlich reflektierten Information über die faktische Pluralität in Wissenschaft und Praxis […] wenig zu tun (hat)» (Kriz 2009a, 4). Für Kriz (2009b, 91) geht diese problematische Tendenz der psychotherapeutischen Einseitigkeit Hand in Hand mit jenem allgemein zu beobachtenden Trend in Wissenschaft und Forschung, demzufolge

«reduktionistische und szientistische Positionen auf dem Vormarsch sind. Die Kraft dieser Positionen liegt in einer einfachen Weltsicht: Man weiß was richtig und was falsch ist, oder was wissenschaftlich und was unwissenschaftlich ist. Durch Komplexität oder andere Sichtweisen muss man sich dann nicht verunsichern lassen oder sich mit ihnen beschäftigen, da man sie ja bereits als ‹falsch› bzw. ‹unwissenschaftlich› wegdefiniert hat».

Ein Wissenschaftsselbstverständnis dieser Art sei allerdings hochproblematisch, weil inkompatibel mit «der Erkenntnis, dass es eine plurale Vielfalt von Positionen und Werten in einer komplexen Gesellschaft – auch der scientific community – gibt. Eine Pluralität, die es eher zu fördern als zu unterdrücken gilt» (ebd., 95). Wer nämlich die strukturelle Vielschichtigkeit der psychotherapeutischen Wissenschaftskultur zerstört, der zerschlägt gleichzeitig «die hohe Qualität ihrer Bildungsstrukturen», weshalb Kriz (2009a, 5) die Gemeinschaft der Psychotherapeut*innen auch aufruft, «für die Qualität der Psychotherapie zu kämpfen. Diese kann m. E. nur in einer legalen, angemessen erforschten Pluralität liegen, welche die Pluralität der Weltzugänge und Biographien von Patienten und Psychotherapeuten widerspiegelt.»

Quintessenz 2: In Deutschland lässt sich ein einflussreiches akademisierungspolitisches Bestreben bis in die 1990er Jahre zurückverfolgen, das unter dem Vorzeichen einer radikalen Therapieschulen-Reduzierung steht und sich im Begriff der «Richtlinienverfahren» manifestiert. Problematisch an diesem Trend «weg von der schulenbasierten Psychotherapie und hin zur Einheits-Psychotherapie» sind viele verschiedene Aspekte – wie z. B., dass er im Widerspruch zur kulturellen Komplexität einer globalisierten Gesellschaft steht.

Akademisierungspolitik der Therapieschulen-Ausdünnung in Deutschland, Teil II: Aktuelle Situation

Was Kriz schon damals für die weitere Entwicklung in Deutschland befürchtet hat, dass nämlich der Zustand mittelfristig nicht besser werden wird, das bestätigt uns heute die aktuelle Situation. Genaugenommen ist die momentane Lage noch viel unerfreulicher, wie Kriz (2024, 103) selbst anmerkt:

«Nachdem in Deutschland verhaltenstherapeutische Ansätze fast ausschließlich das Monopol der Lehrstühle in ‹Klinischer Psychologie und Psychotherapie› erlangt und vor allem die humanistische und psychodynamische ‹Konkurrenz› eliminiert haben, ist der Diskurs über die Grundorientierungen von Psychotherapie weitgehend zum Erliegen gekommen […].»

Zwar bringe die Systemische Psychotherapie neuerdings wieder etwas Wind in die Diskurse, allerdings liesse sich noch nicht abschätzen, ob dies im Endeffekt tatsächlich zu mehr Pluralität führe (Kriz 2025).3 Kriz (2024, 103) bleibt skeptisch und übt Kritik insbesondere an jener verbreiteten Tendenz, die sich u. a. im Untertitel von Peter Fiedlers (2012) bereits erwähntem Buch artikuliert, wonach die Vielfalt der psychotherapeutischen Positionen, Systeme und Richtungen als störende «Konkurrenz» betrachtet wird, die man unbedingt eliminieren müsse. Kriz (2024, 103) plädiert hier vielmehr für die gegenteilige Auffassung und meint, dass die faktische Pluralität

«als intellektuelle Herausforderung dafür verstanden werden [sollte], die eigenen Argumente immer wieder in Auseinandersetzung mit kontroversen Positionen zu schärfen, zu überdenken und ggf. auch zu erweitern oder zu revidieren. Wenn es diese Herausforderungen nicht mehr gibt, erlahmt dieser wichtige Bereich akademischer bzw. wissenschaftlicher Betätigung. So entstehen statt fundierter, argumentativer Gebäude – zu denen auch eine einstmals kritische Verhaltenstherapie zu zählen ist – nicht mehr hinterfragbare Tempel mit Altären aus Wahrheitsansprüchen. Und es ist kein akademisches Ruhmesblatt, wenn Absolventen von Studiengängen, in denen sie nie mit anderen Perspektiven konfrontiert wurden, zunehmend glauben, diese eine ‹wahre› Sicht sei ‹die› Wissenschaft, an der sich die Psychotherapie auszurichten habe».

In seinem «Weckruf», den er an die Scientific Community richtet und in dem er sich klar «gegen die reduktionistische Einseitigkeit der deutschen Psychotherapie» positioniert, betont Kriz (2025) die Wichtigkeit einer Kultur der Vielfalt gerade für den psychotherapeutischen Sektor und hebt deren Vorzüge gegenüber dem Dogma der Einheit hervor, wenn er schreibt:

«Die Vielfalt menschlicher Lebenswelten kann nicht mit einem einzigen Ansatz abgedeckt werden. Daher spiegelt sich überall in der Welt, wo es professionelle Psychotherapie gibt, die Pluralität der Gesellschaften und ihrer Werte, wie auch die Pluralität der Wissenschaftsansätze, in einer Pluralität psychotherapeutischer Grundorientierungen, mit ihren Sichtweisen, Werten und Erkenntnissen. Die Vielfalt der Zugänge wird von der internationalen Psychotherapieforschung mit einer großen Fülle an wissenschaftlichen Befunden unterstrichen.»

Quintessenz 3: Die akademisierungspolitische Therapieschulen-Zuspitzung in Richtung Einheits-Psychotherapie, die vor drei Jahrzehnten ihren Ausgang nahm, dominiert auch den Status quo der deutschen Psychotherapie. Es scheint sogar, dass der einheitswissenschaftliche Dogmatismus mittlerweile noch stärker geworden ist. Selbst dort, wo sich Chancen für pluralistische Tendenzen potenziell auftun, kann sich genuine Pluralität nicht mehr entfalten, weil im vorherrschenden monokulturellen Milieu die dafür notwendigen infrastrukturellen Voraussetzungen verlorengegangen sind.

Wie wird die Machtpolitik der Therapieschulen-Ausdünnung wissenschaftlich legitimiert? Experimentelle Wirksamkeitsforschung in der Psychotherapie als hocheffektives Selektionswerkzeug

Der von Kriz konstatierte «monokulturelle» Status in der deutschen Psychotherapie, der insgesamt bereits seit über zweieinhalb Jahrzehnte andauert und von vielen Wissenschaftler*innen sowie Praktiker*innen heftig beklagt wird, hängt nicht zuletzt mit einer besonderen Form der Wirksamkeitsforschung zusammen, die seit vielen Jahren schon intensiv praktiziert wird. Die sog. «Randomisierten kontrollierten Studien» (RCT) konnten im Laufe der Zeit ihren Einfluss sukzessive ausweiten, sodass sie bis heute das Feld der offiziellen Psychotherapieforschung dominieren. Kriz (2019, 43), der die behauptete «Evidenzbasierung» dieses Forschungsprogramms infrage stellt, meint, dass es bei

«diesen RCTs […] allein um die Wirksamkeit von abgegrenzten Einzelfaktoren bezogen auf abgegrenzte Symptome, unter streng kontrollierten Laborbedingungen [geht]. Der inzwischen übliche Etikettenschwindel, ‹evidenzbasiert› irrtümlich oder missbräuchlich allein auf RCTs zu reduzieren, hat die methodische Monokultur ganz erheblich vorangetrieben. Denn es gelten faktisch nur noch Belege, die mit experimentellen Designs erbracht wurden».

Kriz bezieht sich in seiner kritischen Argumentation auf die Logik der Objekt-Methode-Relation und beschränkt damit die Adäquatheit dieser Forschungsform ausschliesslich auf jene Analysegegenstände, die sich anhand von experimentellen Designs tatsächlich auch sinnvoll befragen lassen. Als klassische Beispiele dafür nennt er die «Apparate- und Pharmaforschung in der Medizin». Er räumt sogar ein, dass sich RCTs auf «Teile der Verhaltenstherapie» sowie auch auf einige wenige andere Therapierichtungen durchaus sinnvoll anwenden lassen. Indes sei diese Methodik für

«viele andere psychotherapeutische Ansätze […], die wesentlich auf der situationsspezifischen und passungsgerechten Entfaltung von Prinzipien beruhen, […] weitgehend inadäquat. Die Reduktion von EbM (Evidenzbasierte Medizin, KG) auf RCT-Designs schließt somit nicht nur bedeutsame Teile wissenschaftlicher Methodik von vornherein aus (wie z. B. das gesamte Spektrum qualitativer Forschung), sondern enthält zusätzlich ein starkes Bias für nur eine der vier zentralen psychotherapeutischen Grundorientierungen – nämlich für die verhaltenstherapeutische auf Kosten der psychodynamischen, humanistischen und systemischen Grundorientierung» (ebd., 49).

Auch der österreichische Psychotherapiewissenschaftler Paolo Raile (2025) übt Kritik an einer ausschliesslich experimentell betriebenen Wirksamkeitsforschung, wenn er «RCTs aus individualpsychologischer Sicht» interpretiert. Raile (ebd., 19f.) zufolge gelten RCTs «zwar als Goldstandard in der Psychotherapieforschung», allerdings fussen sie

«auf methodischen Fiktionen […], die die Komplexität psychotherapeutischer Prozesse stark vereinfachen. Diese Studienform erzeugt eine Illusion von Objektivität, indem sie Interventionen in kontrollierten Rahmenbedingungen untersucht, die in der Praxis kaum umsetzbar sind. Durch die Einteilung der Psychotherapieforschung in Evidenzhierarchien wird die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) besonders bevorzugt, da ihre Struktur sich perfekt in das RCT-Design einfügt, während andere Therapieformen, die schwerer zu standardisieren sind, marginalisiert werden. Zudem zeigt sich, dass diese methodischen Konstruktionen nicht nur wissenschaftlicher Natur sind, sondern auch als Machtinstrumente fungieren. RCTs geben denjenigen therapeutischen Ansätzen, die sich an ihre Anforderungen anpassen können, eine privilegierte Stellung. Dies hat zu einer internationalen Dominanz der kognitiven Verhaltenstherapie geführt, die in Forschung und Gesundheitsversorgung besonders gefördert wird. Psychodynamische und humanistische Ansätze hingegen werden an den Rand gedrängt, da sie nicht so leicht den Standards der RCTs entsprechen».

Quintessenz 4: Mit den technischen Möglichkeiten der experimentellen Wirksamkeitsforschung (RCT) lassen sich klassische naturwissenschaftliche Objektkonstellationen untersuchen, wie man sie v. a. in pharmazeutischen und medizinischen Forschungskontexten vorfindet. Indes verfehlt diese methodologische Herangehensweise die allermeisten psychotherapeutischen Gegenstände, weil sich deren komplexe Strukturen anhand RCT-logischer Prinzipien nicht erfassen lassen. Nichtsdestotrotz werden RCTs als Machtinstrumente eingesetzt, um die Akademisierungspolitik der Therapieschulen-Verknappung voranzutreiben und wissenschaftlich zu rechtfertigen.

Zum Triumph der Anti-Akademisierungskräfte in der Schweiz: Eidgenössische Psychotherapie als praktisches Anwendungsgebiet der klinischen Psychologie

Die Akademisierungspolitik der Therapieschulen-Ausdünnung Teil I und II beleuchtet schlaglichtartig das Langzeitproblem in Deutschland. In den beiden anderen grösseren Ländern im deutschsprachigen Mitteleuropa (DACH) ist die Lage jedoch nicht weniger problematisch.

In der Schweiz z. B. ist die Psychotherapie seit Inkrafttreten des «Psychologieberufegesetzes» (PsyG) am 1. April 2013 per Gesetz als «psychologischer Beruf» definiert, der durch ein zweistufiges Schulungssystem – einer grundlegenden «Ausbildung» und einer daran anschliessenden «Weiterbildung» – geregelt ist. Erst mit einem «Masterabschluss in Psychologie an einer Schweizer Hochschule» (Ausbildung), aus dem hervorgehen muss, dass «genügend Studienleistungen in klinischer Psychologie und Psychopathologie» erbracht wurden, erwirbt man die «Voraussetzung für die Absolvierung einer eidgenössisch anerkannten Weiterbildung» in diversen «Fachgebieten der Psychologie», die «von unterschiedlichen Anbietern durchgeführt» werden. Als psychologische Fachgebiete gelten in der Schweiz die Kinder- und Jugendpsychologie, die Klinischen Psychologie, die Neuropsychologie, die Gesundheitspsychologie sowie eben die Psychotherapie, die man in diversen akkreditierten Weiterbildungsgängen erlernen kann. Was die «Akkreditierung gemäss Psychologieberufegesetz» betrifft, so handelt es sich um «ein mehrstufiges und transparentes Verfahren. Es überprüft anhand definierter Kriterien und Qualitätsstandards, ob die Weiterbildungsgänge bestimmte Anforderungen erfüllen».4

Der Umstand, dass sich die Akkreditierung auf «Weiterbildungsgänge» und nicht auf «Psychotherapiemethoden» richtet, markiert eine wesentliche Differenz zwischen der schweizerischen und der deutschen Situation, was auch – wie Peter Schulthess (19.09.2025 in einer E-Mail-Konversation mit mir) anmerkt –

«einen Unterschied in der Anwendung von Kriterien zur Beurteilung der ‹Wissenschaftlichkeit› der gelehrten Verfahren [macht]. Diese müssen zwar wissenschaftlich fundiert und wirksam sein, es gilt aber eine offene Form von Wissenschaftlichkeit, nicht bloss die aus der Pharmazie stammende RCT Dogmatik wie in Deutschland. So ist der befürchtete Schnitt in der Vielfalt anerkannter Psychotherapieverfahren nicht so drastisch ausgefallen wie befürchtet».

De facto sind die akkreditierten Weiterbildungsgänge im Fachgebiet Psychotherapie breit aufgestellt, was die paradigmatischen Grundorientierungen betrifft. Verhaltenstherapeutische, psychodynamische sowie systemische Therapierichtungen sind zurzeit genauso vertreten wie z. B. humanistische, existenzielle oder körperzentrierte. So grundsätzlich erfreulich dieser Status quo auch ist, so desaströs war das Inkrafttreten des Psychologieberufegesetzes 2013 für die intensiven Bemühungen um eine autonome Wissenschaftsdisziplin Psychotherapie, die schlagartig obsolet wirkten. Bis in die 1990er Jahre zurück reichte die Debatte um die Akademisierung der Psychotherapie in der schweizerischen Community. Insbesondere die «deutschsprachigen Verbände ÖBVP, SPV, DVP, [verstanden] den Beruf Psychotherapeut als eigenständigen wissenschaftlichen Beruf […] (und nicht bloss als eine Anwendung der Psychologie oder der Psychiatrie)» (Schulthess & Schlegel 2025, 89).

Der Sieg der Anti-Akademisierungskräfte mit 1. April 2013 entpuppte sich leider nicht als Aprilscherz, sondern führte vielmehr zum tragischen Umstand, dass die Ausbildung «Psychotherapeut*in» in der Schweiz heute nur mehr über ein Studium der Psychologie möglich ist, womit das ambitionierte Ziel einer akademischen Psychotherapie, verstanden als autonomes und unabhängiges Universitätsfach, auch weiterhin ein Desiderat bleiben muss. Dass die Zeit allerdings zunehmend gegen dieses Desiderat, gegen diese Zielsetzung spricht, das weiss nicht nur Kriz (2024, 103), der den problematischen Ist-Zustand in Deutschland unter die Lupe nimmt, sondern auch Schulthess (2024, 6) mit Blick auf die schweizerische Situation:

«Im Rahmen einer Diskussion innerhalb unseres Redaktionsteams um die wissenschaftliche Basis der Psychotherapie und um unseren Zeitschriftentitel wurde deutlich, dass jüngere KollegInnen in der Schweiz kaum mehr wissen, dass Psychotherapie seitens der ASP und der Schweizer Charta für Psychotherapie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin verstanden wurde und man sich auch für eine entsprechende Gesetzgebung stark machte, leider erfolglos. Zu sehr hat sich hierzulande das Verständnis etabliert, dass Psychotherapie eine psychologische Spezialisierung sei, so wie Psychiatrie in der Medizin.»

Einziger Lichtstreif am helvetischen Psychotherapiehorizont ist die erfreuliche Tatsache, dass – allen Widrigkeiten zum Trotz – die Fachzeitschrift Psychotherapie-Wissenschaft auf der Grundlage eines neu gebildeten Herausgebervereins fortgeführt werden kann.

Quintessenz 5: Obwohl in der Schweiz Psychotherapierichtungen unterschiedlicher paradigmatischer Provenienz offizielle Anerkennung finden und nicht etwa – wie z. B. in Deutschland – über experimentelle Wirksamkeitsanalysen ausgemustert werden, ist die lange zurückreichende Akademisierungsdiskussion über ein autonomes Universitätsfach Psychotherapie vor 13 Jahren abrupt zum Erliegen gekommen. Im Jahr 2013 wurde die psychotherapeutische Profession in der Schweiz per Gesetz zum «psychologischen Beruf» erklärt und so gilt Psychotherapie seither als praktisches Anwendungsgebiet der klinischen Psychologie.

Erste Schatten über dem Therapieschulen-Paradies Österreich? Ausdünnungspolitische Tendenzen in rot-weiss-rot

In Österreich hingegen sieht die Lage verdächtig optimal aus, weil dort insgesamt 23 Therapieschulen als gesetzlich anerkannte «Methoden» der Psychotherapie gelten. Im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz scheint es sich hier auf den ersten Blick um einen paradiesischen Zustand zu handeln, der sich auf den zweiten Blick allerdings schon wieder aufzulösen droht, gibt es doch im neuen Psychotherapiegesetz 2024 sehr wohl auch tendenzielle Einschränkungen und zwar in Form sog. «Cluster».5 Sämtliche Therapiemodalitäten wurden den folgenden vier Grundorientierungen (Cluster) zugeordnet: «humanistisch» (1), «psychoanalytisch-psychodynamisch» (2), «systemisch» (3) sowie «verhaltenstherapeutisch» (4). Auffallend an dieser clusterspezifischen Neustrukturierung ist die Tatsache, dass die verschiedenen Therapiemodalitäten davor lange Zeit in sog. «Paradigmen» aufgegliedert waren, von denen es allerdings doppelt so viele gab, wie man z. B. im Buch Psychotherapie – Schulen und Methoden erfährt (Stumm & Wirth 1994). Neben den vier bereits genannten Clustern von heute waren da noch vier weitere Paradigmen angeführt, nämlich «Existenziell orientierte Ansätze» (5), «Suggestive Verfahren und Methoden der Trancearbeit» (6), «Transpersonale Ansätze» (7) und «Integrative Verfahren» (8).

Wirft man jetzt bspw. einen genaueren Blick auf die «Existenziell orientierten Ansätze» (5), wird man zwar feststellen, dass es die traditionellen «existenziellen Modalitäten» sehr wohl auch in der Neuregelung gibt, bloss in veränderter paradigmenspezifischer Zuordnung. «Existenzanalyse» sowie «Existenzanalyse und Logotherapie» sind nunmehr ins «humanistische», die «Daseinsanalyse» ins «psychoanalytisch-psychodynamische» Cluster integriert. Diese Therapieschulen finden also nach wie vor gesetzliche Anerkennung, allerdings haben sie ihr ureigenes Paradigma verloren. Wieso das der Fall ist? Vermutlich deswegen, weil im «verengten Denken» eines dominant gewordenen reduktionistischen Grundverständnisses von Wissenschaft (Kriz 2010, 136) einfach kein Platz mehr ist für ein «existenzielles Cluster». Eine Bestätigung erfährt diese Vermutung durch den österreichischen Psychotherapieforscher Thomas Slunecko (2023, 162), wenn dieser berichtet, dass

«es […] in einer vom österreichischen Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz herausgegebenen Richtlinie zur Frage der Abgrenzung der Psychotherapie von esoterischen, spirituellen, religiösen und weltanschaulichen Angeboten schlicht und ergreifend [heißt]: ‹Die Psychotherapie vermag keine (…) Antworten auf existentielle Fragen (…) zu geben und kann auch keine Werte- und Sinnfragen beantworten›»6.

An und für sich ist diese Perspektive schlüssig und stimmig, wenn man von der vorherrschenden Definitionsmacht der medizinisch-psychologischen Wissenschaftskultur ausgeht, in deren Auffassungshorizont auch gar keine andere Beurteilung gefällt werden kann als ebendiese. Die Tatsache, dass in der Aussage Bedeutung und Funktion einer etablierten Therapiekultur von einer therapiefernen Position aus radikal infrage gestellt werden, indiziert jedenfalls eine Ausdünnungstendenz. Wissend um die Dominanz dieser naturalistisch geprägten Wissenschaftskultur, entwirft Slunecko (ebd.) schliesslich das Bild eines akademischen Psychotherapiestudiums, das voll und ganz von der Psychologie her bestimmt wird:

«Man braucht jedenfalls nicht viel Phantasie, um zu erahnen, dass bei einer Akademisierung der Psychotherapieausbildung, die ganz den psychologischen Lehrstühlen überantwortet wird, neurowissenschaftliche, molekularbiologische, hormonelle und genetische ‹Evidenzen› und die Methoden zu deren Erzeugung zunehmend die Ausbildung bestimmen werden; dass diese, was den universitären Teil betrifft, mehr eine Ausbildung für Wissenschaftler*innen sein wird als für Praktiker*innen, und zwar für einen ganz bestimmten Typus Wissenschaftler*innen: einer naturwissenschaftlich gestimmten Psychotherapieforscher*in, die vorwiegend nach Kausalität, Effekt und Effizienz zu fragen gelernt hat; und dass bei einer derartigen Anbindung der Psychotherapie an die Universitäten deren emanzipatorisches Potential abgeblendet bzw. umcodiert […] und stattdessen eine Technisierung, Digitalisierung, Standardisierung, Medizinalisierung, Vernaturwissenschaftlichung und Verkrankenkassung stattfinden wird – ein Hijacking bei laufendem Betrieb, transportiert im Schönsprech neoliberaler Optimierungs-, Kompetenz-, Effizienz- und Glücksdiskurse.»

Quintessenz 6: In Österreich besteht vergleichsweise ein psychotherapiespezifischer Vorteil in zweierlei Hinsicht. Erstens findet im Unterschied zur Schweiz eine Akademisierung der Psychotherapie statt, denn bald schon werden diesbezügliche Masterstudiengänge auch an staatlichen Universitäten angeboten. Zweitens gelten im Unterschied zu Deutschland insgesamt 23 Therapieschulen als gesetzlich anerkannte «Psychotherapiemethoden». Allerdings wird im Umstand, dass sich die «existenziellen Therapierichtungen» nicht in einem eigenen «existenziellen Cluster» verorten dürfen, sondern dass sie der «humanistischen» bzw. der «psychoanalytisch-psychodynamischen Grundorientierung» zugeordnet wurden, eine Ausdünnungstendenz klar erkennbar.

Wissenschaftliche Sicherstellung der Therapieschulenvielfalt als Akademisierungspolitik in die entgegengesetzte Richtung: PTW an der SFU

Die akademisierungspolitische Situation in Österreich ist – wie könnte es im Land von Freud, Adler, Frankl & Co. wohl anders sein(?) – eine höchst ambivalente. Im Kontrast zum soeben skizzierten Szenario einer Psychotherapieausbildung an öffentlichen Universitäten ist das Studienfach PTW an der österreichischen SFU nämlich in einen gänzlich anders dimensionierten forschungskulturellen Rahmen eingebettet. Auf der SFU-Homepage ist diesbezüglich die Rede von einer «Verbindung unterschiedlicher Wissenschaftskulturen» sowie von «mixed methods-Designs von qualitativer und quantitativer Forschung».7 De facto macht sich am PTW-spezifischen Lehrangebot der SFU ein deutlicher Unterschied zu Sluneckos (ebd.) Bild eines Psychotherapiestudiums bemerkbar, das «ganz den psychologischen Lehrstühlen überantwortet wird». Diametral zur streng naturwissenschaftlich geprägten, quantitativ-empirisch orientierten Psychologie an öffentlichen Universitäten, liegt der PTW-Schwerpunkt der SFU auf dem qualitativ-humanwissenschaftlichen Sektor. Kulturgeschichtliche sowie geisteswissenschaftliche und philosophische Lehrinhalte stehen hier im Vordergrund und dementsprechend sind auch hermeneutisch-sinnverstehende Methoden sowie phänomenologisch-deskriptive Verfahren in Forschung und Lehre von zentraler Bedeutung. Mit dieser alternativen Basisausrichtung offeriert die SFU-PTW jedenfalls ein hochgradig psychotherapierelevantes Universitätsstudium, im Zuge dessen werdende Psychotherapeut*innen sowohl eine fundierte wissenschaftlich-theoretische Bildung erwerben als auch eine solide anwendungspraktische Ausbildung absolvieren.

Freilich bedingt diese grundlegende universitätsspezifische Milieudifferenz die Inkommensurabilität der beiden Wissenschaftsfächer Psychologie und PTW. Worin genau aber besteht jetzt diese unüberbrückbare und zugleich identitätsbegründende Divergenz? Inwiefern unterscheidet sich die PTW tatsächlich von der Psychologie? Zumindest vier Minimalcharakteristika der PTW sind schnell gefunden und aufgelistet. Die PTW, die sich selbst weder von der Psychologie, noch von der Medizin her bestimmt, unterscheidet sich, a) was die wissenschaftskulturelle Hauptausrichtung betrifft, deutlich vom Mainstream in Psychologie und Medizin, leitet sich b) auch nicht von einer bestimmten Psychotherapiemodalität her, sondern betrachtet c) sämtliche Schulen/Modalitäten der Psychotherapie in äquidistanter Grundhaltung als gleichwertige Gegenstände ihrer wissenschaftlichen Bemühungen, um nicht zuletzt – worin ihre Hauptfunktion besteht – d) eine akademische Psychotherapie auf Basis der gewachsenen Schulenvielfalt und Modalitätenuneinheitlichkeit sicherzustellen.

Innerhalb der vergangenen 18 Jahre haben sich an der SFU erste Positionen, Programme und Systeme einer solchen PTW herauskristallisiert, wie z. B. die folgenden vier disziplinären Novitäten:

  1. Die Experimentelle PTW (bzw. Psychotextologie) gilt als das älteste Forschungssystem, deren früheste Wurzeln bis ins Jahr 2007 zurückreichen. Bei diesem Ansatz handelt es sich um ein innovatives Programm der Therapieschulenforschung, das mithilfe von experimental- und imaginativhermeneutischen Analyseverfahren funktioniert und explizit im Dienst der Therapieschulenvielfalt steht (Greiner 2024).
  2. Die Psychotherapiewissenschaftliche Philosophie ist als ein intellektuelles Grossprojekt zu betrachten, die bei der systematischen Aufarbeitung der «Philosophie der Psychotherapieschulen» ansetzt, um auf dieser Basis einen psychotherapiewissenschaftlichen Forschungszweig der Philosophie zu generieren (Jandl 2020).
  3. Die Handlungsmöglichkeiten-erweiternde PTW offeriert ein spezielles Instrumentarium, das auf dem Radikalen Konstruktivismus Ernst von Glasersfelds aufbaut und über dessen Anwendung hilfreiche Impulse für die psychotherapeutische Praxis gewonnen werden können (Raile 2022, 2023).
  4. Als Kritische PTW wird eine Position bezeichnet, die ein Forscher*innen-Kollektiv seit 2023 an der SFU Linz vertritt. Kritische PTW vereint differente Versionen, wie z. B. subjekttheoretische (T. Stephenson), politisch-kritische (A. Stephenson), psychotherapiewissenschaftsphilosophische (G. Burda), aporetische (R. Vogel), alteritätstheoretische (E. Schäfer) sowie queer-feministische (E. Hutfless).8

Am Beispiel des Grundkonzepts des Standardisierten Therapieschulendialogs (TSD) in der Experimentellen PTW (1.) soll zumindest ein erster Eindruck von der wissenschaftskulturellen Spezifik eines genuin psychotherapiewissenschaftlichen Analyseprogramms erwirkt werden, das an der SFU entwickelt wurde und dort auch gelehrt sowie praktiziert wird.

Obwohl man in der Experimentellen PTW (Greiner 2024) die auffallend vielgestaltige Wissens- und Praxiskultur der Psychotherapie begrüsst, weiss man natürlich auch, dass sich eine paradigmenpluralistische, polykonzeptionelle und verfahrensheterogene Praxis- und Forschungsform, wie eben diejenige der Psychotherapie, umso mehr an der Vernetzung, an der kommunikativen Zusammenführung und Kontaktgestaltung ihrer bunt strukturierten Systeme interessiert zeigen muss, damit die notwendige Einheit in der wünschenswerten Vielheit garantiert werden kann. Aus forschungstheoretischen sowie wissenschaftspraktischen Gründen ist die Ambition des Integrierens im Zeichen einer genuinen Therapieschulen-Interdisziplinarität bzw. Inter-Therapeutik als conditio sine qua non im Feld des polymorphen psychotherapeutischen Denkens, Forschens und Handelns zu verstehen. Im therapieschulen-integrativen, inter-therapeutischen Sinne haben psychotherapiewissenschaftliche Grundlagenanalysen somit im interdisziplinären Raum zwischen den verschiedenen Richtungen, Positionen und Methoden des Psychotherapierens anzusetzen.

Diese Erkenntnis, die sich aus der Wissenschaftsphilosophie des «Konstruktiven Realismus» nach Friedrich Wallner (1992, 2002) ableiten lässt, bildet die Ausgangslage für die Entwicklung jenes ersten Analyseprogramms in der Experimentellen PTW, dessen Anfänge bis ins Jahr 2007 zurückreichen und das unter der Bezeichnung Standardisierter Therapieschulendialog (TSD) bekannt geworden ist (Greiner et al. 2009). Um das therapieschulen-interdisziplinäre Grossvorhaben praktisch durchführbar zu machen, wurde im TSD ein dialogexperimenteller Zugang konzipiert, der für die Förderung, den Ausbau sowie die Weiterentwicklung der interdisziplinären Vernetzung der Therapiesysteme das hermeneutische Verfahren der sog. Experimentellen Trans-Kontextualisation (ExTK) bereitstellt. Das dem TSD zugrundeliegende therapieschulen-interdisziplinäre Erkenntnisinteresse lässt sich dabei auf die folgenden vier forschungsleitenden Fragestellungen komprimieren: 1. Wie wird der kritisch-reflexive Dialog der psychotherapeutischen Schulen/Modalitäten realisierbar? 2. Wie kann die temporäre Integration der psychotherapeutischen Theorien/Konzepte gelingen? 3. Wie wird eine grundlagenanalytische Therapieforschung von innen – also von und für Psychotherapeut*innen – möglich? 4. Wie kann die Praxis einer innovativen Therapieforschung im Zeichen des Schulenvergleichs beschaffen sein?

Quintessenz 7: In Österreich existiert aber auch eine andere akademisierungspolitische Dynamik. Jenseits von Ausdünnungstendenzen resp. psychologisch-medizinisch geprägten Vereinheitlichungsbestrebungen hat sich am Beispiel der Fakultät für PTW an der SFU eine akademische Institution mit explizit qualitativ-humanwissenschaftlicher Schwerpunktsetzung etabliert, in der kulturgeschichtliche, geisteswissenschaftliche und philosophische Lehrinhalte vorherrschen. Innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte konnte sich das junge Studien- und Wissenschaftsfach PTW über die Entwicklung und Umsetzung erster Analyseprogramme und Forschungsansätze konzeptuell und methodologisch profilieren und disziplinäre Unabhängigkeit und Eigenständigkeit erlangen. PTW steht heute als Begriff für die «Apologetik der Therapieschulenvielfalt».

Fazit: Die Bedeutung der PTW für die akademische Zukunft der schulenbasierten Psychotherapie

Die akademische Zukunft der österreichischen Psychotherapie wird also vom speziellen wissenschaftskulturellen Milieu abhängen, das jenes Fachgebiet charakterisiert, in dem die Psychotherapie ihr universitäres Zuhause findet. Je nachdem in welchem Wissenschaftsfach sie sich universitär verankert, ergibt sich eine andere Psychotherapie. Eine von der Psychologie her geprägte Psychotherapie wird sich grundlegend unterscheiden von einer von der PTW her geprägten. Eine schulenbasierte Psychotherapie muss jedenfalls damit rechnen, dass sie sich mit einer universitären Verankerung in der Psychologie sowie auch in der Medizin dem Risiko der fortschreitenden Modalitätenausdünnung aussetzt. Die Tendenz der theoretisch-konzeptuellen Vereinheitlichung über die systematische Destruktion von wissenschaftskultureller Mannigfaltigkeit und Verschiedenartigkeit hat sich in der quantitativ-empirischen Mainstream-Psychologie sowie auch in der streng naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin wissenschaftsgeschichtlich herausgebildet und sie ist demnach heute dort wissenschaftsideologisch fest verankert. Um den Fortbestand der gewachsenen Therapieschulenvielfalt und um deren natürliche Weiterentwicklung bemüht sich hingegen die PTW. In diesem Sinne wird sich die PTW gerade für eine solche schulenbasierten Psychotherapie als nützlich erweisen, die ihre Modalitätenbasis im Zuge der Akademisierung nicht verlieren und sich nicht in eine Einheits-Psychotherapie transformieren möchte.

Summa Summarum lässt sich die eigentliche Grundproblematik der Psychotherapie-Akademisierung, die sich in Österreich schön langsam auf der Zielgeraden befindet, recht simpel in der folgenden Frage pointieren: Darf Psychotherapie ihren Status als eine akademische Wissenschaft – etwa mit Unterstützung der PTW – aus sich selbst heraus begründen, autonom und frei definieren, um zu einem Universitätsfach sui generis zu avancieren oder muss sie sich der Deutungshoheit einer etablierten Führungswissenschaft (Psychologie, Medizin) fügen und unterordnen und sich damit wissenschaftskulturell fremdbestimmen inklusive verstümmeln lassen? Zumindest die Besinnung auf das altbekannte Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit gibt hier ein klein wenig Anlass zum Optimismus: «Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.»

Literatur

Fiedler, P. (2012). Die Zukunft der Psychotherapie. Wann ist endlich Schluss mit der Konkurrenz? Springer.

Grawe, K., Donati, R. & Bernauer, F. (2001). Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Hogrefe.

Greiner, K. (2024). Lehrbuch Experimentelle Psychotherapiewissenschaft. Innovative Therapieschulenforschung an der SFU Wien seit 2007. SFU.

Greiner, K., Jandl, M. J. & Paschinger, O. (Hg.). (2009). Programmatik und Praxis im Therapieschulendialog (TSD). Erste Beiträge zur dialogexperimentellen Theorien-Integration in der Psychotherapiewissenschaft. SFU.

Jandl, M. J. (2020). Beginnt die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug? Konturen einer psychotherapiewissenschaftlichen Philosophie. In A. Pritz, J. Fiegl, H. Laubreuter & B. Rieken (Hg.), Universitäre Psychotherapieausbildung am Beispiel der Sigmund Freud Privatuniversität (S. 147–168). Pabst.

Kriz, J. (2006). Die Notwendigkeit der Sinn-Perspektive in Psychologie und Psychotherapie. In J. Hein & K. O. Hentze (Hg.), Das Unbehagen in der (Psychotherapie-)Kultur. Sinnverstehende Traditionen – Grundlagen und Perspektiven (S. 25–41). DPV.

Kriz, J. (2009a). Vielfalt in der Psychotherapie: Das Vier-Säulen-Modell. In Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (Hg.), VPP aktuell, Heft 6 (S. 3–5). VPP im BDP.

Kriz, J. (2009b). Wissenschaftliche Regeln, Redlichkeit und Diskursbereitschaft. Psychotherapie Forum, 17(2), 90–95.

Kriz, J. (2010). Was leistet das Psychologiestudium und was fehlt ihm im Hinblick auf eine psychotherapeutische Ausbildung und Tätigkeit? Psychotherapeutenjournal, 2, 130–140.

Kriz, J. (2019). «Evidenzbasierung» als Kriterium der Psychotherapie-Selektion? Über ein gutes Konzept – und seine missbräuchliche Verwendung. Psychotherapie-Wissenschaft, 9(2), 42–50.

Kriz, J. (2024). Wie bringen wir inneres Erleben und die Wirkung sozialer Strukturen zur Sprache? Eine Replik auf Kurt Greiners «Psychotherapie als Textmedizin». Psychotherapie-Wissenschaft, 14(2), 103–108.

Kriz, J. (2025) Weckruf: Gegen die reduktionistische Einseitigkeit der deutschen Psychotherapie. https://jkriz.de/weckruf-text

Raile, P. (2022). Handlungsmöglichkeiten-erweiternde Psychotherapiewissenschaft (Teil 1). Die Grundlagen. Psychotherapie-Wissenschaft, 12(2), 91–97.

Raile, P. (2023). Handlungsmöglichkeiten-erweiternde Psychotherapiewissenschaft (Teil 2). Forschungspraktische Umsetzung. Psychotherapie-Wissenschaft, 13(1), 87–84.

Raile, P. (2025). Fiktion und Geltungsstreben in der Psychotherapieforschung. RCTs aus individualpsychologischer Sicht. Zeitschrift für Individualpsychologie, 50, 7–23.

Schulthess, P. (2024). Editorial. Psychotherapie-Wissenschaft, 14(2), 5–6.

Schulthess, P. & Schlegel, M. (2025). Die Zeitschrift Psychotherapie-Wissenschaft. Rückblick, Würdigung, Ausblick. Psychotherapie-Wissenschaft, 15(1), 89–90.

Slunecko, T. (2023). Gegen die Akademisierung der Psychotherapie aus dem Geist der Klinischen Psychologie. In W. Datler, A. Drossos, E. Gornik & C. Korunka (Hg.), Akademisierung der Psychotherapie. Aktuelle Entwicklungen, historische Annäherungen und internationale Perspektiven (S. 145–168). Facultas.

Stumm, G. & Wirth, B. (Hg.). (1994). Psychotherapie – Schulen und Methoden. Eine Orientierungshilfe für Theorie und Praxis. Falter.

Wallner, F. G. (1992). Acht Vorlesungen über den Konstruktiven Realismus. WUV.

Wallner, F. G. (2002). Die Verwandlung der Wissenschaft. Vorlesungen zur Jahrtausendwende. Kovac.

Who benefits from psychotherapy studies?

On academicization policy, standardized psychotherapy, and the significance of a young discipline for the academic future of schools-based psychotherapy

Abstract: The new Austrian Psychotherapy Act (2024) requires psychotherapy to have an academic and scientific foundation through institutional links to universities. Psychotherapy can find an academic anchor in various university subjects, such as the established fields of psychology, medicine, pedagogics, etc., or in the young field of psychotherapy studies (Psychotherapiewissenschaft, PTW). On the one hand, this article highlights the strategies and trends in academicization policy in German-speaking Central Europe (DACH), thereby establishing a framework for discussion in which a dominant trend is becoming increasingly apparent, one that could be described as »from schools-based psychotherapy to uniform psychotherapy.” On the other hand, this essay presents an alternative academization dynamic that works in the opposite direction and strives to scientifically secure the diversity of therapy schools. Psychotherapy must decide whether it wants to transform itself into a unified discipline in the medium term or whether it wants to continue to see itself as a polymorphous culture of knowledge and practice. In the latter case, psychotherapy will find great support in psychotherapy studies (PTW).

Keywords: academization, academic psychotherapy, schools-based psychotherapy, unified psychotherapy, psychology, psychotherapy studies (Psychotherapiewissenschaft), therapy schools, standardized therapy schools dialogue (TSD), Sigmund Freud PrivateUniversity (SFU)

Biografische Notiz

Univ.-Prof. DDr. Kurt Greiner ist Professor für Psychotherapiewissenschaft (PTW) an der Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) in Wien. Seit 2007 lehrt und forscht er auf den Gebieten der PTW-Theorie und der Experimentellen PTW (Psychotextologie).

Kontakt

Univ.-Prof. DDr. Kurt Greiner Sigmund Freud PrivatUniversität Wien (SFU) Galerie-Office 4003, Campus Prater Freudplatz 1 A-1020 Wien E-Mail: kurt.greiner@sfu.ac.at

Anmerkung der Redaktion

An der SFU wird auch eine Podcast-Serie produziert. Tamara Trebes hat uns dazu den folgenden Text zugestellt und auf den Podcast mit Kurt Greiner verwiesen:

Ich möchte eine aktuelle Podcast-Folge zum Anlass nehmen, um einen wissenschaftstheoretischen Punkt hervorzuheben, der mir fachlich wie persönlich sehr wichtig ist: Kurt Greiner spricht im SFU-Podcast über die Notwendigkeit einer Psychotherapiewissenschaft (PTW) sui generis – und darüber, warum Psychotherapie weder mit Psychologie gleichzusetzen noch in einer Einheitslogik aufzulösen ist. Seine Ausführungen machen deutlich, dass es sich dabei nicht um eine institutionelle oder berufspolitische Abgrenzung handelt, sondern um eine erkenntnistheoretische Konsequenz aus dem Gegenstand selbst.

Ein zentraler Gedanke betrifft den epistemischen Wert von Pluralität. Die Vielfalt psychotherapeutischer Schulen, Theorien und Methoden ist kein Ausdruck wissenschaftlicher Unreife oder mangelnder Konsolidierung, sondern eine Antwort auf die Komplexität psychotherapeutischer Wirklichkeitsräume. Psychotherapie bewegt sich in subjektiven, relationalen, leiblichen und sprachlich vermittelten Erfahrungszusammenhängen – und verlangt gerade deshalb nach unterschiedlichen theoretischen Zugriffen, Perspektiven und Modellen. Was im wissenschaftlichen Diskurs bisweilen als Mangel verhandelt wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Stärke: Pluralismus ermöglicht Differenzierung, Selbstreflexion und erkenntnistheoretische Wachheit. Er schützt vor Verkürzungen, vor vorschnellen Universalisierungen und vor einer Vereinheitlichung, die dem Gegenstand nicht gerecht werden kann. Eine Einheitslogik würde diese Vielfalt nicht ordnen, sondern verarmen lassen.

Gerade im Zuge der fortschreitenden Akademisierung der Psychotherapie ist diese Perspektive von besonderer Bedeutung. Sie erinnert daran, dass wissenschaftliche Tragfähigkeit nicht durch Vereinfachung oder Homogenisierung entsteht, sondern durch die Fähigkeit, begründete Vielstimmigkeit auszuhalten, zu reflektieren und produktiv zu nutzen. In diesem Sinne steht die PTW vor der Aufgabe, ihre Pluralität nicht zu entschuldigen, sondern zu begründen. Nicht Einheit, sondern reflektierte Vielstimmigkeit ist ihre epistemische Stärke. Eine Wissenschaft, die ihren Gegenstand ernst nimmt, kann auf diese Differenz nicht verzichten, ohne sich selbst zu verlieren.

Link zum Podcast: https://www.youtube.com/watch?v=mZab6Nxtu4k

Biografische Notiz

Tamara M. Trebes ist Psychoanalytikerin und Psychotherapiewissenschaftlerin in Wien. Sie arbeitet in freier Praxis, ist Dissertantin an der Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) und lehrt sowohl an der SFU als auch an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK). Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Psychotherapiewissenschaft mit hermeneutischer und experimenteller Ausrichtung, der Psychoanalyse sowie in poetologischen und erkenntnistheoretischen Fragestellungen.

Kontakt

E-Mail: t.trebes@muk.ac.at

Anmerkungen

3 Wie mir Kriz (04.08.2020) im Rahmen einer E-Mail-Konversation mitteilt, stellt sich hier das Problem der praktischen Umsetzbarkeit echter Pluralität: «Es sind nahezu alle Institute mit Verhaltenstherapeut*innen besetzt – und viele Studierenden der letzten Jahre berichten, dass sie, wenn überhaupt, bestenfalls in Nebensätzen und Abwertendes/Unqualifiziertes im gesamten Studium über andere Ansätze als Verhaltenstherapie gehört hätten. Wenn also ein eingefleischter Verhaltenstherapeut am Wochenende mal in ein Buch schaut und halb Verstandenes über andere Richtungen (die er ohnedies für überflüssig und unwissenschaftlich hält) dann ‹wiedergibt›, schafft das schwerlich Pluralität.»

6 Um Missverständnisse zu vermeiden: Nach vorgefertigten «Antworten auf existenzielle Fragen» resp. «Werte- und Sinnfragen» wird man in existentiell-orientierten Therapieschulen freilich vergeblich suchen. Sehr wohl aber repräsentieren gerade Fragen dieser Art den zentralen Forschungs-, Diskurs- und Behandlungsgegenstand der existenziellen Psychotherapierichtungen.