Ein operationalisiertes Brückenverfahren an der Schnittstelle zweier sich scheinbar widersprechender Forschungsparadigmen
Christa Futscher & Mario Schlegel
Psychotherapie-Wissenschaft 16 (1) 2026 53–61
www.psychotherapie-wissenschaft.info
https://doi.org/10.30820/1664-9583-2026-1-53
Zusammenfassung: In der empirischen Psychotherapieforschung löst sich der polarisierte Methodenstreit zwischen qualitativen und quantitativen Ansätzen zunehmend zugunsten der Kombination von Perspektiven auf. Statt auf die Verbindung ideologisch gegensätzlicher Verfahren wie bei Mixed-Methods-Designs zu setzen, wird in diesem Beitrag eine Forschungslogik vorgeschlagen, in der Zählen und Verstehen innerhalb einer einzigen Versuchsanordnung zusammenwirken. Das Assoziationsexperiment hingegen steht zwischen den scheinbaren Gegensätzen des Messens und des Verstehens und integriert in dieser Hinsicht wesentliche Aspekte beider Traditionen in einem einzigen Verfahren. Dabei werden individuelle Subjektivität, kollektive Deutungsmuster und formale Kriterien durch besondere Vorgaben miteinander verschränkt. Exemplarisch wird gezeigt, wie die Vermessung von Begegnung über Assoziationen als Bindeglied zwischen den Denkweisen Profil gewinnt und sich neue Anschlussmöglichkeiten für Psychotherapieforschung, Ausbildung und Praxis sowie transdisziplinäre Perspektiven eröffnen.
Schlüsselwörter: Assoziation, Assoziationsexperiment, Begegnung, Beziehungskomplexität, Brückenverfahren, Methodenpluralismus, Psychotherapieforschung, qualitativ, quantitativ, Wortassoziationstest
In der empirischen Forschung hat sich das Verhältnis von quantitativen und qualitativen Methoden im 20. Jh. zunehmend polarisiert. Aktuell lässt sich im 21. Jh. vermehrt eine Tendenz zur Mischung feststellen, wobei die Grenzen zwischen den Methodenparadigmen undeutlicher werden (Mey, 2020; Reichertz, 2015, 2017a; Schröter, 2023). Die getrennten Wege, ans Ziel zu gelangen – nämlich entweder über die statistische Auswertung numerischer Daten oder aber über interpretativ-rekonstruktive Auswertungen beobachteter Daten –, werden durch einen gemeinsamen Weg ersetzt. Dieser gemeinsame Weg baut auf der Anwendung verschiedener Verfahrenstechniken auf, wie es insbesondere bei Mixed-Methods-Verfahren praktiziert wird, die sich durch die Verbindung von quantitativen und qualitativen Forschungsdesigns auszeichnen (Baur et al., 2017). Nachdem sowohl in den quantitativen als auch in den qualitativen Forschungstraditionen die zwischenmenschliche Wechselwirkung thematisiert wird – einmal als Störgrösse und einmal als Potenzial –, ist das Thema zwischenmenschliche Begegnung Teil beider Paradigmen. Die qualitative Auseinandersetzung mit dem Forschersubjekt hilft, diese zwischenmenschliche Wechselwirkung in vielfacher Hinsicht fruchtbar einzusetzen (Reichertz, 2015). Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, ein Prozedere zu (unter-)suchen, das beide Denkweisen in sich vereint, zumal die Begegnung die Kernkompetenz der Psychotherapie darstellt – in Kombination mit ihrer heilenden Wirkung. Kann daher ein psychotherapeutisches Diagnostikverfahren im Forschungsdiskurs so eingeordnet werden, dass es aus formallogischer Sicht einen Beitrag zur aktuellen Entwicklung von Forschungsmethoden leistet? Zur Beantwortung dieser Frage werden historische und methodologische Linien anhand eines Verfahrens nachgezeichnet, das solch eine Rolle einnimmt: das Assoziationsexperiment.
Im Artikel werden zwei Linien verfolgt: einerseits der historische Kontext, wie Assoziationen in die Geschichte der Erforschung der Psyche eingebettet sind, andererseits die Entwicklungsgeschichte der Forschungsmethoden. Der Begriff Assoziationsexperiment hat damit zu tun, dass im 19. Jh. mit Assoziationen als Basis für Überlegungen zum Denken experimentiert wurde.
Die Idee, das Denken über Assoziationen zu verstehen, reicht bis in die Antike zurück, wenngleich die wissenschaftliche Relevanz dieser autonomen Prozesse zwischen Reiz und Reaktion erst im 19. und 20. Jh. deutlich wird. Es wurde dann nicht mehr nur philosophisch darüber nachgedacht, sondern praxisorientiert und systematisch vorgegangen. Dieser neue Einfluss führte im Rahmen der aufkommenden Lern- und Gedächtnistheorien einerseits zu neuen Erkenntnissen und beeinflusste andererseits die Einsichten zur Krankheitslehre, wie das im Folgenden erläutert wird.
Wilhelm Wundt (1832–1920) prägte mit dem ersten experimentalpsychologischen Labor in Leipzig die Psychologieforschung, indem er Assoziationen unter kontrollierten Bedingungen am Menschen vermass, nämlich mit Stoppuhr und physiologischen Messgeräten. Aus dem experimentellen Vorgehen entwickelten sich zwei Denkrichtungen in der Psychologie: Einerseits rückte durch das Beobachten von experimentell induziertem Verhalten die Konditionierung als Grundlage für Lerntheorien in den Vordergrund. Wegbereiter hierfür waren Iwan Pawlow (1849–1936), John B. Watson (1878–1958) und B. F. Skinner (1904–1990). Andererseits rückten in der Psychiatrie Störungen des Denkens und affektiv aufgeladene Reaktionsmuster ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wobei als wesentliche Vertreter Emil Kraepelin (1856–1926), Eugen Bleuler (1857–1939), Sigmund Freud (1856–1939) und Carl Gustav Jung (1875–1961) zu nennen sind. Die beiden Interessensfelder unterscheiden sich hinsichtlich der Betonung innerer oder äusserer Vorgänge. Die behavioristische Linie entwickelte ihre Theorien mit Blick auf das Verhalten, also ohne Berücksichtigung innerer Vorgänge, und die experimentelle Psychopathologie führt ihre Überlegungen auf diese zurück (Abb. 1).
Abb. 1: Verzweigung zwischen Psychologie und Psychiatrie/Psychotherapie
Damit gingen Psychologie und Psychiatrie (inkl. Psychotherapie) weitgehend getrennte Wege, obwohl Assoziationen als automatische Verbindungen zwischen Reiz und Reaktion den gemeinsamen Ausgangspunkt zur Erforschung innerer Vorgänge darstellten. Um 1900 veranlasste Bleuler an der psychiatrischen Klinik Burghölzli Jung dazu, Assoziationen bei psychisch kranken Personen zu untersuchen, um aufgrund ungleicher Denkinhalte Unterschiede zwischen Krankengruppen herauszufinden. Jung interessierte sich aber nicht nur für die Inhalte der Assoziationen, sondern lenkte seine Aufmerksamkeit insbesondere auf die Fehlleistungen des Denkens und deren affektive Begleiterscheinungen (Kast, 1988, S. 11–14). Als Arzt nahm er mit dem Wortassoziationsexperiment auch psychophysiologische Messungen vor. Damit untermauerte er experimentell die psychodynamischen Ideen, wie sie durch die Psychoanalyse vertreten wurden. Freud sprach in einer Vorlesung um 1917/18 vom experimentellen Nachweis der Psychodynamik als Basis der Psychoanalyse:
«Die Züricher Schule unter Führung von Bleuler und Jung hat die Erklärung der beim Assoziationsexperiment erfolgenden Reaktionen gegeben, indem sie die Versuchsperson aufforderte, die von ihr erhaltenen Reaktionen durch nachträgliche Assoziationen zu erläutern, wenn sie etwas Auffälliges an sich trugen. Es stellte sich dann heraus, dass diese auffälligen Reaktionen in der schärfsten Weise durch die Komplexe der Versuchsperson determiniert waren. Bleuler und Jung hatten damit die erste Brücke von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse geschlagen» (Freud, 1994, S. 107).
Diese Brückenfunktion von Assoziationen als Bindeglied zwischen Aussen- und Innenperspektive ist zentral im Umgang mit subjektiver Bedeutung in der Psychotherapie und findet aktuell bspw. als Person-spezifische Netzwerke (PSNs) in die moderne Assoziationsforschung Eingang. So soll bei der Experience-Sampling-Methode (ESM) kollaborativ «die einzigartige Konstellation von Emotionen, Kognitionen, Verhalten, somatischen Zuständen und Kontext» einer Patientin bzw. eines Patienten konkret erfasst werden, womit subjektive Bedeutungszuschreibungen in messbare Variablen übersetzt werden (von Klipstein et al., 2020, S. 2ff). Jung entwickelte aus den Ergebnissen seiner Untersuchungen schon damals das mit vielschichtigen Vernetzungen in Zusammenhang gebrachte Konzept der Komplextheorie als Krankheitslehre der Analytischen Psychologie und betonte, wie von Klipstein et al. (2020) dargelegt, die gemeinsame Erarbeitung von assoziativen Zusammenhängen im therapeutischen Kontext, die sich um bestimmte Brenn- und Knotenpunkte von Sinnzusammenhängen in Form von Assoziationsmustern darstellen lassen (Jung, 2011a, § 965; Kast, 1988, § 965). In der historischen Konstellation lag bereits der Keim für das Spannungsfeld zwischen Messen und Verstehen, in dem die spätere Methodenpluralität empirischer Forschung wiederzufinden ist und heute eine Zusammenführung erfährt.
Die Trennung in gegensätzliche denkpsychologische Richtungen, die sich in der Geschichte der Assoziationen widerspiegelt, wird exemplarisch im Wundt-Bühler-Konflikt deutlich. Im Unterschied zu Wundts experimenteller Erfassung von Assoziationen mit Stoppuhr und psychophysiologischen Messungen liess Karl Bühler (1879–1963) ab 1907 Protokolle spontaner Einfälle aufzeichnen und wertete diese sprachlich geäusserten Gedankengänge inhaltlich aus (Holzkamp, 1979). Aufgrund dieser Vorgehensweisen entstanden Standpunkte, Traditionen und Machtverhältnisse, die sich in zahlreichen Forschungsinstitutionen differenzierten (Reichertz, 2017b).
Messen vs. Verstehen als Differenzierungsbooster. Durch die berufspolitische Teilung in gegensätzliche Lager scheint sich die fachliche Differenzierung innerhalb der Denkrichtungen aber zu intensivieren: Einerseits etablierte sich im Laufe des Jh. die positivistisch fundierte quantitative Forschung, die mithilfe der Statistik in der Lage ist, grosse Mengen an Messdaten auszuwerten, und gewann in vielen Bereichen die Vormacht. Auf der anderen, der qualitativen, Seite entstand infolge zahlreicher Einflüsse und Ideen eine breite Auswahl an Ansätzen hermeneutischer, phänomenologischer, rekonstruktiver, kritisch-theoretischer, poststrukturalistischer usw. Art. Deren Fokus liegt auf subjektiven Sinngehalten, Biografien und Diskursen, wobei besonderer Wert auf die interpretative Analyse v. a. von sprachlichen Daten gelegt wird. Die vereinfachte Darstellung der Polarisierung in eine erklärende Psychologie nach Hermann Ebbinghaus (1850–1909) und eine verstehende nach Wilhelm Dilthey (1833–1911) Ende des 19. Jh. unterscheidet sich von der Divergenz zwischen Wundt und Bühler. In der Kombination der Vorliebe für Messungen bzw. des Interesses für Verstehensprozesse liegt das Potenzial für die erneute Verbindung des ursprünglichen Zusammenspiels am Übergang vom 19. ins 20. Jh.
In diesem Sinne bilden die Begriffe messen vs. verstehen die Zuspitzung ab, die die Trennung der methodischen Communitys und die machtpolitischen Abgrenzungen begleitet (Mey & Mruck, 2020; Mruck & Mey, 2000). Der Vorteil der Polarisierung und damit der getrennten Entwicklungen der forschungsinteressierten Lager liegt darin, dass die beiden Richtungen in den letzten 100 Jahren eine intensive Differenzierung erlebt haben, bevor der Verbindungsprozess neu begonnen hat.
Nicht nur Mixed Methods. Anhand der zunehmenden Bedeutung der Verknüpfung von Zählen und Interpretieren in gemischten Verfahren wird deutlich, dass die beiden Denkweisen im Grunde aufeinander angewiesen sind. Obwohl Mixed Methods als Begriff inzwischen weit verbreitet ist, hat er sich noch nicht endgültig als neues Paradigma etabliert. Mixed Methods steht für die Zusammenstellung verschiedener Designs aus beiden Traditionen, mit einem gemeinsamen Forschungsziel. Diese Vorgangsweise ist mit einem hohen Aufwand verbunden (Baur et al., 2017; Schröter, 2023). Schröter (2023) schreibt den Digital Humanities – dem Schnittpunkt von digitalen Geistes- und Kulturwissenschaften, Informatik und digitaler Technologie – den beschleunigten Etablierungsprozess für diese Methodenvariante zu. In diesem Artikel soll der Schnittpunkt der beiden Forschungsparadigmen mit psychotherapeutischen Erkenntnismodalitäten beleuchtet werden, womit er als Anregung dienen kann, den Zusammenschluss von Vorgehensweisen in einer Methode als Alternative zur Zusammenführung einer Vielzahl an Verfahren, als Ansatz miteinzubeziehen. Diese Variante der psychotherapiewissenschaftlichen Brückenbildung gelingt, indem die methodischen Traditionen durch grundlegende heuristische Aspekte wie Variation, Vergleich und Dialog produktiv miteinander verbunden werden (Mey & Mruck, 2020, S. 384ff.).
Variation, Vergleich und Dialog. Diese drei Schlagworte können vor dem Hintergrund unterschiedlicher empirischer Forschungsmethoden eine gemeinsame Basis für Untersuchungen darstellen. Im Sinne der qualitativen Heuristik bilden sie einerseits einen methodenimmanenten Kern und andererseits sind sie differenzierende Leitlinie (ebd., S. 387ff.). Unabhängig von Forschungsmethoden dienen Variationen allgemein dem Vergleich, und im Forschungsdialog werden dabei Inhalte – sowohl in der Datenerhebung als auch in der Auswertung – heuristisch durch Variation und Vergleich sowie hermeneutisch im intersubjektiven Aushandlungsprozess von Bedeutungen überprüft (Kleining, 1991, 1999; Unger, 2005). Die Unterschiede zwischen quantitativ und qualitativ liegen darin, dass in der quantitativen Tradition Variation über die Veränderung von Bedingungen gelingt, während dies in qualitativen/interpretativen Ansätzen durch die Modifikation der untersuchten Personen, Perspektiven und Deutungen erfolgt (Reichertz, 2017b).
Wundts Introspektion im Experimentallabor im 19. Jh. oder die qualitative Heuristik, die heute als relevant gilt, zeigen deutliche Bezüge zu qualitativen Vorgehensweisen (Fahrenberg, 2008; Mey & Mruck, 2020). Alle Verfahren sind auf zwischenmenschlichen Austausch angewiesen und nutzen Individualität und Kollektiv unterschiedlich. Wie sich im Verlauf der Geschichte der den Diskurs bestimmende Fokus verschieben kann, zeigt sich in der ersten Hälfte des 20. Jh. darin, dass die Gesellschaftswissenschaften an Bedeutung gewinnen (Glatzer, 2025).
Eine(r) oder/und alle. Mit der Institutionalisierung der Sozialwissenschaften zu Beginn des 20. Jh. verlagerte sich der Blickpunkt zunehmend auf gesellschaftliche Phänomene, während das Interesse an der Einzelpsyche zunächst zurücktrat (Guski-Leinwand, 2010, S. 223). Aber in der sich parallel entwickelnden Tiefenpsychologie stand die individuelle Psyche weiterhin im Zentrum. In diesem Sinne hat Jung, als Arzt und Begründer der Analytischen Psychologie, ausgehend vom Individuum, das Konzept des kollektiven Unbewussten entwickelt – einen Zugang zu allgemein-menschlichen Erfahrungsschichten und zu gemeinsamem Wissen: «Die Psychologie des Individuums ist ohne Psychologie des Kollektivs unverständlich. Denn das Denken, Fühlen und Handeln des einzelnen Menschen ist nicht allein ihm selbst, sondern auch seiner Zugehörigkeit zu einem psychischen Kollektiv verpflichtet» (Jung, 2011b, § 17).
Erkenntnistheoretisch führt Ludwig Fleck (1896–1961) die Verschränkung von Individuum und Kollektiv fort und beschreibt Erkenntnis als Resultat der eigenen Biografie (Denkstil) und einer Prägung durch das Denkkollektiv (Fleck, 2011). Wissenschaftstheoretisch «operiert [Fleck] mit einem interaktiven Kontinuum von Externalismus und Internalismus» und stellt diese beiden Perspektiven nicht gegeneinander (Pörksen, 2015). Im Zentrum der qualitativen Forschung stehen seither das Wechselspiel von Individualität, Subjektivität und Gesellschaft und damit die gegenseitige Abhängigkeit von kollektiven Sinnhorizonten und individuellem Verständnis (Mey & Mruck, 2020, S. 260).
Subjektivität. In der qualitativen Sozialforschung zeigt sich die Bedeutung dieser Polarität in der Verteidigung der Subjektivität im methodenpolitischen Diskurs. Die Anerkennung der Subjektivität als Ressource im Erkenntnisprozess, und nicht als Störgrösse, spiegelt sich in einer grossen Vielfalt an kooperativen und mehr oder weniger stark operationalisierten Vorgehensweisen wider. Beispiele hierfür sind sozialwissenschaftlich verankerte Methoden wie die schon länger etablierte Grounded Theory, die objektive Hermeneutik von Ulrich Oevermann (1940–2021) bis hin zur philosophischen Hermeneutik des Hans-Georg Gadamer (1900–2002) oder Kombinationen und Weiterentwicklungen wie das strukturierte und gleichzeitig offene Vorgehen der dokumentarischen Methode (Mey, 2020; Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2021) oder die auf Beziehung fokussierte und auf philosophischer Basis beruhende Kombination von Phänomenologie und Hermeneutik (Eberle, 1993). In der Psychotherapieforschung führt die Kombination der Strukturierung psychotherapeutischer Inhalte (wie individueller Träume) und empirischer Forschung zu Ergebnissen (Roesler, 2024), psychotherapieschulenübergreifend wird psychotherapiephilosophisch Paradigmenforschung betrieben (Burda, 2025; Stephenson, 2022) und experimentalhermeneutisch geforscht (Greiner, 2020). Der Vorschlag, therapienahe Konzepte durch Kreativität verbindend zu nutzen, ist Teil einer transdisziplinären Diskussion (Vogel, 2024). In der durch Auseinandersetzung mit Individualität resultierenden Vielfalt in Bezug auf psychotherapiewissenschaftliche Herangehensweisen wird das Subjektive nicht ausgeblendet, sondern der Umgang damit wird operationalisiert.
Individualität. Allen Herangehensweisen gemeinsam ist, dass die Perspektive der beteiligten Personen – inklusive der Forscher*innen – zum Gegenstand systematischer Rekonstruktion und Reflexion in wissenschaftlichen Überlegungen gemacht wird (Mruck & Breuer, 2003). Dabei rückt die – je nach Forschungsparadigma erwünschte oder unerwünschte – Individualität des Forschungssubjekts selbst stärker in den Vordergrund: Lebenskontexte, Vorkenntnisse und persönliche Erfahrungen beeinflussen nicht nur das Forschungsinteresse und damit die Datenerhebung, sondern auch die Auswertung und die Interpretation. Daher wird die Forscherpersönlichkeit in reflexiven Vorgehensweisen explizit thematisiert (Futscher, 2024; Reichertz, 2015; Sell & Benecke, 2020). In diesem Sinne wird speziell bei dialogisch-introspektiven Verfahren die Nähe zur Psychoanalyse deutlich, wobei die Idee systematischer Selbstreflexion von Forscher*innen an die Lehranalyse in der therapeutischen Ausbildung erinnert (Mey, 2020). Sie verweist auf die forschende Person als Teil des Erkenntnisprozesses im Rahmen zwischenmenschlicher Begegnung.
Diese Dynamiken werden auch anhand des Assoziationsexperiments (AE) am C. G. Jung-Institut Zürich auf mehreren Ebenen untersucht. So werden seit den 1980er Jahren Assoziationsexperimente gruppenbasiert ausgewertet und im Sinne der Krankheitslehre der Analytischen Psychologie interpretiert. Auf Basis kommunizierender Individuen wird im Kollektiv eine gemeinsame Theorie auf verschiedene Fallgeschichten angewandt. Über dieses vielschichtige Vorgehen wird die Brückenfunktion des AE zwischen Individualität und kollektiver Sinnbildung methodisch realisiert (Futscher & Schlegel, 2025).
Das AE ist ein Verfahren zur Erfassung individueller Reaktionen auf Reizwörter. Seine besondere Methodik macht es zu einem geeigneten Instrument für Forschung und Psychotherapie. Das AE, wie es heute gelehrt wird, ist Ergebnis einer Entwicklung, die durch Zeitgeist und Forschungsgewohnheiten geprägt wurde. Sie beginnt um 1900; nachdem Jung das Verfahren als Diagnostikinstrument etabliert hat, wird es in den 1970er und 1980er Jahren durch Verena Kast (*1943) methodisch erweitert (Kontextaufnahme) und das Auswertverfahren von Mario Schlegel (*1944) wird durch ein Gruppenverfahren ergänzt. Das AE dient bis heute der Erforschung von Assoziationsprozessen zwischen bewussten und unbewussten Inhalten und damit als Diagnostikinstrument, durch das in der Therapie Prozesse verstärkt werden können. Es wird am C. G. Jung-Institut Zürich aktiv weitergepflegt.
Die Datenerhebung umfasst drei Phasen: 1. Assoziation, 2. Reproduktion, 3. Kontextaufnahme. Im Folgenden wird das Vorgehen so weit dargestellt, wie es für das methodische Verständnis von Bedeutung ist. Weil die Auswertung mit der datenerhebenden Durchführung zeitlich verschränkt ist, werden beide im Zusammenhang erläutert.
1. Assoziationsphase: Hier nehmen die*der Versuchsleiter*in (Therapeut*in) und die*der Proband*in (Abb. 2) gegenüber Platz. Die testende Person hat eine Liste mit 50 Reizwörtern in der Hand, eine Stoppuhr und einen Stift. Die Testinstruktion besteht aus der Anweisung, dass auf jedes einzelne Reizwort mit dem ersten Wort reagiert werden soll, das der Versuchsperson dazu einfällt. Dadurch wird jedem Reizwort unter Stress ein Wort als Antwort dazugestellt. Protokolliert werden die Antwort, die Reaktionszeit und auffällige nonverbale Ausdrucksformen der untersuchten Person. Die Erstellung des Protokolls erfolgt vonseiten der testenden Person möglichst neutral und dient als Grundlage für den zweiten Durchgang.
Abb. 2: AE 1 + 2. Durchgang (ein Wort als Antwort + Reproduktion)
2. Reproduktionsphase: In diesem Schritt geht es darum, dass sich die*der Klient*in an die eigene gegebene Antwort erinnert. Hierfür werden die gleichen Reizwörter von der*dem Versuchsleiter*in erneut ausgesprochen und die bereits assoziierten Antworten werden von der*dem Proband*in möglichst noch einmal wiederholt. Die Zeit wird nicht mehr gemessen, die*der Versuchsleiter*in bleibt weiterhin zurückhaltend und notiert wieder das Ergebnis. Im Anschluss an diesen zweiten Durchgang findet eine erste Auswertung statt, die die Grundlage für den nächsten Durchgang bildet.
3. Kontextaufnahme: Im dritten Durchgang wird eine Auswahl der Reizwörter präsentiert, die auf der formalen Auswertung der ersten beiden Durchgänge beruht. Die dazugehörigen Antworten dürfen jetzt aus einem Text bestehen – aus Narrativen, Standpunkten oder anderen, komplexeren Assoziationszusammenhängen (Abb. 3). Diese Kurztexte werden transkribiert und bei der Endauswertung einbezogen. Die fachspezifische Auswertung beruht auf inhaltsbezogenen Überlegungen durch die den Test leitende Person.
Abb. 3: AE 3. Durchgang (Kontextaufnahme)
Weiterführende Varianten. Eine fortführende Variante dieses Vorgehens stellt das Besprechen der aus dem Test resultierenden Lebensthemen im Rahmen weiterführender Psychotherapie dar (Kast, 1988). Dieser Prozess ist nicht Teil des Experiments, sondern nutzt das AE als Bestandteil der therapeutischen Beziehungsarbeit (Abb. 4). Diese Begegnung im Rahmen eines therapeutischen Settings ist Teil der Heilbeziehung. Sie zeigt einen höheren Grad an Komplexität als im künstlich eingeschränkten Austausch während des Testvorgangs. Auf der anderen Seite gibt es reduzierte Varianten mit vermindertem Beziehungsgeschehen im genannten Sinne. Dazu zählen Online-Wortassoziationstests (WAT/IAT), die bspw. im wirtschaftlichen oder kulturwissenschaftlichen Kontext angewendet werden (Abb. 5). Diese Variante in der Versuchsanordnung zeigt eine verminderte Komplexität im Beziehungsgeschehen als im Testdesign des AE, da die einseitige Befragung über den Computer nicht an bestimmte persönliche Beziehungen geknüpft ist.
Abb. 4: Therapeutisches Setting
Abb. 5: WAT/IAT-Online-Befragung
Wie aus dem AE und seinen Anwendungsmöglichkeiten ersichtlich wird, variiert die Beziehungskomplexität je nach Testinstruktion und Verfahren. Analog zum Forschungsprogramm Subjektive Theorien (Groeben & Scheele, 2020, S. 350ff.) kann anhand des dargestellten Zusammenspiels ausgetauschter Sinneinheiten (Wort, Satz, Text) auf formaler Ebene eine aufsteigende Sortierung über das Kriterium Beziehung in der Begegnung vorgenommen werden (Abb. 6). Weil aber bei der diagnostischen Anwendung alle drei Durchgänge aufeinander aufbauen und sowohl die*der Versuchsleiter*in als auch die*der Proband*in über den ganzen Test hinweg Teil der Versuchsanordnung sind, werden die Forschungsparadigmen des Experimentablaufs hier nicht getrennt gesehen. Vielmehr rücken Unterschiede in Bezug auf die formale Unterscheidung der Begegnungsweisen und ihre Zuordnung ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Abb. 6: Graduierung nach Komplexität am Merkmal ‹Beziehung›
Die Durchgänge des AE stellen Reiz-Reaktionsvorgänge dar, die darauf abzielen, dazwischenliegende innerpsychische Prozesse der untersuchten Person zu aktivieren. Die Struktur des AE lässt erkennen, dass formale Überlegungen auf der Kommunikationsebene einerseits und auf der Auswertebene andererseits weiterführend sind.
Reden und Auswerten. Die Kommunikation zwischen Versuchsleiter*in und Proband*in beschränkt sich in den ersten beiden Durchgängen des AE im Wesentlichen auf ein Wort auf beiden Seiten. Die nonverbalen Reaktionen werden hier zur leichteren Nachvollziehbarkeit nicht mitbehandelt, sind aber auch Teil der Überlegungen. Die Balance zwischen zu viel und zu wenig Inhalt pro Reiz wird erreicht, indem die kleinste sprachliche Sinneinheit – das Wort – zur Datengewinnung genutzt wird. Auf der Auswertebene sucht die*der Versuchsleiter*in nach dem zweiten Durchgang (Erinnern) systematisch nach Fehlern, um das Protokoll vorerst unabhängig von weiteren Sinnzusammenhängen zu vervollständigen. Diese Vorgehensweise ist aufgrund des Zählens von Fehlern quantitativ. Weil einzelne Worte andeutungsweise auch über ihre Bedeutung formal beurteilt werden, wird die quantitative Auswertung mit sehr wenigen qualitativ-inhaltlichen Aspekten angereichert. Aus Kapazitätsgründen wird nicht näher auf diesen Zusammenhang eingegangen, sondern dieser Tatbestand wird durch das Adverb ‹eher› angedeutet. Daher ist die Auswertmethode der ersten beiden Durchgänge als eher quantitativ zu bezeichnen. Im dritten Durchgang (Kontextaufnahme) werden umfassendere Sinneinheiten (Sätze und Sinnzusammenhänge) einbezogen, wodurch die untersuchte Person in ihrer Einzigartigkeit besser erfasst wird und der*dem Versuchsleiter*in (Forschersubjekt) das Verstehen erleichtert wird. Dieses Vorgehen ist einer eher qualitativen Vorgehensweise zuzurechnen.
Den drei Phasen können grob folgende Forschungsparadigmen zugeordnet werden (in Klammern steht die Kombination der kleinsten Sinneinheiten):
Die schrittweise Erhöhung der Beziehungsmodalität spiegelt sich in der zunehmenden Komplexität der Begegnungseinheiten wider. Die geordnete Verflechtung von Form und Inhalt auf Basis der Paare Wort–Wort (1. + 2. Durchgang), Wort–Satz (3. Durchgang) oder Satz–Satz (therapeutisches Setting) zeigt diesen Trend auf einer formalen Ebene. Dieser komplexe Zusammenhang steht für die Verbindung qualitativer und quantitativer Denkvarianten im Rahmen dieses Forschungsdesigns.
Variablen des Assoziationsexperiments. Auch wenn das AE selbst kein standardisiertes Verfahren als Diagnostikinstrument ist, hat van Uffelen (2016) im Abgleich mit standardisierten Fragebögen eine leichte Überlegenheit des AE festgestellt. Im Nachdenken über Variablen und Konstanten zeigt sich, dass es einen Unterschied macht, ob die Überlegungen zu Resultaten den Testablauf betreffen oder ob Ergebnisse verglichen werden, die testübergreifend ausgewertet werden können. Die detaillierte Besprechung dieser Überlegungen übersteigt den Umfang dieses Beitrags, dennoch ist die zentrale Rolle der Testinstruktionen hervorzuheben. Die standardmässig benutzten Anweisungen zu den drei Durchgängen des AE bilden den Kern der Dynamik in Bezug auf das psychodynamische Verständnis zum jeweiligen Fall. Diese Vorgabe ermöglicht eine geregelte und schrittweise Annäherung an Sinnzusammenhänge, die einer Brückenfunktion zwischen den beiden Denkweisen, quantitativ und qualitativ, entspricht. Eine für den Inhalt zentrale Rolle bei textbasierten assoziativen Testverfahren spielt die Wortliste. Sie bestimmt massgeblich die Funktionsweise und das Ziel des Vorgehens.
Die Wortliste nimmt als Testinstrument eine Sonderstellung ein, weil sie unabhängig vom Testaufbau den Inhalt der Ergebnisse massgeblich beeinflusst und eng mit dem Ziel verknüpft ist. Schlegel (1979) hat eine solche standardisierte Wortliste entwickelt, die bis heute in der psychotherapeutischen Praxis und im entsprechenden Forschungskontext angewendet wird:
«1 Haus, 2 Buch, 3 Tisch, 4 Kopf, 5 Mutter, 6 dumm, 7 Freund, 8 quälen, 9 zufrieden, 10 Strasse, 11 Herz, 12 Arbeit, 13 Vertrauen, 14 Trinken, 15 Ehe, 16 Tod, 17 Geiz, 18 traurig, 19 gut, 20 Chef, 21 Frau, 22 Geld, 23 Gefühl, 24 Kampf, 25 Heim, 26 Wut, 27 nackt, 28 faul, 29 Angst, 30 Baum, 31 krank, 32 Mund, 33 Familie, 34 fremd, 35 Vater, 36 Tier, 37 Freundin, 38 schlagen, 39 frei, 40 Mann, 41 Essen, 42 Keller, 43 Schmerz, 44 Bett, 45 Musik, 46 enttäuschen, 47 Schmutz, 48 Liebe, 49 schlecht, 50 Strafe».
Diese Liste wurde im Rahmen einer verhaltenswissenschaftlichen Dissertation an der ETH Zürich entwickelt und erfüllt spezifische Anforderungen, die im Folgenden erläutert werden: Ziel war es, eine Menge von allgemein verständlichen Reizwörtern mit der Stärke von individuellen Reaktionen zu verbinden. Der Fokus richtet sich damit bei der Auswahl mehr auf das Kollektiv und verweist bei der Antwort auf das Wechselspiel zwischen Einzelpsyche und Gesellschaft. Durch die gezielte Auswahl von Wörtern aus unterschiedlichen Lebensbereichen sollen emotionale und kognitive Reaktionen evoziert werden, sodass allgemein übliche Themenfelder und Emotionen sichtbar werden. Sie sollen zusätzlich ein Spektrum von neutral bis sehr emotional abdecken. Ausserdem müssen die Reizwörter zur Erreichung maximaler Aussagekraft bestimmte formale Kriterien erfüllen:
Die Entwicklung therapeutisch und forschungsorientierter Reizwortlisten, bspw. durch Kast und Schlegel, folgt diesen Prinzipien. Dabei können die spezifischen Schwerpunkte und das jeweilige Tätigkeitsfeld im Detail variieren. Während Kasts Liste tendenziell stärker an symbolischen Bezügen orientiert ist, legt Schlegels Liste den Fokus auf lebensweltliche Bezüge, Offenheit, Neutralität und normalen Sprachgebrauch. Durch wiederholte Voruntersuchungen und empirische Prüfungen wurde sichergestellt, dass die verwendeten Wortlisten verlässlich emotionale Themenbereiche aktivieren und in verschiedenen Kontexten zuverlässig einsetzbar sind. So wird durch diese standardisierte Reizwortliste die systematische Vergleichbarkeit der Ergebnisse im Rahmen des Assoziationsexperiments gewährleistet.
Das AE beinhaltet mehrere Elemente, die es aus formallogischer Sicht als eine geeignete Forschungsmethode für die Psychotherapiewissenschaft (PTW) qualifizieren. Damit ist es ein Beispiel dafür, wie die im Titel dieses Beitrages erwähnte Herausforderung der Verschränkung von ‹Zählen und Verstehen› beantwortet werden kann. Wissenschaftstheoretisch geht es um eine Versuchsanordnung, bei der Reaktionen auf kleine Bedeutungseinheiten als psychologische Stimuli erfasst werden. Reiz und Reaktion werden auf zwei Ebenen über Assoziationsabläufe miteinander in Verbindung gebracht. Die Reaktionen auf somatischer Ebene werden dadurch mit den entsprechenden Informationen auf psychodynamischer Ebene verknüpft. Darin liegt der Schlüssel für die Brückenfunktion zwischen den beiden Forschungsparadigmen.
Begegnung. Anhand der historischen Anfänge der Experimente zur wissenschaftlichen Erfassung von Denkvorgängen, lässt sich die geschichtliche Teilung in die Beachtung oder die Nichtbeachtung innerer Abläufe verdeutlichen. Darauf aufbauend zeigt sich, dass im Rahmen der Begegnung zweier Personen, die Erfassung von Inhalten eng an die offene Haltung der verstehenden Person geknüpft ist. Diese Haltung führt, wie in der qualitativen Heuristik und im therapeutischen Vorgehen üblich, unter bestimmten Bedingungen zum Ziel (Kleining, 2001). Der Beitrag zeigt, wie eine Wortliste in Kombination mit unterschiedlichen Testanweisungen die Offenheit in der Begegnung mitbestimmt, indem eine schrittweise Zunahme von Beziehungskomplexität ermöglicht wird. Durch dieses schrittweise Vorgehen wird zwischen qualitativen und quantitativen Denkweisen vermittelt, indem verschiedene Ansätze eng verschränkt zusammenwirken.
Methodenpluralismus. Beispielhaft wird ersichtlich, dass die Kombination quantitativer und qualitativer Aspekte einer Differenzierung unterworfen werden kann. Die Untersuchung des AE zeigt, wie qualitative und quantitative Elemente innerhalb einer einzigen Operationalisierung produktiv zusammenwirken können, womit es als Modell für einen methodenpluralistischen Zugang in der Psychotherapieforschung im Rahmen einer Vorgehensweise gelten kann. Der Mehrwert liegt in der Möglichkeit, neben beziehungsarmen Anhaltspunkten (Reaktionszeiten und Fehler) auch inhaltlich wertvolle Sinngehalte (Narrationen, Einstellungen, Deutungen) als Datenmaterial zu erhalten. Der Abgleich der Auswertung mit der antwortgebenden Person oder im Rahmen einer hermeneutischen Gruppe stellt ein nützliches Instrument für Therapie, Supervision, Ausbildung und Forschung dar.
Schwächen. Gleichzeitig lassen sich methodische Schwächen feststellen: Trotz der von van Uffelen (2016) nachgewiesenen diagnostischen Vergleichbarkeit mit standardisierten Fragebögen ergibt sich ein methodischer Zielkonflikt. Durch die mangelnde gegenwärtige Standardisierung als diagnostisches Instrument und die Komplexität, die mit der Durchführung einhergeht, sind die Anwendungsmöglichkeiten ausserhalb des Bereichs der therapeutischen Ausbildung begrenzt. Neben der Reduktion auf leitfadengestützte Verfahren ist eine programmbasierte Weiterentwicklung (eine APP) in Arbeit. Dies soll dazu dienen, das Instrument breiter anwendbar und praktisch nutzbar zu machen, ohne dass die Offenheit für den individuellen Lebenskontext verloren geht. Zwar wird die Zuverlässigkeit in der Erfassung von Psychodynamik und Krankheitslehre durch die empirische Forschung belegt, doch könnte eine Validierung für den nichttherapeutischen Kontext erforderlich sein.
PTW. Im Hinblick auf die Zukunft der Psychotherapieforschung als PTW erscheint das AE v. a. dort sinnvoll, wo Diagnostik, Prozessforschung und Ausbildung zusammenspielen. In diesem Sinn kann es aus theoretischer Sicht schulenübergreifend angewendet werden und den Dialog zwischen den Psychotherapieschulen fördern. Damit steht das AE exemplarisch für eine genuin psychotherapiewissenschaftliche Forschungskultur, die das Zusammenspiel wissenschaftlich gestaltet und zu weiterführenden Überlegungen einlädt.
Einordnung und Beitrag zur aktuellen Entwicklung. Mixed-Methods-Verfahren scheinen sich in einem eigenen Paradigma zu formieren, indem qualitative und quantitative Designs im Rahmen von Forschungsfragen zusammengeführt werden. Das AE hingegen positioniert sich zwischen den scheinbaren Gegensätzen des Zählens und des Verstehens und bildet in dieser Hinsicht zentrale Aspekte der beiden Traditionen in einem einzigen Verfahren ab. Während bei der Experience Sampling Methode (ESM) die Kernpunkte einer individuellen Assoziationsmatrix im Längsschnittverfahren über Fragebögen und technische Hilfsmittel erfasst werden sollen (von Klipstein et al., 2020), ist beim AE die Begegnung ein zentraler Faktor.
Die daraus resultierende Möglichkeit, komplexe psychodynamische Zusammenhänge mit standardisierten Instrumenten zu verknüpfen, bietet einen innovativen Zugang zu moderner Diagnostik. Die weitere methodische Entwicklung und die empirische Validierung sind zentrale Zukunftsaufgaben, um die Potenziale des Instruments im wissenschaftlichen und im praktischen Kontext voll ausschöpfen zu können.
Baur, N., Kelle, U. & Kuckartz, U. (2017). Mixed methods – Stand der Debatte und aktuelle Problemlagen. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 69(Suppl. 2), 1–37.
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Between counting and understanding
An operationalized bridging procedure at the interface of two seemingly contradictory research paradigms
Abstract: In empirical psychotherapy research, the polarized methodological debate between qualitative and quantitative approaches is increasingly being resolved in favor of a combination of perspectives. Instead of relying on a combination of ideologically opposed methods, as in mixed-methods designs, this article proposes a research logic in which counting and understanding interact within a single experimental setup. The association experiment, on the other hand, stands between the apparent opposites of measuring and understanding and, in this respect, integrates essential aspects of both traditions into a single procedure. Individual subjectivity, collective patterns of interpretation, and formal criteria are intertwined through specific guidelines. An example is given to show how measuring encounters via associations as a link between ways of thinking is gaining profile and opening up new possibilities for psychotherapy research, training, and practice, as well as transdisciplinary perspectives.
Keywords: association, association experiment, encounter, relationship complexity, bridging procedure, methodological pluralism, psychotherapy research, qualitative, quantitative, word association test
Biografische Notiz
Dr. scient. pth. Christa Futscher, Mag. pharm., MA, ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin in der Schweiz, Lehranalytikerin und Supervisorin am C. G. Jung-Institut in Zürich und in der Österreichischen Gesellschaft für Analytische Psychologie, Apothekerin in Österreich und Psychotherapiewissenschaftlerin.
Dr. sc. nat. Mario Schlegel ist eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut im Ruhestand. Lehranalytiker, Supervisor und Dozent am C. G. Jung-Institut in Zürich. Ehemaliger Vorsitzender der Wissenschaftskommission der Schweizer Charta für Psychotherapie.
Kontakt
E-Mail: christa@futscher.at
E-Mail: m.schlegel@bluewin.ch