Editorial

Das Thema dieses Hefts ist Psychoonkologie. Es wurde gewählt, weil uns in der Redaktion schien, dass über dieses Thema in thematisch nicht spezialisierten Zeitschriften eher wenig publiziert wird und unter frei praktizierenden PsychotherapeutInnen entsprechend wenig Wissen dazu verbreitet ist. Man weiss zwar, dass es Psychoonkologie gibt, dass es dazu speziell weitergebildete KollegInnen gibt, aber was sie genau tun und was die Möglichkeiten und Grenzen der Psychotherapie mit an Krebs schwer Erkrankten sind, das weiss man dann doch nicht. Es stellt sich auch die Frage, was denn ein Therapieerfolg sein kann, wenn die Therapie «nur» mehr der palliativen Begleitung dienen kann. – Wir konnten AutorInnen für der Beiträge zum Thema finden, die es von verschiedenen Seiten beleuchten.

Jan Ben Schulze stellt ein Konzept zur psychoonkologischen Arbeit mit Krebskranken am Lebensende vor. Seine Arbeit trägt den Titel «Hoffnung im Dialog am Lebensende». Er entwickelt auf Basis einer erfahrungsbasierten, integrativen und praxisnahen Literatur- und Konzeptaufarbeitung ein orientierendes Vorgehensmodell für die psychoonkologische Begleitung am Lebensende, das sich nicht ausschliesslich an psychoonkologisch Tätige richtet. Zentrale Annahme ist, dass sich psychische Belastung in dieser Phase typischerweise als Demoralisierung, Angst vor Progression oder Tod, depressive Symptome sowie «Total Pain» zeigt und – unabhängig vom Versorgungssetting – unterschiedliche Prioritäten für Indikation, Kommunikation und Intervention erfordert. Fallvignetten illustrieren sein Vorgehen.

Roberta Pedrinis et al. untersuchten in einer retrospektiven Beobachtungsstudie mit Messungen vor und nach der kunsttherapeutischen Intervention die Rolle und Wirksamkeit der Kunsttherapie im Rahmen der onkologischen Rehabilitation in einer Tessiner Rehabilitationsklinik. Sie präsentieren die Studie unter dem Titel «Kann Kunsttherapie in der onkologischen Rehabilitation hilfreich sein?» Die Teilnehmenden der Kunsttherapiegruppe zeigten im Vergleich zur Kontrollgruppe eine stärkere Verbesserung der motorischen und kognitiven Funktionen. Das Ergebnis stützt die Hypothese, dass Kunsttherapie eine Intervention ist, die die kognitiven und motorischen Funktionen von PatientInnen signifikant beeinflussen kann, was sich in traditionellen Rehabilitationsindikatoren widerspiegelt.

Janine Spitzhüttl et al. stellen ein am Inselspital Bern entwickeltes elektronisches Belastungs-Screening (eDistressScreen) vor, das die Früherkennung starker Belastungen erleichtert und eine patientenzentrierte Zuweisung zu psychoonkologischen Unterstützungsangeboten fördert. Ziel der Studie war es, die Machbarkeit der Implementierung eines wiederholten elektronischen Belastungsscreenings in der onkologischen Routineversorgung zu evaluieren. Die Ergebnisse zeigen, dass dieses Screening umsetzbar und benutzerfreundlich ist. Elektronische Screeningverfahren können einen wichtigen Beitrag zu einer patientenzentrierten psychoonkologischen Versorgung leisten, erfordern jedoch eine Kombination mit persönlichem Kontakt im Behandlungsteam sowie die Berücksichtigung individueller Präferenzen und umfassender Informationen zu Unterstützungsangeboten.

Nebst den Beiträgen zum Heftthema finden sich auch drei Originalbeiträge in diesem Heft.

Helene Haker et al. zeichnen in ihrem Beitrag nach, wie Autismus heute nach ADHS die Liste der gängigen Selbstdiagnosen in der Erwachsenenpsychiatrie anführt. Das führt zu einer erheblichen Überlastung des Versorgungssystems mit monatelangen Wartelisten für Abklärungs- und Behandlungsplätze. Zu dieser Lage haben beigetragen: ein konzeptueller Wandel, eine Veränderung im Klassifikationssystem von ICD-10 zu ICD-11 sowie gesellschaftliche Entwicklungen. Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) werden im ICD-11 als Entwicklungsstörungen definiert, die überwiegend auf angeborene/genetische Faktoren zurückzuführen sei. In der Folge wird das Entwicklungspotenzial unterschätzt. Die AutorInnen kritisieren die Entkoppelung von Diagnostik und Therapie und plädieren dafür, das Thema Autismus als Thema der Grundversorgung zu betrachten und nicht als Thema von SpezialistInnen und der Neuropsychologie. Diagnostische Klärungen seien im Verlauf der Therapie vorzunehmen.

Beate Reinfeldt behandelt ein Thema, zu dem eher wenig Literatur vorliegt und bei dem Forschung erst in jüngerer Zeit dazu geführt hat, dass das Messi-Syndrom als ein eigenes Krankheitsbild in der Gruppe «Zwangsstörungen und verwandte Störungen» im ICD-11 aufgenommen wurde. Der Artikel bietet eine forschungsorientierte Zusammenfassung der zentralen Messie-Merkmale, eine Darstellung der Krankheitsentstehung sowie der praxisorientierten Möglichkeiten gestalttherapeutischer Arbeit.

Unter dem Titel «Zwischen Zählen und Verstehen» präsentieren Christa Futscher und Mario Schlegel mit dem Assoziationsexperiment einen Forschungsansatz, der Zählen und Verstehen in einem einzigen Verfahren vereint, das beides nicht als Gegensätze (wie im Streit zwischen empirischer und qualitativer Forschung) versteht, sondern als wesentliche Aspekte beider Forschungstraditionen. Exemplarisch zeigen sie, wie die Vermessung von Begegnung über Assoziationen als Bindeglied zwischen den Denkweisen Profil gewinnt und sich neue Anschlussmöglichkeiten für Psychotherapieforschung, Ausbildung und Praxis sowie transdisziplinäre Perspektiven eröffnen. Dieses Verfahren bietet durch die Möglichkeit, komplexe psychodynamische Zusammenhänge mit standardisierten Instrumenten zu verknüpfen, einen innovativen Zugang zu moderner Diagnostik.

In der Rubrik «Diskussion» publizieren wir einen Beitrag von Kurt Greiner: «Wem nützt Psychotherapiewissenschaft?» Vor dem Hintergrund der Folgen des neuen Psychotherapiegesetzes in Österreich fokussiert der Autor auf eine Akademisierungspolitik, in der er die Gefahr einer Bildung einer Einheits-Psychotherapie sieht, die das an der SFU Wien (Siegmund Freud PrivatUniversität) gelehrte Fach Psychotherapiewissenschaft verdrängen will. Er sieht PTW als Garant für die akademische Zukunft der schulenbasierten Psychotherapie. Ergänzt wird der Beitrag durch ein Votum von Tamara Trebes, die sich auf einen Podcast des Autors Greiner bezieht.

Nach einem Tagungsbericht von Cornelia Stegmann und Susanne Schneider zu einer internationalen Tagung am C. G. Jung-Institut bespricht Peter Schulthess das Buch Das Unverfügbare Subjekt. Ein psychotherapiewissenschaftsphilosophisches Manifest für das, was weder ein- noch ausgeschlossen werden kann von Gerhard Burda. Es folgt zum Abschluss ein Kongresskalender.

Wir wünschen eine anregende Lektüre.

Peter Schulthess

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