Raile, P. (2023). Psychotherapiewissenschaft.
Grundlagen einer eigenständigen
wissenschaftlichen Disziplin
Waxmann, 264 S. 40.50 CHF, 29.90 EUR ISBN: 978-3-8309-4724-0
Psychotherapie-Wissenschaft 15 (1) 2025 94–96
www.psychotherapie-wissenschaft.info
https://doi.org/10.30820/1664-9583-2025-1-94
In diesem Buch legt Paolo Raile eine historische und systematische Übersicht über das noch junge Fachgebiet der Psychotherapiewissenschaft (PTW) vor. Nach einer kurzen Einführung werden Begriffsbestimmungen zum Fachbegriff Psychotherapiewissenschaft gegeben. Es wird eine Vielfalt von Begriffsverwendungen angeführt, die letztlich in vier Definitionen münden. Die allgemeinste Begriffsbestimmung lautet: Psychotherapiewissenschaft ist jene Wissenschaft, die sich mit Psychotherapie befasst. Eine weitere sehr allgemeine verweist auf das an der SFU gelehrte Universitätsstudium und definiert die entsprechend gelehrten Inhalte als Psychotherapiewissenschaft. Wissenschaftlich interessanter ist es, zwei ausgearbeitete Konzepte zu verfolge: Eine Psychotherapiewissenschaft erster und eine solche zweiter Ordnung. Zu beiden Gruppen werden im Buch später je zwei Ansätze bzw. drei dieser Richtungen beschrieben: Als PTW erster Ordnung (PTW im weiteren Sinn) die Ansätze von Hilarion Petzold und von Gottfried Fischer, als PTW zweiter Ordnung (PTW im engeren Sinn) die Ansätze von Kurt Greiner und von Gerhard Burda, wie auch der Ansatz des Autors, Paolo Raile.
Sehr lesenswert ist das Kapitel über die Geschichte der PTW, das vorerst am Beispiel der Psychoanalyse besprochen wird und in einer Darstellung der Debatte über die Wissenschaftlichkeit der Psychotherapie und der Psychotherapieforschung vertieft wird. Es werden Positionen dargestellt, die der Psychotherapie jede Wissenschaftlichkeit absprechen, und solche, die gerade das Gegenteil zeigen. So spricht 1939 Josef Meinertz zum ersten Mal von der Psychotherapie im Allgemeinen als Wissenschaft und entwickelt Grundlagen dazu. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich eine starke Dynamik in der Psychotherapieforschung und das Herausbilden nach einer eigenen Identität der Psychotherapie gewann an Konturen. Die Debatte, ob Psychotherapie ein Teilgebiet der Psychologie sei, da sie mit psychologischen Mitteln arbeite, oder als Teilgebiet der Medizin zu verorten sei, da sie ein Heilverfahren sei, wird dargestellt, wie auch der Widerstand gegen diese Vereinnahmungsversuche, die zur Konzeptualisierung der Psychotherapie als eigenständigem wissenschaftlichem Fachgebiet führte. In den Gesetzgebungen der drei deutschsprachigen Länder fand diese Debatte ihren späteren Niederschlag. Referiert wird hier auch dir Position der Schweizer Charta für Psychotherapie und des damaligen Schweizer Psychotherapeutenverbandes (heute ASP). Es wird beschrieben, wie verschiedene Positionen die Psychotherapie als angewandte Sozialwissenschaft oder Humanwissenschaft (wie Petzold das tat), als hermeneutische Wissenschaft oder doch als Naturwissenschaft verstehen. Wissenschaftstheoretisch hat sie die PTW ebenfalls zu verorten, manche Autoren beziehen sich auf den Konstruktiven Realismus Fritz Wallners (Greiner und Raile), andere auf den Radikalen Skeptizismus (Burda).
Im Kapitel «Psychotherapiewissenschaft in Gegenwart und Zukunft» werden die Wege aufgezeigt, wie man PsychotherapeutIn werden kann in Deutschland, der Schweiz und in Österreich. Deutschland hat zwei Gesetze: Ein Psychologie- wie auch ein Psychotherapiegesetz (ausserdem noch das Heilpraktikergesetz). Galt bisher, dass jemand erst Psychologie studieren musste, um später postgradual eine Psychotherapieweiterbildung zu absolvieren, wurde neu ein Direktstudium in Psychotherapie (meist in Verbindung mit klinischer Psychologie) installiert, das an mittlerweile 30 Universitäten angeboten wird. Eine Universität bietet ein anerkanntes Studium in PTW an (SFU Berlin). Zwar sollten diese Studiengänge verschiedene Therapieansätze vermitteln, das wird jedoch dadurch eingeschränkt, als die allermeisten ProfessorInnen VerhaltenstherapeutInnen sind und zudem der Wissenschaftsbeirat lediglich drei Richtungen als wissenschaftliche anerkennt. Der Studienabschluss als MSc erlaubt die Betätigung als PsychotherapeutIn in Anstellung. Zur selbstständigen Berufsausübung wird nur zugelassen, wer postgradual eine Therapieausbildung vertieft.
In der Schweiz wird im PsyG die Psychotherapie als psychologischer Beruf definiert. Nur Personen mit einem MSc in Psychologie können zu einer postgradualen Weiterbildung zugelassen werden. Ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland ist, dass hier Weiterbildungsgänge beurteilt werden und nicht die Verfahren wie in Deutschland. Diese müssen zwar auch wissenschaftlich begründet sein, doch sind die Kriterien dafür weiter gefasst und lassen auch andere Wirksamkeitsnachweise als nur RCTs zu. Das führt zu einem breiten Weiterbildungsangebot in verschiedenen Therapieansätzen. 2023 waren 32 verschiedene Weiterbildungsgänge akkreditiert. Zum Psychologiestudium wird auch hier kritisch angemerkt, dass auf den Universitätslehrstühlen vorwiegend VerhaltenstherapeutInnen lehren und so ein eher naturwissenschaftlicher Forschungsbegriff die künftigen PsychotherapeutInnen prägt.
In Österreich ist im Unterschied zu Deutschland und der Schweiz die Psychotherapie als eigenständige Wissenschaft gesetzlich verankert. Der Zugang kann aus verschiedenen Berufen erfolgen und führt über ein Propädeutikum zur eigentlichen Psychotherapieausbildung in vielfältigen Verfahren (Fachspezifikum). Mehrere Universitäten bieten eigene Fachspezifika an. Hier sind viel LehrstuhlinhaberInnen keine VerhaltenstherapeutInnen.
Im anschliessenden Kapitel werden die Ansätze von Petzold und Fischer als Beispiele von PTW-Konzepte im weiteren Sinn angeführt, wie auch die Ansätze von Greiner, Burda und Raile als Beispiele für PTW-Konzepte im engeren Sinn. Allen gemeinsam ist, dass sie für eine Methodenvielfalt der Psychotherapie einstehen. Unterscheidungsmerkmal der Ordnungsstufen ist, ob die Psychotherapie aus der Innenperspektive der Psychotherapie untersucht wird oder aus einer aussenstehenden Perspektive. Die philosophischen und wissenschaftstheoretischen Bezüge dieser Konzepte werden dargestellt. Fazit: Die PTW ist keine einheitlich homogene Wissenschaft, sondern ist geprägt durch unterschiedliche und auch widersprüchliche Positionen. Der Autor sieht dies nicht als Nachteil, sondern meint, dass die PTW nur durch Widerspruch und den Austausch der unterschiedlichen Ansichten reifen kann. Kurzgefasst definiert der Autor zum Abschluss: «Psychotherapiewissenschaft ist eine eigenständige methodenpluralistische Wissenschaft der Psychotherapie, die als PTW im weiteren Sinn die einzelnen Schulen sowie die Forschung und Lehre umfasst, als PTW im engeren Sinn jene Bereiche von einem externen Standpunkt aus erforscht und reflektiert» (S. 233).
Ich empfehle dieses gut verständlich geschriebene Buch allen Praktizierenden, Studierenden und Lehrenden sehr zur Lektüre.
Peter Schulthess