Rückblick, Würdigung, Ausblick
Peter Schulthess & Mario Schlegel
Psychotherapie-Wissenschaft 15 (1) 2025 89–90
www.psychotherapie-wissenschaft.info
https://doi.org/10.30820/1664-9583-2025-1-89
Die Zeitschrift Psychotherapie-Wissenschaft hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Sie soll hier kurz beleuchtet werden, hat doch der Herausgeberverband ASP (Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten) sich aus finanziellen Gründen dazu entschliessen müssen, die Zeitschrift nicht weiter herauszugeben, und den Vertrag mit dem Verleger gekündigt. Das rechtfertigt einen Rückblick, eine Würdigung und einen Ausblick.
Am Beginn stand der Wille der deutschsprachigen Verbände ÖBVP, SPV, DVP, die den Beruf Psychotherapeut als eigenständigen wissenschaftlichen Beruf verstanden (und nicht bloss als eine Anwendung der Psychologie oder der Psychiatrie), gemeinsam eine länderübergreifende Plattform zu gründen, die einerseits wissenschaftliche Artikel und Diskussionen zur Psychotherapie, andererseits aber auch Nachrichten zur Berufsentwicklung in den drei Ländern publizieren wollte. In Kooperation mit dem Springer-Verlag entstand 1995 die Zeitschrift Psychotherapieforum. Sie hatte den Anspruch, eine wissenschaftliche Zeitschrift zu sein. Als Supplement wurde jeweils ein Heftteil mit berufspolitischen Nachrichten beigefügt. Als der Verein Schweizer Charta für Psychotherapie als Dachverband für Berufsverbände, Fachgesellschaften und Weiterbildungsinstitute gegründet wurde, dem der SPV als mitgliederstärkster Verband angehörte, wechselte die Herausgeberschaft in der Schweiz vom SPV zur Charta.
Das damalige Psychotherapieforum fand seinen Platz in der wissenschaftlichen Landschaft, war aber auf Dauer beim Springer-Verlag den Verbänden zu teuer. Sie wollten gemeinsam eine günstigere Zeitschrift herausgeben, die auch digital und open access erscheinen würde. So wurde der Vertrag mit Springer gekündigt, da mit ihm keine Open-Access-Variante möglich war. Da der Verlag die Rechte am Titel hatte und nicht abgeben wollte, mussten sich die drei Verbände einen neuen Titel für ihr neues gemeinsames Organ suchen. Da es inhaltlich weiterhin um Wissenschaft, Psychotherapie und Berufsentwicklung gehen sollte, entstand die Psychotherapie-Wissenschaft als wissenschaftliches Organ in der Nachfolge des früheren Psychotherapieforums und anstelle des Supplementes die neue Zeitschrift Psychotherapie-Berufsentwicklung. Die Verbände bildeten einen gemeinsamen Herausgeberverein, um die beiden Zeitschriften als rechtliche Herausgeber betreiben zu können. Zuerst taten sie dies aus Kostengründen (Verlagsofferten waren allesamt zu teuer) im Selbstverlag. Finanzielle Aspekte führten zur Verkleinerung der Herausgeberschaft: Die DVP geriet bereits in der Projektphase der neuen Zeitschriften in Konkurs, sodass nur der ÖBVP und die Charta noch übrig blieben. Hier führten dann aber Zerwürfnisse nicht zuletzt über finanzielle Aspekte zur Trennung der beiden Verbände. So wurden die Psychotherapie-Wissenschaft und die Psychotherapie-Berufsentwicklung von der Schweizer Charta allein (vier weitere Jahre im Selbstverlag) weiter herausgegeben. Auf Dauer liess sich das aber nicht machen, waren alle Beteiligten doch hauptberuflich niedergelassene praktizierende Psychotherapeuten.
Im Psychosozial-Verlag fand die Charta einen geeigneten Partner, um beide Zeitschriften sowohl als Print- wie auch digital als Open-Access-Version erscheinen zu lassen. Zu jener Zeit erfolgte auch die Fusion der beiden Vereine Schweizer Charta für Psychotherapie und ASP. Die Charta setzte ihren Fokus auf Aus- und Weiterbildungsfragen wie auch Wissenschaft und Forschung, während die ASP als Berufsverband berufspolitische und Berufsanerkennungsfragen bearbeitete. Die Charta wurde mit der Fusion eine Kammer für Kollektivmitglieder innerhalb der ASP. So wurde die ASP rechtlich die neue Herausgeberin der beiden Zeitschriften.
Heute haben wir nun die Situation, dass die ASP in derart teure Berufs- und Tariffragen mit den Krankenkassen verwickelt ist und die finanziellen Kräfte auf diese Aspekte konzentrieren muss, dass beide Zeitschriften eingestellt werden mussten.
Die Redaktion der Psychotherapie-Wissenschaft konnte im Sommer 2024 noch eine Leserumfrage machen, die zeigte, dass die Psychotherapie-Wissenschaft gut bekannt ist und gelesen wird, das Konzept gut ankommt und manche Kollektiv- wie auch Einzelmitglieder bereit wären, für den Erhalt der Zeitschrift auch einen wiederkehrenden Extrabeitrag zu bezahlen. Das beflügelte die Redaktion, nach Möglichkeiten zu suchen, die Zeitschrift anderweitig zu finanzieren und mit einem wiederum neuen Herausgeberverein weiterzuführen. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen sind erst ein Drittel der nötigen Kosten zugesichert, es besteht jedoch die realistische Aussicht, dass die Finanzierung in nächster Zeit zusammenkommen wird. Natürlich zählen wir da auch auf die Hilfe der Leserschaft (und eventuell auch der Autorenschaft?). Sobald das Geld zugesichert ist, wird ein neuer Träger gegründet werden, der mit dem Psychosozial-Verlag einen entsprechenden Vertrag abschliessen kann. Die Zeitschrift soll ihren Titel und die Internetadresse www.psychotherapie-wissenschaft.info behalten und so weiterhin gut auffindbar bleiben. Wegfallen werden leider die französischen und italienischen Zusammenfassungen, was auch zu einer Seitenreduktion führen wird. Die Produktionskosten können so erheblich gesenkt werden, insbesondere durch den Wegfall der Übersetzungskosten. Die neue Psychotherapie-Wissenschaft wird künftig eine rein deutschsprachige Zeitschrift sein, mit gelegentlich englischen Beiträgen, was vertretbar ist, müssen die drei Schweizer Sprachregionen doch nicht mehr zwingend abgebildet werden, da der Herausgeber nicht mehr ein gesamtschweizerischer Berufsverband ist.
Das Profil der Zeitschrift bleibt bestehen: Mit wissenschaftlichen Beiträgen zur psychotherapeutischen Praxis und Forschung dient die Psychotherapie-Wissenschaft der anhaltenden und nachhaltigen Entwicklung der Psychotherapie. Sie bietet ein Forum für aktuelle Fragen und Probleme der Praxis, Theorie, Forschung und Lehre und fördert den interdisziplinären Austausch über grundlegende Fragen wie Indikation, Methodik, Effizienz etc.
Die Zeitschrift zeichnet sich durch ihre Offenheit für alle psychotherapeutischen Richtungen aus. Es erscheinen Beiträge aus allen Bereichen der Psychotherapie und die eingereichten Arbeiten durchlaufen ein Begutachtungsverfahren durch internationale Gutachter.
Die Psychotherapie-Wissenschaft wird regelmässig in der Abstract-Datenbank PsycInfo der American Psychological Association (APA), im Directory of Open Journals (DOAJ) und in den Publikationsdatenbanken PSYNDEX und PsychArchives des Leibniz-Institut für Psychologie/Leibniz Institute for Psychology (ZPID) erfasst, was die Sichtbarkeit in der Welt der Wissenschaft gewährleistet und ihre Artikel als wissenschaftlich qualifiziert.
Es wäre schlicht schade, müsste eine Fachzeitschrift, die sich so situieren konnte, nun aufgrund einer Finanzkrise der Herausgeberschaft eingestellt werden.
Die Zeitschrift bietet Instituten die Möglichkeit, Beiträge aus den eigenen Richtungen zu publizieren und diese somit in der Welt der psychotherapeutischen Forschung und Wissenschaft präsent zu halten.
Wir danken an dieser Stelle allen bisherigen und gegenwärtigen Redaktionsmitgliedern für ihre grosse Arbeit in all den Jahren. Wir danken insbesondere auch allen unseren Autorinnen und Autoren, die durch ihre Beiträge zur Entwicklung unserer Zeitschrift beigetragen haben und die Psychotherapie-Wissenschaft zu dem haben werden lassen, was sie heute ist: Eine anerkannte wissenschaftliche Zeitschrift mit einem speziellen Profil, das erlaubt, Fragen aus Wissenschaft und Praxis zu verbinden.
Biografische Notiz
Peter Schulthess, lic. phil.I, Gestalttherapeut EAGT, ist eidg. anerkannter Psychotherapeut und leitender Redaktor der PTW.
Mario Schlegel, Dr. sc. nat. ETH, Dipl. Analytischer Psychologe, ist eidg. anerkannter Psychotherapeut und längjähriger Redaktor der PTW.
Gemeinsam haben sie die Zeitschrift durch alle Höhen und Tiefen geprägt und begleitet.
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