Plädoyer für ein ergänzendes und fruchtbares Nebeneinander der Wissenschaftlichkeit von Psychotherapie und Psychologie

Eine Schweizer Sicht

Mario Schlegel

Psychotherapie-Wissenschaft 15 (1) 2025 81–85

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2025-1-81

Zusammenfassung: Im Übergang von den 1980ern zu den 1990ern sprach die Psychologie den psychodynamischen und humanistischen Psychotherapieverfahren die wissenschaftliche Legitimation ab. Damals fing die Psychologie vermehrt an, sich an der Naturwissenschaft zu orientieren. Dieser Wandel zeigte sich auch in der Berufspolitik, als es darum ging, Psychotherapie von TherapeutInnen, die nicht Medizin studiert hatten, durch die Krankenkassen zu finanzieren. Die historisch gewachsenen Schulen, die die Psychotherapie begründet und bis anhin einen Grossteil der TherapeutInnen ausgebildet hatten, sahen sich gezwungen, die Psychotherapie durch eine eigenständige Wissenschaftlichkeit zu begründen. Diese berücksichtigt, neben den naturwissenschaftlichen Tatsachen des Menschseins, wie z.B Entwicklungspsychologie, auch existenzielle Fragen, wie Sinnkonstrukte, offene und unverfügbare Lebensthemen, die Untrennbarkeit von Subjekt und Objekt in der Therapiesituation, die Wichtigkeit der persönlichen Faktoren der Therapierenden, deren Reife, Subjektivität usw. Die akademische Psychologie kann man sich in einer Linie mit der psychodynamischen und humanistischen Psychotherapie vorstellen, die einen natur- und einen geisteswissenschaftlichen Pol hat. Die Schweizer Sicht leitet sich aus der Kompromissfindungskultur ab, die sich in der Schweizer Charta für Psychotherapie manifestiert hat und deren Kernthese lautet, dass die Psychotherapie eine bio-psycho-soziale und sinnorientierte Praxis des Menschseins beinhaltet. Das wäre ein inkludierendes Verständnis, das auch vonseiten der Psychologie begrüsst werden könnte.

Schlüsselwörter: Psychotherapiewissenschaft, existenzielle Themen, Wissenschaftlichkeit, Berufspolitik

Ich beginne mit einem kurzen historischen Rückblick, denn nur so sind die hier zu behandelnden Fragen, die ihre Aktualität nicht verloren haben, zu verstehen: Ende der 1980er, als es erstmals um den Zugang zur Vergütung der «nichtärztlichen» Psychotherapie durch die gesetzlichen Krankenkassen ging, behaupteten die psychologischen Fakultäten der Schweizer Universitäten, dass nur klinische PsychologInnen einen Anspruch auf Vergütung hätten. Nur so sei gewährleistet, dass die Ausbildung in Psychotherapie auf wissenschaftlicher Grundlage erfolge. Damit sprachen sie den Psychotherapiemethoden der privaten Ausbildungsinstitutionen die Wissenschaftlichkeit ab, obwohl diese bis anhin den Grossteil der PsychotherapeutInnen ausgebildet hatten. Das Schlagwort aus dieser Zeit ist bekannt: «Von der Konfession zur Profession». Gekrönt wurde ihre Strategie durch die Behauptung, Psychotherapie sei eine Anwendung der Psychologie.

Als Reaktion seitens der etablierten Ausbildungen in der Schweiz entstand ab 1989 eine Konferenz unterschiedlicher Therapierichtungen, die Verhaltenstherapie ausgenommen, die 1991 in die «Schweizer Charta für Psychotherapie»1 mündete. Dieser bereits breit abgesicherte Konsens zwischen den Schulen war eine Grundlage für die «Strassburger Deklaration», die 1990 von den Vertretern der deutschsprachigen Länder unterzeichnet wurde. Die Deklaration wurde ihrerseits zum Ausgangspunkt für die Gründung der Europäischen Assoziation für Psychotherapie (EAP). (Eine kurze inhaltliche Darstellung der Auseinandersetzung mit der Psychologie und deren Dynamik für die institutionelle Entwicklung des Berufsfeldes der Psychotherapie findet sich bei Buchmann, 2015). Der bezüglich der Wissenschaftlichkeit relevante Passus der Deklaration lautet: «Die Psychotherapie ist eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin, deren Ausübung einen selbstständigen und freien Beruf darstellt. Die psychotherapeutische Ausbildung erfolgt auf hohem, qualifiziertem und wissenschaftlichem Niveau.»1 Wenn ich aus heutiger Sicht dieses Diktum betrachte, stellen sich mir Fragen bezüglich der Wissenschaftlichkeit, die die Eigenständigkeit der Psychotherapie begründet. Lässt sich diese rechtfertigen? Und wenn ja, wie?

In diesem Zusammenhang müssen wir zurückkehren zur Selbstdefinition der Psychologie. Gleichzeitig mit der versuchten Einverleibung der Psychotherapie hat sie sich damals als der Naturwissenschaft zugehörig bezeichnet. In einem 2013 verfassten Artikel «Plädoyer für die Seele» (Daniel, 2024) steht, dass auf der Website der Universität Zürich heute noch zu lesen sei, es gehe in der Psychologie nicht darum, über das Menschsein, den Sinn des Lebens oder die Seele nachzudenken. Psychologie als empirische Wissenschaft untersuche vielmehr das, was durch wissenschaftliche Experimente, durch Beobachtungen oder Fragebogenuntersuchungen messbar sei. Es gehe um klare Fakten, eindeutige Zahlen und statistische Ergebnisse. Bei der Überprüfung dieses Eintrags auf der Website der Universität Zürich ergab sich, dass sich die Psychologie heute nicht mehr so explizit von den existenziellen Fragen des Menschseins abgegrenzt hat. Die neue Formulierung lautet: «Psychologinnen und Psychologen entwickeln Theorien und Modelle, die sie mit empirischen Methoden überprüfen. Die Psychologie ist daher eine empirische Wissenschaft. Sie ist bereichsübergreifend und lässt sich nicht allein den Geisteswissenschaften, den Sozialwissenschaften oder den Naturwissenschaften zuordnen.»2 Existenzielle Fragen bleiben aber weiterhin ausgeschlossen, diese lassen sich nicht mit Theorien und Modellen beschreiben und mit empirischen Methoden überprüfen. Trotzdem finde ich, dass die neue Formulierung positiv ist, denn sie ist durchlässiger und zieht keine scharfen Grenzen gegenüber den Nachbarwissenschaften.

Mit dieser Definition hat sich die Psychologie gegenüber der existenziellen Dimension des Menschseins deutlich abgegrenzt, die an Klarheit nichts zu wünschen übriglässt. Diese Abgrenzung lässt sich produktiv nutzen, indem sie damit der Psychotherapie das Feld frei lässt, wo diese ihre Alleinstellungsmerkmale einbringen kann. Das Ganze kann man sich als Kontinuum auf einer Linie vorstellen: In der Psychotherapie geht es, genau wie in der Psychologie, auch «um klare Fakten, eindeutige Zahlen und statistische Ergebnisse». Dies gilt selbstredend für die Psychotherapieforschung, und zum Teil bezieht sich die Psychotherapie auch auf Forschungsresultate aus der Psychologie. Man denke z. B. an die Bedeutung der Entwicklungspsychologie in der Psychotherapie. Hier gibt es also gewisse Kongruenzen. Das Kontinuum enthält aber noch zusätzliche Dimensionen: 1. sind es die von der Psychologie ausgeschlossenen Fragen über das Menschsein, 2. die Untrennbarkeit von Subjekt und Objekt in der Therapiesituation und 3. die Wichtigkeit der persönlichen Faktoren der Therapierenden und deren Subjektivität.

Zu 1. Die Themen, die von der Psychologie explizit ausgeschlossen wurden, das Nachdenken über das Menschsein, den Sinn des Lebens oder die Seele kann von den psychodynamischen und humanistischen Psychotherapieverfahren nicht ausgeschlossen werden, weil sie für die menschliche Existenz existenziell sind. Ein altes Zitat mag dies erläutern: «Die Psychoneurose ist im letzten Verstande ein Leiden der Seele, die ihren Sinn nicht gefunden hat» (Jung, 1932). Eingeschlossen in diese existenziellen Themen ist auch das in diesem Heft im Beitrag von Burda erwähnte Offene und Unverfügbare, das auch von Vogel (2014) erwähnt wird. Letzterer führt in diesem Zusammenhang noch die Opazität von Begriffen ein, bei denen es um Lebensthemen geht, die für die Therapierenden und PatientInnen gleichermassen gelten, wie z. B. den Tod. Neben diesen innerweltlichen Fragen ist das Offene und Unverfügbare heute auch im gesellschaftlichen Diskurs aktuell, wenn es um die Beziehung zur Umwelt, zu sich selbst und im speziellen zur Natur geht. Entsprechend hoch ist ihre Präsenz in den Medien. Die «Unverfügbarkeit» widersteht diametral dem untauglichen, vorherrschenden Zeitgeist, naturwissenschaftliche Erkenntnisse in die Beherrschung der Natur umzumünzen, um sie verfügbar zu machen, was sich auch in einem ungesunden Leistungsstreben und entsprechenden psychischen Problemen niederschlägt. Das Leben ist in seiner Komplexität nicht zu fassen und der Mensch ist nur eine Art von Millionen, die nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen alle Subjekte mit dem gleichen Recht zu leben sind.

Der «Unverfügbarkeit in der Psychotherapiewissenschaft» war die Ausgabe dieser Zeitschrift vor einem Jahr gewidmet (Psychotherapie-Wissenschaft 1-2024). Zur Sprache kamen auch die Zusammenhänge des kollektiven Umgangs mit der Unverfügbarkeit und dem Umgang damit in der Psychotherapie. In diesem Zusammenhang taucht auch die Frage auf, wieso die Psychologie keinen Anspruch auf die Mitsprache in existenziellen Fragen erhebt? In der Naturwissenschaft ist das klar, denn diese kann Sinnfragen prinzipiell nicht beantworten. Wie stellt sich die Psychologie demzufolge zum Menschenbild? Die Frage ist erlaubt, warum die früheren Lehrstühle für anthropologische Psychologie nach der Emeritierung der Lehrstuhlinhaber durchwegs mit verhaltensorientierten Professuren besetzt wurden.

Zu 2. Neben der Frage der Zuständigkeit im Kontinuum der zuvor beschriebenen Linie gibt es zusätzlich die Tatsache, dass im psychotherapeutischen Prozess Subjekt und Objekt, wissenschaftstheoretisch ausgedrückt, nicht getrennt werden können. Besser ist es aber, in diesem Zusammenhang nicht von Subjekt und Objekt zu sprechen, sondern schlicht von Wechselwirkungen, weil zwei Systeme miteinander interagieren. Die Interaktionen sind vielfältig und geschehen zwischen Therapierenden und PatientInnen auf der körperlichen und der psychischen Ebene. Auf der körperlichen durch die Synchronisation von Bewegungen, Haltungen und emotionalen Ausdrücken, und im psychischen Bereich durch die Übertragung von Emotionen. Dazu muss auch beachtet werden, dass die körperlichen und psychischen Reaktionen ebenfalls miteinander interagieren. Auch hier zur Illustration wieder zwei alte Zitate. Es sei so,

«dass die Psychotherapie nicht eine einfache und eindeutige Methode ist, als welche man sie zuerst verstehen wollte, sondern es hat sich allmählich herausgestellt, dass sie in gewissem Sinne ein dialektisches Verfahren ist, das heißt ein Zwiegespräch oder eine Auseinandersetzung zwischen zwei Personen […]. Eine Person ist ein psychisches System, welches, im Falle der Einwirkung auf eine andere Person, mit anderen psychischen Systemen in Wechselwirkung tritt. Diese vielleicht modernste Formulierung des psychotherapeutischen Verhältnisses von Arzt und Patient hat sich, wie ersichtlich, weit entfernt von der anfänglichen Meinung, dass die Psychotherapie eine Methode sei, die irgend jemand zur Erreichung eines gewollten Effektes in stereotyper Weise anwenden könne. Es sind nicht spekulative Bedürfnisse, welche diese ungeahnte und – ich darf wohl sagen – unwillkommene Erweiterung des Horizontes herbeiführten, sondern die harten Tatsachen der Wirklichkeit» (Jung, 1935a).

«Der Therapeut ist nicht mehr das handelnde Subjekt, sondern ein Miterlebender eines individuellen Entwicklungsprozesses» (Jung, 1935b).

Die Phänomene dieser Wechselwirkungen werden mittels bestimmter Techniken, die von der Psychotherapie entwickelt wurden, durch die Therapierenden nutzbringend angewendet. Hierbei ist die Handhabung der Gegenübertragung ein wichtiges Werkzeug, das in der Ausbildung eingehend trainiert wird. Im Kern geht es darum, dass die Therapierenden während der Therapie zwischen den Emotionen der eigenen Befindlichkeit und den Emotionen, die durch die PatientInnen verursacht werden (Gegenübertragung), präzise unterscheiden können. Dazu gehört, dass sie die Erkenntnisse aus dieser Unterscheidung in adäquater Weise mit den PatientInnen bearbeiten können. Diese Vorgänge beruhen auf der Fähigkeit zu mentalisieren, deren Voraussetzung es ist, sich selbst objektivieren zu können, Fähigkeiten, die als evolutionsbiologische Anpassungen uns von den Tieren unterscheiden (Schlegel, 2014).

Die vielzitierte Tatsache, dass die therapeutische Beziehung das wichtigste Agens des Therapieerfolges sei, findet in den beschriebenen Wechselwirkungen eine Erklärung. In den Wissenschaftskolloquien der Schweizer Charta für Psychotherapie haben wir eine qualitative Studie gemacht, bei der es um Prozessforschung in der Psychotherapie geht, genauer um das emotionale Erleben von PatientIn und TherapeutIn in der Therapie (Wernli et al., 2014). Die Studie fand an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) statt. Beteiligt waren qualifizierte VertreterInnen von humanistischen und psychodynamischen Therapieverfahren. Der Versuchsaufbau bestand darin, dass die SchulenvertreterInnen gemeinsam Videosequenzen aus einem psychotherapeutischen Lehrvideo der APA anschauten, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es hat sich gezeigt, dass die emotionale Arbeit unter Beteiligung der Therapierenden in allen Schulen von zentraler Bedeutung ist. Es wird mit Gegenübertragungsphänomenen gearbeitet, die therapeutische Beziehung steht bei allen Verfahren im Zentrum. Das Erkennen von Gefühlsansteckung und Gegenübertragung wird in allen Schulen durch Supervision stetig vervollkommnet. Dies ist eine Qualitätssicherungsmassnahme, die in der Psychotherapie schon sehr früh entwickelt wurde. Voraussetzung ist dabei, sich selbst genügend gut zu kennen, was durch die Eigentherapie in der Ausbildung gewährleistet wird.

Die Studie gründet auf den Resultaten der PAP-S (von Wyl et al., 2016). Dabei ging es darum, einen vertieften Einblick in die praktische Arbeit zu erhalten, warum sich die unterschiedlichen Verfahren, wie sich in der PAP-S gezeigt hat, bezüglich ihrer Wirksamkeit nicht unterscheiden. Das Bemerkenswerte dieser Studie ist, dass es nicht um theoretische Vergleiche, sondern um den Austausch zwischen den Schulen über die entstandenen Emotionen ging, die beim Betrachten der Sequenzen aus den Videos entstanden sind, sowie deren Folgen für die Behandlung in den jeweiligen Therapien. Diese Tatsache macht sie einzigartig. Dass dieser vertrauensvolle emotionale Austausch möglich war, ist dem über 30-jährigen Austausch zwischen den Schulen in der Schweizer Charta für Psychotherapie zu verdanken. Die üblichen Grabenkämpfe wurden durch Kooperation überwunden und gerade deshalb hat die Schweizer Charta für Psychotherapie die Vorlage dafür geliefert, dass die Vielfalt der Therapierichtungen in der Schweiz gesetzlich verankert werden konnte. Ein weiteres Beispiel für diese Kooperation findet sich in einem Sammelband über die damals beteiligten Therapieschulen, die ihre Verfahren nach einem gemeinsam bestimmten Raster im Quervergleich dargestellt hatten (Schlegel et al., 2011).

Zu 3. Stellt man in der therapeutischen Wechselwirkung die Persönlichkeit der Therapierenden in den Fokus des Therapieerfolgs, so zeigt sich, dass ihre persönlichen Fähigkeiten eine zentrale Rolle spielen. Tschuschke (2016) schreibt, dass die Diskussion um die unterschiedliche Effektivität der Therapierenden von der Existenz ihrer unterschiedlichen Wirksamkeit ausgehe, unabhängig vom Hintergrund ihrer Schulzugehörigkeit. Neben den erklärbaren Unterschieden, wie die Belastung der PatientInnen zu Beginn der Therapie, ihrer Persönlichkeit und die Passung mit den Therapierenden trete eine Reihe von Faktoren hinzu, wie die Grundpersönlichkeit der Behandelnden, ihrer Reifung und Authentizität, die zu einer fruchtbaren Arbeitsbeziehung beitragen.

Wampold (2011) stellt fest, dass die unterschiedliche Eignung der Therapierenden für Forschung und Praxis relevant sind. Er beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von spezifischen und allgemeinen Wirkfaktoren. Für die Praxis schlägt er vor, Lernende gezielt mit Übungsprogrammen zu trainieren, wie bspw. durch Reflexionen anhand von Videosequenzen ausserhalb des therapeutischen Settings (Wampold, 2019, S. 56). Futscher (2023, 2024) weist darauf hin, dass sich bzgl. der Persönlichkeit der Therapierenden Wampolds Aussagen mit denen von Jung überschneiden. Sie verdeutlichen die zentrale Rolle der Persönlichkeitsentwicklung der Therapierenden für die Entwicklung ihrer professionellen Fähigkeiten als allgemeine schulenübergreifende Notwendigkeit während der Ausbildung. Auch hier wieder ein altes Zitat: «Die menschliche Qualität […] stellt das gesamte Rüstzeug der seelenärztlichen Kunst, das sich in beständiger Übung […] entwickelt, verfeinert und systematisiert hat, in den Dienst […] der Selbstvervollkommnung» (Jung, 1929).

Aus historischer Sicht war die damalige Behauptung der eigenständigen Wissenschaftlichkeit der Psychotherapie eine Kampfparole als Antwort auf die Einverleibung der Psychotherapie durch die Psychologie. Damals war aber nicht die Zeit, sorgfältige, wissenschaftstheoretische Abwägungen zu reflektieren, wie sie viel später erfolgten. Als Beispiel sei Burdas Buch (2012) erwähnt. Wie dargelegt sind einige Grundlagen der Psychologie und der Psychotherapie dieselben. Was aber über den experimentellen, mess- und zählbaren Bereich und die Statistik hinausgeht, wie Sinnfragen oder die Intersubjektivität der therapeutischen Prozesse, deren Handhabung eine entsprechende Formation der Persönlichkeit der Therapierenden erfordert, muss der Psychotherapie zugeordnet werden. Philosophie und/oder Theologie kommen ja nicht infrage, obwohl sie sich auch damit beschäftigen. Sie sind aber eine wichtige Quelle für die Reflexion der tieferen Dimensionen des Menschseins.

Leider habe ich den Eindruck, dass die Kampfmentalität weder hüben noch drüben überwunden ist. Wenn man aber die historische Perspektive auch auf die Zukunft der Psychotherapie ausdehnt, wird es heute schon sichtbar, dass ihre Erkenntnisse aus der Praxis und durch die wissenschaftliche Begleitung zu einem Set von generischen Inhalten führt, die zur Grundlage einer wissenschaftlich fundierten Psychotherapieausbildung werden können. Die Verhaltenstherapie ist dabei eingeschlossen. Sie hat bereits verschiedene Wendungen in Richtung humanistischer und psychodynamischer Therapieformen hinter sich, ist gegenwärtig daran, die therapeutische Beziehung zu beachten, und anerkennt bereits spirituelle und religiöse Erfahrung als wesentlich für die Gesundheit gewisser PatientInnen. Im Dienst der Unterschiedlichkeit der Menschen wird dieses generische Set durch unterschiedliche Zugänge zur Psyche ergänzt werden. Die heutigen Psychotherapieverfahren haben sich als solche Zugänge bewährt. Eine solche sachlich gerechtfertigte Form einer zukünftigen Form von Psychotherapien entspricht ganz der Idee der Schweizer Charta für Psychotherapie. Ein schönes Bild dafür ist die Naturwiese mit einer Unzahl von unterschiedlichen Kräutern und Blumen. Ökologie braucht es nicht nur bei den Pflanzen, sondern auch beim Menschen. Er ist auf Vielfältigkeit angewiesen, denn sie ist der Motor für den gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt.

Die Erhaltung eines fruchtbaren Nebeneinanders ist tief in den Genen der Schweizer Mentalität verankert. So kam es in der Reformation nach der von Zürich 1529 verlorenen Schlacht nicht zu weiteren verheerenden Religionskriegen zwischen den Konfessionen. Das war aussergewöhnlich. Dank Vermittlung durch die neutralen Orte konnte ein Bruderkrieg verhindert werden. Während der Verhandlungen kochten die gegnerischen Heere die sog. «Kappeler Milchsuppe», zu der die einen die Milch und die anderen das Brot beisteuerten. Als Erinnerung an dieses wichtige Ereignis in der Geschichte der Schweiz wird heute noch Kappeler Milchsuppe aufgetragen, wenn ein Streit durch Verhandlungen beigelegt wurde, ein Ritual das manchmal bis hinauf in die Regierungsstufe gepflegt wird. Um auf den Konflikt zwischen Psychologie und Psychotherapie zurückzukommen, waren es auch nicht diese beiden Parteien, die dafür sorgten, dass in der Schweiz, im Gegensatz zu Deutschland, alle etablierten Schulen zugelassen wurden. Wie 1529 waren es auch neutrale Dritte die dazu verhalfen. Es waren die Rechtsanwälte der gesetzgebenden Behörde, die die Zerstörung der hergebrachten Ordnung verhinderten. Nicht zuletzt war die Schweizer Charta für Psychotherapie mit ihrer Kultur des Diskurses ein starkes Argument dafür.

Abschliessend wäre es, um das Bild zu gebrauchen, gut, wenn die PsychologInnen und die PsychotherapeutInnen gemeinsam auch eine Kappeler Milchsuppe essen würden. Diese Zeitschrift würde sehr gern eine Reportage dazu bringen. In diesem Sinn können wir den Bereich der Psychotherapie-Wissenschaft progressiv nutzen. Psychotherapie ist eine bio-psycho-soziale und sinnorientierte Praxis des Menschseins und die Psychotherapie-Wissenschaft ist ihre theoretische Begründung. Das wäre ein inkludierendes Verständnis, das auch vonseiten der Psychologie begrüsst werden könnte.

Literatur

Buchmann, R. (2015). 25 Jahre «Strassburger Deklaration». Psychosozial-Verlag.

Burda, G. (2012). Formate der Seele. Erkenntnistheoretische Grundlagen und ethische Implikationen der Allgemeinen Psychotherapiewissenschaft. Waxmann.

Daniel, R. (2024). Plädoyer für die Seele. Ein Beitrag der jung’schen Tiefenpsychologie zu aktuellen individuellen und kollektiven Herausforderungen. Psychotherapie-Wissenschaft, 14(1), 45–51.

Futscher, C. (2023). Die Verbindung von altem Wissen und neuer Forschung in der Psychotherapie. Psychotherapie-Wissenschaft, 13(2), 11–18.

Futscher, C. (2024). Individuelle Entwicklung von Forschenden als Faktor für Wissenschaftlichkeit. Psychotherapie-Wissenschaft, 14(2), 73–80.

Jung, C. G. (1929). Probleme der modernen Psychotherapie. In Praxis der Psychotherapie. GW 16, § 174 (1995) 64–85. Walter.

Jung, C. G. (1932). Über die Beziehung der Therapie zur Seelsorge. In Zur Psychologie westlicher und östlicher Religionen. GW 11, § 497 (1995) 337–355. Walter.

Jung, C. G. (1935a). Grundsätzliches zur praktischen Psychotherapie. In Praxis der Psychotherapie. GW 16, § 1 (1995) 15–32. Walter.

Jung, C. G. (1935b). Grundsätzliches zur praktischen Psychotherapie. In Praxis der Psychotherapie. GW 16, § 7 (1995) 15–32. Walter.

Schlegel, M. (2014). Die Evolution der Empathie. Psychotherapie-Wissenschaft, 3(2), 90–102.

Schlegel M., Meier I. & Schulthess P. (2011). Psychotherapien, ein Führer der Schweizer Charta für Psychotherapie für die in ihr vertretenen tiefenpsychologischen, humanistischen und integrativen Psychotherapieverfahren. Schriftenreihe der Schweizer Charta für Psychotherapie.

Tschuschke, V. (2016). Unterschiede zwischen TherapeutInnen. In A. von Wyl, V. Tschuschke, A. Crameri, M. Koemeda-Lutz & P. Schulthess (Hg.), Was wirkt in der Psychotherapie? Ergebnisse der Praxisstudie ambulante Psychotherapie zu 10 unterschiedlichen Verfahren. Psychosozial-Verlag.

Vogel, R. T. (2023). Das Geheimnis der Seele. Grundlagen einer zeitgemäßen Psychotherapiewissenschaft. Kohlhammer.

von Wyl, A., Tschuschke, V., Crameri, A., Koemeda-Lutz, M. & Schulthess, P. (2016). Was wirkt in der Psychotherapie? Ergebnisse der Praxisstudie ambulante Psychotherapie zu 10 unterschiedlichen Verfahren. Psychosozial-Verlag.

Wampold, B. E. (2011). Qualities and actions of effective therapists: Research suggests that certain psychotherapist characteristics are key to successful treatment. https://nanopdf.com/download/qualities-and-actions-of-effective-therapists_pdf

Wampold, B. E. (2019). The basics of psychotherapy: An introduction to theory and practice. APA PsycBOOKS.

Wernli J., Barwinski R., Schlegel M. & von Wyl A. (2014). Zum Umgang mit Emotionen in der Psychotherapie. Gemeinsamkeiten und Unterschiede psychotherapeutischer Interventionen. Psychotherapie-Wissenschaft, 14(1), 21–34.

Argument for a complementary and productive coexistence of the scientific nature of psychotherapy and psychology

A Swiss perspective

Abstract: In the transition from the 1980s to the 1990s, psychology denied the scientific legitimacy of psychodynamic and humanistic psychotherapy methods. At that time, psychology increasingly began to orient itself towards the natural sciences. This change was also reflected in professional policy when it came to health insurance funding for psychotherapy by therapists who had not studied medicine. The historically established schools, which had founded psychotherapy and had trained the majority of therapists up to that point, felt compelled to justify psychotherapy through an independent scientific approach. In addition to the scientific facts of being human, such as developmental psychology, this also takes into account existential issues such as constructs of meaning, open and unavailable life issues, the inseparability of subject and object in the therapy situation, the importance of the personal factors of the therapist, their maturity, subjectivity, etc. Academic psychology can be seen as being in line with psychodynamic and humanistic psychotherapy, which has a natural science and a humanistic pole. The Swiss view is derived from the culture of compromise that has manifested itself in the Swiss Charter for Psychotherapy and whose core thesis is that psychotherapy involves a bio-psycho-social and meaning-oriented practice of being human. This would be an inclusive understanding that could also be welcomed by psychology.

Keywords: psychotherapy science, existential topics, scientificity, professional policy

Appello per una coesistenza complementare e fruttuosa della natura scientifica della psicoterapia e della psicologia

Una prospettiva svizzera

Riassunto: Nel passaggio dagli anni ’80 agli anni ’90, la psicologia ha negato la legittimità scientifica dei metodi di psicoterapia psicodinamica e umanistica. In quel periodo, la psicologia ha iniziato a orientarsi sempre più verso le scienze naturali. Questo cambiamento si rifletteva anche nella politica professionale quando si trattava di finanziare con l’assicurazione sanitaria la psicoterapia di terapeuti che non avevano studiato medicina. Le scuole storicamente consolidate, che avevano fondato la psicoterapia e avevano formato la maggior parte dei terapeuti fino a quel momento, si sentirono obbligate a giustificare la psicoterapia con un approccio scientifico indipendente. Oltre ai fatti scientifici dell’essere umano, come la psicologia dello sviluppo, si tiene conto anche di questioni esistenziali come i costrutti di significato, le questioni di vita aperte e non disponibili, l’inseparabilità di soggetto e oggetto nella situazione terapeutica, l’importanza dei fattori personali del terapeuta, la sua maturità, la sua soggettività, ecc. La psicologia accademica può essere considerata in linea con la psicoterapia psicodinamica e umanistica, che ha un polo scientifico naturale e uno umanistico. Il punto di vista svizzero deriva dalla cultura del compromesso che si è manifestata nella Carta svizzera per la psicoterapia, la cui tesi centrale è che la psicoterapia comporta una pratica bio-psico-sociale e orientata al significato dell’essere umano. Si tratterebbe di una comprensione inclusiva che potrebbe essere accolta anche dalla psicologia.

Parole chiave: scienza della psicoterapia, questioni esistenziali, scienza, politica professionale

Biografische Notiz

Mario Schlegel, Dr. sc. nat. ETH, Lehranalytiker, Supervisor, Dozent und ehemaliger Leiter des Forschungskolloquiums am C. G. Jung-Institut Zürich. Ehemaliger Vorsitzender der Wissenschaftskommission der Schweizer Charta für Psychotherapie und Co-Präsident des Internationalen Netzwerks Forschung und Entwicklung in der Analytischen Psychologie Dreiländergruppe (INFAP3), Redaktor bei der Zeitschrift Psychotherapie-Wissenschaft, eidg. anerk. Psychotherapeut im Ruhestand. Arbeitsschwerpunkt: Dialog zwischen den Therapieschulen und die Biologie der Intersubjektivität.

Kontakt

m.schlegel@bluewin.ch

Anmerkungen