Wissenschaftstheoretische und wissenschaftsethische Überlegungen zum Verhältnis von Psychotherapie, Psychologie und Psychotherapiewissenschaft

Gerhard Burda

Psychotherapie-Wissenschaft 15 (1) 2025 75–79

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CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2025-1-75

Zusammenfassung: Der Beitrag stellt wissenschaftstheoretische und wissenschaftsethische Überlegungen zum Verhältnis von Psychotherapie (PT), Psychologie und Psychotherapiewissenschaft (PTW) an. Ausgangspunkt ist die Unklarheit darüber, ob PT als eigenständige Wissenschaft oder als Spezialisierung der Psychologie verstanden werden soll. Es wird argumentiert, dass PT keine Wissenschaft im engeren Sinn darstellt, sondern auf einer reflektierenden metatheoretischen Ebene durch eine eigene PTW ergänzt werden muss. Diese wird als externe, normative Perspektive vorgestellt, die eine systematische Auseinandersetzung mit der PT, mit den internen Theorien der PT-Schulen und mit den historischen, kulturellen und epistemologischen Grundlagen ermöglicht. Dabei wird das Spannungsfeld zwischen der Subjektorientierung der PT und den reduktiven Ansätzen der modernen Wissenschaften zum Thema. Der Beitrag plädiert für eine integrative Wissenschaftsarchitektur, in der PTW als eigenständige Disziplin agiert und die Psychologie sowie andere relevante Forschungsfelder in ein umfassendes metawissenschaftliches Rahmenwerk einbettet.

Schlüsselwörter: Wissenschaftstheorie, Wissenschaftsethik, Psychotherapie(-wissenschaft), Psychologie, Subjekt

Die folgenden Zeilen aus dem Editorial der letzten Ausgabe des Online-Journals Psychotherapie-Wissenschaft bringen auf den Punkt, was im aktuellen Diskurs rund um die Akademisierung von PT im Spannungsfeld unterschiedlicher Wissenschaften auf dem Spiel steht:

«Im Rahmen einer Diskussion innerhalb unseres Redaktionsteams um die wissenschaftliche Basis der Psychotherapie und um unseren Zeitschriftentitel wurde deutlich, dass jüngere KollegInnen in der Schweiz kaum mehr wissen, dass Psychotherapie seitens der ASP und der Schweizer Charta für Psychotherapie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin verstanden wurde und man sich auch für eine entsprechende Gesetzgebung stark machte, leider erfolglos. Zu sehr hat sich hierzulande das Verständnis etabliert, dass Psychotherapie eine psychologische Spezialisierung sei, so wie Psychiatrie in der Medizin.»1

Oberflächlich gesehen geht es offensichtlich um ein mangelndes Bewusstsein für die Differenzierung von PT, Psychologie und PTW. Darunterliegend geht es allerdings um mehr: Es geht um ein Dispositiv, d. h. um ein fatales Arrangement von politischer Macht mit Institutionen (etwa Unis, Krankenkassen) und Diskursen, die nicht auf das abzielen, worum es in der PT gehen sollte: auf das Subjekt. Darauf möchte ich kurz aus einer wissenschaftsethischen und metawissenschaftlichen Perspektive antworten.2

Aus der eben zitierten Stelle lese ich zwei «Klagen» heraus: (1) wird beklagt, dass PT nicht als eigenständige Wissenschaft anerkannt ist. Hier ist offen, woraus sich die Wissenschaftlichkeit der PT herleiten soll. (2) wird beklagt, dass PT als psychologische Spezialisierung gelten soll. In diesem Fall wäre PT zwar tatsächlich Gegenstand einer anerkannten wissenschaftlichen Disziplin, nämlich der Psychologie. PT wäre dann aber «nur» eine psychologische Anwendung. Hier bleibt offen, wie Wissenschaftlichkeit gedacht wird und was Psyche bzw. Therapie der Psyche sein soll.

Mit diesen Fragen stechen wir in ein Wespennest. Psychologie ist nämlich ein äusserst inhomogenes Fach, in dem unterschiedliche Auffassungen darüber herrschen, was unter «psychisch» verstanden wird. Kurz: Es gibt eine interne Selbst-Differenz der Psychologie. Das Problem verschärft sich noch dadurch, dass – über die unterschiedlichen Auffassungen hinaus – gefragt werden kann, ob damit der «Gegenstand» der Psychologie überhaupt in einem umfassenden Sinn gemeint sein kann. Es gibt somit eine zusätzliche externe Selbst-Differenz der Psychologie zu bedenken, denn diese Frage ist zu verneinen: Der logos der Psychologie ist nicht imstande, dem Offenen und Unverfügbaren, das im Wort Psyche mitschwingt, auch nur annähernd gerecht zu werden.3 Mit diesem negativen Bescheid kommt aber auch wissenschaftliche Forschung an eine heikle Grenze. Und hier, an dieser Grenze, kommt eine genuine PTW als externe Perspektive sowohl auf PT als auch auf andere, sich mit der Psyche beschäftigenden Wissenschaften – so z. B. die Psychologie – ins Spiel.4

PT ist eine bestimmten Methoden folgende Praxis zur Linderung seelischen Leidens, die auf schulenspezifischen Grundannahmen basiert (Theorie 1. Ordnung). Diese Grundannahmen entstammen unterschiedlichen Wissensfeldern (Medizin, Psychologie, Philosophie usw.) und Praktiken (Kunst usw.). Verlangt ein avancierter Wissenschaftsbegriff nach einer Reflexion der eigenen Grundlagen (Theorie 2. Ordnung), dann ist PT keine Wissenschaft im engeren Sinn. Schulenintern mag mitunter zwar eine Art Selbstreflexion erfolgen, für die unterschiedliche Zugänge massgeblich sind. Der theoretische Hintergrund der jeweiligen PT wird dadurch dem entsprechenden Zugang angenähert. Diese interne Selbstreflexion folgt vielleicht dem Junktim von Heilen und Forschen (Freud), sie ist aber nicht mit PTW als externer Perspektive auf PT gleichzusetzen.

Untersuchen wir die beiden «Klagen» etwas genauer, um diese Behauptung auf ein tragfähiges Fundament zu stellen: Die erste, sich auf (1) beziehende Frage ist, ob PT bereits der Status einer Wissenschaft zugesprochen werden kann oder nicht. Daraus ergibt sich als weitere Frage, ob dies «PTW» genannt werden kann. Gegen diese Auffassung habe ich bereits argumentiert: PT ist tatsächlich keine Wissenschaft i. e. S. Wir haben damit auch nichts vor uns, was dem Namen PTW gerecht wird, nämlich eine externe wissenschaftliche Perspektive auf PT, die sich nicht aus der PT, d. h. aus den unterschiedlichen Hintergründen einer PT-Schule oder mehrerer PT-Schulen, herleiten lässt.5 Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, braucht die PTW eine metatheoretische, wissenschaftsphilosophische Fundierung.

Damit zur zweiten Frage, ob PT als ausschliesslich psychologische Spezialisierung gelten soll bzw. ob dies dem gesamten Umfang dessen, worum es in der PT und ihrer Erforschung geht, gerecht werden kann. Wie steht es um die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie? Nun, zunächst fällt auf, dass es eine Divergenz zwischen der «Philosophie der Psychologie» und der psychologischen Forschung hinsichtlich ihres «Gegenstands» gibt:6 Es geht in der Psychologie um unterschiedliche Schwerpunkte wie Verhalten, Bewusstsein, Kognition, Emotion etc. Damit sind allerdings Phänomenbereiche angesprochen, die nicht nur von der Psychologie beforscht werden, sondern etwa auch von der Neurowissenschaft, von der Medizin oder von der Philosophie des Geistes. Es gibt also weder einen «reinen» Gegenstand der Forschung noch eine «reine» wissenschaftliche Disziplin, sondern eher vielschichtige, komplexe Zusammenhänge. So ist z. B. schon einmal unklar, ob eine «Philosophie der Psychologie» tatsächlich zur Psychologie7 gehört oder nicht doch zur Philosophie, nämlich zur Wissenschaftstheorie. Unklar ist auch, ob es um eher «metaphysisch-ontologische Fragen» wie z. B. in der modernen Philosophie des Geistes oder um «epistemologisch-methodische Fragen»8 gehen soll. Auch der Ausdruck «philosophische Psychologie» ist entsprechend schwammig, reicht er doch von sprachbasierten und handlungstheoretischen Ansätzen bis hin zu naturalistischen. Damit haben wir aber unterschiedliche, einander ausschliessende Ontologien vor uns, d. h. unterschiedliche Simulationen des Verhältnisses zur Wirklichkeit, nämlich realistische und konstruktivistische.9 Wie soll z. B. computermodellierte Grundlagenforschung in der Psychologie metawissenschaftlich bewertet werden? Oder wie die Reduktion psychologischer Erklärungen auf neurowissenschaftliche Erklärungen? Um die Problematik zu vertiefen, zitiere ich im Folgenden eine längere Passage aus dem Buch Mediale Identität/en:10

«Psychologie ist eine empirische Wissenschaft und dem Messbaren verpflichtet. Doch wie soll das Subjektive gemessen werden? Wir haben also eine Diskrepanz zwischen dem Erleben und dessen Erforschung, zwischen dem objektiven und dem subjektiven Faktor. Psychologie ist insofern auch eine Art Ideologie, die das Subjektive dem Objektiven unterordnet. Das gilt nicht nur für die Psychologie, sondern vor allem auch für das aktuell leitende, aus den Biowissenschaften stammende Paradigma, dem zufolge das Subjektive anscheinend völlig wegfällt. Anscheinend deshalb, weil es durch die Hintertür unversehens wieder eintritt, wie wir sehen werden. Organismen, also auch wir Menschen, gelten als Algorithmen. Sobald dieser Algorithmus – eine Genstruktur etwa – bekannt ist, wissen externe Daten verarbeitende Systeme besser über Sie und mich Bescheid als wir selbst. Unser persönliches Selbst – also die Art und Weise, wie wir uns wahrnehmen – tritt damit gegenüber all dem zurück, was sich informationstechnologisch verarbeiten lässt. Das reicht von einer virtuellen Identität (Big Data), die sich aus all dem ergibt, was über Sie von Smartphones, Apps, Kreditkarten, Amazon- und Google-Suchaufträgen und Social Media extrahiert werden kann, bis hin zu Technologien der dritten Ordnung, bei denen nur mehr Technologien miteinander interagieren und den Menschen allmählich überflüssig machen (smart environment, Internet der Dinge, a2a-Technologien, Dataismus et cetera). Technische Medien sind hier nicht mehr Erweiterungen des Menschen, sondern selbst Welt schaffend. Diese Welt, die Infosphäre, bewohnt der Mensch nur mehr als Inforg – als ein Wesen mit einer ‹informationellen Identität›.11 Da er nicht mehr der eigentliche Handlungsträger ist, weil er ‹außerhalb der Schleife› steht, ist die ‹Hypergeschichte› eingetreten, in der wir alle Migranten sind: Unser Leben lässt sich dann nicht mehr einfach in Phasen von on- und offline unterteilen, da wir permanent online sein werden: Leben findet gänzlich onlife statt. Was bedeutet die Virtualisierung und Immersion ins Netz für die subjektive Identität? Lassen wir hier beiseite, dass im Virtuellen beliebige ‹Identitäten› angenommen werden können, und zoomen wir darauf, dass ein User virtuelle Identitäten zugesprochen bekommt. Das bedeutet, dass in den Netzen eine Selbst-Differenz zu uns realisiert wird, die wir ebenso wenig fassen können wie große Areale unserer eigenen Psyche. Hier kommt auch die Frage nach dem Charakter von Realität ins Spiel. Vor einiger Zeit lief eine interessante TV-Dokumentation mit dem Titel Was ist Realität? Das Gehirn befindet sich in einem dunklen, abgeschlossenen Behälter, die Sinneseindrücke werden als chemische Impulse durch Neuronen verarbeitet und dadurch wird ein Plan von der Welt und von uns selbst erstellt. Das Ich ist eigentlich ein Nebenprodukt der Kommunikation des Gehirns mit sich selbst. Ab etwa 100 Milliarden Neuronen soll so etwas wie menschliches (Selbst)-Bewusstsein entstehen. Unbeantwortet bleibt: Wie erkennt das Gehirn, dass es überhaupt erkennt, dass es eine Außenwelt gibt, wie, dass es Gehirn ist? Und wie, dass es so ist, wie die Theorie es darstellt? Es gibt jedenfalls eine Reihe von Paradoxien: Ein Gehirn, das niemals – weder in den Neuronen noch in seinen Zuständen – mit sich selbst identisch ist, schreibt sich Identität zu – und zwar im Sinne einer absoluten, die Zeit überdauernden paradoxen Schleife. Es gibt ein Gehirn in einer Black Box, das die Illusion eines Ichs herausbildet, wobei dieses Ich wiederum eine Vorstellung davon produziert, dass es eigentlich ein Gehirn ist, das sich Vorstellungen von sich macht. Wir haben also feuernde Neuronen, die irgendwann eine Repräsentation ihrer Tätigkeit erstellen (ein Ich-Neuron analog zu den so genannten place cells?), die sich dann fragen kann, wo sie selbst beginnt. Egal, wo wir nun die ursprüngliche Identität ansetzen wollen, beim Ich oder bei den Neuronen: Es gibt sie nicht in Reinform – weder in den feuernden Neuronen noch in der Repräsentation dieser Aktion. Das Gehirn offenbart uns vielmehr insofern ‹seine› Selbst-Differenz, als es eine zweite Instanz etablieren muss, um sich über sich selbst aufzuklären. In der neuroszientistischen Projektion der Identität auf das Gehirn findet sich somit eine bemerkenswerte Verdopplung. Diese Verdoppelung finden wir auch bei allen Begriffen, mit denen wir uns selbst bezeichnen, etwa: Person (ursprünglich die Maske im Theater oder die Rolle bei Gericht; es gibt eine Oberfläche und eine Tiefenstruktur), Selbstbewusstsein (Bewusstsein, das man von sich selbst hat), Subjekt (wörtlich: Unterlage), Individuum (etwas, das so lange geteilt werden muss, bis es nicht mehr geteilt werden kann) und so weiter […]. Identität ist genauer besehen eigentlich immer irgendwie eine Relation, also eine Zuschreibung nach innen und/oder nach außen: wir in unserem Selbstverständnis von uns selbst beziehungsweise wir, wie wir von außen wahrgenommen werden. Identität folgt immer einer Verdopplungslogik. Beim Gehirn sah die Doppelung folgendermaßen aus: Das Gehirn bleibt nicht in seinem anfänglichen (unbewussten) Stadium, sondern es bildet eine Repräsentanz von sich aus: das Ich, über das es sich selbst erst aufklären kann. Das Gehirn weiß also erst über das Ich über sich Bescheid. Dem neuroszientistischen Modell zufolge wissen wir nicht, was jetzt eigentlich das Eigene ist – das Ich oder das Gehirn. Und so geht es uns meiner Meinung nach mit jeder Art von Identität. Den letzten Referenzpunkt von Identität können wir nicht benennen. Er bleibt, wenn man so möchte, ein Geheimnis. Und selbst wenn das Subjektive aus einer Theorie eliminiert wird, kommt es durch die Hintertür wieder herein. Die neurophysiologisch informierte Phantasie vom Gehirn und von seinem Ich ist ein Beispiel für das Faktum, dass wir einerseits tatsächlich ein identisches Selbsterleben haben, uns aber andererseits nie gänzlich darüber aufklären können. Es bleibt immer etwas Unbekanntes, Nicht-Einholbares und Geheimnisvolles, über das intuitiv auch die Hirnforschung Bescheid weiß. Egal, ob wir vom Gehirn oder vom Bewusstsein ausgehen: Weder das eine noch das andere bleibt in seinem An-sich, sondern trennt sich von sich selbst, um ein Für-sich zu entwickeln. Leitend sind in beiden Fällen die beiden Phantasmen von Verbindung und Trennung. Im Falle des Gehirns gibt es noch eine weitere Projektion im Hintergrund – auf die ‹Natur› nämlich oder auf ein ominöses Gattungssubjekt, das danach strebt, das Leben – also sich selbst – über den Tod der Individuen hinaus fortzusetzen. In der Evolutionstheorie heißt es, dass es dem Leben darum geht, sich selbst zu reproduzieren. Es geht also nicht um Sie oder mich, sondern nur um eine Art Metasubjekt im Hintergrund, das jedoch genau uns braucht, um sich selbst erhalten – sprich: mit sich identisch bleiben – und sich weiter fortsetzen zu können. Auch hier also die Verdoppelung und das Wechselspiel von Verbindung und Trennung – projiziert auf das Dual Gattung und Individuum. Auch in diesem Fall zeigt sich, dass Identität immer eine Relation beinhaltet. Dazu ist ein zweiter Punkt zu ergänzen: Es sind immer Fantasien mit im Spiel, wenn wir einen letzten Referenzpunkt für unsere Identität angeben wollen. Das heißt: Letztlich sind es auch Fantasien, mit denen wir uns identifizieren.»12

Fragen wir nach, ob es in einem genauer zu differenzierenden Sinn legitim sein kann, von einer psychologischen PT-Wissenschaft zu sprechen.13 Ich wähle dazu zwei Wortpaare für einen weiterführenden Vergleich: Es handelt sich um das Paar psychologische PT-Wissenschaft und um das Paar psychotherapiewissenschaftliche Psychologie. Dabei ist Folgendes zu erkennen: Im ersten Fall wäre die Psychologie die massgebliche Wissenschaft der PT. Im zweiten Fall wäre die Psychologie besonderer Teil einer umfassenderen, allgemeinen Wissenschaft. Diese (psychotherapiewissenschaftsphilosophisch informierte) Allgemeine PTW14 wäre die gesuchte, metawissenschaftliche Perspektive auf alles, was mit PT zu tun hat: die Prozesse, die Schulbildungen, die Geschichte, die PT-Forschung anderer externer Disziplinen, die betroffenen Personen, die Weiterentwicklung usw. Während die psychologische PT-Wissenschaft ihre Wissenschaftlichkeit aus der Psychologie herleitet – was allerdings aus bereits genannten Gründen problematisch ist –, leitet die Allgemeine PTW ihre Wissenschaftlichkeit aus einer wissenschaftsphilosophischen Metareflexion auf die epistemologische und ontologische Basis sämtlicher Wissenschaften ab. Der Wissenschaftsstatus wäre daher ein gänzlich anderer: Anstatt eine Theorie 1. Ordnung hat man nun eine Theorie 2. Ordnung vor sich. Erst dadurch kann sich PTW einer umfassenden kritischen und systematischen Erforschung der PT und jener Diskurse widmen, die auf PT Bezug nehmen. Damit geht es natürlich auch um die Einbettung der PT in historisch-kulturelle Bedingungen und Gegebenheiten.15

Diesbezüglich wäre PTW in ihrer besonderen oder angewandten Form angesprochen, die PT als Praxis und Theorie in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einschliesslich der auf sie Bezug nehmenden wissenschaftlichen Forschungsansätze untersucht. Dabei verfährt PTW nur in einem ersten Schritt deskriptiv. In ihrer systematischen oder allgemeinen Form sollte PTW zusätzlich einen erkenntnis- und wissenschaftskritisch informierten Hintergrund bereitstellen können (die Unmöglichkeit der Trennung von Subjekt und Objekt im therapeutischen Prozess), von dem aus sie ihrer Aufgabe nachgehen kann. Damit ist PTW nicht mehr rein deskriptiv, sondern auch eine normative Metatheorie in einem dreifachen Sinn:

  1. 1) PTW sollte einen sämtlichen Therapieformen gemeinsamen Hintergrund angeben können.
  2. 2) Dazu muss sie sich mit ihrem Gründungsanspruch erkenntnis- und wissenschaftskritisch auseinandersetzen (Theorie 2. Ordnung).
  3. 3) Als eigenständige Wissenschaft muss die PTW auch andere externe Forschungsdesigns reflektieren, die sich mit PT auseinandersetzen. Was dabei auf dem Spiel steht, ist die Tatsache, dass PT gesellschaftspolitischen Kräften ausgesetzt ist, die sich nur allzu gern jener reduktiv verfahrenden wissenschaftlichen Ansätze bedienen, die sich leichtfertig dieser Kontrolle unterwerfen und von ihr abhängig machen. Damit wird aber nicht nur die Idee der Wissenschaft verraten, sondern mit ihr auch die – hier nicht näher bestimmte – Psyche bzw. das Subjekt. Dieser letzte Punkt betrifft genau das, was wissenschaftsethisch gesehen als ungeheures Defizit der aktuellen Situation zu bezeichnen ist.

Was das Verhältnis von PTW und Psychologie betrifft, so ergeben sich zwei bzw. drei praktische Möglichkeiten: Die PTW wird erstens von der Psychologie «verschluckt» und ins akademische Abseits verwiesen. Das ist die vorherrschende Angst im Zusammenhang mit der Akademisierung der PT. Daraus kann zweitens eine verständliche Ablehnung der Psychologie erwachsen. Bei einer dritten Möglichkeit könnte eine psychotherapiewissenschaftliche Psychologie allerdings als eigene Disziplin unter den umbrella term PTW aufgenommen werden (ebenso wie z. B. eine psychotherapiewissenschaftliche Soziologie, Kulturwissenschaft, Sprachwissenschaft usw.). Psychologie wäre davon natürlich nicht als externe Wissenschaft betroffen, ihre Forschungen wären jedoch für die PTW von Interesse und könnten unter Umständen selbst wiederum Gegenstand einer – nun psychotherapiewissenschaftlichen – Forschung sein. Anstatt also von einem Entweder-oder auszugehen, liesse sich so ein Sowohl-als-auch andenken. Eine Allgemeine PTW könnte dabei allerdings klar herausstellen, was an einer Reduktion der PT auf einen Anwendungsfall der Psychologie (oder der Sozialwissenschaft etc.) problematisch ist. Diese Differenzierung mitzutragen, wäre nicht nur in einem metatheoretischen Sinn die anzustrebende Lösung, sondern fraglos auch in einem wissenschaftsethischen. Sie würde nicht zuletzt auch der existenziellen Ereignis- und Begegnungstiefe der «Seele» bzw. des Subjekts den gebührenden Respekt zollen, die sich jeder naturwissenschaftlichen Inhaftierung und Entsubjektivierung entzieht.

Scientific-theoretical and scientific-ethical considerations on the relationship between psychotherapy, psychology and psychotherapy science

Abstract: This article presents theoretical and ethical considerations on the relationship between psychotherapy (PT), psychology and psychotherapy science (PTW). The starting point is the lack of clarity as to whether PT should be understood as an independent science or as a specialization of psychology. It is argued that PT is not a science in the narrower sense, but must be supplemented on a reflective metatheoretical level by its own PTW. This is presented as an external, normative perspective that enables a systematic examination of PT, the internal theories of the PT schools and the historical, cultural and epistemological foundations. In doing so, the tension between the subject orientation of PT and the reductive approaches of modern science becomes a topic. The article argues for an integrative scientific architecture in which PTW acts as an independent discipline and embeds psychology and other relevant fields of research in a comprehensive meta-scientific framework.

Keywords: philosophy of science, ethics of science, psychotherapy (science), psychology, subject

Considerazioni scientifico-teoriche e scientifico-etiche sul rapporto tra psicoterapia, psicologia e scienza della psicoterapia

Riassunto: Questo articolo presenta considerazioni teoriche ed etiche sul rapporto tra psicoterapia (PT), psicologia e scienza della psicoterapia (PTW). Il punto di partenza è la mancanza di chiarezza sul fatto che la PT debba essere intesa come una scienza indipendente o come una specializzazione della psicologia. Si sostiene che la PT non è una scienza in senso stretto, ma deve essere integrata a livello metateorico riflessivo dalla propria PTW. Questa viene presentata come una prospettiva esterna e normativa che consente un esame sistematico della PT, delle teorie interne delle scuole di PT e dei fondamenti storici, culturali ed epistemologici. Viene affrontata la tensione tra l’orientamento al soggetto della PT e gli approcci riduttivi della scienza moderna. L’articolo sostiene un’architettura scientifica integrativa in cui la PTW agisce come disciplina indipendente e inserisce la psicologia e altri campi di ricerca rilevanti in un quadro metascientifico completo.

Parole chiave: filosofia della scienza, etica della scienza, psicoterapia (scienza), psicologia, soggetto

Réflexions sur la théorie et l’éthique de la science concernant la relation entre la psychothérapie, la psychologie et la science de la psychothérapie

Résumé : Cet article présente des réflexions sur la théorie et l’éthique de la science concernant la relation entre la psychothérapie (PT), la psychologie et la science de la psychothérapie (SPT). Le point de départ de ces réflexions est l’incertitude quant au fait de comprendre ou non la PT comme science à part entière ou comme spécialisation de la psychologie. Des arguments sont apportés indiquant que la PT ne constitue pas une science au sens propre mais doit être complétée à un niveau métathéorique réflexif par une SPT propre. Cette dernière est présentée comme perspective normative externe qui permet une étude systématique de la PT, des théories internes des écoles de PT et des fondements historiques, culturels et épistémologiques. Ce faisant, la tension entre l’orientation vers le sujet de la PT et les approches réductrices des sciences modernes sont alors thématisées. Cet article plaide pour une structure scientifique inclusive dans laquelle la SPT agit comme discipline à part entière et intègre la psychologie ainsi que les autres champs de recherche probants dans un cadre méta-scientifique global.

Mots clés : théorie scientifique, éthique scientifique, (science) de la psychothérapie, psychologie, objet

Biografische Notiz

Gerhard Burda ist Philosoph, Psychotherapiewissenschaftler an der SFU Wien und Lehranalytiker nach C. G. Jung in eigener Praxis.

Kontakt

comger@gmx.at

Anmerkungen

1 Schulthess, P. (2024). Editorial. Psychotherapie-Wissenschaft, 14(2), 6.

2 Wissenschaftsethik befasst sich mit den ethischen Standards wissenschaftlicher Forschung sowie mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Wissenschaft. Metawissenschaft (Wissenschaftstheorie, Wissenschaftsforschung, Wissenschaftswissenschaft, Science Studies, Science of Science) befasst sich mit der Strukturierung von wissenschaftlicher Theorie und Methodik sowie mit ihrer Entwicklung.

3 Bereits in den 1990ern argumentierten die Professoren der psychologischen Fakultäten in der Schweiz im Konflikt mit den privat betriebenen Ausbildungsinstituten für Psychotherapie, dass die Psychologie sich als Naturwissenschaft verstehe. Es gehe um klare Fakten, eindeutige Zahlen und statistische Ergebnisse. Auf der Website der Universität Zürich ist zu lesen, dass es im Studium der Psychologie nicht darum gehe, über das Menschsein, den Sinn des Lebens oder die Seele nachzudenken (https://www.psychologie.uzh.ch/de/studium/interesse.html). Psychologie als empirische Wissenschaft untersuche vielmehr das, was durch wissenschaftliche Experimente, durch Beobachtungen oder Fragebogen messbar sei [zit. n. Daniel, R. (2024). Plädoyer für die Seele. Ein Beitrag der jung’schen Tiefenpsychologie zu aktuellen individuellen und kollektiven Herausforderungen. Psychotherapie-Wissenschaft, 14(1), 45–51].

4 S. Burda, G. (2012). Formate der Seele. Erkenntnistheoretische Überlegungen und ethische Implikationen einer Allgemeinen Psychotherapiewissenschaft. Waxmann.

5 S. Burda, G. (2019). Psychotherapie und Wissenschaft – eine Nabelschau? Psychotherapie-Wissenschaft, 9(2), 31–40.

6 S. Feest, U. (2017). Philosophie der Psychologie. In S. Lohse & T. Reydon, (Hg.), Grundriss Wissenschaftsphilosophie. Die Philosophien der Einzelwissenschaften (S. 475–510). Meiner.

7 Dies würde dem herrschenden Trend entsprechen, dass Einzelwissenschaften ihre jeweils eigene «Philosophie» ausbilden.

8 Feest, 2017, S. 476.

9 S. Burda, G. (2024). Cartesianische Simulationen. Virtuelle Realität und reale Virtualität. Traugott Bautz.

10 Burda, G. (2018). Mediale Identität/en. Politik, Psychoanalyse und die Phantasmen von Verbindung und Trennung. Traugott Bautz.

11 Floridi, L. (2015). Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Suhrkamp.

12 Ebd., S. 13–17.

13 Zu ergänzen ist freilich, dass die wissenschaftliche Erforschung von PT auch anderen Disziplinen wie der Geschichte, Soziologie, Kulturwissenschaft, Medizin, Statistik usw. zugestanden werden muss. Auch dabei handelt es sich nicht um PTW im eigentlichen Sinn.

14 Vgl. dazu folgenden im Frühjahr 2025 erscheinenden Text des Autors: Das unverfügbare Subjekt. Ein psychotherapiewissenschaftsphilosophisches Manifest für das, was weder ein- noch ausgeschlossen werden kann. Waxmann.

15 Dies impliziert die Betonung von Vielfalt und die Distanzierung gegenüber singulären Führungsansprüchen, seien sie von einzelnen Psychotherapierichtungen, von externen Wissenschaften oder auch von beliebigen symbolischen Glaubenssystemen erhoben. Die PTW vertritt dadurch eine Haltung, die zu Verantwortlichkeit, Emanzipation und Solidarität über alle Differenzen hinweg ermutigt. Der damit gegebene normative Anspruch schliesst jedoch nicht aus, dass sich die PTW als abhängig von Bedingungen versteht, die ausserhalb ihrer selbst liegen.