Duplik zu den Repliken von Jürgen Kriz und Gerhard Burda auf Kurt Greiners «Psychotherapie als Textmedizin»
Kurt Greiner
Psychotherapie-Wissenschaft 15 (1) 2025 67–71
www.psychotherapie-wissenschaft.info
https://doi.org/10.30820/1664-9583-2025-1-67
Zusammenfassung: Der vorliegende Text ist eine Duplik zu den beiden Artikeln von Jürgen Kriz (2024) und Gerhard Burda (2024), die als Repliken auf Kurt Greiners Essay «Psychotherapie als Textmedizin. Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma» (2024) veröffentlicht wurden. Obwohl die zwei kritischen Abhandlungen theoretisch wohlfundierte Erörterungen von höchster wissenschaftlicher Qualität repräsentieren, wimmelt es in beiden nur so von groben Missverständnissen und Verwechslungen und immer wieder stösst man auf Ausblendungen, Verzerrungen, unbeabsichtigte Bestätigungen sowie auf Verfehlungen. Darüber hinaus ignorieren beide Artikelkritiker die essenzielle Frage danach, ob psychotherapeutische Praxis tatsächlich textmedizinisch funktioniert und verfehlen damit den eigentlichen Kern des Diskussionsgegenstands, nämlich die vorgeschlagene textmedizinische Praxisformel.
Schlüsselwörter: Psychotherapie, Textmedizin, Funktionsparadigma, Hermeneutik, Textwissenschaft
Der nun folgende Text ist eine Duplik zu den beiden Artikeln von Jürgen Kriz (2024) und Gerhard Burda (2024), die als Repliken auf meinen Essay «Psychotherapie als Textmedizin. Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma» (Greiner, 2024) veröffentlicht wurden. Zunächst wird einmal klargestellt, dass es sich bei den Texten von Kriz und Burda um eindrucksvolle wissenschaftliche Stellungnahmen handelt, die allerdings auch mehrere Unzulänglichkeiten aufweisen. Schliesslich wird die Aufmerksamkeit noch auf die unbeantwortet gebliebene Kernfrage, ob nämlich Psychotherapie tatsächlich textmedizinisch funktioniert, gelenkt, bevor ein Fazit meine Duplik abrundet.
Die als Repliken titulierten Artikel von Kriz und Burda sind zweifellos respektable wissenschaftliche Auseinandersetzungen. So entwickelt der prominente deutsche Psychologe, Psychotherapeut und Psychotherapieforscher Jürgen Kriz auf der paradigmatischen Basis seiner «Personzentrierten Systemtheorie» eine beeindruckende Abhandlung, die aus zwei separaten Teilbereichen besteht und den Titel trägt: «Wie bringen wir inneres Erleben und die Wirkung sozialer Strukturen zur Sprache? Eine Replik auf Kurt Greiner: ‹Psychotherapie als Textmedizin›». Während der Autor in seinem ersten «Argumentationskomplex» psychotherapiespezifische Themen ins Zentrum rückt, richtet er im zweiten den Fokus auf den Gegenstand «Wissenschaftskulturen». Vor dem Hintergrund einer vergleichsweise ganz anderen Denkfolie argumentiert wiederum der originelle österreichische Philosoph, Psychotherapeut und Psychotherapiewissenschaftler Gerhard Burda. Auf der epistemologischen Grundlage seines «Radikalen Skeptizismus» legt dieser Autor eine nicht weniger beeindruckende Auseinandersetzung vor, die er «Thors Hammer und das Unverfügbare. Eine Replik auf Kurt Greiners Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma in der Psychotherapie(-wissenschaft)» nennt.
Wie gesagt, die Niederschriften der beiden Artikelkritiker repräsentieren theoretisch wohlfundierte Erörterungen von höchster wissenschaftlicher Qualität, die nicht zuletzt aufgrund ihrer auffallend differenziert gestalteten Argumentation sehr imponieren. Nichtsdestotrotz wimmelt es in beiden eindrucksvollen Repliken nur so von groben Missverständnissen und Verwechslungen und immer wieder stösst man auf Ausblendungen, Verzerrungen, unbeabsichtigte Bestätigungen sowie auf Verfehlungen. Freilich können die zahlreichen Unzulänglichkeiten jetzt nicht im Detail thematisiert werden, denn das würde viel zu viele Textseiten beanspruchen und damit logischerweise den eng gesteckten Rahmen einer wissenschaftlichen Gegenerklärung im Artikelformat sprengen. Dennoch soll im Folgenden zumindest eine einzige Ausblendung exemplarisch herausgegriffen und diskutiert werden. Darüber hinaus steht das daran anschliessende Kapitel im Zeichen der Kriz-Burda’schen Kernverfehlung.
Kriz und Burda bemängeln z. B. meinen Neologismus Textmedizin, weil sie befürchten, dass eine diesbzgl. Begrifflichkeit eher für naturwissenschaftlich-technizistische resp. objektivierende Perspektiven spricht als für genuin psychotherapiewissenschaftliche, und dass die zwei etablierten, einflussreichen Fachgebiete Medizin und Psychologie von terminologischen Tendenzen dieser Art letztlich sogar profitieren könnten im Kampf um die wissenschaftskulturelle Deutungshoheit in punkto Psychotherapie. Ich behaupte jetzt, dass diese Vokabelkritik jene drei wesentlichen Aspekte ausblendet, die ich nun im Folgenden, einen nach dem anderen diskutieren möchte:
Sinnkonstituierende Text-Kontext-Relation: Die geäusserte Befürchtung, die ich als eine reflexhafte Primärreaktion auf diesen textwissenschaftlichen Neologismus werte, besteht natürlich nur so lange, wie eben nicht der fachsprachliche Bedeutungszusammenhang mit in Betracht gezogen wird. Setzt man den Terminus Textmedizin jedoch in ein Verhältnis mit dem psychotherapeutischen Gegenstand (Leidenstext) sowie dem psychotherapeutischen Ziel (Leidenstext-Auflösung bzw. Leidenstext-Auflockerung), dann verschwindet dieses Begriffsunbehagen blitzartig. Die Beklommenheit verflüchtigt sich sofort wieder, weil die spezifische Kontextrelation sinnkonstituierend ist und deutlich zeigt, dass mit Textmedizin nicht etwa objektivierende, naturwissenschaftlich-medizinische Zwecke verfolgt werden, sondern dass mit diesem Begriff ausschliesslich «die textwissenschaftlich basierte Einübung in die konstruktive Managebarkeit, in die heilsame Handhabung des eigenen Leidenstexts» (Greiner, 2024) intendiert ist. Alle interessierten und auch alle kritischen Leser*innen meines Essays, die nicht am Terminus Textmedizin quasi schockerstarrt kleben bleiben, sondern die bedeutungserhellende Artikellektüre in Angriff nehmen, werden Textmedizin gewiss richtig verstehen.
Terminologisch arrangierter Knalleffekt: Beide Artikelkritiker scheinen darüber hinaus den beabsichtigten Irritationseffekt meines textwissenschaftlichen Neologismus Textmedizin zu übersehen und dürften daher auch dessen konterkarierendes, torpedierendes Potenzial nicht wahrnehmen. In der bewusst provokanten Metapher Heilkunst am Text artikuliert sich ja geradewegs das genaue Gegenteil einer tendenziellen Anbiederung an die objektivierenden Hard-Science-Fächer Humanmedizin, Neurowissenschaft & Co. Jeder streng naturwissenschaftlich denkende Mensch kann doch wohl nur verständnislos den Kopf schütteln angesichts dieser hochgradig verstörenden Vokabelkombination von «Text» und «Medizin». Wieso bloss überhören die beiden Herren das in der Begriffsfigur Textmedizin bewusst arrangierte Aufeinanderprallen der beiden grundverschiedenen Wissenschaftskulturen TEWI (Textwissenschaften) und NAWI (Naturwissenschaften) und den damit verbundenen terminologischen Knalleffekt?
Eigentliche Begriffsproblematik «Psycho-Therapie»: Genaugenommen trifft die Kriz-Burda’sche Kritik am Neoterminus Textmedizin vielmehr auf den etablierten Begriff «Psychotherapie» zu, weil dessen beide Wortbestandteile «Psycho» und «Therapie» wesentlich stärker noch mitbedeutungsgeprägt sind von den dominanten Führungsfachgebieten Medizin («Therapie») sowie Psychologie («Psycho») und deren naturwissenschaftlich-technizistischen resp. objektivierenden Mainstreampraxen. So gesehen wäre doch Seelenbehandlungslehre als starkes Kontrastvokabel und möglicher Ersatzterminus für «Psychotherapie» viel adäquater. Unter der Voraussetzung dieses Alternativ-Wordings würde ich dann wohl auch eher von Äusserungsheilkunst als von Textmedizin sprechen. Obwohl ich das persönlich sympathisch fände, kann ich mir kaum vorstellen, dass die beiden Kritiker von dieser Idee begeistert wären. Wahrscheinlich würden sie sofort ins Feld führen, dass man mit einer dermassen «unwissenschaftlichen» Begrifflichkeit von vornherein keinerlei Chance hätte, in der offiziellen Wissenschaft Anerkennung zu finden. Wie auch immer, eine solche Reaktion käme dann jedenfalls einer Selbst-Aushebelung der Textmedizin-Begriffskritik gleich. Ich frage also: Wieso soll denn die blutjunge Textmedizin nicht sein, wenn doch die alte begriffsproblematische «Psychotherapie» so lange schon sein darf?
Diesen dritten Ausblendungsaspekt abrundend möchte ich jetzt noch ein kleines Verfremdungsexperiment an diesbzgl. Kriz-Burda-Zitaten vornehmen und überall dort, wo die beiden Herren von «Textmedizin» bzw. von «Text» und «Medizin» sprechen, stattdessen die Begriffe PSYCHOTHERAPIE bzw. PSYCHO und THERAPIE einsetzen. Dadurch ergeben sich die folgenden, m. E. bedenkenswerten Textpassagen:
«Zum einen geht es um die Frage, ob in den gegenwärtigen Entwicklungen der Psychotherapie, die stark von einem medizinisch-technischen Weltbild dominiert wird, die durch die beiden Wortbestandteile ‹PSYCHO› und ‹THERAPIE› diese […] Sicht nicht noch verstärkt wird und diese beiden Begriffe daher eher unglücklich gewählt sind» (Kriz, verfremdet von Greiner).
«[I]ch [halte] gerade die titelgebenden Wortbestandteile ‹PSYCHO› und ‹THERAPIE› für problematisch, weil missverständlich. Die mit beiden Worten verbundenen Konnotationen weisen – zumindest in Deutschland – eher auf eine objektivierende, dem Menschen in seiner Subjektivität und Ganzheit nicht gerecht werdende Sicht hin» (Kriz, verfremdet von Greiner).
«Angesichts dessen erscheint mir nun [die] Bezeichnung PSYCHOTHERAPIE als Charakterisierung der Psychotherapie […] als missverständliche Anlehnung an fragwürdige Sprachgewohnheiten, […] die allzu sehr an den trendigen Zeitgeist erinnern. Paradox daran ist, dass das ureigenste Anliegen […] darin besteht, die Psychotherapie nicht dem naturwissenschaftlichen Diktat zu unterwerfen» (Burda, verfremdet von Greiner).
Im Rahmen meines psychotherapiewissenschaftstheoretischen Artikels «Psychotherapie als Textmedizin» (Greiner, 2024) schlage ich ein «allgemeines Funktionsparadigma» vor, das psychotherapeutische Praxis modalitätenübergreifend als «textwissenschaftliches Training der persönlichen Leidenstext-Kompetenz», als «Schulung des Leidenstext-Selbstmanagements» begreifbar zu machen versucht.
Die zentrale Aufgabe einer Replik darauf bestünde meinem Verständnis nach v. a. darin, argumentativ zu belegen und zu zeigen, inwiefern sich psychotherapeutische Praxis sehr wohl und/oder inwiefern sich psychotherapeutische Praxis gerade nicht modalitätenübergreifend anhand der angebotenen hermeneutischen Interpretationsformel verständlich machen lässt. Es müsste m. E. also in Form einer Pro-und/oder-Contra-Argumentation dargelegt werden, inwiefern psychotherapeutische Praxis sehr wohl und/oder inwiefern psychotherapeutische Praxis gerade nicht modalitätenübergreifend nach dem offerierten textmedizinischen Operationsprinzip funktioniert. In Pro-und/oder-Contra-Detailausführungen wäre dabei konkret zu demonstrieren, inwiefern …
Die weiteren Ausführungen diskutieren nun den unverständlichen Sachverhalt, dass beide Artikelkritiker gerade diese essenzielle Frage danach, ob psychotherapeutische Praxis tatsächlich textmedizinisch funktioniert, einfach ignorieren und dass sie damit den eigentlichen Kern des Diskussionsgegenstands, nämlich meine vorgeschlagene textmedizinische Praxisformel schlichtweg verfehlen. Ich blicke dabei zuerst auf die Kernverfehlung bei Burda und danach auf die bei Kriz.
Zwar thematisiert Burda in seiner beeindruckenden Erörterung sehr wohl auch einige kernrelevante Bezugspunkte, stellt diese aber letztlich nicht in eine direkte Relation zu meinem funktionsparadigmatischen Vorschlag, um demonstrativ zu veranschaulichen, inwiefern psychotherapeutische Praxis sehr wohl und/oder inwiefern psychotherapeutische Praxis gerade nicht nach meiner angebotenen textwissenschaftlichen Prozessformel funktioniert. Nur ein Beispiel dazu: Burda erwähnt zwar das therapiespezifische Praxisgeschehen und definiert die «psychotherapeutische Situation» als
«eine besondere Situation […]. Sie ist ein geteilter, phantasmatisch durchsetzter Raum von vielfältigen Verbindungen und Trennungen, in dem generative und auch destruktive Prozesse stattfinden, Prozesse, die thematisiert und interpretiert werden können. In der Praxis ist es deshalb z. B. wichtig, auszumachen, wo Identifikation ihren Ausgang nehmen. Dadurch können innere Landkarten der Orientierung entstehen. Sie klären die Folgen der Beziehung mit frühen Bezugspersonen, die Folgen von Erziehung oder auch die Folgen einer unreflektierten Übernahme einer Ideologie, eines Glaubens usw., der nicht hinterfragt wurde oder werden durfte, auf. In der Analyse entstehen so komplexe Übertragungen in der wechselseitigen Mediatisierung von analysierender und analysierter Person, in dem die beiden Personen einander Medium sind […].»
Und obwohl es sich an Textstellen wie ebendieser geradezu anbieten würde, arbeitet Burda danach nicht mehr heraus, inwiefern hier eine Kompatibilität und/oder Inkompatibilität besteht zwischen seiner therapeutischen Praxiserläuterung und meiner textmedizinischen Praxisinterpretation. Er macht an keiner Stelle deutlich, inwiefern sich das, was er hier artikuliert, mit meinem offerierten textwissenschaftlichen Schema als ein hermeneutisches Geschehen, bei dem eben
«ein verbaler sowie nonverbaler Leidenstext in den Auffassungskontext einer spezifischen Therapiekultur dergestalt integriert wird, dass dadurch dieser Leidenstext als Spezifikum im Sinne der speziellen praxisleitenden Therapiekultur lesbar und damit spezifisch behandelbar, d. h. managebar resp. handhabbar wird» (Greiner, 2024),
tatsächlich verständlich und/oder gerade nicht verständlich machen lässt.
Obschon Kriz im Rahmen seiner beachtlichen Erörterung – ähnlich wie Burda – zwar einige kernrelevante Bezugspunkte thematisiert, offeriert auch er keine Antwort auf die Kernfrage. Denn auch er stellt diese Bezugspunkte letztlich nicht in eine direkte Relation zu meinem funktionsparadigmatischen Vorschlag, um demonstrativ zu veranschaulichen, inwiefern psychotherapeutische Praxis sehr wohl und/oder inwiefern psychotherapeutische Praxis gerade nicht nach meiner angebotenen textwissenschaftlichen Prozessformel funktioniert. Nur ein Beispiel dazu: Kriz schildert eine fiktive Szene, wie sie sich auch im Rahmen einer psychotherapeutischen Situation zutragen könnte:
«Wenn also, um bei Greiners Beispiel zu bleiben, Tamara sagen würde ‹ich habe Hunger› wissen wir nicht, ob dies eine kongruente Symbolisierung ihrer inneren Prozesse ist, oder eine von anderen (z. B. frühen Bezugspersonen) inadäquate Beschreibung von Empfindungen, bei denen sie als Baby mit der Brust ‹abgespeist› wurde, um ruhig zu sein. Und bei sorgfältiger Spür-Arbeit würde sich vielleicht statt ‹Hunger› ergeben, dass die Symbolisierung der Empfindungen durch: ‹Eine Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe› in manchen Situationen viel angemessener wäre. Nicht nur wir wissen also, was in Tamara als Subjekt wirklich vorgeht, sondern ggf. weiß dies auch Tamara selbst nicht (was z. B. in der Psychoanalyse mit ‹Introjekte› thematisiert wird).»
Und obwohl es sich an Textstellen wie ebendieser geradezu anbieten würde, arbeitet Kriz danach nicht mehr heraus, inwiefern hier eine Kompatibilität und/oder Inkompatibilität besteht zwischen dieser möglichen therapeutischen Praxissituation und meiner textmedizinischen Praxisinterpretation. Er macht – genauso wie Burda – an keiner Stelle deutlich, inwiefern sich das, was er hier artikuliert, mit meinem offerierten textwissenschaftlichen Schema als ein hermeneutisches Geschehen, bei dem eben
«ein verbaler sowie nonverbaler Leidenstext in den Auffassungskontext einer spezifischen Therapiekultur dergestalt integriert wird, dass dadurch dieser Leidenstext als Spezifikum im Sinne der speziellen praxisleitenden Therapiekultur lesbar und damit spezifisch behandelbar, d. h. managebar resp. handhabbar wird» (Greiner, 2024),
tatsächlich verständlich und/oder gerade nicht verständlich machen lässt.
Eine kritische Veranschaulichung dieser Art, eine demonstrative Bestätigung und/oder Richtigstellung bzw. einen entsprechenden Optimierungsvorschlag hätte ich mir in erster Linie von Artikelkritikern in der Sache erwartet. Unverständlicherweise aber bietet mir das weder Kriz, noch Burda.
Missverständnisse hin, Verwechslungen her – es ist unbestritten, dass Kriz und Burda mit ihren kritischen Schriften philosophisch und wissenschaftlich fundierte Erörterungen von höchster Qualität vorlegen, deren Wert als Repliken in der Sache indes fraglich ist, weil am eigentlichen Diskursgegenstand vorbeiargumentiert wird. Kriz und Burda ignorieren schlichtweg meine These eines allgemeinen Funktionsparadigmas der Psychotherapie, in der ich behaupte und auch zu begründen versuche, dass Psychotherapie – als «auf Text bezogene Heilkunst» (Textmedizin) – in toto eine genuine Textwissenschaft ist und insofern auch modalitätenübergreifend hermeneutisch funktioniert.
Beide Kritiker berühren nicht einmal die wesentliche Kernfrage danach, ob bzw. inwiefern diese spezielle und zur Diskussion gestellte Lesart von Psychotherapie zutrifft oder nicht. Es wird an keiner einzigen Stelle in den beiden Repliken darauf eingegangen, ob bzw. inwiefern sich meine textmedizinische Interpretationsformel de facto auf sämtliche Psychotherapiemodalitäten schlüssig und stimmig anwenden lässt und ob sie damit als ein allgemeines Funktionsparadigma der psychotherapeutischen Praxis gelten kann. Und ebendieser Sachverhalt ist genauso erstaunlich wie unverständlich. Vor allem aber ist dieses Kritikmanko für mich äusserst unbefriedigend, weil ich mir ja erwartete, anhand von Repliken genau darauf eine fundierte Antwort zu bekommen. Mithin bleibt die wesentliche Diskursfrage, ob mein vorgeschlagenes Funktionsparadigma funktioniert, betrüblicherweise unbeantwortet. Nichtsdestotrotz bin ich optimistisch und hoffe, dass meine «Psychotherapie als Textmedizin» von der interessierten und kritischen Leser*innenschaft auch weiterhin als ein Diskussionsangebot, als eine Aufforderung zur kritischen Stellungnahme wahrgenommen wird.
Burda, G. (2024). Thors Hammer und das Unverfügbare. Eine Replik auf Kurt Greiners Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma in der Psychotherapie(-wissenschaft). Psychotherapie-Wissenschaft, 14(2), 111–114.
Greiner, K. (2024). Psychotherapie als Textmedizin. Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma. Psychotherapie-Wissenschaft, 14(1), 9–17.
Kriz, J. (2024). Wie bringen wir inneres Erleben und die Wirkung sozialer Strukturen zur Sprache? Eine Replik auf Kurt Greiner: «Psychotherapie als Textmedizin». Psychotherapie-Wissenschaft, 14(2), 103–108.
Imposing discussions, all kinds of inadequacies and the core question that remains unanswered: Does psychotherapy really work as text medicine?
Reply to the responses by Jürgen Kriz and Gerhard Burda to Kurt Greiner’s «Psychotherapy as text medicine»
Abstract: This text is a duplicate of the two articles by Jürgen Kriz (2024) and Gerhard Burda (2024), which were published as responses to Kurt Greiner’s essay ‹Psychotherapy as Text Medicine. An attempt at a general functional paradigm› (2024). Although the two critical essays represent theoretically well-founded discussions of the highest scientific quality, the two replies are teeming with gross misunderstandings and confusions and one repeatedly encounters omissions, distortions, unintentional confirmations and misconceptions. Furthermore, both article critics ignore the essential question of whether psychotherapeutic practice actually works in terms of text medicine and thus miss the actual core of the subject of discussion, namely the proposed text medicine practice formula.
Keywords: psychotherapy, text medicine, functional paradigm, hermeneutics, textology
Discussioni imponenti, inadeguatezze di ogni tipo e la domanda centrale che rimane senza risposta: la psicoterapia funziona davvero in termini di medicina testuale?
Duplicato delle risposte di Jürgen Kriz e Gerhard Burda a «Psicoterapia come medicina testuale» di Kurt Greiner
Riassunto: questo testo è un duplicato dei due articoli di Jürgen Kriz (2024) e Gerhard Burda (2024), pubblicati come risposta al saggio di Kurt Greiner «Psychotherapie als Textmedizin. Un tentativo di paradigma funzionale generale» (2024). Sebbene i due saggi critici rappresentino discussioni teoricamente fondate e di altissima qualità scientifica, entrambi pullulano di grossolani fraintendimenti e confusioni e ci si imbatte ripetutamente in omissioni, distorsioni, conferme involontarie e idee sbagliate. Inoltre, entrambi gli articoli di critica ignorano la questione essenziale se la pratica psicoterapeutica funzioni effettivamente in termini di medicina testuale e quindi non colgono il vero nocciolo dell’argomento di discussione, ossia la formula pratica proposta per la medicina testuale.
Parole chiave: psicoterapia, medicina del testo, paradigma funzionale, ermeneutica, scienza del testo
Biografische Notiz
Kurt Greiner ist Professor für Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) in Wien. Seit 2007 lehrt und forscht er auf den Gebieten der Psychotherapiewissenschaftstheorie und der Experimentellen Psychotherapiewissenschaft (Psychotextologie).
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