Psychotherapie-Wissenschaft 15 (1) 2025 5–6
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Im breiten Spektrum psychotherapeutischer Techniken und Ansätze ragt ein Element als unverzichtbar hervor: die therapeutische Beziehung. Diese einzigartige Verbindung zwischen Therapeut:in und Klient:in ist nicht nur das Medium, durch das Werkzeuge und Wissen vermittelt werden, sondern der wahre Motor für Veränderung. In der Qualität dieser Beziehung liegt das transformative Potenzial einer jeden Psychotherapie.
Die therapeutische Beziehung ist weit mehr als ein Raum des Zuhörens: Sie ist eine authentische Begegnung, die auf Vertrauen, Empathie und Authentizität basiert. Und sie macht die Psychotherapie zu einer Kunst ebenso wie zu einer Wissenschaft – eine Begegnung, die die Kraft hat, Schmerz in Wachstum, Verletzlichkeit in Stärke zu verwandeln. Wie sich diese spezielle Art der Beziehung messen lässt, wird seit vielen Jahrzehnten nach der intersubjektiven Wende an Lehrstühlen der Psychotherapieforschung auf der ganzen Welt – wenn auch in immer weiter schwindender Zahl – eingehend beforscht. Dabei treten zuvor wenig beachtete, auf die Behandlung einflussnehmende Faktoren wie die behandelnden Psychotherapeut:innen selbst sowie subtile nonverbale und oftmals kaum wahrnehmbare Formen der Gesprächsführung immer mehr in den Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses. Um diese und ihre Wichtigkeit für die Allianz- und Beziehungsbildung in der psychotherapeutischen Beziehung soll es in diesem letzten von der ASP als Berufsverband herausgegebenen Heft der Psychotherapie-Wissenschaft gehen.
Christian Wachter und Henriette Löffler-Stastka beschreiben in ihrem Artikel durch ein anschauliches Fallbeispiel, wie inter- und intrapsychische Prozesse bei Patient:innen und Psychotherapeut:innen, dargestellt durch affektive nonverbale Kommunikationsprozesse in der Therapiestunde, sich gegenseitig bedingen. Dabei können sie eindrücklich aufzeigen, wie bewusste und unbewusste Austauschprozesse im Therapeuten des Fallbeispiels miteinander dialogisieren, bis eine Deutung aufgrund der genauen Analyse der Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamik innerhalb der Therapiedyade möglich wird, die den Therapieprozess positiv voranbringt.
Lea-Sophie Richter beleuchtet in ihrem Artikel den Psychotherapeut:innen-Faktor, der via nonverbaler Verhaltensweisen ganz wesentlich zum Aufbau von therapeutischer Allianz und positivem Therapie-Outcome beiträgt. Ihre Literaturübersicht stellt dar, wie sich dieser Faktor durch die Modernisierung der Psychotherapie durch Teletherapie- und Online-Angebote gewandelt hat und stetig weiterentwickelt, und sie zeigt auf, wie nonverbale Kommunikation aufseiten des Psychotherapeut:innen auch in Zukunft die Beziehung zu Patient:innen festigen kann.
Martin Steppan und Marc Birkhölzer geben in ihrem Artikel einen Eindruck der Möglichkeiten, die sich für die Erforschung intersubjektiver Prozesse, hier nonverbaler Prozesse bei Patient:innen und Psychotherapeut:innen, durch Künstliche Intelligenz ergeben. Neben der zukunftsweisenden Chancen einer Analyse nonverbaler Kommunikation in Echtzeit machen sie auch auf neue Herausforderungen und Parameter aufmerksam, die KI in einer Disziplin, die von Verschwiegenheit geprägt ist, mit sich bringt.
Nada Kojovic und Marie Schaer untersuchen in ihrer Originalarbeit die Implikationen der neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse und beschreiben, wie aufkommende Theorien, so z. B. die der verminderten sozialen Motivation, dazu beitragen, den Ursprung sozialer und kognitiver Schwierigkeiten bei Kindern mit ASS zu erklären. Dabei bleibt ihre Reflexion nicht auf die Theorie beschränkt, sondern übersetzt sich in eine tiefgehende Analyse früher Interventionspraktiken wie des Early Start Denver Model (ESDM). Der Artikel hebt auch den Schweizer Kontext hervor und bietet ein konkretes Beispiel dafür, wie Forschung öffentliche Politik beeinflussen kann.
Kirolos Eskandar teilt in seinem Originalartikel Erkenntnisse mit der Leserschaft über das Zusammenspiel von Epigenetik und Verhaltensstörungen. In seiner Literaturübersicht geht er der Frage nach, wie epigenetische Faktoren mit der Herausbildung von bestimmten psychischen Störungsbildern in Verbindung stehen und diese bedingen können. Durch den Brückenschlag von Epigenetik und früher Kindheitserfahrung sowie intergenerationellem Erbe verdeutlicht er die zukunftsträchtige Einbeziehung von epigenetischer Forschung in Psychiatrie und Psychotherapie für moderne Behandlungsmethoden.
Unter der Rubrik «Diskussion» führt Kurt Greiner seine Duplik auf die Repliken von Jürgen Kriz und Gerhard Burda bezüglich seines in Bd. 14/1 erschienenen Artikels «Psychotherapie als Textmedizin. Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma» an. Seine Antwort hat zum Ziel, Missverständnisse bezüglich seines Konzepts der Psychotherapie als Textmedizin innerhalb der genannten Repliken aus dem Weg zu räumen.
Gerhard Burda gibt in seinem Diskussionsartikel eine Abhandlung über den Terminus Psychotherapiewissenschaft sowie persönliche Überlegungen zu dessen wissenschaftlicher Einordnung.
Mario Schlegel stellt in seinem Plädoyer-Artikel eine grundlegende Verschiedenheit von Psychotherapiewissenschaft und Psychologie zur Diskussion und versucht, einen Brückenschlag zu bilden.
In eigener Sache richten sich Peter Schulthess und Mario Schlegel, beide Mitgründer der Zeitschrift Psychotherapie-Wissenschaft, direkt an die Leserschaft, um ihnen einen Rückblick auf die Zeitschrift zu gewähren. Ausserdem würdigen sie das Engagement zahlloser Autor:innen und Herausgeber:innen über die Jahre, die die Zeitschrift zu dem gemacht haben, was sie heute ist.
Zum Schluss findet die interessierte Leserschaft Buchbesprechungen zu Neuerscheinungen auf Deutsch von den Autor:innen Eva Kaul und Markus Fischer, Ingrid Riedel und Paolo Raile sowie zu einem Band älteren Erscheinungsdatums auf Italienisch von Giacomo Rizzolati und Corrado Sinigaglia, ein aus Sicht des Redaktionsteams wichtiges Buch, das nicht in Vergessenheit geraten soll.
Wir wünschen eine anregende Lektüre!
Lea-Sophie Richter & Mara Foppoli