Psychotherapie als Textmedizin

Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma

Kurt Greiner

Psychotherapie-Wissenschaft 14 (1) 2024 9–17

www.psychotherapie-wissenschaft.info

CC BY-NC-ND

https://doi.org/10.30820/1664-9583-2024-1-9

Zusammenfassung: Im Rahmen des vorliegenden psychotherapiewissenschaftstheoretischen Experiments wird psychotherapeutische Praxis modalitätenübergreifend als auf Text bezogene Heilkunst interpretiert. Diesem Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma, der als Diskussionsangebot gedacht ist, liegt dabei die Prämisse zugrunde, dass der psychotherapeutische Gegenstand «subjektives Erleben» ist, das sich sowohl in verbalem als auch nonverbalem «Text» artikuliert, der wiederum verstanden werden will. Zuvor aber muss der philosophische Diskurskontext skizziert werden, der sich seit über 100 Jahren um die Streifrage dreht, welche Art von Wissenschaft die Psychotherapie repräsentiert: Naturwissenschaft oder Geisteswissenschaft? Immerhin lässt sich die textwissenschaftliche Lesart von Psychotherapie nur vor diesem Hintergrund schlüssig verstehen, da sie in diese Diskussion eingebettet ist.

Schlüsselwörter: Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Textwissenschaft, Textmedizin, Funktionsparadigma, Psychotherapie, Hermeneutik, subjektives Erleben, Leidenstext, Leidenstextkompetenz, Leidenstext-Selbstmanagement

Vorbemerkung zum Textprodukt

Psychotherapie als Textmedizin – diese etwas merkwürdig klingende Interpretation, die psychotherapeutische Praxis als auf Text bezogene Heilkunst zu fassen versucht, fällt freilich nicht vom Himmel, sondern basiert auf einer Ideenentwicklungsgeschichte.

Vorbreitende Gedanken finden sich bereits in einer ersten konstruktivistisch-epistemologischen Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Wissenschaftskultur bei Greiner (2007a). Weiterführende, sukzessive sich vertiefende Überlegungen zu einer genuin psychoanalytischen/psychodynamischen Hermeneutik (Logopoietische Textwissenschaft)1 sind in Greiner (2012, 2016, 2017, 2020) ausformuliert und das erste, noch nicht weiter ausdifferenzierte, comicstripartige Experiment einer Übertragung dieser textwissenschaftstheoretischen Perspektive auf Psychotherapie in toto ist in Greiner (2021b) veröffentlicht.

Das spezifische Novum des hier entfalteten Essays, der an diese Vorläufertexte anknüpft, indem er deren Basisargumente nochmals aufgreift, neukombiniert, ergänzt und erweitert, besteht in der interpretatorischen Zuspitzung, die eben darauf hinausläuft, Psychotherapie versuchsweise textmedizinisch, d. h. als textwissenschaftliche Praxis im Dienste der Schulung des Leidenstext-Selbstmanagements zu bestimmen.

Ausgangslage: Tamara, Martin und ich

Dieser Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma soll demonstrieren, dass der sinnverstehende Zugang («Hermeneutik») ein grundlegendes Operationsprinzip in der Psychotherapie repräsentiert. Dem Vorhaben liegt dabei die Prämisse zugrunde, dass der Gegenstand «Psychisches», für den sich auch die Psychotherapie interessiert, jeweils nur «subjektiv erlebbar» ist (Schmidt 1995). D. h., dass ich jeweils nur mein Angsterleben, mein Lusterleben, mein Schmerzerleben etc. habe, dass hingegen Tamara jeweils nur ihr Angst-, ihr Lust-, ihr Schmerzerleben etc. und Martin jeweils nur sein Angst-, sein Lust-, sein Schmerzerleben etc. hat. Mithin können Tamara und Martin genauso wenig mein Angsterleben haben, wie ich deren Lust- und Schmerzerleben etc. haben kann vice versa (Greiner 2021b).

Was tun wir nun mit dem «subjektiven Erleben»? Lässt sich mit dem Gegenstand «Psychisches» auf wissenschaftliche Weise überhaupt umgehen? Wie muss eine Wissenschaft beschaffen sein, um diesen Gegenstand adäquat beforschen zu können? Das sind die altbekannten philosophischen Grundfragen in Psychologie und Psychotherapie. Im Unterschied zur akademischen Psychologie, in der diese ungebrochen hochaktuellen essenziellen Fragen schon längst nicht mehr diskutiert werden, wird in der Psychotherapie nach wie vor heftig darüber gestritten, ob es sich bei dieser um eine natur- oder geisteswissenschaftliche Praxisform handelt. Mit dem Begriffspaar Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften sind jetzt zwei grosse Wissenschaftskulturen angesprochen, deren Fundamentaldifferenzen sich schon allein deshalb nicht qua vereinheitlichende Bemühungen überbrücken lassen, weil hier zwei grundverschiedene Gegenstandsphänomene von Erkenntnisinteresse sind, deren Erforschung die Anwendung zweier grundverschiedener Methodenformate erfordert (Greiner 2016).

Zwei Wissenschaftskulturen: Natur- vs. Geisteswissenschaften

Seit jeher wird naturwissenschaftliches Denken und Forschen vom methodischen Postulat des «Kausalprinzips» geleitet, demzufolge es «jederzeit nach Ursachen bzw. Gesetzen (in verschärfter Fassung: jederzeit nach determinierenden Ursachen bzw. deterministischen Gesetzen) zu suchen» (Krüger & Rheinwald 1980, 327) gilt. So gesehen kann das Paradigma des kausalanalytischen Erklärens von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, das den methodologischen Rahmen für die konkrete Schaffung nomothetischen Wissens in sämtlichen empirisch-quantitativen Forschungsdisziplinen (Medizin, Sozialwissenschaften) aufspannt, als das charakteristische Merkmal der modernen Naturwissenschaften begriffen werden (Holzkamp 1995; Jandl 2010).

Von der naturwissenschaftlichen Strategie des «kausalanalytischen Erklärens» unterscheidet sich die geisteswissenschaftliche Taktik des «hermeneutischen Verstehens», das sich auf die «Erfassung sinnvoller menschlicher Lebensäußerungen» richtet und «primär bezogen [ist] auf Ausdruck (auf Zeichen, Sprache, Symbol, Handlung) und auf seine Bedeutung» (List 1980, 673). Wissenschaftsgeschichtlich betrachtet lassen sich die «verstehenden Geisteswissenschaften» den «erklärenden Naturwissenschaften» insofern gegenüberstellen, als

«sich die Geisteswissenschaften auf einzelne Ereignisse und Handlungen von Menschen in Gegenwart und Vergangenheit beziehen, die sie zunächst zu beschreiben und deren Sinn sie sodann zu verstehen versuchen, während die Naturwissenschaften Ereignisse der objektiven Welt in allgemeine, ‹Gesetze› genannte Zusammenhänge einzuordnen und so kausal zu erklären unternehmen» (Zimmerli 1992, 89f.).

Differente Kategorien: Naturgesetz vs. Sinndimension

Um eine Spur noch deutlicher wird die angesprochene Grundverschiedenheit zwischen naturwissenschaftlichen Untersuchungsambitionen und geisteswissenschaftlichen Erkenntnisinteressen durch jene gegenstandsspezifische Überlegung, wonach in hermeneutischen Forschungsterrains der

«Analysegegenstand der in einem sozialen Kontext lebende und handelnde Mensch ist, das soziale Individuum, dessen Handeln mit Sinn, mit Bezug auf andere versehen ist; dieses Handeln muss verstanden werden. Somit bedarf auch seine wissenschaftliche Analyse einer anderen Methode. (Die naturwissenschaftlichen und zum Gegenstand der Analyse gemachten Phänomene müssen eben erklärt werden; verstehen – im Sinne einer Erfassung ihrer ‹Motivation› – ist nicht möglich.) Nicht die generelle, hinter dem Handeln vermutete Gesetzmäßigkeit – die es so nicht gibt –, sondern die für das Verstehen notwendigen Motive sind entscheidend» (Lamnek 1995, 14).

Selbstverständlich haben jene Kriterien, die in den Naturwissenschaften zur Beurteilung der Angemessenheit, der Korrektheit, d. h. der «Wahrheit» von erzielten Aussagen über den Forschungsgegenstand herangezogen werden (z. B. «Korrespondenztheorie der Wahrheit»), für die Bewertung der Richtigkeit von hermeneutisch-sinnverstehenden Erkenntnissen keinerlei Funktion. Worin unterscheidet sich dann aber eine «richtige» von einer «falschen» Interpretation? Aus wissenschaftstheoretischer Sicht gilt diejenige Deutung als angemessen,

«die alles vorhandene einschlägige Wissen über das zu interpretierende Dokument in einen kohärenten – logisch und inhaltlich stimmigen – Zusammenhang bringt und so seinen Sinn konstruiert. Ein Korrespondenz- (oder Adäquatheits-)Kriterium der Wahrheit ist hier untauglich, weil es keinen Sinn ‹an sich› des Dokumentes neben und außerhalb des durch die Interpretation konstruierten Sinnes gibt, so dass zwei Sinne zu unterscheiden, zu vergleichen oder gar zu verschmelzen wären» (Geldsetzer 1992, 136).

Fazit: Zwei Welten des Denkens und Forschens

Wir wollen nun die wissenschaftskulturelle Grunddifferenz zwischen Natur- und Geisteswissenschaften an folgendem Sachverhalt zusammenfassend auf den Punkt bringen: Ursachenfindung ist das zentrale Motiv naturwissenschaftlicher Investigationen. Hermeneutischen Bemühungen geht es indes um Konstruktion, Rekonstruktion, Dekonstruktion, Transformation etc. von Sinngehalten. D. h., in der Hermeneutik geht es letztlich immer um Sinnverstehen und nicht um Entdeckung und Freilegung von speziellen Ursachen, welche bestimmten Wirkungen (Ereignissen, Phänomenen) naturgesetzbedingt zugrunde liegen mögen. Hier sind zwei gänzlich verschiedene und insofern auch unvereinbare Ambitionen des Denkens und Forschens am Werk (Greiner 2016).

Psychoanalyse als Proto-Psychotherapie: Natur- oder Geisteswissenschaft?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begründet der Wiener Arzt Sigmund Freud mit seiner Psychoanalyse das erste Paradigma der modernen Psychotherapie. Freud betrachtet die Psychoanalyse stets als ein naturwissenschaftliches Forschungs- und Praxisprogramm, was nicht zuletzt mit seiner naturwissenschaftlichen Sozialisation als Mediziner zu tun hat. Allerdings ruft dieser Bestimmungsversuch im 20. Jahrhundert enormen Widerspruch und grosse Kritik hervor und zwar in zwei entgegengesetzten Lagern der Wissenschaftsphilosophie.

Da die Psychoanalyse, wissenschaftsgeschichtlich betrachtet, als die Urform der Psychotherapie bzw. als Proto-Psychotherapie bezeichnet werden kann, scheint dieser erste grosse Positionierungsdiskurs der Psychoanalyse auch für unsere spezielle epistemologische Ambition, die sich auf die Psychotherapie insgesamt richtet, relevant zu sein. Sehen wir uns also zuerst an, was die Vertreter des Empirismus auf Freuds Überzeugung erwidern, die Psychoanalyse sei eine Naturwissenschaft (Greiner 2007b, 2017). Danach werden wir unsere Aufmerksamkeit auf die Vertreter der Hermeneutik lenken, um zu erfahren, wie sie auf Freuds Wissenschaftsverständnis reagieren (Greiner 2016, 2017).

Die empirische Position: Psychoanalyse ist keine Naturwissenschaft, könnte sich aber noch zu einer solchen entwickeln!

Das philosophische Problem, mit dem sich der Wiener Philosoph Karl Popper zu Beginn des 20. Jahrhunderts herumzuschlagen beginnt, betrifft die Unterscheidungsmöglichkeit zwischen «Wissenschaft» und «Scheinwissenschaft». Er fragt sich:

«Wie kann man eine echte empirische Methode von einer nichtempirischen oder sogar von einer scheinbar empirischen Methode unterscheiden – das heißt, von einer Methode, die sich zwar auf Beobachtung und Experiment beruft, aber dennoch nicht den Ansprüchen genügt, die an die naturwissenschaftliche Methode zu stellen sind?» (Popper 1994, 47)

Neben der Geschichtstheorie von Karl Marx sind es insbesondere die «abenteuerlichen» Theorien der Psychoanalyse nach Freud sowie der Individualpsychologie nach Alfred Adler, die Popper in den späten 1910er Jahren interessieren und auf die er sein spezifisches Erkenntnisinteresse nicht zuletzt deswegen anzuwenden versucht, weil er deren «Anspruch auf Wissenschaftlichkeit anzuzweifeln« begann. Poppers Ambition liegt dabei das eigenartige «Gefühl» zugrunde,

«dass diese […] Theorien, obwohl sie vorgaben, wissenschaftlich zu sein, in Wirklichkeit mehr mit primitiven Mythen gemeinsam hatten als mit der Naturwissenschaft, dass sie der Astrologie näher standen als der Astronomie. […] Denn diese Theorien schienen fähig zu sein, alles zu erklären, was in ihren Anwendungsbereich fiel» (ebd., 48).

Diese grandiose «Erklärungskraft», die er hier anspricht und die so verdächtig auf ihn wirkt, demonstriert Popper exemplarisch anhand der nun folgenden Begebenheit, die sich während der Zeit seiner Mitarbeit in einer von Adlers pädagogischen Beratungsstellen in Wien zuträgt:

«Ich berichtete ihm [Adler] damals, im Jahre 1919, über einen Fall in der Beratungsstelle, der mir nicht sehr ‹adlerianisch› vorkam. Er aber hatte nicht die geringste Schwierigkeit, ihn im Sinne seiner Theorie als einen Fall von Minderwertigkeitsgefühlen zu diagnostizieren, obwohl er das Kind nicht einmal gesehen hatte» (ebd., 49).

Da Adlers diesbzgl. Reaktion nach Poppers Ansicht wohl kaum etwas mit der Schaffung von Erfahrungswissen im empirischen Sinne zu tun hätte, stellt dieser die Frage:

«Aber was […] wurde damit bestätigt? Nicht mehr als die Tatsache, dass ein Fall im Sinne der Theorie gedeutet werden konnte. Das aber bedeutet sehr wenig, so dachte ich, denn jeder nur denkbare Fall konnte ja im Sinne von Adlers Theorie gedeutet werden; aber auch ebenso gut im Sinne von Freuds Theorie» (ebd.).

Das von ihm konstatierte Faktum, dass Freuds und Adlers Theorien «mit allen nur möglichen Formen menschlichen Verhaltens vereinbar (waren)», verursacht Popper (ebd., 50f.) jedenfalls grosses philosophisches Unbehagen. Summa summarum sieht er sowohl bei Freuds Psychoanalyse als auch bei Adlers Individualpsychologie nicht wissenschaftlichen Logos, sondern vielmehr dichterischen Mythos am Werk. Freuds psychoanalytisches Instanzenmodell ins kritische Visier nehmend, meint er schliesslich:

«Freuds Epos vom Ich, Über-Ich und Es kann kaum mehr Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben als Homers Sammlung von olympischen Skandalgeschichten. Als Theorien erklären sie einige Tatsachen, aber nach Art und Weise von Mythen. Sie enthalten hochinteressante Gedanken über psychologische Probleme, aber leider nicht in prüfbarer Form» (ebd., 53f.).

Zur naturalistischen Ambition: Biologie der Subjektivität

Nicht zuletzt durch Poppers vernichtende Kritik angekurbelt, ist gegen Ende des 20. Jahrhunderts in der Psychoanalyse eine neurowissenschaftliche Denkströmung dominant geworden. Seit den 1990ern verdichten sich interdisziplinäre Kooperationsbestrebungen zwischen Psychoanalyse und Neurologie immer mehr zu einem eigenständigen Wissenschaftsprogramm, das unter der Bezeichnung «Neuro-Psychoanalyse» (Kaplan-Solms & Solms 2005) in der internationalen Diskussion bereits grosse Beachtung gefunden hat (Greiner 2007b).

Freilich erfährt dieses spezielle forschungsleitende Erkenntnisprogramm bei sehr vielen Psychoanalytiker:innen die erwartete Resonanz, weil die Überzeugung vorherrscht, dass die Psychoanalyse von einer Liaison mit der Neurowissenschaft nur profitieren könne (Cooper 2006, 185). Bis heute proklamiert eine Vielzahl von Psychoanalytiker:innen die Relevanz der Biologie für ihre Wissenschaft und verspricht sich von einer neurobiologischen Fundierung die Metamorphose der Psychoanalyse von einer «vorwissenschaftlichen Praxisform» (Mythos) in eine «wissenschaftlich begründete Disziplin» (Logos) (Kandel 2006, 32). Seit Poppers Mythen-Verdikt leidet die Psychoanalyse am Manko, keine «exakte Tatsachenwissenschaft» zu sein, weil ihr dazu die «empirische Grundlage» fehle (Roth 2006, 10; Kandel 2006, 106). Daher müsse sie endlich objektive Methoden zur Prüfung ihrer Hypothesen entwickeln und könne insofern nur durch den Zusammenschluss mit den etablierten erfahrungswissenschaftlichen Forschungsrichtungen zu einer «experimentell gestützten Wissenschaft des Geistes» avancieren (Kandel 2006, 35, 120). Erst dann, wenn sich die Psychoanalyse selbst als «Zweig der Biologie» (ebd., 125) versteht, wird sie in der Lage sein, an einer «Biologie der Subjektivität, des Bewusstseins, des Ichs» (Cooper 2006, 185) ernsthaft mitwirken zu können. Der prominente Neurowissenschaftler Eric Kandel (2006, 107) fragt: «Worin könnte das Verlangen der Psychoanalyse sonst liegen, wenn nicht darin, die kognitivste der Neurowissenschaften zu sein?» Und er bringt die Sache schliesslich auf den Punkt, indem er sogleich klarstellt: «Die Zukunft der Psychoanalyse […] liegt im Dunstkreis einer empirischen Psychologie, die von bildgebenden Verfahren, neuroanatomischen Methoden und der Humangenetik unterstützt wird» (ebd.).

Die hermeneutische Position: Psychoanalyse ist keine Naturwissenschaft und wird auch in Zukunft keine sein, weil sie eine Geisteswissenschaft ist!

Im Lager der hermeneutischen Philosophie steht die Psychoanalysediskussion hingegen unter einem ganz anderen Vorzeichen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewinnt hier jene Kritik des berühmten deutschen Philosophen Jürgen Habermas (1968) grossen Einfluss, wonach «Freuds wissenschaftstheoretisches Selbstverständnis auf einem szientistischen Missverständnis der Eigenart der Psychoanalyse» basiere. Bei der psychoanalytischen Herangehensweise handle es sich gerade nicht um eine naturwissenschaftliche, sondern vielmehr um «eine ‹tiefenhermeneutische› Disziplin, die versuche, in entstellten ‹Texten› (neurotischen Symptomen), Träumen usw. einen Sinn zu finden.» So gesehen hätte «Freud eine spezielle entmystifizierende ‹Tiefenhermeneutik› oder Interpretationstechnik entwickelt, um eine systematisch verzerrte Kommunikation zu verstehen und aufzuheben» (Skirbekk & Gilje 1993, 758f.).

Aber nicht nur Habermas zufolge hätte die Psychoanalyse ihr naturwissenschaftstheoretisches «Selbstmissverständnis» zu überwinden, sondern auch für Alfred Lorenzer (1974) repräsentiere sie vielmehr eine «Kunst der Interpretation» insofern, als es dem Analytiker um «Sinn» gehe, den es angesichts schwerverständlicher Patientenäusserungen zu ermitteln gilt. Nicht weniger interessant ist die Perspektive des französischen Philosophen Paul Ricœur (1969), der, obschon er sie in methodologischer Hinsicht zwischen den beiden Begriffspolen «Hermeneutik» und «Energetik» aufgespannt sieht, die Psychoanalyse nicht zuletzt aufgrund ihrer kulturphilosophischen Funktion als eine Hermeneutik bezeichnet. Für den Existenzialisten Jean-Paul Sartre (1991), um ein letztes Beispiel zu nennen, sei die Psychoanalyse deshalb eine hermeneutische Disziplin, weil ihre zentrale Aufgabe in der «Entzifferung», der «Festlegung» sowie des «Inbegriffefassens» menschlicher Verhaltensweisen bestehe, in denen der Mensch stets in seiner «Ganzheit» zum Ausdruck komme (Greiner 2017).

Seitdem die Diskussion über die epistemologische Selbstverkennung der Psychoanalyse in Schwung gekommen war, warnen Philosoph:innen und Wissenschaftstheoretiker:innen immer wieder aufs Neue vor dem fatalen Irrglauben, man könne mit psychoanalytischen resp. psychotherapeutischen Mitteln die «Natur der Psyche» erforschen, um endlich deren «wahre Struktur» zu verstehen (Greiner 2016).

«Zweifellos hat Freud sich in jüngeren Jahren naturwissenschaftlich so verstanden, dass er eine Art Seelenmechanismus darstellt, dass er eine Art Seelenmechanismus gefunden hat. Dass er gefunden hat, wie die Seele, was immer das auch ist, die Seele einschließlich des Unbewussten, funktioniert.»

Auch der Wiener Wissenschaftsphilosoph Friedrich Wallner (1996, 350–356) bezeichnet dieses Selbstverständnis von Psychoanalyse als einen groben Fehler. Begreife sich nämlich Psychoanalyse bzw. Psychotherapie «als Wissenschaft, die einen Seelenmechanismus darstellt, so versteht sie sich falsch», eben weil sie «nicht das Seelenleben oder die Ursache für ein bestimmtes Verhalten» beschreibt.

Zur sinninterpretatorischen Ambition: Subjektivität verstehen

De facto seien psychoanalytische Aktivitäten in der Art einer hermeneutisch-zirkulären Wissenschaft strukturiert. Im Unterschied aber zum klassischen Zirkelprozess des historischen Fragens und Forschens käme beim psychoanalytisch-hermeneutischen Zirkel «die Unterbrechung durch praktische Aktivitäten und Einflüsse zustande», was z. B. dann der Fall wäre, wenn sich der Klient

«als geheilt betrachtet oder Aktivitäten setzt, die diese zirkuläre Bewegung des Psychotherapeuten als unnötig erscheinen lassen. Die Unterbrechung der zirkulären Aktivität ist durch die Praxis gegeben, anders als beim hermeneutischen Zirkel, der eine endlose Annäherung an eine Form von Einsicht oder Wahrheit ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Psychotherapie das Ziel verfolgt, das Leben des Klienten zu verbessern, was dazu führt, dass der hermeneutische Zirkel unterbrochen wird, sobald dieses Ziel erreicht ist» (Wallner 2002, 252).

Erst im Lichte dieser vorgeordneten therapeutisch-pragmatischen Zielorientierung zeige sich der legitime «Erkenntnisanspruch der Psychoanalyse». Die zentrale Aufgabe der psychoanalytisch-therapeutischen Unternehmung bestehe nämlich darin,

«eine Vielzahl von menschlichen Aktivitäten – und im weitesten Sinn auch seelischen Aktivitäten – überblickbar zu machen. Die Psychoanalyse beschreibt nicht, wie das Seelenleben wirklich ist, sondern sie macht seelische Vorgänge überblickbarer, als sie in ihrer lebensweltlichen Deutung sind. Natürlich haben wir die seelischen Vorgänge lebensweltlich immer schon gedeutet, aber diese Deutung bereitet für einige Menschen Schwierigkeiten. Manche bekommen durch die lebensweltliche Deutung ihres Seelenlebens seelische Krankheiten. Phobien, Zwänge oder andere seelische Krankheiten entstehen durch missglückte lebensweltliche Deutungen von seelischen Vorgängen. Soweit wir gesund sind, haben wir unsere seelischen Vorgänge lebensweltlich im Griff» (ebd., 253f.).

Fazit: Psychoanalyse im Spannungsfeld der wissenschaftsphilosophischen Positionen

Bringt man die beiden Positionen zusammenfassend auf den Punkt und stellt sie dabei einander gegenüber, so ergibt sich folgendes Bild: Im Unterschied zu den Philosophen des Empirismus, die der Psychoanalyse zwar keinen Naturwissenschaftsstatus attestieren, in ihr sehr wohl aber das Potenzial einer Naturwissenschaft zu erkennen meinen, läuft die Argumentation des hermeneutischen Lagers darauf hinaus, Psychoanalyse als eine genuine Geisteswissenschaft zu begreifen. Mit dem Wissen um die Geschichte dieser heftigen philosophischen Debatte auf dem Feldsektor Psychoanalyse wollen wir uns nun dem Gesamtfeld Psychotherapie zuwenden und vor dem Hintergrund unserer Prämisse, dass es sich beim Objekt der Psychotherapie, dem «Psychischen», um das Phänomen des «subjektiven Erlebens» handelt, nachfragen, was sich in diesem Sinne über eine gegenstandsangemessene psychotherapeutische Methodik herausfinden lässt.

Das textwissenschaftliche Operationsprinzip der Psychotherapie: Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma

Kehren wir gleich nochmals zurück zu dieser Prämisse in unserer Ausgangslage, wonach der Gegenstand «Psychisches», für den sich auch die Psychotherapie interessiert, jeweils nur «subjektiv erlebbar» ist (Greiner 2021b). Wir waren davon ausgegangen, dass ich jeweils nur mein Angst-, mein Lust-, mein Schmerzerleben etc. habe, dass hingegen Tamara jeweils nur ihr Angst-, ihr Lust-, ihr Schmerzerleben etc. und Martin jeweils nur sein Angst-, sein Lust-, sein Schmerz- etc. hat. Welche Antwort können wir jetzt auf die wissenschaftskulturelle, methodologische Grundfrage, wie mit dem psychotherapeutischen Gegenstand am vernünftigsten zu verfahren sei, entwickeln, nachdem wir den wissenschaftstheoretischen Positionierungsdiskurs der Psychoanalyse kennen? Kann Psychotherapie mithilfe der Neurowissenschaften dieses «subjektive Erleben», das «Psychische» tatsächlich auf naturwissenschaftliche Weise erfassen und beforschen oder lässt sich hier nur auf geisteswissenschaftliche Art bzw. textwissenschaftlich2 vorgehen?

Sehen wir uns doch an, wie wir im Alltag, im täglichen Zusammenleben, in unserer soziokulturellen Lebenswelt mit dem Phänomen «subjektives Erleben» umgehen. Zwar gilt auch dort, dass Tamara und Martin genauso wenig mein Angsterleben haben können, wie ich deren Lust- und Schmerzerleben etc. haben kann vice versa. Allerdings können Tamara und Martin mein subjektives Erleben «verstehen» und ich deren – vorausgesetzt natürlich, wir drücken unsere seelischen Befindlichkeiten in irgendeiner Form aus, teilen sie auf irgendeine Art und Weise mit. Insbesondere durch die begriffssprachliche Artikulation können wir uns mit Psychischem, mit unserem eigenen sowie mit dem subjektiven Erleben unserer Mitmenschen in Beziehung setzen, können mit ihm dergestalt umgehen, dass es für uns begreiflich und nachvollziehbar wird (ebd.).

Psychologische Hermeneutik: Erleben – Ausdruck – Text – Verstehen

Im Zusammenhang mit der nachvollziehenden Erfassung von Äusserungen, die sich auf seelische Befindlichkeiten beziehen, spricht Wilhelm Dilthey (1982) von der «Trias: Erleben – Ausdruck – Verstehen». Der grosse Historiker und Philosoph, der als der erkenntnistheoretische Begründer der modernen Geisteswissenschaften gilt, konzipiert jenes dreigliedrige Strukturschema des hermeneutischen Forschens im Rahmen seiner «verstehenden Psychologie», wonach sich subjektives «Erleben», so es «verstanden» werden will, zunächst im «Ausdruck» objektivieren muss. Dilthey zufolge könne sich «Verstehen» immer nur auf die Formen und Gestalten des «Ausdrucks» beziehen, in denen sich das «Erleben» artikuliert, jedoch niemals auf das «Erleben» selbst in seiner Unmittelbarkeit (Greiner 2021b).

Dieser letzte Satz ist von elementarer Wichtigkeit und er führt uns jetzt noch einmal zurück zu Tamara, Martin und mir und damit zu unserer Ausgangsprämisse. War im Zuge dieser Demonstration doch deutlich geworden, dass Psychisches, rein phänomenal betrachtet, ausschliesslich subjektiv, d. h. nur aus der Ersten-Person-Perspektive (Teilnehmer*innen-Perspektive) erlebbar ist. Um auf Psychisches Bezug nehmen zu können, müssen wir es zuerst einmal begriffssprachlich zum Gegenstand machen. Nur dann können wir uns mit Psychischem in Beziehung setzen bzw. mit ihm umgehen. Damit gewinnen wir Psychisches auch als wissenschaftliches Objekt. Denn als Objekt, auf das wir uns wissenschaftlich-forschend, d. h. methodisch-systematisch beziehen können, ist Psychisches stets Text. Was sich mit Dilthey als «Formen und Gestalten des Ausdrucks» bezeichnen lässt, das nennen wir schlicht Text und meinen damit sämtliche mehr oder weniger komplex strukturierten Sinngebilde, Mitteilungsfiguren, Objektivationen aller Art, die in verbaler, aber auch nonverbaler Form, d. h. mimisch, gestisch, ikonisch etc. in Erscheinung treten können. In diesem Sinne kann sich psychologisches Verstehen zwar nicht direkt auf das subjektive Erleben richten, dafür aber auf den Ausdrucks-Text, in dem sich ebendieses zur Sprache bringt.

Ausdrucks-Text – Auffassungs-Kontext – Verstehbarkeit

Im Zusammenhang mit dem basalen Operationsprinzip, das dem Ausdrucks-Text-Verstehen dabei zugrunde liegt, spricht Hans-Georg Gadamer (1960) von «Horizontverschmelzung» und prägt damit einen zentralen Begriff der philosophischen Hermeneutik des 20. Jahrhunderts. Gemäss dieser Lesart der Hermeneutik als Kontextualisierungspraxis funktioniert Sinnverstehen – vereinfacht gesagt – nach folgendem Schema: Etwas mit Etwas in Zusammenhang bringen, um Etwas als Etwas verstehbar zu machen. Schrittweise versuchen wir nun dieses allgemeine hermeneutische Operationsprinzip auf Diltheys «verstehend-psychologisches» Erkenntnisinteresse anzuwenden: Ausdrucks-Text (Etwas1) in einen bestimmten Auffassungs-Kontext (Etwas2) einfügen, einordnen, integrieren (in Zusammenhang bringen), um den Ausdrucks-Text (Etwas1) als Spezifikum im Sinne des herangezogenen Auffassungs-Kontexts (Etwas*/2) verstehbar zu machen.

Was es mit dem Begriff des Ausdrucks-Texts auf sich hat, wurde bereits erläutert. Was aber ist mit dem Terminus bestimmter Auffassungs-Kontext gemeint? Darunter fallen all jene möglichen «Deutungshorizonte» (Gadamer), die wir heranziehen, um uns konkrete Ausdrucks-Texte, die es zu «verstehen» gilt, verständlich zu machen. Im alltäglichen Handlungszusammenhang erstreckt sich dieser «Deutungshorizont» auf unseren persönlichen, lebensgeschichtlich herausgebildeten Möglichkeitsrahmen des selbstverständlichen Verstehens, der aufgrund seiner selbstverständlichen Verfügbarkeit als solcher üblicherweise auch nicht auffällt (Jung 2002, 7). Wenn wir uns aber mit einem Ausdrucks-Text auf systematische Weise auseinandersetzen möchten, dann werden wir wohl einen wissenschaftlichen Auffassungs-Kontext wählen, also z. B. eine spezielle Theorie oder ein bestimmtes Konzept, die bzw. das wir methodisch zum Einsatz bringen, um nachvollziehbare sowie überprüfbare Verstehbarkeit zu erzielen.

Interessanterweise entdecken wir das hermeneutische Operationsprinzip, auf dem Diltheys «verstehende Psychologie» funktional basiert, auch in der Psychotherapie. Dass dieses allgemeine Strukturschema die Grundform des praktisch-therapeutischen Tuns kennzeichnet, ist keineswegs verwunderlich, konstatiert doch u. a. Bernd Rieken (2015, 153), dass sich jede Form von Psychotherapie – also jede Psychotherapiemethode, ganz unabhängig von deren fachspezifischen Ausprägung – «mit Texten [befasst], das heißt mit Lebensgeschichten bzw. Ausschnitten daraus – und Texte bedürfen der Interpretation.» Damit ist zweierlei gesagt, nämlich erstens, dass das psychotherapeutische Forschungsobjekt Text ist, und zweitens, dass die psychotherapeutische Forschungsmethode insofern auch eine interpretatorische, hermeneutische, textverstehende sein muss (Lang 2000; Luif et al. 2006).

Psychotherapeutische Hermeneutik: Leidenstext professionell lesbar und therapeutisch managebar machen

Versuchen wir jetzt diese Behauptung zu plausibilisieren, indem wir das Operationsprinzip der Hermeneutik auf das psychotherapeutische Praxisgeschehen umlegen: Zunächst einmal thematisiert der:die Klient:in in der Therapiesituation insbesondere solche Erfahrungsinhalte, die er:sie im Rahmen seiner:ihrer persönlichen Erlebens- und Erfahrungswelt als belastend, problematisch, schmerzlich erlebt. Den verbalen sowie nonverbalen Leidens-Ausdrucks-Text bzw. Leidenstext (Greiner 2021b), den der:die Klient:in dabei produziert, macht sich der:die Psychotherapeut:in dadurch professionell verständlich, dass er:sie ihn in den Auffassungs-Kontext jener spezifischen Methode, Modalität oder Schule der Psychotherapie («Deutungshorizont» bei Gadamer) integriert, in der er:sie als Psychotherapeut:in ausgebildet wurde bzw. die sein:ihr praktisches Wirken theoretisch-konzeptuell anleitet (Greiner 2023).

Methoden, Modalitäten oder Schulen der Psychotherapie – wir nennen sie fortan Therapiekulturen – gibt es viele verschiedene, wie z. B. tiefenpsychologische/psychodynamische, verhaltenstheoretische, humanistische, existenzielle, systemische oder transpersonale (Greiner 2021a), und es hängt immer von der besonderen Therapiekultur ab, wie ein Leidenstext professionell verstanden wird. Das charakteristische Spezifikum der psychotherapeutischen Hermeneutik – etwa in Kontrast zum kunst- und literaturwissenschaftlichen Textverstehen – besteht dabei im Umstand, dass die erzielte Verstehbarkeit niemals Selbstzweck, sondern stets Mittel zum Zweck der Heilbehandlung ist. Mit dem professionellen Verstehen des Leidenstexts bestimmt die Therapiekultur also gleichzeitig auch den konkreten Behandlungsablauf, das interaktive Therapiegeschehen, das sich zwischen Psychotherapeut:in und Klient:in entfaltet (Greiner 2012, 2016, 2017, 2020, 2021b).

Welche besonderen Strategien, Taktiken, Techniken und Interventionen dabei auch immer zur Anwendung kommen, welche spezifischen sowie allgemeinen «Wirkfaktoren» (Grawe et al. 1994) auch immer in diesen therapeutischen Praxisprozess mithineinwirken mögen – stets bleibt dieser auf das therapiekulturspezifische Leidenstext-Verständnis rückgebunden, da er von diesem theoretisch-konzeptuell getragen wird, was wiederum wissenschaftstheoretisch von essenzieller Bedeutung ist, weil nur dadurch die intersubjektive Nachvollziehbarkeit resp. Überprüfbarkeit des psychotherapeutisch-wissenschaftlichen Handelns sichergestellt werden kann. Die heute weit verbreitete Ansicht, dass sich der Status der Wissenschaftlichkeit einer Therapiekultur mithilfe der Outcome-Forschung über die Ermittlung der therapiekulturspezifischen Wirksamkeit bestimmen lasse (Orlinsky et al. 2004; Crits-Christoph et al. 2013), übersieht, dass über die Eruierung der Wirksamkeit eben nur eine Aussage über Wirksamkeit, nicht aber über Wissenschaftlichkeit gemacht werden kann (Greiner 2022). Fragen nach der technischen Funktionalität, der therapeutischen Leistungsfähigkeit und Zwecktauglichkeit (Wirksamkeit) einer Therapiekultur differieren klar von Fragen nach den Bedingungs- und Voraussetzungsstrukturen sowie nach der Kohärenz und Konsistenz der Argumentationslogik (Wissenschaftlichkeit) einer Therapiekultur (Greiner 2019). Für die Beurteilung des Wissenschaftsstatus einer Therapiekultur kann «Evidenzbasierung» (Kriz 2014; Slunecko & Benetka 2023, 270) jedenfalls nicht sinnvoll herangezogen werden.

Leidenstext – Therapiekultur – Verstehbarkeit – Handhabbarkeit

Pointieren wir nun das spezielle hermeneutische Operationsprinzip des Psychotherapierens folgendermassen: Verbalen sowie nonverbalen Leidenstext (Etwas1) in den Auffassungskontext einer spezifischen Therapiekultur (Etwas2) dergestalt integrieren (in Zusammenhang bringen), dass dadurch der Leidenstext (Etwas1) als Spezifikum im Sinne der speziellen praxisleitenden Therapiekultur (Etwas*/2) lesbar und damit spezifisch behandelbar, d. h. managebar resp. handhabbar wird. Wenn wir diese allgemeine Formel jetzt noch exemplarisch im Rahmen der drei zufällig gewählten Psychotherapiemodalitäten Psychoanalyse (a), Verhaltenstherapie (b) und Systemische Psychotherapie (c) applizieren, dann erhalten wir diesbzgl. folgende Konkretisierungen:

a) Verbalen sowie nonverbalen Leidenstext (Etwas1) in den Auffassungskontext der Psychoanalyse (Etwas2) dergestalt integrieren (in Zusammenhang bringen), dass dadurch der Leidenstext (Etwas1) als Spezifikum im Sinne der Psychoanalyse (Etwas*/2) lesbar und damit psychoanalysespezifisch behandelbar, d. h. managebar resp. handhabbar wird.

b) Verbalen sowie nonverbalen Leidenstext (Etwas1) in den Auffassungskontext der Verhaltenstherapie (Etwas2) dergestalt integrieren (in Zusammenhang bringen), dass dadurch der Leidenstext (Etwas1) als Spezifikum im Sinne der Verhaltenstherapie (Etwas*/2) lesbar und damit verhaltenstherapiespezifisch behandelbar, d. h. managebar resp. handhabbar wird.

c) Verbalen sowie nonverbalen Leidenstext (Etwas1) in den Auffassungskontext der Systemischen Psychotherapie (Etwas2) dergestalt integrieren (in Zusammenhang bringen), dass dadurch der Leidenstext (Etwas1) als Spezifikum im Sinne der Systemischen Psychotherapie (Etwas*/2) lesbar und damit systemisch-psychotherapiespezifisch behandelbar, d. h. managebar resp. handhabbar wird.

Psychotherapie als Textmedizin: Schulung und Training der persönlichen Leidenstext-Kompetenz

Ziel jeglichen therapeutischen Bemühens – ob auf somatischem oder auf psychischem Gebiet – ist es, Gesundung, Genesung, Heilung zu erwirken. In diesem Sinne sollten psychotherapeutische Behandlungen zur Heilung im Bereich des Psychischen, Mentalen, Seelischen führen. Wie aber kann Heilung im Psychischen de facto gelingen? Unter textwissenschaftstheoretischem Vorzeichen lässt sich jedenfalls behaupten, dass ein Heilungsprozess stattfindet, sobald sich Leidenstext sukzessive in Wohlgefühlstext umwandelt und damit letztlich auflöst. Freilich klingt das nach dem Optimalfall, der – wenn überhaupt jemals – vielleicht nur selten eintritt.

Was Psychotherapie – aus textwissenschaftstheoretischer Perspektive beurteilt – aber auf jeden Fall leisten kann, das ist, Klient:innen bei deren Selbstbefähigung im gesundungsfördernden Umgang mit dem je eigenen Leidenstext zu unterstützen, d. h. Hilfestellungen bei der Entfaltung individuell passender Umgangsweisen mit persönlichem Leidenstext zu bieten – um, wenn schon nicht vollständige Leidenstext-Auflösung, so doch wenigstens förderliche Leidenstext-Auflockerung zu erzielen. So gesehen besteht die textwissenschaftliche Funktion der Psychotherapie darin, spezielle Angebote zum Training der Leidenstext-Kompetenz zu machen, besondere Schulungen des Leidenstext-Selbstmanagements zu offerieren, geht es doch im Kern um die textwissenschaftlich basierte Einübung in die konstruktive Managebarkeit, in die heilsame Handhabung des eigenen Leidenstexts.

Das textmedizinische Funktionsparadigma als Diskussionsangebot

Vor der Folie dieser resümierenden Überlegungen avanciert das spezielle hermeneutische Operationsprinzip des Psychotherapierens zu einem modalitätenübergreifenden textwissenschaftlichen Funktionsparadigma der Psychotherapie: Verbalen sowie nonverbalen Leidenstext in den Auffassungskontext einer spezifischen Therapiekultur dergestalt integrieren, dass dadurch der Leidenstext als Spezifikum im Sinne der speziellen praxisleitenden Therapiekultur lesbar und damit spezifisch behandelbar, d. h. managebar resp. handhabbar wird.

Dieser Versuch über ein allgemeines Funktionsparadigma, das die zentrale Aufgabe der Psychotherapie im Kompetenztraining am Leidenstext erblickt und sie dementsprechend als auf Text gerichtete Heilkunst, als Textmedizin begreifbar macht, ist als Diskussionsangebot gedacht. Stellt dieser Versuch doch eine mögliche Alternative zum weit verbreiteten naturwissenschaftlich geprägten Selbstverständnis von Psychotherapie dar, das insofern problematisch ist, als genuine psychotherapeutische Aktivitäten nicht nach der naturwissenschaftlichen Operationslogik funktionieren. Die Psychotherapie kann sich dieser nomothetischen Logik nicht unterordnen, da ihr Gegenstand «subjektives Erleben» kein Naturobjekt, sondern ein textmediales Phänomen ist, für dessen Erkundung resp. Behandlung ganz andere methodische Prinzipien erforderlich sind, wie wir demonstrieren konnten.

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Psychotherapy as Text Medicine

An Attempt at a General Functional Paradigm

Abstract: In the context of the present experiment in philosophy of psychotherapy, psychotherapeutic practice is interpreted across modalities as a healing art related to text. This attempt at a general functional paradigm, which is intended as an offer for discussion, is based on the premise that the psychotherapeutic subject is «subjective experience», which is articulated in both verbal and non-verbal «text», which in turn needs to be understood. Before doing so, however, it is necessary to outline the philosophical discourse context, which for over 100 years has revolved around the contentious question of what kind of research psychotherapy represents: science or humanities? After all, the text hermeneutical reading of psychotherapy can only be coherently understood against this background, as it is embedded in this discussion.

Keywords: science, humanities, textual research, text medicine, functional paradigm, psychotherapy, hermeneutics, subjective experience, text of suffering, suffering text competence, suffering text self-management

Psicoterapia come medicina testuale

Un tentativo di paradigma funzionale generale

Riassunto: Nell’ambito del presente esperimento di teoria della scienza psicoterapica, la pratica psicoterapeutica viene interpretata, in tutte le sue modalità, come arte medica testuale. Questo tentativo di paradigma funzionale generale, pensato come proposta di discussione, si basa sulla premessa che l’oggetto psicoterapeutico è «esperienza soggettiva», che si articola in un «testo» verbale e non verbale, che a sua volta vuole essere compreso. Prima, però, è necessario delineare il contesto del discorso filosofico, che da oltre 100 anni ruota intorno alla controversa questione di quale tipo di scienza rappresenti la psicoterapia: scienza naturale o scienza umana? L’interpretazione scientifico-testuale della psicoterapia può essere compresa in modo definitivo solo in questo contesto, essendo inserita in questa discussione.

Parole chiave: scienza naturale, scienza umana, scienza testuale, medicina testuale, paradigma funzionale, psicoterapia, ermeneutica, esperienza soggettiva, testo sulla sofferenza, competenza relativa al testo sulla sofferenza, autogestione del testo sulla sofferenza

Biografische Notiz

Kurt Greiner ist Professor für Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien. Seit 2007 lehrt und forscht er auf den Gebieten der Psychotherapiewissenschaftstheorie und der Experimentellen Psychotherapiewissenschaft (Psychotextologie).

Kontakt

Univ.-Prof. DDr. Kurt Greiner
Sigmund Freud PrivatUniversität Wien
Galerie-Office 4003, Campus Prater Freudplatz 1,
A-1020 Wien
kurt.greiner@sfu.ac.at

1 Erst kürzlich hat Jandl (& Greiner 2023) das «logopoietische Modell» der Psychoanalyseforschung im Rahmen eines komparativen Dialogs mit Wampolds (2015) «kontextuellem Modell» der Psychotherapieforschung konfrontiert.

2 In der gut 100-jährigen psychotherapiewissenschaftstheoretischen Disputgeschichte lautet die traditionelle Gegenüberstellung «Naturwissenschaften» vs. «Geisteswissenschaften». Aus dem folgenden gegenstandsspezifischen Grund wird der antiquierte Begriff «Geisteswissenschaften» hier durch den adäquateren Terminus «Textwissenschaften» ersetzt: «Geist» ist ein problematischer Begriff, der v. a. in der Kombination mit dem Wort «Wissenschaft» immer wieder zu groben Missverständnissen und Irritationen führt. Obwohl es der Terminus «Geisteswissenschaften» nämlich suggeriert, ist deren Gegenstand gerade nicht der «Geist» per se (was auch immer das sein soll oder sein mag). Vielmehr untersuchen und beforschen «Geisteswissenschaften» die «Objektivationen des Geistes» (Dilthey 1981; Hartmann 1962; Betti 1962), d. h. kulturelle Sinngebilde aller Art – also im weitesten Sinne «Text».